Joachim Losehand

Blog von Joachim Losehand

27.02.2009 | 02:13

Modernitätsdefizitdefizit

Zum Kommentar "Ausbruch aus der Vormoderne" von Rudolf Walther

Die Fans des FC St. Pauli leiden im Kern an Modernitätsdefiziten: sie haben den Namensverkauf ihres Millerntor-Stadions verhindert, wollen nichts „was Geld bringt“ auf der elektronischen Anzeigetafel lesen und sind auch sonst „weiteren Formen von Werbung und Marketing“ gegenüber alles andere als aufgeschlossen. Eigentlich aber sollten man sich, wie es Sven Brux im Internet-Forum des Vereins formulierte, doch langsam mit „etlichen Gesetzmäßigkeiten des Marktes arrangieren“. Wir halten jetzt nicht eine überdimensionierte Lupe über die Landkarte und fragen rhetorisch: „Ganz Deutschland?“ („Nein, nicht ganz. Ein kleiner unbeugsamer Verein ...“)

Auch der FC St. Petri, Verzeihung: auch die römisch-katholische Kirche leidet im Kern an Modernitätsdefiziten. Das fängt schon damit an, daß 1870 die Zahl der Apostel nicht auf 11 begrenzt, sondern an der 12er-Zahl festgehalten wurde, obwohl sich durch den Tod eines Apostels in der Gründungsphase der Kirche die Idealzahl schon ergeben hatte; daran aber leiden alle christlichen Gemeinschaften gemeinsam.

Im Unterschied zum FC St. Pauli ist die römisch-katholische Kirche nicht cool. Sie ist ein Ärgernis, nicht nur ein Kiesel im Schuh der Moderne, sondern – und das gilt besonders für den Papst – ein Fels des Anstoßes. Sie will einfach nicht in die Moderne aufbrechen, so sehr es das Kirchenvolk auch immer wieder zu begehren scheint.

Die Gläubigen, ja die wagen den „Ausbruch aus der Vormoderne“, der Katholizismus als Ganzes, nein, der leidet an Modernitätsdefiziten. In der Wahrnehmung der Medien und damit auch eines Großteils der Nicht-Katholiken und vieler Katholiken sind Katholizismus, katholische Kirche die Synonyme für „Vatikan“ und „Papst“. Während seines Pontifikats hat Johannes Paul II. mit freundlicher Unterstützung der Medien den Ultramontanismus des 19. Jahrhunderts in neuem Gewand etabliert und zementiert: „die katholische Kirche“ ist gleichbedeutend, ja: identisch mit dem Papst und der römischen Kurie. Daran ändern auch nicht Initiativen mit dem programmatischen Namen „Wir sind Kirche“ nichts. Kirche – das sind die eifrig und ängstlich nach Rom schielenden Ortsbischöfe (die fast alle unter dem letzten oder diesem Papst ihr Amt antraten), das ist „Rom“. Katholische Theologie findet nicht an den Fakultäten der Hochschulen in der ganzen Welt statt, sondern in der Kurie. Zu dieser von der „römischen Zentrale“ erwünschten Perspektive („ubi Petrus ibi ecclesia“, wie Ambrosius schrieb), nachdem sie sich über Jahrhunderte mit unbotmäßigen, eigenständigen und aufrührerischen, Rom bisweilen schlichtweg ignorierenden Ortskirchen herumschlagen mußte, leisten die Medien ihren bescheidenen Beitrag.

Dabei kommt es – bad news are good news – offensichtlich immer wieder nicht auf fundierte und detailtreue Kenntnis der jeweiligen Materie an, jeder Aufreger ist für einen Aufmacher gut. Trotz öffentlich zugänglicher Informationen wird von Rudolf Walther weiterhin zwischen der Aufhebung der Exkommunikation und der Privatmeinung eines der vier Bischöfe nicht unterschieden. Und „zurückgeholt“ hat Papst Benedikt sie keineswegs: dieses ohnmächtige Häuflein, Darsteller einer pseudo-historischen Kostümklamotte aus einer anderen, virtuellen Welt der 1950er und 1960er Jahre, deren „schlecht gelüftete“ Sektiererei nicht einmal durch ewigen Inzens besten Weihrauchs erträglich wird. Er hat ihnen gezeigt, daß die Tür offensteht, getreu dem alten christlichen Grundsatz „porta patet, magis cor“. Die Schwelle überschreiten, zu den Bedingungen der Kirche, müssen sie schon selbst. „Katholisch“ heißt – trotz gegenteiliger Meinung mancher Vertreter der Medien und der Kurie – auch „umfassend“ in dem Sinne, daß sie letztlich die Vielfalt in Einheit in sich trägt und erträgt.

Es wurde vielfach erstaunt notiert, daß der Papst die Exkommunikation ohne Bedingungen zurückgenommen hat, mit Blick auf die Bruderschaft die zwischen 1962 und 1965 gültige Form des („Pianischen“) Ritus am 7.7.2007 wieder als „forma antiqua“ allgemein zugelassen hat (und nein, das war keine Reform des gültigen Ritus von 1965).

Sind diese Gesten die Defizite einer vormodernen Kirche? Die Piusbruderschaft mag, euphemistisch gesagt,  unbequem und rückwärtsgewandt sein, aber auch Hans Küng ist „unbequem“ – und auch ihm gegenüber hat Benedikt XVI. eine Geste der Versöhnung gezeigt.

Was so irritierend an Johannes Paul II. und nun auch an seinem Nachfolger ist: sie lassen sich nicht irritieren. Was sie für ihre Kernkompetenz halten, nämlich „Mitarbeiter für die Wahrheit“ (im Singular!) zu sein, ist für andere ihr Kerndefizit. Während manche die Moderne längst hinter sich gelassen haben und schon in der Postpostmoderne leben, ist die offzielle römisch-katholische Kirche scheinbar noch nicht einmal in dieser Moderne angekommen. Unbequem und eigensinnig beharren sie darauf, daß die Wirklichkeit mehr ist als dasjenige, womit man (im übertragenen und wörtlichen Sinne) werfen kann, daß Glaube und Wissen einander sich nicht ausschließen, sondern einander ergänzen und erklären. Daß Glaube nach Einsicht verlangt, daß die Vernunft (ratio) keine „Zumutung“ für den Glauben ist.

In weiterem Sinne leidet die katholische Kirche nicht an einem „Modernitätsdefizit“, sondern an den Defiziten der Moderne, die Tradition um ihrer selbst Willen negiert und so das Band des Menschen mit seiner Vergangenheit zerreißt. Wie sich das Individuum in sich selbst zurückzieht, verharren auch die Anhänger und Mitglieder der Piusbruderschaft in der Schockstarre einer uchronischen Vergangenheit, weil sie die Utopien der Moderne mit der Zukunft verwechseln.

Christentum ist der antizipierte Gegenentwurf zur Moderne, nicht Bruch mit der Vergangenheit, sondern Kontinuität der Überlieferung im Bewußtsein der eigenen Wurzeln und Geschichte. Was die einen für ein „Modernitätsdefizit“ halten, ist für die anderen lediglich ein Defizit an Defiziten der Modernität.

Wir sehen uns beim nächsten Heimspiel am Millerntor.

Quelle: http://www.fcstpauli.com/forum2/viewtopic.php?t=324364
 
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