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„Open Access ist nachweislich nicht das Geschäftsmodell, mit dem sich Publikationskosten reduzieren lassen. In einigen Fällen ist sogar das Gegenteil der Fall …“ behauptet Michael Roesler-Graichen am 23.07.2009 in einem Gespräch des Börsenblattes mit Gabriele Berger (SUB Hamburg; DBV)[1]. Uwe Jochum hat mehrfach versucht, diesen Nachweis zu erbringen,[2] mußte sich aber wegen seiner eklektischen Auswahl der Quellen und methodischer Unsauberkeiten harsche Kritik gefallen lassen.[3]
Open Access ist primär natürlich kein Geschäftsmodell, sondern ein Publikationsmodell. Zu einer „unternehmerische Initiative“ mit der man Geschäfte machen kann, wird Open Access erst in den Händen der Geschäftemacher, der kommerziellen Werkvermittler, d.h. der Verlage – wogegen prinzipiell auch nichts einzuwenden ist. Sobald aber davon die Rede ist, daß „fehlgeleitete Open Access-Modelle unternehmerische Initiativen ersetzen und verdrängen“ verhindert werden sollen,[4] wird es problematisch: Wenn Geschäftsmodelle von Werkvermittlern durch politische Intervention vor wissenschaftlichen Initiativen geschützt werden sollen, stehen neben dem marktwirtschaftlich orientierten Konkurrenzparadigma (die Marktteilnehmer konkurrieren miteinander, und sorgen dadurch für einen entsprechenden Ausgleich der Interessen) auch die verfassungsmäßig geschützte Wissenschafts- und Publikationsfreiheit zur Disposition. Das aber nur nebenbei.
Mit diesem Beitrag möchte ich – in entsprechender Nachdrücklichkeit – folgende wissenschaftliche These in den Raum und zur Diskussion stellen: Open Access senkt die Produktionskosten.
Was verleitet mich zu dieser Annahme? In der Diskussion um die Kosten des Publikationsmodells „Open Access“ werden in der Hauptsache die Kosten, die bei der Veröffentlichung eines vorhandenen Manuskripts anfallen, gegeneinander abgewogen. Was kosten Redaktion und Lektorat, Bildbearbeitung und –einrichtung, Satz, Publikationsumgebung, der Internet-Auftritt und seine Pflege, das technische Equipment, die Serverwartung und Aktualisierung, Sicherheit etc.? Die Publikations-Gebühren für einen einzelnen Beitrag in einem Open-Access-Journal, wie er den Autoren in Rechnung gestellt wird (author-paid-modell), liegen etwa zwischen 0€ und rund 2'000 €.[5] Es wird richtigerweise darauf hingewiesen, daß author-paid-Modell vor allem in den naturwiss.-techn. Fächern üblich sind, während sich Zeitschriften in den Geisteswissenschaften vornehmlich durch die Abonnementsgebühren finanzieren, also der einzelne Autor für seinen Artikel keine Publikations-Gebühr zahlen muß. (Anders jedoch bei Sammelbänden und Monographien, deren Erscheinen zumeist durch Druckkostenzuschüsse ermöglicht wird.) Würden nun geisteswissenschaftliche Periodika auf Open Access umstellen, hätte das, so die Warnung, zur Folge, daß nun auch dort author-paid-Modelle unweigerlich eingeführt würden, was die Publikationskosten von bislang 0€ für die einzelnen Autoren empfindlich in die Höhe schnellen ließe. Allerdings finanzieren die Autoren und Wissenschaftseinrichtungen diverse Zeitschriften schon lange dadurch, daß sie ihre Arbeitszeit und Freizeit den Verlagen kostenlos zur Verfügung stellen. Herausgeber- und Gutachtertätigkeiten sind regelmäßig Ehrenämter, die nicht vergütet werden; Autoren richten ihre Manuskripte nach den formalen Vorlagen der Verlage selbst druckfertig ein und übernehmen redaktionelle Arbeiten bei Sammelbänden. Soweit so gut – diese Erstellungs- bzw. Publikationskosten fallen auch bei Open-Access-Modellen an, hier wird sich kein entscheidendes Sparpotential auftun.
Jedoch ist die eigentliche Publikation, sind die Schritte, die zur Veröffentlichung eines Textes führen, nicht der hauptsächliche Kostenfaktor wissenschaftlichen Arbeitens, im Grunde sind diese Kosten vernachlässigbar. Und zwar vernachlässigbar angesichts der Kosten, die zur Erstellung des wissenschaftlichen Textes, zur Gewinnung der Forschungsergebnisse führten. Die Produktion von Forschungsergebnissen und deren notwendiger Verschriftlichung ist mit Produktionskosten verbunden, welche in der Debatte um die Kosten von Open Access zu kurz kommen.
Meine These lautet: Open Access reduziert deutlich und nachhaltig die Kosten, die aufgewendet werden müssen, um wissenschaftliche Fachliteratur zu bibliographieren, einzusehen und zu verarbeiten, d. h. Open Access senkt die Produktionskosten wissenschaftlicher Forschungsergebnisse.
Wieviel Zeit verbringt ein (geisteswissenschaftlicher) Forscher oder Student damit, Aufsätze, Monographien und Sammelbände zu recherchieren und zu beschaffen? Welcher Zeitaufwand muß betrieben werden, um den „Medienbruch“ zwischen gedruckter Sekundärliteratur und elektronisch erstelltem Manuskript zu überbrücken? Welche Fahrt-, Wartezeiten und Wegezeiten (und damit Kosten!) fallen an durch Fernleihe, ortsgebundene Leseplätze (1 elektron. Expl. pro 1 gedrucktes Expl.), ggf. das Einscannen von Literatur, die unterschiedlichen Such- und Publikationsportale von öffentlichen Bibliotheken und „unternehmerischen Initiativen“, bei denen immer wieder aufs neue recherchiert werden und man sich mit unterschiedlichen Lizenzbedingungen auseinandersetzen muß?
Angesichts der Forderung nach einer umfassenden Berücksichtigung der Forschungsgeschichte und der aktuellen internationalen Forschungsliteratur, die bei größeren Arbeiten Bibliographien mit mehren hundert oder mehreren tausend Titeln zur Folge hat, ist die für einen Einzeltitel vielleicht nur geringe Zeitersparnis in toto kaum zu überschätzen.
Die mühsamen und wissenschaftsfeindlichen Lizenzverhandlungen und –vereinbarungen, die Restriktionen durch unterschiedliche DRM-Systeme seitens der Rechteverwerter behindern – wie das Beispiel des subito-Dokumentenlieferdienstes deutlich macht[6] - wissenschaftliches Forschen, das auf dem Stand der Technik arbeiten möchte.
Zeit ist auch für den wissenschaftlichen Nachwuchs von eminenter Bedeutung: die Straffung der Studiengänge, die verkürzten Ausbildungszeiten und die verminderten Bearbeitungszeiten für Qualifikationsschriften und Hausarbeiten lassen Studenten immer häufiger auf schwierig oder durch eine Fernleihe mit Wartezeit verbundene Literatur verzichten. Studenten – und ihre Lehrer – nutzen stattdessen inzwischen immer häufiger Google Books, anstelle den Bücherwagen des Bibliotheksverbundes in Anspruch zu nehmen – Zeitschriftenaufsätze werden von Studenten, sofern nicht online verfügbar, kaum mehr berücksichtigt. Die Barrieren, die sich da ihnen auftun, sind sie – die natural born netizens – einfach nicht mehr gewöhnt. Das mag man bedauern, Bedauern an sich ist jedoch kaum hilfreich.
Es wird immer wieder daran erinnert, wie wichtig Wissenschaft, Innovation und Kreativität in diesem an natürlichen Ressourcen so armen Land sind. Das derzeitige, in der Hauptsache verwerterorientierte Urheberrecht fördert jedoch die Verknappung intellektueller Ressourcen und richtet immer mehr Barrieren auf, die diese Verknappung für Forschung und Lehre, Schule und Ausbildung weiter zementieren. Genauso so, wie die Erschließung von Rohstoffen Kosten verursacht, die Produktion von Energie auch Energie verbraucht, verursacht die Erschließung von intellektuellen Ressourcen (in wissenschaftlichen Texten niedergelegt) ebenfalls Kosten: sowohl Geld als auch Arbeitsaufwand – Zeit.
Die Investition in Open Access ist eine Investition in die Erschließung intellektueller Ressourcen. Die Kosten dieser Erschließung werden durch Open Access für den einzelnen Nutzer unter Berücksichtigung seiner aufzuwendenden Transaktionskosten deutlich und nachhaltig gesenkt, Barrieren werden abgebaut.
Neben der Forderung nach einer deutlich verstärkt nutzerorientierten Ausrichtung des deutschen Urheberrechts ist die Förderung von Open-Access-Publikationsmodellen (gleich, ob aus wissenschaftlicher oder unternehmerischer Initiative heraus) ein nachhaltiger Beitrag zur Sicherung des Wissenschaftsstandorts Deutschland und für eine zeitgemäße und qualitative Ausbildung des Nachwuchses für Forschung, Bildung und Industrie.
Open Access senkt die Produktionskosten und steigert die Produktivität: Hier valides und empirisch gesichertes Material zu erarbeiten und in die öffentliche Diskussion einzubringen, ist unzweifelhaft ein Desiderat der Forschung. In unser aller Interesse.
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Korrigierte Anmerkungen:
[1] www.boersenblatt.net/331157/ [2] www.textkritik.de/digitalia/kosten_dvjs.pdf www.literaturkritik.de/public/mails/rezbriefe.php?rid=12963 und Uwe Jochum: Was Open Access kostet, in: FAZ, 17.6.9, S. N5. [3] medinfo.netbib.de/archives/2009/06/19/3331/comment-page-1 archiv.twoday.net/stories/5646283 www.freitag.de/community/blogs/joachim-losehand/dichtung-und-wahrheit [4] www.boersenblatt.net/326041/ [5] Details siehe www.freitag.de/community/blogs/joachim-losehand/dichtung-und-wahrheit [6] bibliothekarisch.de/blog/2007/05/13/artikelversand-demnaechst-mit-brieftauben/ bibliothekarisch.de/blog/2007/06/05/subito-urteil-revision-dringend-erforderlich/ bibliothekarisch.de/blog/2009/07/07/panzerung-oder-mueckennetz-die-drm-gretchenfrage-von-eugen-ulmer/comment-page-1/#comment-489 Sorry. 20'000 Zeichen sind nicht genug. |
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Eine entsprechende Studie für UK, Niederlande und Dänemark gibt es schon:
infobib.de/blog/2009/07/27/joachim-losehand-open-access-senkt-die-produktionskosten/ Danke an Christian Hauschke für den Hinweis. JL |
Ausgabe 06/12
09.02.2012
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