Joachim Losehand

Blog von Joachim Losehand

04.03.2009 | 19:43

Pädophile und Kinderfreunde

Das Familienunternehmen Diehl engagiert sich. So hat 2007 die „Karl-Diehl-Stiftung für Menschen in Not" Menschen in Nürnberg und Umgebung ohne Ansehen von Konfession und Nationalität aus akuten Notlagen geholfen – in über 500 Fällen. Das gemeinschaftliche Engagement von Diehl mit dem Albert-Schweitzer-Familienwerk in zwei heilpädagogischen Einrichtungen in Rückersdorf hilft Kindern aus Problemfamilien und ermöglicht ihnen in einer familiengerechten Umgebung eine unbeschwerte Kinder- und Jugendzeit.*)

Das Familienunternehmen Diehl engagiert sich. So hat 1997 die GIWS, die Gesellschaft für Intelligente Wirksysteme mbH., eine Tochtergesellschaft von Diehl und Rheinmetall von der damaligen Bundesregierung den Produktionsauftrag für eine Suchzünder-Munition für die Artillerie (Kaliber 155mm) bekommen. SMArt(R) 155 ist in Serienproduktion, „die Beschaffung [...] ohne Risiko“.

Wir wollen uns nicht darüber verwundern, daß ein Unternehmen, welches einerseits Produkte in seiner Palette führt, die im allgemeinen unter dem Begriff „Waffen“ resp. „Munition“ subsumiert werden, sich Menschen in Not und besonders Kindern in Not annimmt. Corporate Social Responsibility, also Unternehmerische Sozialverantwortung gehört heute zum Standardrepertoire der Public Relations, und sollte das fränkische Familienunternehmen sich der christlichen Soziallehre verpflichtet fühlen, läßt sich theologisch zweifelsfrei anhand von Mt 6, 3 argumentieren.

Was uns vielmehr – und viel mehr – interessiert, ist das allgemein seit etwa 20 Jahren besonders umsichgreifende Phänomen der gelenkten Begriffs- und Sprachnormierung. Aus „Studenten“ werden „Studierende“, aus „Lehrern“ werden „Lehrende“, der „Lehrling“ ist „eine Auszubildende“, Einwanderer oder Auswanderin sind „Menschen mit Migrationshintergund“ (von dem eher abfälligen Begriff der „Person“ ganz abgesehen; vgl. W. Alexis, „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“: „Sie Person, Sie!“). Homosexuelle sind fortan „gleichgeschlechtlich Liebende“ und – nicht, weil Liebe blind machen soll: Blinde nennen wir neuerdings „visuell Herausgeforderte“. Im Kühlregal finden wir „maxifrische“ Milch, eine Kombination aus H-Milch und Vollmilch, die an den alten Latein-Schüler-Witz „situs vilate in isset avernit" erinnert – sieht aus wie Milch, ist es aber nicht.

Sprache formt unser Denken, so wie wir reden – begrifflich und strukturell – denken wir auch, oder lernen, so zu denken. Ein Argument für den Latein-Unterricht, der durch die Analyse komplexer syntaktischer Strukturen beispielsweise auf die Thomas-Lektüre – Thomas Mann und Thomas Bernhard – vorbereitet. Ein Argument für die feministische Linguistik, die, scheinbar wissenschaftlich unterfüttert durch ihre nach wie vor unbewiesene These von der Ableitung des grammatikalischen vom natürlichen Geschlecht in den Sprachen, der allgemeinen Gleichberechtigung der Geschlechter politisch korrekten Beistand leistet.

Ziel der political-correctness-Bewegung ist, nach Wikipedia, „die Entwicklung sprachlicher Sensibilität, damit einhergehend eine erhöhte soziale Kompetenz und Aufmerksamkeit sowohl gegenüber sprachlichen Stereotypen wie auch gegenüber den benachteiligten gesellschaftlichen Gruppen selbst.“ Der Wille, durch Sprachnormierung und –vorgaben ein Gesellschaftsbild und schließlich eine Gesellschaft zu verändern, hat sein berühmtestes literarisches Denkmal und Vorbild im Roman „1984“ von George Orwell erhalten. (Nun ist „Neusprech“ eine künstlich vereinfachte Sprache, während politisch korrekte Sprache weder für ZuhörerInnen, Leser-/innen, Texte Vorlesende oder Autorinnen und Autoren besonders einfach zu sein scheint. Verloren gehen aber bei der allgemeinen Präsenspartizipierung die Feinheiten, so betont das 1. Partizip den Handlungsakt, nicht einen Zustand bzw. Status.)

Lingua mutatur et nos mutamur in illa. Die Sprache wird verändert und wir verändern uns mit ihr. Wer entlassen worden ist, der ist kein „Arbeitsloser“, sondern ein „Arbeitssuchender (m/w)“, Pädophile nennen sich Kinderfreunde, Ankündigungen von Bilanzverlusten sind Gewinnwarnungen, das Produkt SMArt(R) 155 ist eine Punktzielmunition.

Quellen:
http://www.diehl.de/ *) s. v. „Über den Tag hinaus“ [Absatz aus Textstücken kompiliert.]
http://www.giws.de/texte/deutsch/deutsch.htm
 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
verqueert schrieb am 05.03.2009 um 09:00
Das Sprache Mittel ist, die eigene Sicht der Dinge zu repräsentieren, geschenkt, das ist banal und durch jahrzehnte der Werbung ausreichend dokumentiert. Worum es dem Autor (vermutlich männlich) aber geht ist eher subtil versteckt, es geht um eine Kritik an feministischer Sprachkritik. das Sprache männlich patriarchal geprägt ist und sie selbstverständlich auch dazu dient Machthierarchien zu festigen dürfte nicht erst seit "Deutsch als Männersprache" von Pusch, wohlgemerkt aus dem jahre 84 bekannt sein. So sind 99 Ärztinnen und ein Arzt = 100 Ärzte. Das die vorhandenen Versuche die patriarchale Struktur der Sprache deutlich zu machen, seien es Binnen-I, Schrägstriche oder den Versuch Worte geschlechtsneutral auszudrücken stören, weil sie den Sprachfluss ändern ist Absicht, das Sprache sich verändert und zu neuen Wortschöpfungen führen wird ist abzusehen, insofern, feministische Sprachkritik als Weg nicht als Lösung begreifen.

PS: Die einfachste lösung, wäre es natürlich die feminine Form als Standard zu nehmen und Abweichungen davon zu formulieren, komisch nur, dass dann überwiegend Männer aufschreien, aber andersrum war es ja schon immer so.
mathegudrun schrieb am 05.03.2009 um 09:43
Ich hatte beim Lesen das gleiche Gefühl, hätte es aber nicht so gut ausdrücken können!

Wie sehr - sogar über "einfache" sprachliche Unterordnung der Frauen hinaus - bestimmte Stereotype prägen zeigt meiner Meinung nach die folgende Frage
(hier zitiert nach http://alaskagirl.de/wordpress/geschult/):

Ein Vater und ein Sohn fahren gemeinsam mit ihrem Auto und haben einen schrecklichen Unfall. Der Vater ist sofort tot. Der Sohn wird in einem Krankenhaus sofort zum Operationssaal gebracht. Der Arzt untersucht den Jungen und meint, dass man für die Operation eine Koryphäe benötige.

Die Koryphäe kommt, schaut den jungen Mann auf dem Operationstisch an und meint: “Ich kann ihn nicht operieren, er ist mein Sohn.”

Wie ist das möglich?

Wer die Antwort in weniger als 5 min weiß, gehört einer klaren Minderheit an.
kukidenta schrieb am 05.03.2009 um 10:52
Die Frau als Geist der Sprache.

Ich habe keine Probleme mit den meisten im Beitrag aufgeführten Beispiele. Ob Lehrer oder Lehrende etc. Darüber kann man sich herrlich streiten und ich kann auch die Kritik an der Sprache und deren Begriffsnorminierung nachvollziehen.
Bestes Beispiel ist hierfür sicherlich das Beispiel Pädophile-Kinderfreunde. Das hat nichts mit Normierung zu tun, sondern ist schlicht und einfach ein Unding.
Joachim Losehand schrieb am 05.03.2009 um 15:59
Man soll sich ja nicht selbst kommentieren - sonst wird's selbstreferentiell und irgendwann autistisch. Trotzdem: mein Beitrag handelt lediglich auch (!) von der Umsetzung feministischer Sprachkritik im Rahmen der "political-correctness"-Bewegung; die feministische Linguistik und deren praktische Umsetzung ist nur ein Beispiel unter mehreren dafür, wie Sprache und Begriffe aus ideologischen Gründen aktiv verändert werden.

Dem Autor (wo beim Namen und Bild des Autors Platz für Mutmaßungen über sein Geschlecht ist, muß offen bleiben) ging es allerdings noch um Kritik an etwas anderem aus aktuellem Anlaß, etwas, das offensichtlich wesentlich subtiler versteckt wurde.

Nebenbei: Würde mich jemand "eine Koryphäe" (auf welchem Gebiet auch immer) nennen, hätte ich nichts dagegen. Aus grammatikalischen Gründen wäre es jedenfalls zwingend, inhaltlich jedoch zweifelhaft.
verqueert schrieb am 06.03.2009 um 11:00
Dir ist schon klar, das der begriff der political correctness aus der rechten Ecke kommt, mit dem Versuch emanzipatorische Bewegungen zu denunzieren?

Natürlich ist Sinn einer feministischen Sprachkritik, die Sprache zu verändern, ihre genderwirksamkeit zu hinterfragen, das hat weniger mit ideologie zu tun, als mit der Erkenntnis, das Sprache Herrschaftsinstrument ist.

PS: Sorry, dass ich mir nicht anmasse, anderen Menschen ein Geschlecht zu verordnen. Mehr dazu in meinem Blog, oder bei Judiths Butler "Unbehangen der Geschlechter" oder als Einführung Jagose "Queer theory". Aber langsam wird es off topic, oder auch nicht.
Joachim Losehand schrieb am 06.03.2009 um 12:13
Daß die konservativen (und meinetwegen auch „rechten“) Gruppen den Begriff der „political correctness“ ironisch verwenden und sich damit über den inhärenten Druck eines (v. a. sprachlich artikulierten) Gesinnungskonformismus bestimmter „linker“ Gruppen lustig machen, ist wohl natürlich. Mir selbst ist der Begriff zum ersten mal in der „linken“ Umgebung begegnet, und da keineswegs ironisch (Lit. vgl. http://www.linse.uni-due.de/linse/esel/pdf/pol_correct.pdf).

Das Ideologische an der feministischen Sprachkritik wird deutlich am Umgang mit der Grundthese „Genus = Sexus“. Es wurde oft bemerkt, daß fem. Linguistik die These von der „patriarchalen Prägung der Sprache zur Stützung patriarchaler Machtstrukturen“ eben mit dieser Annahme („Genus = Sexus“) in einem Zirkelschluß stützt. Zudem wird mit (sprach.)wissenschaftlicher Kritik an den Grundthesen der fem. Linguistik nicht ergebnisoffen umgegangen und zudem oftmals mit einem Argument ad hominem immunisiert („vermutlich männlich“): Ablehnung der fem. Sprachkritik wird mit Ablehnung der Gleichberechtigung von Mann und Frau identifiziert, die fem. Linguistik ist aus dem Feminismus und dessen Thesen entstanden und wird vom Feminismus wiederum herangezogen zur Begründung dieser Thesen. Von Wissenschaft im strengen Sinne kann da kaum die Rede sein.

Grammatik „verordnet“ uns kein Geschlecht (Sexus). Das Genus eines Plural („die Koryphäen“) richtet sich prinzipiell nach dem Genus des Singulars („die Koryphäe“). So ist im Deutschen „Gipfel“ masc., das griech. Wort dafür – koryphé – hingegen fem. Das abgeleitete Fremdwort „Koryphäe“ hat sein griech. Genus behalten, entsprechend sind die Sätze „Peter Peterson ist die Koryphäre in aztekischer Reitkunst“ und „Marta Martensen ist die Koryphäe in Morphematik des Morsens“ beide grammatikalisch richtig.
dimmi84 schrieb am 15.03.2009 um 18:20
zu Pädophile und Kinderfreunde
Hochgestochen trifft es keinen Pferdejungen.
Zur Sache - oder lieber in medias res? -
Vor etwa +50 Jahren bei Diehl in Nonnweiler (ehemalige Herdfabrik Goma).
Als ich erfuhr, was dort produziert wird, habe ich meine Lieferungen
eingestellt und den Kunden gestrichen. Dörmel, sagte ein Freund zu mir,
jetzt macht das Geschäft ein anderer.
Joachim Losehand
Althistoriker und Toleranzforscher in Oldenburg in Oldenburg
Ort:
Oldenburg
Mitglied seit:
3 Jahre 13 Wochen
Zuletzt aktiv:
17.05.2010
Status:
Publizist
Aktivität:
Beiträge: 34
Kommentare: 268
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
15:41
Fro hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:31
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:30
delloc hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:28
anne mohnen hat gerade einen Kommentar geschrieben.
15:26
Sisyphos Boucher hat gerade einen Kommentar geschrieben.
Jürgen Roth Gazprom – das unheimliche Imperium Westend Verlag 2012

316 Seiten. Gebunden.

19,99
 
Das Imperium Gazprom verfügt über eine eigene Armee und einen mächtigen Geheimdienst. An verantwortlichen Positionen arbeiten ehemalige KGB-Agenten, sein privater Besitz ist absolut geschützt, die Verantwortlichen sind unantastbar. Mit Hilfe williger deutscher und europäischer Industrieller versucht es, den Energiemarkt zu monopolisieren und die Verbraucher abzuzocken. Jürgen Roth enthüllt, wer hinter den Kulissen die Fäden zieht >> mehr
Arte-Kooperation

portlet_ArabienArte.png

portlet-gaertnerbuch.png

wir müssen reden

Augstein und Blome

portlet_Phoenix-12.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Der gefährlichste Mann Europas?

Ausgabe 21/2012
24.05.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_Gaertner.jpg

Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG