Joachim Losehand

Blog von Joachim Losehand

22.02.2009 | 15:23

Rankwerk

In den Auen der deutschen Hochschullandschaft stehen zur Zeiten nicht die Stilblüte (flos rhetoricus) und nicht das bittere Schaumkraut (cardamine amara) in besonderer Pracht, gleichwohl beide im feuchten Boden der Seminare und Institute „in Zeiten wie diesen“ dankbar gedeihen. Wird doch seit nunmehr zehn Jahren die gesteuerte Entwicklung unserer Universitäten mit dem Namen jener Stadt verbunden, in der 1088 – zweiundzwanzig Jahre nach der Eroberung Englands durch die Normannen und dreizehn Jahre nach dem dictatus papae und sieben Jahre vor dem Aufruf zum ersten Kreuzzug – mit der Gründung einer Rechtsschule (studio) im Keim die erste Universität das Licht der Welt erblickte: Bologna. Wenigstens dem Namen nach befinden wir uns also wieder weit vor der Aufklärung. Wenigstens. Denn allenthalben wächst auch die Skepsis (eine Un-Kraut-Art), ob Reformen und neue Studiengänge geeignet sind, die Studenten aus ihrer Unmündigkeit herauszuführen, also aus jenem Zustand, der „nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen“, wie Immanuel Kant die Frage „Was ist Aufklärung?“ beantwortete. „Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ [Diogenes mit Laterne ab.]

Ebensowenig neu – und ebensowenig originell – ist ein Pflänzchen, das zum Beispiel im Glas- bzw. Gewächshaus der „Service- und Informationseinrichtung für Universitätslehrer und den wissenschaftlichen Nachwuchs“* (vulgo: der Deutsche Hochschulverband) gehegt und gepflegt wird. Vier Arten der Gattung „DHV-Ranke“ werden von den Züchtern der interessierten Öffentlichkeit in festlichem Rahmen einer „Wissenschaftsgala“ am 30. März 2009 präsentiert: die „Hochschullehrer-*“ und die „Nachwuchswissenschaftler*-Ranke“, die „Minister*-Ranke“ sowie die „Rektors*- bzw. Präsidenten*-Ranke“ (* Es gilt das Adam-und-Eva-Prinzip der Grammatik). Da Preise wie Dachziegel sind, deren Fallwirkung für die Getroffenen nur die Dotationen auffangen oder lindern, auch wenn im Fall der ausgelobten Auszeichnungen sich kaum ein weißer Sportwagen lukrieren lassen wird – und darf, halten sich Mitfreud’ und Mitleid die Waage.

„Hochschullehrer-*“ und „Nachwuchswissenschaftler*-Ranke“ sind als unechte Ranken zu klassifizieren – ein zweiter bis, sagen wir, zweihundertster Platz wird nicht vergeben –, so ist die Kür auch (wieso eigentlich: „auch“?) vor allem eine politische Entscheidung. Die Geehrten erfüllen, wie offen zugegeben wird, eine erwünschte Vorbildfunktion.

„Hochschullehrer des Jahres 2008“ ist eine Frau, nein, viel mehr: eine Mutter und eine dreifache noch dazu. Nicht ihre Leistungen als Wissenschaftlerin und Hochschullehrerin werden in der DHV-Pressemitteilung vom 27.11.2008 herausgestrichen oder wenigstens erwähnt; die Preisträgerin erbringt – sicher nicht lediglich – den Beweis dafür, daß „wissenschaftliche Karriere und Elternschaft [...] sich nicht ausschließen“ müssen, daß für Frauen berufliche und körperliche Fruchtbarkeit möglich ist. Schließlich soll ja kein Potential und kein Talent ungenutzt bleiben, um den volkswirtschaftlichen Ertrag aus dem Rohstoff „Mensch“ zu maximieren. Johan Schloemann („Viel Elite, wenig Geist“, SZ vom 09.02.09) muß ich an dieser Stelle widersprechen: da ist er, der moderne Geist – und davon nicht wenig. Ob die Bremer Maschinenbauingenieurin sich so vereinnahmen und sich vom DHV auf ihre – salva venia – Gebär- und Karrierefreudigkeit einengen lassen will oder nicht: mit dem Titel sind ein Geldtropfen von 5'000 € verbunden, den auch Thomas Bernhard nicht verschmäht hätte.

Mit dem von academics.de vergebenen Titel „Nachwuchswissenschaftler 2008“ wird nun ein Mann bzw. ein Projekt beehrt, bei dem – Zufall oder Absicht – nicht Familienstand, Fertilität oder Geschlecht (erstere sind keines Wortes wert), sondern Leistung in den Vordergrund gestellt werden: die Gründung des weltweit ersten open access-Journals im Bereich der Schlaganfallforschung (Journal of Experimental Stroke & Translational Medicine; JESTM). Open access, die Möglichkeit einer zeitnahen, kostengünstigen und allgemein verfügbaren Veröffentlichung wissenschaftlicher Ergebnisse im Internet erfüllt in hohem Maße die Anforderungen wissenschaftlichen Publizierens. Während viele traditionelle Fachperiodika ein- bis viermal jährlich zu, der kleinen Abnehmerschar wegen: hohen Preisen erscheinen sowie Tagungsbeiträge oft erst Jahre nach den Veranstaltungen gedruckt vorliegen und verbreitet werden, überwindet open access die drängendsten Hindernisse wissenschaftlicher Arbeit: Zeit und Geld. Die Summe von 2'000 € dürfen wir also getrost als indirekten Beitrag des DHV für die Zukunft wissenschaftlichen Arbeitens werten.

Der Ton der Mitteilungen zur Prämierung der „Minister*-Ranke“ und der „Rektors*-/Präsidenten*-Ranke“ spricht die Sport- und TV-Affinen unter uns an. In „Forschung & Lehre“ (2/2009) lesen wir: „Olbertz holt sich Krone von Wanka zurück [...] Jürgens-Pieper nun Schlußlicht [...,] Wanka [...] mußte sich [...] knapp geschlagen geben [...,] den dritten Platz behauptet [...] Rippel“. [Aus dem Off – Herbert Zimmermann: „Tor! Tor! Toor!“] Wir freuen uns: die beliebte Vorabendserie „DHV sucht den Superminister“ ging mit einer neuen Staffel an den Start. Und getreu dem Prinzip „Mehr desselben!“, das für die TV-Programmgestaltung geradezu erfunden scheint, lancierte der DHV für 2009 ein neues Format: „Germany’s next top rector“. „Wer wird Rektor/Präsident des Jahres?“ fragt der DHV seine Mitglieder. Wir sind natürlich gespannt, was sie geantwortet haben. Und wer die „Wissenschaftsgala“ am 30. März live aus Düsseldorf übertragen wird: Pro7 oder RTL.

In der deutschen Bildungspolitik wird allzuoft medial und publikumswirksam inszenierte Vermessung der (Hochschul-)Welt mit deren Gestaltung verwechselt. Es wird erhoben, aber nicht behoben. Es beschleicht einen die Ahnung, daß die steigende Zahl der einzelnen rankings und preisbewehrten Initiativen nachhaltige Maßnahmen ersetzen sollen oder: sie gar für jene Verbesserungen gehalten werden, der die deutsche Forschung und Lehre so dringend bedürfen. Dabei sind sie nicht mehr als nur ornamentales Beiwerk, nicht mehr als nur Kosmetik.

Quelle DHV: http://www.hochschulverband.de/cms1/index.php?id=presse
 
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Kommentare
Marian schrieb am 27.02.2009 um 09:20
Ich ziehe meinen Hut vor diesem schön formulierten und inhaltlich starken Beitrag. Wer in den letzten Jahren miterleben durfte, was alles an der Universität geschieht und was die meisten Dozenten davon halten, der weiß, dass "der freie Geist" schon ziemlich strebsam sein muss, um hier wirklich fernab der vorgegebenen Pfade zu gedeihen.

MfG
Marian
Joachim Losehand
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anne mohnen hat gerade einen Kommentar geschrieben.
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