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Wem sind wir eigentlich gegenüber verantwortlich für unser Tun und Lassen? Gott? Der Gesellschaft? Oder nur uns selbst?
Warum fallen wir nicht mit dem Austernmesser in der geballten Faust über den Mann am Nebentisch her, weil er seine Marennes-Olérons mit Ketchup ißt? Warum lächeln wir stattdessen verbindlich, tupfen uns mit der Damastserviette den Mund ab, bevor wir einen Schluck 2006er Pouilly Fumé trinken? Und währenddessen imaginieren wir, wie wir dem feisten, schwitzenden Abschaum schräg gegenüber die kurze scharfe Klinge in seine schweißperlige Stirn rammen.
Warum tun wir nicht einfach, was wir wollen? Warum tun wir nicht einfach, was wir – wir! wir! wir! – für richtig halten? Warum lassen sich Raucher unter klimaschädliche Heizpilze treiben, lassen sie sich der Kälte, dem Regen aussetzen, nur weil manche Mitmenschen meinen, es sei ein besonders erstrebenswertes Gut, gesund zu sterben? Warum pfeifen wir alle nicht auf diese wohlmeinenden Zeitgenossen, auf blinde Fußgänger, schlurfende Alte, nölende Kinder, auf die Schilder mit der Aufschrift „Jeder Diebstahl wird zur Anzeige gebracht“? Weil wir soziale Wesen sind? Gemeinschaftsfähig und gesellschaftsbildend? Weil wir Verantwortung übernehmen? Für wen? Für andere? Für die Minderleister? Für die Langweiler und Luschen? Die Opas aus der Prostagutt-Werbung? Die Weibchen, die Otto gut finden? Geh’, bitte!
Grob geschätzt: 100% aller Menschen tun nicht, was sie spontan wollen. Wir vernachlässigen nicht unsere Haustiere, unsere Kinder oder unsere alten Eltern, von denen eh’ nichts mehr zu holen ist. Wir gehen jeden Tag zur Arbeit. Wir vögeln aber nicht mit den Praktikantinnen auf der Toilette, sondern achten die Gleichberechtigung von Frau und Mann. Wir spucken in der Kantine nicht in die Champignoncremesuppe, sondern wir lassen den Chef vor. Und wir wechseln auch wenigstens wöchentlich unsere Unterwäsche. Eigentlich.
Nachts aber, da sind wir die 13jährige Jaqueline aus Königs-Wusterhausen und chatten mit dem 14jährigen Kevin aus Friedrichshain. Ob wir Bock haben, sich mal auf eine Cola zu treffen? Nachts aber, da brüllen wir in GROSSBUCHSTABEN „Geh’ sterben!“ in newsgroups, lassen mal richtig die Sau raus und bieten der Weiten Welt: „Jetzt live! Wer ist auch geil???“ Nachts aber, da saugen wir uns über einen Torrent-Tracker wie The Pirate Bay den neuesten Blockbuster auf die Festplatte und versenden Handy-Pics von unseren Brüsten, Hängebäuchen und Stummelschwänzchen in Partnerbörsen.
Denn nachts sind wir alle unsichtbar. Nachts sind wir wir selbst, eine anonyme Nummer, ein Niemand. Niemand baggert Minderjährige an, Niemand belästigt und verunglimpft andere, Niemand will spontanten Sex auf dem Autobahnrastplatz, Niemand lädt sich bei The Pirate Bay illegal Spielfilme, Pornos, Musikdateien oder Autopsiebilder von getöteten Kindern herunter. Und auch Niemand bietet sie zum Tausch an.
Das Internet ist deshalb eine der größten gesellschaftlichen und kulturellen Revolutionen, weil es uns die Möglichkeit gibt, wir selbst zu sein. Weil wir das – durchaus trügerische – Gefühl haben, unbeobachtet zu sein. Es ist eine virtuelle, aber gleichzeitig auch eine in die Realität übergreifende Welt, in der wir uns frei und ohne gesellschaftliche und moralische Zwänge von außen bewegen können. Im Internet sind wir alle auf uns selbst geworfen, mit uns selbst und unseren eigenen Maßstäben konfrontiert.
The Pirate Bay ist der leere Raum, der nicht schon vorgibt, was richtig oder falsch ist. In dem es keine Regeln gibt, die außerhalb von uns selbst existieren. Nichts ist unmöglich, alles ist erlaubt. The Pirate Bay schützt nicht, wenn ich selbst nicht schütze, The Pirate Bay regelt nicht, was ich selbst nicht geregelt kriege. The Pirate Bay ist nicht nur ein rechtsfreier Raum, es ist ein moralfreier Raum. Ein Raum, den wir mit unserem Verhalten, unserem Tun und Lassen zu einem moralischen oder unmoralischen Raum machen. Ein Raum voller Spiegel, in denen wir nur uns selber sehen. So, wie wir wirklich sind.
Ob wir das Fredrik Neij, Gottfrid Svartholm Warg, Peter Sunde Kolmisoppi und Carl Lundström anlasten können?
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Es war schon immer eine Frage des Charakters, ob man auch dann Benehmen hat, wenn niemand zusieht.
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schrieb am
22.04.2009 um 09:55
sehr schön. dem schliesse ich mich an. und: guter Beitrag, Joachim!
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gut geschrieben, interessant gedacht - aber irgendwas kommt mir dabei zu kurz gesprungen vor.
grübelgrübel... hm, vielleicht: 1. die strikte trennung der "wirklichen" von der "virtuellen" welt, die so von vielen internet-usern gar nicht (mehr) empfunden, gedacht, gemacht wird 2. die behauptung, es sei grundlegend neu - als möglichkeit und anthropologisch - einem exhibitionistischen geheimverhalten nachzugehen. ich denke, evolitionär neu ist daran nur der technische raum (internet) mit all seinen speziellen möglichkeiten, aber ähnliches spielte und spielt sich vermutlich in clubs (mit transen oder ohne), hinterzimmern, swinger-veranstaltungen, kriminellen vereinigungen, literarischen texten, telefongesprächen (mit sex oder ohne sex), videos/dvds (mit kinderpornos oder ohne), konferenzen, hotelzimmern, parlamenten xxx ab. 3. das vögeln mit praktikantinnen ist vermutlich immer noch sehr viel verbreiteter als das vögeln mit praktikanten 4. die individuelle hygiene ist undurchschaubar - auch off-net 5. die freiheit, die der text dem internet unterstellt, ist von werbung, gruppenzwang, wer-hat-den-längsten-krampf, geschäften, meinungsmache und all dem anderen menschlichen verhalten genauso behauptet und jedes mal neu zu BEHAUPTEN, zu erkämpfen, wie in real life. |
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Sie haben natürlich Recht: die Argumentationsbilder und Metaphern sind in etwa so subtil und ausgefeilt, wie Farbbeutel, die auf Leinwand geklatscht werden.
So strikt sehe ich die Trennung zwischen der Welt der Dinge und der Welt des Digitalen nicht, jedenfalls nicht so, wie sie vielleicht im Text herauslesbar ist. Manche Menschen finden auf in der realen Welt den Ausgang nicht mehr aus dem Netz und natürlich gibt es einen Port von der Realität ins Netz. |
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"Ein Raum voller Spiegel, in denen wir nur uns selber sehen. So, wie wir wirklich sind."
Transparenz und Authentizität sind die wesentlichen Eigenschaften für einen respektvollen und sozialenkompetenten Auftritt im "Internet". Dem Geschriebenen kann auch ich nur zustimmen. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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