Johann Wolfgang Goethes satirischer Zugang in die Glaubensfrage nach Gott
Gretchen fragt Ihren heimlichen Geliebten, Dr, Faust in dem gleichnamigen Drama erster Teil des "Faust" von Johann Wolfgang von Goethe unmittelbar, in Medias Res gehend, nur scheinbar harmlos und selbstverständlich, nach seinem Glauben an Gott.
MARGARETE:
"Nun sag, wie hast du's mit der Religion?
Du bist ein herzlich guter Mann,
Allein ich glaub, du hältst nicht viel davon, schon gar nichts von dem Glauben?"
Worauf Faust das Dilemma ahnend ausweichend anwortet.
FAUST:
Laß das, mein Kind! Was sollen diese Grillen. Du fühlst, ich bin dir gut;
Für meine Lieben ließ' ich Leib und Blut.
Will niemand sein Gefühl und seine Kirche, noch Glauben an Gott rauben.
MARGARETE:
Das ist nicht recht, man muß dran glauben.
FAUST:
Muß man?
MARGARETE:
Ach! wenn ich etwas auf dich konnte! Du ehrst nicht den Glauben, ehrst nicht die heil'gen
Sakramente.
FAUST:
Ich ehre sie.
MARGARETE:
Doch ohne Verlangen. Zur Messe, zur Beichte bist du lange nicht gegangen.
Glaubst du an Gott?
Faust fühlt sich in die Enge getrieben, windet, wendet sich, um sich vor einer direkten Anwort zu drücken und doch künden seine Worte zugleich von hohen Graden Innerer Weisheit, als hätte er seine Worte vom Altbundespräsidenten und langjährigen Kirchentagspräsidenten der EKD, Richard von Weizsäcker, vorauseilend entliehen, der sich solcher Art von Fragen:
"Herr von Weizsäcker!, glauben Sie an Gott?"
stets mit dem robusten Hinweis entzieht, solche Fragen seien nicht statthaft, die beanworte er grundsätzlich nicht.
Das musste selbst die Moderatorin, Sandra Maischberger in Vorbereitung einer Dokumentation für den 90zisgten Geburtstages Richard von Weizsäcker im Jahre 2010 über sich ergehen lassen.
FAUST:
Mein Liebchen, wer darf sagen: Ich glaub an Gott, ich glaube nicht an Gott?
Und ihre Antwort scheint nur Spott
Über den Frager zu sein.
MARGARETE:
So glaubst du nicht, weder an die Seele noch an Gott?
FAUST:
Mißhör mich nicht, du holdes Angesicht!
Wer darf ihn rufen, wer ihn Gott nennen?
Und wer bekennen:
"Ich glaub ihn!"?
Wer empfinden,
Und sich unterwinden
Zu sagen: "Ich glaub ihn nicht!"?
Der Allumfasser,
Der Allerhalter,
Faßt und erhält er nicht
Dich, mich, sich selbst?
Wölbt sich der Himmel nicht da droben?
Liegt die Erde nicht hier unten fest?
Und steigen freundlich blickend
Ewige Sterne nicht herauf?
Schau ich nicht Aug in Auge dir,
Und drängt nicht alles
Nach Haupt und Herzen dir,
Und webt in ewigem Geheimnis
Unsichtbar sichtbar neben dir?
Erfüll davon dein Herz, so groß es ist,
Und wenn du ganz in dem Gefühle selig bist,
Nenn es dann, wie du willst,
Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott!
Ich habe keinen Namen
Dafür! Gefühl ist alles;
Name ist Schall und Rauch,
Umnebelnd Himmelsglut.
MARGARETE:
Das ist alles recht schön und gut;
Ungefähr sagt das der Pfarrer auch,mit ein bißchen andern Worten
FAUST:
Es sagen's allerorten
Alle Herzen unter dem himmlischen Tage,
Jedes in seiner Sprache;
Die einen himmlisch, die anderen irdisch
Warum nicht ich in der meinen?
Jetzt kommt die Stelle, wo Gretchen den Hammer der Inquisition schwingt:
MARGARETE:
Wenn man's so hört, möcht's leidlich scheinen,
Steht aber doch immer schief darum;
Denn du hast kein Christentum.
Worauf Faust nur noch ratlos stammelt.
FAUST:
Liebs Kind!
Und schon ist Gretchen beim angeblich liederlichen Umgang
"Böse Buben haben keine Lieder!"
ihres Geliebten Faust mit einem gewissen Herrn , namens Mephisto, der für seinen Namen doch nun wirklich nichts kann.
Wieviel Herren Teufel kennen wir.
Mir fallen gleich zwei ein, Fritz Teufel, der Kommunarde aus der Kommune I in West- Berlin, der Spaßguerilla, Erwin Teufel der ehemalige CDU- Ministerpräsident von Baden- Württemberg.
MARGARETE:
Es tut mir lange schon weh, Daß ich dich in der mir so fernen Gesellschaft seh.
Faust fragt überrrumpelt, zerknirscht und verdattert.
FAUST:
Wieso?
MARGARETE:
Der Mensch, den du da bei dir hast, Ist mir in tiefer innrer Seele verhaßt;
Es hat mir in meinem Leben
So nichts einen Stich ins Herz gegeben
Als des Menschen widrig Gesicht.
Jetzt zappelt Faust an der inquisitorischen Angel von Gretchen.
FAUST:
Liebe Puppe, fürcht ihn nicht!
MARGARETE:
Seine Gegenwart bewegt mir das Blut.
Ich bin sonst allen Menschen gut;
Aber wie ich mich sehne, dich zu schauen,
Hab ich vor dem Menschen ein heimlich Grauen,
Und halt ihn für einen fränkischen Rappen Schelm dazu!
Gott verzeih mir's, wenn ich ihm unrecht tu!
FAUST:
Es muß auch solche freien Käuze geben.
MARGARETE:
Wollte nicht mit seinesgleichen leben!
Kommt er einmal zur Tür herein,
Sieht er immer so schweizerisch, frank & frei, spöttisch drein
Und halb ergrimmt;
Man sieht, daß er an nichts, gar am Schicksal anderer keinen Anteil nimmt;
Es steht ihm an der Stirn geschrieben,
Daß er nicht mag weder Gott noch eine Seele lieben.
Mir wird's so wohl in deinem Arm,
So frei, so hingegeben warm,
Selbst seine ferne Gegenwart schnürt mir das Innre zu.
Jetzt ist Faust Gretchen doch noch, voller Herzens Bangen, fiebrig auf deren inquisitorischen Leim gegangen.
FAUST:
Du ahnungsvoller Engel du!
Jetzt droht Gretchen gar, zu allem entschlossen, inquisitorisch, mit Liebes- und Leibesentzug.
MARGARETE:
Das übermannt mich so sehr,
Daß, wo er nur mag zu uns treten,
Mein ich sogar, ich liebte dich nicht mehr.
Auch, wenn er da ist, könnt ich nimmer für Gott noch die Rettung des Euro beten,
Und das frißt mir ins Herz hinein;
Dir, Heinrich, muß es auch so sein.
FAUST:
Du hast nun die Antipathie!
MARGARETE:
Ich muß nun fort. wenn nicht mich, so doch meine Seele retten.
Was lehrt uns das:
Goethe erhebt die Frau, in der Gestalt Margarethes, wenn auch satirisch konstruiert, seiner Zeit vorauseilend, hinan, sich in Glaubensfragen auf Augenhöhe an den Mann zu wenden, was im 18., 19. Jahrhundert in Europa nicht selbstverständlich war.
Gleichzeitig macht Goethe durch diesen dramaturgischen Eiingriff und Trick die "Glaubensfrage" an sich, mitten im Zeitalter der Aufklärung, scheinbar "herabgesetzt", zur Frauensache, d. h. zur Frage, fern von den eigentlichen kulturellen und gesellschaftlichen Hauptwiderprüchen.
Damit weder die Frauenfigur Margarethe mit ihren "inquistorischen Streben" in seinem Drama Faust, noch die "Glaubensfrage im halbherzigen Dialog mit der Aufklärung"
zusehr an Gewicht gewinnt, bricht Goethe den Beziehungsdialog der beiden ins eher unverbindlich Ironisch Satirische und hat so vermeintlich allen, vor allem den unterhaltsamen Gelüsten und höfischen Manieren des Theaterpublikums seiner Zeit, gedient.
JP
Kultur : Das Inquisitorische der Gretchenfrage
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