Joachim Petrick

Frag Lacher in den Bauch

17.01.2012 | 10:29

Karl-Heinz Stockhausens "Unvollendeter "Nine Eleven" Gesang"

Wie der Komponist Karl-Heinz Stockhausen, mitten in seinem kühnen Gedankengang, stockte und viel zu früh verstarb.

Peter Voss und Thea Dorn erinnern in einem Gespräch an den Komponisten Karl-Heinz Stockhausen.

Im gestrigen Gespräch im Sender 3sat zwischen Peter Voss und Thea Dorn fiel für mich, im Zusammenhang, was in der deutschen Seele "Zerrissenheit" bedeute,  überraschend und zugleich elektrisierend, der Name des verstorbenen Komponisten Karl-Heinz Stockhausen mit Hinweis auf dessen Äußerungen zu "NIne Eleven".

Eine Woche nach den verheerenden Anschlägen des 11. September gegen die Twin Tower des World Trade Centers (WTC) gab der Komponist Karl-Heinz Stockhausen ( 22. August 1928 in Mödrath, heute zu Kerpen; † 5. Dezember 2007 in Kürten-Kettenberg)  dem Norddeutschen Rundfunk ein Aufsehen erregendes Interview.

Darin erging sich Karl-Heinz Stockhausen furios, wie congenial  in kühnem Gedankenschwung  über den  Kunstcharakter des Anschlags von "Nine Eleven":

    Also – was da geschehen ist, ist natürlich – jetzt müssen Sie alle ihr Gehirn umstellen – das größtmögliche Kunstwerk was es je gegeben hat, dass also Geister in einem Akt etwas vollbringen, was wir in der Musik nie träumen könnten, dass Leute zehn Jahre üben wie verrückt, total fanatisch für ein Konzert und dann sterben.

    Das ist das größte Kunstwerk, was es überhaupt gibt für den ganzen Kosmos. Stellen sie sich das doch vor, was da passiert ist, das sind Leute, die sind so konzentriert auf das, auf die eine Aufführung und dann werden 5000 Leute in die Auferstehung gejagt in einem Moment. Das könnte ich nicht. Dagegen sind wir gar nichts als Komponisten [...]

Karl-Heinz Stockhausen erschien das Ereignis von "Nine Eleven" erdgeschichtlich, anthropologisch, historisch mehr als gleichrangig, wie der Meteoriten Einschlag in Mexico in grauer Vorzeit, die biblische Sintflut, der Untergang Sodom und Gomorrhas, das Ereignis des Brand von Roms in der Ära Kaiser Neros, der Pestilenzen im späten Mittelaler des Abendlandes nach der Entdeckung Amerikas, des Brand von London im Jahre 1666, des Erdbebens, samt Zerstörung von Lissabon durch einen Tsunami im Jahre 1755, des Untzergang des angeblich unsinkbaren Titanic im im Eismeer des jahres 1912, des mörderischen Stellungskrieges in den Jahren des Ersten Weltkrieges von 1914- 18 an der Westfront, die russische Oktoberrevolution von 1917, der Zerstörung von Guernica durch Sturzkampfbomber der völkerrechtswidrig operierenden deutschen Legion Condor im Spanischen Bürgerkrieg von 1936- 39, der Zerbombung von Coventry durch deutsche Bomber im Jahre 1940, der Zerstörung Hamburgs binnen einer verheerenden Bombennacht im Rahmen des britischen Kommando- Unternehmens "Ghomorrha" im Juli 1943, der Zerstörung Dresdens im Februar 1945,  die atomare Vernichtung der japanischen Städte Hiroshima, Nagasaki im August 1945, der Implosion der Ost- Westblöcke als Ergebnis des beendeten Kalten Krieges 1989/91.

Bei seinem schwärmerischen Furor, der all diese Ereignisse, sonders das Ereignis von "Nine Eleven" zum monumentalen Kunstprojekt stilisierte, stockte Karl-Heinz Stockhausen letzendlich doch vor dem, was ihm in seiner Profession als Komponisten von Weltrang vor den Füssen lag, nämlich musikalisch die Fäden all dieser erd- und menscheitsgeschichtlichen Ereignisse aufgreifend, einen global ergreifenden Gesang zu komponieren, anzustimmen, zu dirigieren, der dem Gedenken der Opfer von Zusammenhängen der letzten Jahrtausende, Jahrhunderte, Jahrzehnte  gewimet  bis über unsere Zeit hinaus gedenkt, denen dieses Schreckensereignis von "Nine Eleven" auf entsetzlich zerstörisch verstörende Weise todbringend dort im Ground Zero, traumatisierend allerorten, weltweit als Bild, Ton, Klang Gedächtnis erwuchs.

Anders als Karl-Heinz Stockhausen meinte, waren nicht nur die Täter mit ihrem vermeintlichen und wirklichen islamischen Hintergrund der Al Quaida Bewegung jene, die den Anschlag "Nine Eleven" planend, organisierend, vollstreckend hervorgebracht, sondern, systemisch betrachtet, waren wir alle es, waren es es die vielen politisch- wirtschaftlichen Unterlassungen der G- 8 Staaten, das Organisationsverschulden ganzer Regierungen, Länder, der UNO, die die Implosion der Ost- Westblöcke, das Ende des Kalten Krieges nicht auf einen friedenstiftend, atomar und konventionell abrüstenden  Begriff im zivilgesellschaftlich- ökonomisch fordernden und fördernden  Sinne zu bringen vermochten, sondern militärisch hochgerüstete Regionen, Kader, Soldateska, Privatarmeen, wie die Al Quaida, ungestört unter Waffen ließen, die zu jedem Rückfall in alte, wie nie zuvor erlebte Terrorkampagnen, gewaltgeneigt, bereit und fähig waren und geblieben sind.

Karl-Heinz Stockhausen hatte den Enthusiasmus, den Furor  eines Gedanken Komponisten mit kosmischen Gehör von Weltrang, der sein Material erkannte, doch stockend vor dem Antritt in seine wirkliche Profession als Komponist eines "Großen Gesanges" der Vielsprachlichkeit, eines Weltchoral des Gedenkens und der Trauer, letztendlich scheiternd, in Schaudern erschrocken zurückwich und viel zu früh verstarb.

Sind Karl-Heinz Stockhausen im entscheidenden Moment, angesichts von weltweit aufflammender  Empörung über seinen Vergleich von "Nine Eleven" mit einem angeblich gelungen, nie dagewesenen Kunstwerk, in die Reserve geraten, die eigentlichen Fäden der Ereignisse entglitten?

Steht Karl-Heinz Stockhausen als Komponist in besonderer Weise für die Zerrissenheit von kreativen Menschen, die Ereignisse sprachlich oder sonstwie zu ergründen suchen, die so nicht zu ergründen sind, außer diese als Antrieb für die Schöpfung, Schaffung eines eigenen, nie dagewesenen, Kunstwerk zu nehmen?

Steckt in Karl-Heinz Stockhausens unvergleichlichen  Gedankengangs deshalb gleichzeitig gefühlt das Eingeständnis eines gewaltigen Stück persönlichen Scheitern an den eigenen  hochgespannten Ansprüchen?
Ist Karl-Heinz Stockhausen doch immerhin nicht nur mit seiner Zwöfl- Ton Musik dem Klang Gedächtnsi unseres Planeten, tiefergehend wie nie zuvor, auf die Spur gekommen.

Die Freie und Hansestadt Hamburg hat doch tatsächlich, unter der Regentschaft des Regierenden Bürgermeisters Ole von Beust und des Innensenators Ronald Barnabas Schill Senats, Karl-Heinz Stockhausen als Dirigenten für eine große Konzert Veranstaltung zur Grundsteinlegung der Elbphilarmonie im Jahre 2002 erst engagiert geladen, dann wieder demonstrativ wg. seiner inkriminierten Äußerungen zu "Nine Eleven", kleinmütig ausgeladen.

 
JP

.
siehe:

de.wikipedia.org/wiki/Karlheinz_Stockhausen#Bemerkungen_zum_11._September_2001

Bemerkungen zum 11. September 2001

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 17.01.2012 um 13:21
"...das größtmögliche Kunstwerk was es je gegeben hat,..."

Das verstehe ich nicht. :I
abghoul schrieb am 17.01.2012 um 13:39
Ich fürchte schon das ich das verstehe, por.
Aber schmecken tut es mir nicht, und kann gut sein, dem Stockhausen eigentlich auch nicht.
Unter "künstlich" ist ja erst einmal etwas durch menschlichen Einfluss geschaffenes zu benennen.
Ein wunderschöner Eiskristall oder so etwas ist ja "natürlich".
Sag mir mal ein anderes, von Menschen geplantes, Ereignis, das den ganzen Planeten erreicht und auch so nachhaltig verändert hat.
Und auch noch in einer so unglaublichen Geschwindigkeit, dem Schall (Gesang) nicht unähnlich.
Sicher war dieser "Gesang" nicht schön, aber das ist ja auch nicht Stockhausen's Spezialgebiet gewesen.
Also die Sachen die ich kenne sind eher zum "Schreiend weglaufen", das aber mit mathemathischen und sonstwelchen Sachen die man davon lernen könnte.
Joachim Petrick schrieb am 17.01.2012 um 14:04
@abghoul

"...Und auch noch in einer so unglaublichen Geschwindigkeit, dem Schall (Gesang) nicht unähnlich."

Ja dieser entsetzlich atonal "komponierte" dokumentierte Schall als Gesang 9/11 ist einmalig in der Geschichte, dass es mich erstarrt schaudernd läßt, als ob mir die Beine weggepustet, ich nicht einmal in stummen Schreien wegzulaufen vermag.
Joachim Petrick schrieb am 17.01.2012 um 14:04
@por

""...das größtmögliche Kunstwerk was es je gegeben hat,..."

Das fällt mir auch schwer zu verstehen, da ich vom Gefühl her ahne, Stockhausen ist hier vor der Herausforderung, das eigentlich größtmögliche Kunstwerk, was es je gegeben hat, nämlich alle entsetzlich erhabenen Klangfarben Fäden der Jahrtausende aufgreifend, den Gesang einer Komposition zu schaffen, mit Schrecken zurück in einen unhaltbaren überhöhten Vergleich mit den Tätern abgeglitten. der die Gesamtzusammenhänge dieses verbrecherischen Ereignis "Nine Eleven", in größtmöglich monumentaler Denkweise, ignorierend, ausblendet.
Joachim Petrick schrieb am 17.01.2012 um 15:39
@abghoul

"Ich fürchte schon das ich das verstehe, por.
Aber schmecken tut es mir nicht, und kann gut sein, dem Stockhausen eigentlich auch nicht."

Ich habe auch den Eindruck, so schwärmerisch Stockhausen sich auch im ersten Eindruck des entsetzlichen Moments "Nine Eleven" gibt, letztendlich ist das gleichzeitg sein uneingestandnes Eingeständnis mit seiner Profession als Komponist an bestimmte Klangmuster des Klang Gedächtisses unseres Planeten allein dirigierend nicht heran zu kommen.
Vielleicht liegt darin auch die Wurzel, warum Stockhausen die "Einzeltäterschaft" der Terrorosten so überbetont und dabei vernachlässigt, dass die, ohne ihre zahlos direkten und indirekten Opfer weltweit nicht einmal Schall und Rauch sind.
Magda schrieb am 17.01.2012 um 20:17
Gelesen und an den "Quo vadis" Film gedacht, wo Nero da immer singt vor Rom der brennenden Stadt. Oder war das ein anderer Film aus der Zeit?
Joachim Petrick schrieb am 17.01.2012 um 20:38
@Magda

"Gelesen und an den "Quo vadis" Film gedacht, wo Nero da immer singt vor Rom der brennenden Stadt. Oder war das ein anderer Film aus der Zeit?"

Den erinnere ich auch, mit dem jungen Peter Ustinov als bizarr skurril, Laute (Ukulele) spielend, singenden "Infant" Kaiser Nero
Joachim Petrick
Hamburger, begeistert vom Theater Stadtgefluester, 66-71 in Westberlin gelebt, 1982-89 Beliner Maueröffner, Sympathisant"Tanzender Lachoffensive", bin fuer spontane Humortests im Oeffentlichen Nahverkehr.
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