Martin Walsers gewagter Canossa- Gang im Wege seines auferstanden "katholischen Abteneuers" zu Papst Benedikt XVI bei seinem Besuch in Deutschland im September 2011
"Sophokles hat seine Antigone erst mit 84Jahren geschrieben, was heiß da alt?, kein Mensch ist dauernd, schon gar nicht den ganzen Tag alt, jung auch wenn er, 22 Jahre jung, oder, wie ich, 84 jahre alt ist.
Meine Texte sprechen als Text so neu, frisch und munter wie meine Texte als ich ganz jung war, oder auch nicht.
Was soll da das ständige Fragen nach dem Alter, wenn es um alte Menschen geht?.
Wollen junge Menschen ständig auf ihre Jugend angesprochen werden?
Mitnichten, sie wollen sich die Option erobern, sich in jedes Alter zu dichten".
So in etwa läßt sich Martin Walser in der "Titel Thesen Temperamente" (ttt) Sendung vom Sonntag, dem 17. Juli 2011 gegenüber Peter Mohr unmissverständlich vernehmen.
Was bedeuten Fragen Fakten, Zahlen, demoskopischer Datensalat, wenn es in dem neuen Roman von Martin Walser "Muttersohn",
wenn es um Lebensinstinkt geht, um ein Dasein, dass seiner Mitte in der Gegenwart gewiss, seinen Rand nicht zu halten braucht, wenn es um so steile Thesen geht, wie die Einheit von Religion und Literatur, einer Brückenprosa, die die Leser/innen verführt, sich einmal auf die Metapher der
"unbefleckten Empfängnis",
der Zeugung eines Menschensohn Jesus, wie Jedermanns ohne Mann, ohne Menschenvater einzulassen?
Dabei unterläuft Martin Walser, historisch betrachet, ein Sakrileg, indem seine Romafigur
"Percy"
aus der Not der Christenheit als glaubensfern Unreine eines ausgewilderten Judentums, die mehrheitlich alles Gotteskinder waren, denen, de jure, de facto, kein Vater unter der Judenheit aus dem Stamme des Volkes Israel zugeordnet werden konnte, denn sie alle kamen als sündige Liebes- Frucht, als heillose Brut durch Gewalt gezeugt, von Jüdinnen mit römischen Besatzern auf die Welt, eine Tugend macht.
Damit diese armen Menschenkinder nicht allzu sehr gefühlt vaterlos auf Erden seien, erfand Jesus, selber ein Kind aus unbestimmter Vaterschaft, als Kümmerer allerhöchsten Graden & Gnaden zuerst die
"Jungfrauengeburt",
die
"unbefleckte Empfängnis" und danach mit seinen Jüngern folgerichtig den Menschensohn als
"Gottessohn",
als
"Gottestochter".
Martin Walser wirkt dabei geradezu unheilbar in den folgenden Satz seiner Romanfigur "Percy" vernarrt:
"Wir glauben mehr, als wir wissen!"
Das klingt wie:
"Wir glauben leiber, als das wir wissen!"
Das hat etwas vom Faszinosum folgenden Gedankensspiels in seiner Umkehrung:
"Was ich nicht weiss, macht mich nicht heiss",
indem der Satz nun in seiner Umkehrung bedeutet:
"Was ich nicht weiss, macht mich in meinen Glauben heiss!"
Wobei wir direkt auf eine andere steile These, auf die steile These des Matthias Matussek in seinem neuen Buch
"Das katholische Abenteuer"
verwiesen sind,
in dem Matthias Matussek den Lesern/innen sendungsbewußt in ein Universum des Glaubens einzuführen gedenkt, das in kalte und heisse Religionen zerfallen ist.
Martin Walser bleibt als Literat von seltenem Format auf der Schnittstelle von Religion und Literatur mit seinem neuen Roman
"Muttersohn" ,
ganz der Macht des Wortes, der Schriftkultur verschworen verbunden und vergattert, solchen missionarischen Eifer Anwandlungen Matthias Matusseks gegenüber gefeit, von solcher Art Schüben des Sendungsbewußtsein verschont.
Martin Walser erklärt
"ex cathedra literatrubel",
"cave lingua"
"Liebe"
zum Glaubensverhältnis eines jeden Lebens im
"So als ob",
in dem Reliquienverehrungen ganz persönlicher Art ihren Raum finden.
Liebe, ein Glaubensverhältnis, das den Menschen, umfangen von mutmaßlich guten Mächten, gar in der Not wie im Alltag geborgen, weiter trägt als alles andere in der Welt, geschweige denn die Gewissheit einer Lebensversicherungspolice im Safe, das Wissen über die Untiefen des allzu weltlichen Versicherungswesen.
Wo Martin Walser in der Literatur, bei seinen sprachlichen Ritten über den Bodensee, seinen Fussabdruck hinterläßt, wächst für Hässliches kein Gras mehr, geht es notwendig ab einem bestimmten Punkt stets um Schönheit als philosphischem Signal, als Impuls, u. a. die Cantaten Johann Sebastian Bachs zu Gehör genommen, als Botschafter des Reiches der Schönheit, der Harmonie der Klänge, Gesänge, Choräle auf der Schnittstelle sakraler und ernsthafter Musik mit Wohlgefallen zu empfangen.
Die Weihnachtsgeschichte gilt Martin Walser als sprachlich unerreicht gelungen konzertantes Epos, das vom Einfinden der Menschen, gleich woher sie kommen, wer diese Menschen im Einzelnen sind, wohin sie wandeln, dem Einklang in die Schönheit des Momentums eines Daseins aus seltenen und auf allen Erden mit der Weihnachtsgeschichte als Froher Botschaft im Herzen künden.
Es gibt Organ Religionen vieler Art auf Erden.
Trinker glauben an ihre Leber, Koks Raucher an ihre Nieren als unverwüstlich treue Lebensgbegleiter.
Das Christentum ist eine Herzallerliebstreligion,die an das Herz als Organ in der Brust eines jeden Menschen appelliert, sich dieses Organ lebenslang aktiv durch Glauben aphrodisierend jung zu erhalten.
So eine Weihnachtsgeschichte zu schreiben, fände Martin Walser im Interview mit Peter Mohr in der Sendung
"Titel, Thesen, Temperamentee" (ttt) (.s.u.) gar nicht schlecht.
Martin Walser mutet dabei, seltsam helle durchsichtig äderig wie die Wasserzeichen einer Geldnote deren Besitzer/in anlächelnd, an, als wolle er schon ab Morgen, was ich sehr bedauern würde, keine Bücher mehr schreiben, sondern, das Christentum als Frohe Botschaft unterfütternd, aus seiner edlen Feder nur noch Psalmen unter Bodensee Palmen väterlich fließend milde und weise strömen zu lassen.
Schon das Buchcover seines Romans
"Muttersohn" wirkt wie eine verschmitzt verwunschene Anspielung:
Eine Marienfigur mit einem kleinen Jesus im Arm und davor Martin Walser höchstpersönlich, seltsam weise aus dem Foto blinzelnd.
Plant Martin Walser über sein Buch
"Muttersohn"
einen ganz persönlichen Canossa- Gang, um sich vom deutschen Papst Benedikt XVI im September 2011 bei seinem Deutschlandbesuch zum ungekrönten Kaiser, wenn nicht gar heimlichen
"Gottvater",
zum
"unfehlbaren Papst" der europäisch deutschsprachigen Literatur der Gegenwart ausrufen zu lassen, der die Einheit von Religion und Literarur, kraft der Präsenz seiner Person, überzeugend in Wort und Schrift wieder hergestellt hat, wie einst der Staufferfürst Heinrich IV im Jahre 1084, barhäuptig und barfüssig, unverzagt, gewagt, seiner selber gewiss, den Gang nach Canossa schritt, sich vom damalaligen Papst Leo II zum Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, inauguriert von allen deutschen klerikalen, säkularen Stammes- Fürsten, unwiderruflich krönen zu lassen?
Ein Händchen für gelungen sicheres Timing hat Martin Walser ja wiederholt bewiesen, u a, in der Frage der Deutschen Einheit, als sich die meisten Europärer, insbesondere nach der
"Versöhnungs- Rede"
des berufenen Bundespäsidenten Richard von Weizsäcker am 08. Mai 1985, schon an das Doppelte Deutschland , samt den friedensfroh reiselustigen Deutschen in Ost und West, Nord und Süd Europas gewöhnt hatten.
Bleibt die Frage:
Ist Martin Walsers auf dem Weg vom "Muttersohn" zum "Psalmen Vater"?
JP
siehe:
www.daserste.de/ttt/beitrag_dyn~uid,x2uhbgad26izo01g~cm.asp
Rückschau: Martin Walsers "Muttersohn" - eine moderne Heiligengeschichte
Sendeanstalt und Sendedatum: MDR, Sonntag, 17. Juli 2011
Buchtipp:
Martin Walser
Muttersohn
Rowohlt 2011, 24.95 €
ISBN-10: 3498073788
ISBN-13: 978-3498073787
Der Autor als Gottvater? "Glauben heißt, die Welt so schön machen, wie sie nicht ist", heißt es im Buch trefflich. ttt war zu Besuch bei Martin Walser zu Hause in Überlingen.
Glaubensbekenntnis statt Gesellschaftskritik
Matthias Matussek: "Das katholische Abenteuer". DVA, München; 368 Seiten; 19,99 Euro.