Joachim Petrick

Frag Lacher in den Bauch

21.06.2011 | 04:59

Matussek trifft Irene, Udo, Leander; Hans- Magnus

Matthias Matussek trifft Udo Lindenberg,  Hans-Magnus Enzensberger, Leander Haußmann , Irene Dische auf Sendung im  3sat

Matthias Matussek (MM), der  Kulturjournalist aus Leidenschaft, neugierig auf alles, was sich im bundesdeutschen Kulturleben tut. Nichts interessiert ihn mehr als das Denken und Schaffen der "Kreativen.
So beschreibt MM sich illuster selber.

Matthias Matussek (MM) trifft auf "Rudi ratlos", Udo Lindenberg, den Mann der sowas von auf der Hut ist, trotzdem aber dauernd einen weitkrempigen Hut trägt.

Matussek warnt vorab, nahe einem Panikalarm, betont, bebildert aus Udo Lindenbergs neuem Titanic No Panic Musical:
"Hinterm Horizont",
Untertitel:
"Blau trifft Pink!",
Vorsicht!,  der Greis ist heiss!
Die Wahrheit überwiegt in erscheckendem Maße.

Mit dem Blau ist das FDJ Blau einer heissen Braut aus Pankow/Ostberlin gemeint, die sich so heftig traut, dass es Klein Udo, Knall auf Fall  verliebt, Panik hin, Panik her, ohne Sonderzug nach Pankow, auf der Stelle umhaut.
Matussek zu Udo Lindenberg:
"Die Braut war wohl linienteu!"
Udo: ch sag nichts, das Musical sagt alles:

"Die Wahrheit überwiegt in erscheckendem Maße".

Das geschah damals so ganz nebenbi, während seines legendären Auftritts im "Palast der Republik" 1987 vor lustfern einbestelltem STASI- Klatsch Knall Chargen Publikum, bei einem dringendem Gang zum Klo?, oder Telefon?

Udo Lindenbergs eigentlich angesagte  DDR Tournee wurde nach seinem  Auftritt im "Palast der Republik" 1987   abgeblasen.

Damals 1987 war viel DDR- Showdown los in Ostberlin, auch Victor von Bülow, Loriot, kam höchstpeönlich mit seiner Film- und Kabarettpartnerin, Evelyn Hamann, zur deutsch- deutschen Premiere seines Films
"Ödipussi"
ins riesige "Linden- Korso- Großleinwand- Kino"  in Ostberlin.

Matthias Matussek erzählt Udo Lindenberg im Interview, dass er selber als Spiegel Reporter nach dem Berliner Mauerfall vom 09. November 1989, einige Monate im Palast Hotel, der vormals berüchtigten STASI durchfurchten Hochburg,  gelebt, seine Frau kennengelernt hat.

Alter ist für Udo Lindenberg aein angesagtes Thema, aber anders als Matussek meint, nämlich einen Herausforderung, nicht herumzuhängen, den Schlappen herauszuhängen, sondern ab auf die Bühne, solange es mit Klein Udo geht, solange Klein Udo steht.
Wo steht er denn?

Was für ein Schnitt.

Ein ganz anderes Licht, eine ganz andere Tonart- und -farbe.

Matussek schneit, geladen, sturmklingelnd in die offene Wohnung von Hans Magnus Enzenberger (HME) hinein.

Was  ist Hans Magnus Enzenberger mit  81 Jahren, wenn Udo Lindenberg mit 65 Jahren der heisse Greis ist .

Hans Magnus Enzenberger arbeitet gerade mit einem Album, das er Matussek, wie ein achtjährigen Nachbarssohn zeigt, dem er seine Schätze präsentiert, die da sind:
Etwas Tabak, Frösche aus Holz, ein Bild von einer kubanischen Tänzerin, eine Havanna Zigarre, eine Anleitung zum Bau einer Moschee aus dem Jahre 1952.
Ein satirischer Werbe Slogan"
"Wer marschiert hinter dem ersten Tank in Prag ein, es ist Dr. Rasch von der Dresdner Bank im Jahre 1939"

Hans Magnus Enzenberger  erläutert den Slogan Matussek ungefragt

"Die Leute, voran Dr. Rasch, der Mann von der Dresdner Bank u. a. deutschen Bankhäuser haben sich nach dem Einmarsch in die von der Deutschen Wehrmacht  besetzten Gebiete die dortigen Bankhäuser einverleibt, in Prag, Amsterdam, Kiew, Minsk, Athen, Brüssel u. u. deren Gold- , Devisenreserven  nach Berlin zur Deutschen Reichsbank in deren Tresore transportiert."

Weit gefehlt und doch getroffen.

Hans Magnus Enzenberger, der ewig pfiffig schlaue wie wißbegierig kreative Junge, demonstriert assoziierend anhand seines
"Albums"
wie das menschliche Hirn ticken könnt, nämlich ohne Seitenzahlen, ohne Kapitel, noch Register.
Das Gehirn blättert einfach, setzt aus beliebig gewählten Blättern ein Puzzle zusammen, bis das stimmig oder nicht stimmig scheint, der Schein ist alles,  meint HME..
 
Matussek wirkt bei diesem Gedankenspiel etwas schwergängig, kalt erwischt, unwillig mitzuschwingen, würgt er das ganze Gedankenspiel mit dem Satz ab:
"Unser  Gehirn braucht schon Anhaltspunkte, um etwas zu erinnern".

Schade der Anhaltspunkt
"Havanna Zigarre"
führte Matussek nicht zu einer Nachfrage an HME, der in den späten sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts monatelang Kuba bereiste,  den Maximo Leader der Kubanischen Revolution, Fidel Castro, in längeren Gesprächen kennengekernt hat
Matussek fragt dagegen nach einem  anderen Anhaltspunkt, die Anleitung zum Bau einer Moschee aus dem Jahre 1952.
Da erfährt MM vom HME, dass dessen Vater damals im Jahre 1952 als Architekt eine Moschee in Deutschlands Süden gebaut.

Weil HME  das Album als Album nicht reicht, nennt er diese Album voller Schätze als sein neues Projekt
"Weisses Album",
was, wie MM gleich weiss und Hans Magnus Enzenberger  unverblümt wissen läßt, eine Tautologie, sozusagen ein Doppeltes Weiss  sei , denn Album heisst ja aus dem Lateinischen ins Deutsche übersetzt
"weiss".

Bis dahin wirkt das Inteview mit HME durch MM geradezu idyllisch.
Das kann HME so nicht stehen lassen, weshalb er MM einweiht, das mit dem
"Weissen Album"
und dessen kleinen Schätzen ist nicht vollständig, wenn da nicht noch unerwartet, übergangslos, ein Schlag ins Kontor, sprich in die Magengrube erfolgt.
Das könnte z. B. die
"Breaking News"
der ESA sein, dass sich ein unidentifizierter Himmelskörper von beträchtlichen Ausmassen in rasender Geschwindigkeit unaufhaltsam auf die Erde zubewegt.

Wieder Schnitt bei Matussek trifft Leander Haußmann, den Filmemacher u. a. von "Sonneallee", "NVA", Hotel Lux".

Klar:

Plötzlich geht, wie erwartet,  sinnbildlich die Sonnenallee, die NVA, das Hotel Lux in Moskau auf, in dem zur Stalinzeit deutsche Emigranten/innen, die Pieks, Ulbrichts, Beckers, Fischers, Wehners während der Schauprozesse und danach einen Überlebenskampf geführt, der täglich Gefahrenlagen von Verrat gegen sich selber und andere heraufbeschwörend barg..
 
Hotel Lux war zugleich als Zufluchtsort, ein priviligierter Aufenthalt auf geliehene Zeit, wie eine Schreckenskatakombe im Wolkenkratzer voller Fallstricke, Falltüren in Folterkammern, Gruselkabinetten, Aufzügen für Genossen/innen u. a. zum Schafott.

Als MM scheinbar beiläufig ansetzt, Leander Haußmann auf die berüchtigt polemische MM Schippe zu nehmen

"Ja!, die deutschen Akademiker, Intellektuellen sind ja durchaus zu jedem Verrat fähig, um zu überleben, wollen Sie das mit ihrem Fim"Hotel Lux" sagen?,
springt Leander Haußmann, wie von der Tarantel hochfahrend gestochen, Matthias Matussek grell anlachend von der Schippe.
"Das ist doch eine verdammte Fangfrage!, die ich grundsätzich nicht beantworte!
Mir geht es bei dem Film
"Hotel Lux"
um die Wiederbelebung der Tradition des deutschen Schelmen- Romans, um einen suizidalen Humor der Art
"Des Kaisers neue Kleider",
der von Despoten  wie Stalin zuerst ausgerottet wurde und weiter wird.
Nimm Stalin seine Pfeife weg. setz ihn aufs Klosett, schon ist er kein Herrscher,  kein gottgleich Heiliger Führer mehr, sondern nur  noch als Mann ein scheißender Niemand."

Nix wie weg aus dem Hotel Lux, per Drehtüreffekt hinein in den Film
"Hotel Lux" von Leander Haußmann.

Schon landen wir daselbst in "Matthias Matussek trifft", in dessen eigener Wohnung, in der die Autorin, Irene Dische, geladen in der rechten Ecke eine Art  Loriot Sofas sitzt.

Irene Dische arbeitet an einem neuen Roman mit einem zwanzig Jahre alten  Arbeitstitel
"American Husband" .
Irene Dische ist katholisch erzogen,gut betend im Glauben,  jüdisch- katholisch aufgewachsen, hatte letztens mit Matussek drei Nobelpreisträger in ihrer riesigen Berliner Wohnung zu Gast, erläutert Matussek aufgekratzt, wie naseweis, als ob das eine Nachricht über die Person von Irene Dische wäre.

Irene Dische hat als Kind gebetet, um mit jedem "Vaterunser" einen Menschen aus dem Fegefeuer erlösend zu befreien, wie es in einer katholischen Gebetsanweisung für Gläubige heißen soll.

Irene Dische tat das Beten engagiert gerne, weil sie sich mit solchen Menschen im Fegefeuer identifizierte.
Das fand Irene Dische jahrelang solange äußerst bequehm, betend mit guten Taten durchs Leben zu gehen, bis ihr das Beten als Befreiungsakt anderer zu anstrengend ward.

In ihrem neuen Roman
"American Husband" 
geht es inzwischen mehr um einen katholischen Heiligen, bzw. den Prozess einer Heilgsprechung des Fünften Heiligen in den USA, der ausgerechnet bereits ein Internet Blogger Guru mit Snob Allüren ist.
( Ob da Henryk M. Broder Pate stand?, Snob Allüren sind dem allerdings fremd.)

Für die Heiligsprechung bedarf es u. a. mindestens eines belegten Wunders.
Da schaltet sich Matussek polemisch ein
"Die Heiligsprechungen werden ja immer niedrigschwelliger.
Nur noch ein Wunder baucht es, um Heiliger zu werden.
Aber richtig, wir brauchen Heilige!".

Irene Dische lenkt Richtung Matussek beschwichtigend ein
"Ja!, ich weiss, Du bist ein Verfechter von Ritualen im Katholizismus, barrierefrei direkte Zugänge zu Gott liegen Dir nicht!"

Beiden fällt nicht ein, in Wundern allein den Wegweiser zur Wahrnehmung des alltäglich wunderbar Vorhandenen und dessen Wertschätzung zu sehen.

Phyikalisch betrachet, gelten Wunder als Verstoss gegen die Naturgesetze.

Irene Dische verdeutlicht, dass es in ihrem Roman um kulturelle Kuriositäten bis hin zu Abstrusitäten geht, wie, wer auf der Karriereleiter in der allseitig schmerz verbreitenden Hackordnung in Amerika nach oben will, muss diszipliniert bestimmte Gebote beachten, darunter, dass er, sie  niemals für andere und schon gar nicht für sich Dinge, wie Essen, Kleidung, Taxis, Trinkgeld  im Alltag bezahlt, gar Sozialhilfe bezieht.

Nur wer das durchhält, kommt nach ganz oben, erklimmt Rang & Namen, oder landet vorzeitig, missverstanden, unerkannt namenlos, erst in der Gosse, dann in der Grube.
Denn jeder Amerikaner/in weiss von kleinauf, Millionäre, Milliardäre, Promis haben kein Bargeld, geschweige denn Kleingeld zum Wechseln in ihrer Tasche.

Irene Dische empfindet es als einen verkehrten Ehrgeiz, ihre Romane zu schreiben, um andere Menschen zu verändern, wie es ihr Matthias Matussek,  leicht  suggestiv,  in den Mund zu schieben  versuchte.

Nein!, Irene Dische erlebt das Schreiben von Romanen als Reise, die sie  selber verändert.

So als wollte Irene Dische Hans Magnus Enzenberger mit seinem Projekt das
"Weisse Album"
bestätigen, hat auch sie zum Schluss des Interviews auf den letzten Drücker einen Schlag in die Magengrube parat.

Irene Dische berichtet, sie habe vor Jahren einen  überaus prominenten deutschen Journalisten , der vele Bücher erfolgreich veröffentlicht hat, zu Besuch gehabt, der habe doch tatsächlich behauptet, es habe Nine Eleven (11.09.2001)  2000 Juden gegeben, die morgens nicht zur Arbeit ins World Trade  Center (WTC)  kamen, weil sie vorher gewarnt worden seien.

Wie kann ein hochgebildeter deutscher Journalist solche Behauptung in die Welt setzen oder weiter verbreiten, kennt der denn keine  Juden. Es gibt keine 2000 Juden, die gewarnt würden und darüber  untereinander und gegenüber jedermann anderem schweigen würden.

Was hier das Ungeheuerliche an dieser kolportierten Verschwörungstheorie ist, bleibt im Dunkeln.
Matthias Matussek hakt leider mit keiner Frage nach, schon gar keiner nach religiösen Anlässen noch eine Frage, wie dieser:

"Hat Dein Besucher behauptet, die 2000 Juden seien an dem Anschlag auf das WTC beteiligt, bzw. irgendwie darin verstrickt, oder hat er nur behauptet, sie seien, aus welchen anderen Gründen auch immer, wundersam daran gehindert worden, am 11. September 2001, wie gewohnt, zur Arbeit in die Twin Towers des WTC zu gehen?

Seltsam!
Seltsamer Ausklang  dieser interessanten Ausgabe der 3sat Sendung "Matussek trifft....."

JP

siehe:

programm.ard.de/TV/3sat/2011/06/20/matussek-trifft----/eid_280076498810653?list=main#top

Matussek trifft ...

Udo Lindenberg, Irene Dische, Leander Haußmann und Hans-Magnus Enzensberger
3sat

Montag, 20.06.11
23:25 - 00:05 (40 Min.)

 
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Kommentare
poor on ruhr schrieb am 21.06.2011 um 22:32
Danke. Interessant, kurzweilig und unterhaltsam geschrieben.

Ein MM-Fan werde ich deshalb aber nicht, es sei denn, es geht um die gleichnamigen Schokobonbons.

Von deren Verzehr muß ich aber Abstand nehmen weil sie meinem ohnehin schon überflüssigem Gewicht noch Neues der gleichen überflüssigen Art-auch Fett genannt- hinzufügen würden. :)

Herzliche Grüße

por
Joachim Petrick schrieb am 21.06.2011 um 23:21
@por

Ein MM-Fan bin ich bisher auch auf keinen Fall.
Aber in dieses Format
"Matussek trifft...."
passt der MM nach meinem Gusto furios hier, angetütet da, famos hinein.

Hätte ich gar nicht gedacht, dass MM zu soviel unterschiedlichen Persönlichkeiten einen salopp achtsamen Kontakt herstellen bzw. zulassen kann.

Das hat was, finde ich.

tschüss
Jochen
paulart schrieb am 22.06.2011 um 22:54
Vielen Dank für die Kommentierung, Joachim Petrick!
Demnächst auch vor der Sendung einen kleinen Tipp in den freitaglichen Tag schicken, damit so müde Geister wie ich die Möglichkeit erhalten, die Sendung live zu sehen. Ist mir nämlich durch die Lappen geflutscht. ;-)
Joachim Petrick schrieb am 22.06.2011 um 23:39
@paulart

"Demnächst auch vor der Sendung einen kleinen Tipp in den freitaglichen Tag schicken,....."

Hoffentlich denke ich dran.

Dieses Mal habe ich zufällig hineingschaut
Joachim Petrick
Hamburger, begeistert vom Theater Stadtgefluester, 66-71 in Westberlin gelebt, 1982-89 Beliner Maueröffner, Sympathisant"Tanzender Lachoffensive", bin fuer spontane Humortests im Oeffentlichen Nahverkehr.
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