Joachim Petrick

Frag Lacher in den Bauch

16.02.2012 | 12:27

Nasenfahrrad, die wahre Brillen Geschichte

Wenn es was an die Ohren gibt, kann es auch eine Brille sein.

Wer war zuerst da, das Lauf- Fahrrad oder die Brille als Nasenfahhrrad?

Es waren mutmaßlich Mönche in einem oberitalienischen Kloster um das Jahr 1285, die als erste Menschen, wie auch immer, Brillen als Lesehilfe in Anspruch nahmen.. Schon vorher verwendeten sehschwache Menschen einen sogenannten Lesestein, um ihrer Fehlsichtigkeit auf die Sprünge, zur richtigen Sehschärfe zu verhelfen. Lesesteine sind  halbkugelförmige, plankonvexe Linsen, die aus Bergkristall, Quarz oder Halbedelstein hergestellt und mit der flachen Seite auf beschriftetes  Papier zum Lesen gelegt wurden.

Bei den ersten sogenannten Niet- oder Nagelbrillen wurden die Gläser – wie der Name ahen läßt – durch Nieten oder Nägel zusammengehalten. Es dauerte nicht lange, da entwickelten Uhrmacher eine Vielzahl an einfallsreich ausgefallenen Modellen:
Die aus einer Fassung bestehende Bügelbrille,
die mit einem Steg versehene Klemmbrille,
die Stirnreifenbrille, deren Gläser von einem um Stirn und Kopf gelegten Mittelstreifen herabhingen.

Verkauft wurden die Sehhilfen, die Brillenmacher als Handwerker, nicht selten gar meisterlich durch Zünfte bestallt, herstellten, vorwiegend von Wanderhändlern, Fahrensleuten und Hausierern. Die heute mehrheitlich verwendete Ohrenbrille kam um das Jahr 1850 als Nasenfahrrad ins Sehhilfen Angebot.
Womöglich lag der zeitgleichen Erfindung des Lauf- Fahrrads, vom Prinzip her, das Nasenfahrrad zugrunde.

In diplomatisch hochgestimmten Kreisen  galt zu Beginn des 19. Jahrhunderts "Potzblitz" das Monokel oder Zwicker als unüberbietbar allerletzter Brillen Schrei.
 Zudem existierten bereits spezielle medizinische Augengläser sowie Reise- und Eisenbahnbrillen, die bei der unerhörten Geschwindigkeit von 35 km/h gegen den Fahrtwind von Nürnberg nach Fürth und zurück schützen sollten.

In ihrer Anfangszeit waren Augengläser, sozusagen spektakulär,  aufsehenerregend unterwegs: Zur Hochzeit von Herzogin Guta von Österreich im jahre 1319 erschien ein bebrillter Gesandter aus Padua und sorgte für einige Aufregung und verzückt geziertes Getuschel unter den diplomatisch reizenden Gästen.

Als Symbol der Gelehrsamkeit und Würde war und ist die Brille ein beliebtes künstlerisches Stilmittel. Es war zu Beginn des 19. Jahrhundert, als die Brille, u. a. bei der Hausmusik, nicht nur beim Notenlesen mit Intelligenz in Verbindung gebracht, sondern Intelligenz selber als Weltbrille definiert ward.
Nicht selten wurden Augengläser aber auch mit Zauberei assoziiert, so dass Narren und Dämonen mephistophelisch bebrillt abgebildet wurden.

Da andererseits Brillen bisweilen für lächerlich, gar hässlich angesehen wurden, entwickelten die Menschen Strategien, Brillen möglichst gut zu verbergen:
Im 18. Jahrhundert beispielsweise entstanden zahlreiche Ideen, die Gläser in Parfumflakons, Fächern oder Ringen zumindest zeitweise zu verstecken.

Das Monokel leistete da manchem Gockel oder hochgebürsteten Trottel beim unvermittelten Verschwinden derSehhilfe, unübertroffen, vortreffliche Dienste, eine Augen Kniff Grimasse weniger, schon war das Monokel am Bande sausend im Frack (Fracksausen) oder der Uniform  unsichtbar entschwunden.

Die Niet- oder Nagelbrille gehört zu den frühesten Brillentypen.
«Wir sin mit sehenden ougen blint»,
schrieb im Jahre 1191 der blinde Minnesänger Heinrich von Rugge.
Dieser Satz hatte im übertragenen Sinne  Bedeutung. Praktische Sehhilfen mit korrigierender Wirkung existierten noch nicht. Sie wurden erst wenig später erfunden.

 Lange Zeit wurde angenomen, die «Alten», also  Griechen und Römer oder auch Ägypter und Etrusker, hätten die Brille mit geschliffenen Gläsern erfunden.
Wie wir heute aus sicheren Quellen wiaen, war das ein Irrtum.

Die Römer kannten aber zumindest, wie bei Seneca d.J. überliefert ist, die vergrössernde Wirkung einer mit Wasser gefüllten Kugel.
Sehhilfen mit korrigierender Wirkung der Sehschärfe sind aber nicht vor dem Jahre 1300 nachweisbar.

Heute gelten Nasenfahrrader, gelten Brillen als cool, erotisierend, als letzter   Chic, von Brillenschlangen als Schimpfwort gegenüber Frauen, ist nur noch, hier und da aus dem Munde von Ewig- Gestrigen, die Rede. Die Brille wirkt enervierend, hellwach, sie setzt für jede Lebenslage neue Trends. Brillen  versuchen einmal bis zum Abwinken auffällig, dann wider  so unauffällig wie möglich zu sein oder besonders gestylt und cool daherzukommen. Die Brille steht als Symbol für vielerlei Klischées, allzeit bereit, bestens, zu Diensten, Brillen können, wie gegenwärtig der "Westerwelle Brillen Blick"   ein Lebensgefühl ausdrücken und sind zugleich einfach auch einmal und immer wieder nur ein praktisches, oftmals notwendiges Vehiklel auf dem gewundenen Pfad hin zu besseren Sehschärfe des Auges.

Die Brille ist aus unserem heutigen Alltagsleben nicht mehr wegzudenken. Da gibt es die  teure Designerbrille bis hin zu billigen Sehhilfen aus der Drogerie, der Supermarktkette nebenan.
Brillen werden widerstandslos von Kindesbeinen an mittlerweile ebenso selbstverständlich , wie von älteren Leuten, getragen  und haben sich insbesondere als Sonnen- und Taucherbrillen einen Markt erschlossen und erobert, dass die langgesichtige  und doch so kurzsichtige Geschichte, die zur Entstehung dieser unzählig kleinen Meisterwerke führte, Gefahr läuft, in aller Welt in Vergessenheit zu geraten.

Was uns heute manchmal lästig erscheint und mittlerweile durch Kontaktlinsen oder durch eine Laseroperation ersetzt wird, war eine der großen kulturellen Errungenschaften und bedurfte in ihrer Anfangszeit eines grundlegenden  Erfindergeistes und beachtlich handwerklicher Kunst in der Herstellung. Mit der Brille verbunden waren und sind zahllos gesellschaftsplolitisch soziale Auswirkungen, denn die Geschichte der Brille scheint unauflösbar mit der Schrift und so mit der Alphabetisierung der Menschen und nicht zuletzt mit dem "Fordern & Fördern" der Wissenschaften in den Gesellschaften unserer Einen Welt verknüpft zu sein.

JP

de.wikipedia.org/wiki/Brille

 
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Kommentare
Joachim Petrick schrieb am 18.02.2012 um 02:33
ergänzt:

In diplomatisch hochgestimmten Kreisen galt zu Beginn des 19. Jahrhunderts "Potzblitz" das Monokel oder Zwicker als unüberbietbar allerletzter Brillen Schrei.
Zudem existierten bereits spezielle medizinische Augengläser sowie Reise- und Eisenbahnbrillen, die bei der unerhörten Geschwindigkeit von 35 km/h gegen den Fahrtwind von Nürnberg nach Fürth und zurück schützen sollten.
Joachim Petrick
Hamburger, begeistert vom Theater Stadtgefluester, 66-71 in Westberlin gelebt, 1982-89 Beliner Maueröffner, Sympathisant"Tanzender Lachoffensive", bin fuer spontane Humortests im Oeffentlichen Nahverkehr.
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