JoergH

Positiv Progressiv

06.02.2009 | 10:16

Lidl und Bahn - zwei wie Pech und Schwefel

Hartmut Mehdorn wollte, so der Titel eines Interviewbandes mit ihm, nie Diplomat werden. Wer ihn in der gegenwärtigen Debatte um die Bespitzelung seiner Mitarbeiter erlebt, erkennt auch seine eigentlichen Berufswünsche: Geheimdienstchef und Märchenonkel. Und doch ist es ein Fehler, nur über die Verantwortung des Bahnchefs für die Ausspähung seiner Mitarbeiter zu debattieren. Denn es zeigt sich, dass hier ein sehr tiefliegender Konflikt, der die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft durchzieht, zutagetritt. Ohne den Bahnskandal in seinem gesellschaftlichen Kontext zu betrachten, bleibt die Kritik an der Oberfläche.
Wenn wir für einen kurzen Augenblick den Fall Bahn aus den Augen lassen und in die Vergangenheit schauen, sehen wir, dass Mehdorn hier kein singulärer Bösewicht ist. An den Telekom-Skandal erinnern wir uns sicherlich alle, ist ja auch noch nicht so lange her. Was jetzt genau daraus geworden ist, weiss allerdings kaum jemand. Und wer erinnert sich daran, dass es vor nicht einmal einem Jahr eine große Aufregung über die Überwachung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Einzelhandel gab. Lidl und Schlecker spielten damals die Hauptrolle, doch heute erinnert sich kaum mehr jemand an den Skandal, bei manchen bleibt nur das schale Gefühl, wenn mal wieder im Discounter eingekauft wird, zurück. Und anderswo, wo es nicht so hohe Wellen geschlagen hat? Im Einzelhandel ist es fast schon Usus, einen kollektiven Anfangsverdacht gegen alle Mitarbeiter zu haben, weshalb Überwachung dort nicht als Ehrenrührig gilt. In Call-Centern gibt es genug Fälle, dass technische Hilfsmittel zur Überwachung der Arbeitsleistung eingesetzt werden. Mitarbeiter scheinen von manchen Chefs vor allem als Gegner gesehen zu werden. Was momentan also am Beispiel der Bahn diskutiert wird, ist vor allem Ausdruck eines gesellschaftlichen Problems, einer Weltsicht, die überall Korruption, Diebstahl und Betrug am Werk sieht. Wenn man bedenkt, dass die Bahn immer wieder mit großem Werbe-Tam-Tam Tickets bei Lidl verkauft, glaubt man fast, hier hätte sich ein in jeder Hinsicht unzertrennliches Paar gefunden, zwei wie Pech und Schwefel.
Allerdings geht es an der gesellschaftlichen Realität vorbei, nur die Auswüchse eines defensiven, autoritären Führungsstils zu sehen. Denn die Arbeitswelt verändert sich in zwei Richtungen, das mehr an Kotrolle und Überwachungswahn bei den Einen wird durch kollegialere Strukturen, ein mehr an Eigenverantwortung und eine Zunahme des Vertrauens bei Anderen konterkariert. Denn nur, weil auch ein zutiefst autoritäres Unternehmen wie die Bahn auf seiner Homepage warme Worte für die Bedeutung seiner Mitarbeiter finden kann, ist es eine Tatsache, dass sich anderswo auch andere Arbeitskulturen entwickeln. Wir können zwei gegenläufige Tendenzen beobachten, einen gesellschaftlichen Widerspruch, der der Ansatzpunkt für eine Politik der menschlicheren Arbeitsbeziehungen sein kann.
Trozdem sehen wir, wenn mal wieder etwas bekannt wird, immer wieder nur die Einzelfälle. Für die Parteien ist es einfacher, nach Konsequenzen zu rufen, als sich über konkrete Strategien Gedanken zu machen, die auch noch verfolgt werden müssten, wenn die erste Empörung verflogen ist. Da ist es einfacher, sich nach dem ersten Rauschen im Blätterwald wieder der Tagesordnung zuzuwenden, als sich auf ein langwieriges Projekt mit unsicherem Ausgang einzulassen. Der Aktualitätsdrang der Medienöffentlichkeit ist einer dringend notwendigen Gesellschaftspolitik hier nicht unbedingt zuträglich.
Deshalb ist es auch nicht überraschend, dass in den Medien der Mitte von Welt bis taz vor allem über die persönliche Verantwortung Mehdorns, über den Ruf nach Konsequenzen und seine eventuelle Ablösung debattiert wird. Die Medien brauchen die Personalisierung, um Themen greifbar zu machen. Dass dann Zusammenhänge nicht mehr erklärt, keine gesellschaftliche Perspektive entwickelt und quasi jeder Skandal als Einzelfall behandelt wird, ist eine mehr oder weniger bewusst in Kauf genommene Nebenwirkung der Personalisierung. Hier Zusammenhänge herzustellen ist für einen alternativen Journalismus viel wichtiger, als dem Drang nachzukommen, die Verhältnisse "schärfer" zu kritisieren. Die schärfste Klinge des Fortschritts bleibt die Aufklärung.
 
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Kommentare
suhelen schrieb am 06.02.2009 um 10:40
http://www.titanic-magazin.de/index.php?eID=tx_cms_showpic&file=uploads%2Fpics%2F0204-bahnauskunft_01.jpg&bodyTag=%3Cbody%20bgColor%3Dwhite%20leftmargin%3D%220%22%20topmargin%3D%220%22%20marginwidth%3D%220%22%20marginheight%3D%220%22%3E&wrap=%3CA%20href%3D%22javascript%3Aclose()%3B%22%3E%20|%20%3C%2FA%3E&md5=b4e2e1aa69259664ef4bca3f7d081020

dieser Link führt direkt zu einem besonders gelungenen kritsichen Blick auf die Bahnwebsite, wie sie sein sollte
zuersteinmal: ein sehr gelungener Artikel. Er trifft genau den Kern der Sache. Ich will keine Parteien in Schutz nehmen, aber vor allem die konservativen Parteien konzentrieren sich immer sehr auf tagesaktuelle Probleme, Bespitzelungen sind immer nur Ausrutscher von einigen wenigen schwarzen Schafen. Man bringt ein paar Bauernopfer und die Sache ist gegessen. Das der frei gewordene Chefsessel sogleich vom nächsten schwarzen Schaf besetzt wird ist sowieso klar.
Woran liegt das? Die lieben Chefs können es sich leisten. Die meisten Arbeitnehmer werden eingeschüchtert, fürchten sich vor Kündigung schon wenn sie sich nur über Gewerkschaften informieren.
Das dies im individualistischen (ich muss das Schlagwort leider bringen) kapitalistischen System quasi vorbestimmt ist, wird rauf und runter gepredigt von beispielsweise der Linkspartei. Aber die Konsequenzen folgen auf dem Fuße: die (zumeist konservativen) Medien, Spielball der Wirtschaft, lachen über die Linke, verhöhnen ihre Gesellschaftskritik. So soll verhindert werden, dass solche abstrusen Ideen ihren Weg in die Köpfe der Menschen finden.
JoergH
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