JoergH

Positiv Progressiv

07.02.2009 | 14:19

Vorfreude auf Suhrkamp

Berlin ist, soweit die Platitüden, für mich immer noch eine faszinierende Stadt. Seit ich hierhin gekommen bin habe ich den Umzug nie bereut, trotz aller Kompromisse, die in Bezug auf Beruf und Karriere für mich damit verbunden waren. Ich genieße die Lebendigkeit der Stadt, die allgegenwärtige Kultur und die Möglichkeit, überall mit Gleichinteressierten ins Gespräch zu kommen. Aber wo auch immer ich unterwegs bin, überall trifft das Wowereit-Wort von "arm, aber sexy" zu. Was Berlin in vielerei Hinsicht fehlt, ist die große Identifikationsfigur, die alle begeistert und inspiriert und an der sich die komplette Kulturszene aufrichten kann. Die Opernhäuser in ihrer bürgerlichen Abgehobenheit als gigantische Subventionsgräber haben nie als Vorbild für eine lebendige Kultur gedient, die der überall sichtbaren Eigeninitiative einen Focus, einen Anker oder eine Vision vermitteln kann. Die bildende Kunst mit ihren Museen und der Galerielandschaft hat es vielleicht leichter, die Literatur erscheint, jenseits gelegentlicher Selbstbeweihräucherung des Bildungsbürgertums, eher Sache der einzelnen Künstler als produktive Szene. Aber jetzt kommt Suhrkamp! Und ich freue mich darauf, dass der Verlag sich in Berlin neu erfinden will. Denn die Ankunft im 21. Jahrhundert kann nur im Dialog gelingen, ein Dialog, der weit in die Stadt hineinreichen dürfte. Ich hoffe, dass Suhrkamp wie schon Mitte des 20. Jahrhunderts der Verlag der großen Ideen wird, und ich hoffe, dass diese Ideen hier in Berlin, diesem Schmelztigel der persönlichen Visionen, wachsen und über die Einzelnen hinauszeigen können. Denn bisher fehlt das Forum, der Zusammenhalt, der die ganzen politisch-persönlichen Entwürfe der Stadt öffentlich macht und dem ängstlichen Kleinklein der Berliner Republik, die Fixierung auf Sachzwänge und grundsätzliche Ablehnung von über den Tag hinausweisenden Ideen einen Gegenentwurf entgegehält. Irgendwann werden wir die Diskussion, in welcher Gesellschaft wir leben wollen, führen müssen und vielleicht kann Suhrkamp den ganzen kreativen Ideen, die in den letzten Jahren gewachsen sind, hier im Berlin des frühen 21. Jahrhunderts, das Forum bieten, das es für die westdeutschen Intellektuellen in Frankfurt war, bevor dieses zur Stadt des Geldes und des globalisierten Kapitalismus wurde. Ich freue mich auf Suhrkamp!
 
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JoergH
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