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In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? In was für einem Land – in was für einer Stadt wollen wir unsere Kinder aufziehen? Wollen wir tatsächlich ein soziales Umfeld entstehen lassen, in dem ernsthaft über Gebärprämien für Besserverdienende räsoniert wird? Ist das noch gesund – oder nicht eher schon gefährlich nahe dran an der kranken Akzeptanz von Zwangssterilisation oder, sagen wir, Beugehaft für Akademikerinnen, die die Schwangerschaft abbrechen wollen? Solche Fragen, oh Graus!, stellen sich – wieder! – in Deutschland.
Die Debatte über Integration ist heißgelaufen. Gerade Berlin, in dem so viele verschiedene Kulturen zusammen leben, ist davon betroffen. Da finden zurzeit nicht wenige, dass der Sarrazin, Thilo zwar ein bisschen „übertreibt“, „zuspitzt“ oder „polemisiert“, aber doch mit seinen Thesen und Sprüchen Gutes bewirke, weil er eine längst fällige Debatte über Integration verursache. Das hört man– im eigenen "sozialen Umfeld"!
„Integration“ ist ein Wort, das man eigentlich in Anführungszeichen setzen muss, weil es unpräzise, zum Teil sogar mit gegensätzlicher Bedeutung verwendet wird und nie politisch oder ideologisch neutral ist: Jeder meint und will etwas Anderes damit. Ein großer Teil der CDU meint damit zum Beispiel „Anpassung“ der „Fremden“ an eine ebenfalls ungenau definierte, aber klar vorausgesetzte „deutsche“ „Kultur“. Sarrazins Thesen meinen Bedrohung, Exklusion, Eliteförderung im Namen von Statistik, Pseudowissenschaftlichkeit und Rendite. Sozialdemokraten, Grüne und andere eher Linke benutzen das Wort Integration als politischen Handlungsauftrag mit klarem Ziel: ein für jeden einzelnen Bürger, für jede Bürgerin fruchtbares und chancenreiches Zusammenleben in friedlicher Gemeinschaft. Das heißt in erster Linie: BILDUNG FÜR ALLE. Ohne Chancengleichheit gibt es keine soziale Gerechtigkeit.
Toleranz – lächerlich?
Klar: Man muss genau hinschauen, was ist, sachlich prüfen, was ggf. schief läuft, kluge Lösungsvorschläge machen – und klar sagen, was werden soll. Zurzeit jedoch ist eine konstruktive Diskussion gerade durch Sarrazins destruktive Stimmungsmache schwer möglich. Die „Integrations-Debatte“ ist auf ihrem Weg von einer notwendigen öffentlichen Diskussion hin zum Besserwisser-Stammtisch abgerutscht, so gesättigt mit Ressentiments, so gefüttert mit diffusen Ängsten, so selbstgerecht in ihrer Diktion und in ihrem kaum verhohlenen Dünkel so weit von realistischer Politikbetrachtung abgekommen, dass man mittlerweile fast befürchten muss, ausgelacht zu werden, wenn man für Ziele wie soziale Gerechtigkeit, Bildungschancen, Toleranz und Akzeptanz eintritt.
„Multikulti“ gilt als Träumerei von „Gutmenschen“. Die harten Fakten seien andere, wird einem entgegengehalten. Ein Bedrohungsszenario wird aufgebaut, das Kopftuch zum Angriff auf die freiheitliche Grundordnung aufgebauscht. Von „Deutschen“-„Mobbing“ ist die Rede, wenn Nichtmuslime von Muslimen abfällig als „Schweinefresser“ bezeichnet werden. (Das klingt wie ein verspätetes Echo auf die italienischen „Spaghettifresser“ von anno dazumal. Mittlerweile essen übrigens alle herkunftsdeutschen Berliner Nudeln – und sind immer noch nicht alle katholisch oder für Berlusconi). Dringend notwendige Unterscheidungen werden verwischt, religiöse mit nationaler Zugehörigkeit gleichgesetzt – und Selbstbestimmung gerade von Muslimen und Musliminnen gerade dadurch erschwert.
Und nun spricht man auch – wieder – von genetisch weniger oder mehr Intelligenzbegabten. Man behauptet – wieder! – allen Ernstes einen wissenschaftlich erwiesenen Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung von Armut und Dummheit. Von „Bildungsnähe“ und „Intelligenz“. Man betreibt Determinismus vom Feinsten und stellt, sozusagen als Sahnehäubchen des rechtspopulistischen Endlich-wieder-Sagen-Dürfens, Einwanderung unter das Primat wirtschaftlicher Verwertbarkeit. Mit Blick auf eines der reichsten Länder, in dem wir ja leben, finde ich gerade das ganz besonders bedrückend: Wenn man Menschlichkeit zur Ware macht, wird soziales Verhalten schnell zur Fehlinvestition. Dann wird ein ganz anderes „Mobbing“ salonfähig: der schlechtbürgerliche Mob nämlich.
Exklusiver Kulturkreis mit Migrationshintergrund
Auch „Kulturkreis“ ist so ein Wort, das neutral scheint, jedoch exkulsiv wirkt, denn die Zugehörigkeit zu diesem Kreis entscheidet ein diffuses Ich-Sager-„Wir“ in Abgrenzung gegen „Die anderen“, die sich gefälligst erstmal bemühen sollen, dazuzugehören und bis dahin ausgeschlossen sind. Ohne Migration gäbe es auch diesen Kulturkreis jedoch nicht, egal, wie weit man in die Geschichte zurückgeht: Deutschland insgesamt hat Migrationshintergrund. Nationalsozialistische Versuche, eine irgend germanische Reinheit auf genetischer Grundlage herzustellen, endeten in einer weltweiten Katastrophe. Deshalb allein ist es für einen aufrechten Bürger dieses Landes egal welcher Herkunft unmöglich, sich pseudowissenschaftlich auf biologistische oder längst überholte darwinistische Lehren zu berufen: Wer meint, die eigene Geschichte und moderne wissenschaftliche Erkenntnisse ignorieren zu können in Namen einer irgend deutschen Rettungsmission, begibt sich zwangsläufig in schlechte Gesellschaft.
Ich fürchte, wir befinden uns auf einem schlechten Weg dorthin – und in so einer Gesellschaft will ich nicht leben. Ich will nicht, dass meine Kinder in einem Land aufwachsen, das ungleiche Chancen zementiert und andere Kinder von Bildung und Anerkennung ausschließt, weil sie diese oder jene Namen oder Kleidung tragen, diese oder jene Eltern haben, diese oder jene Religion ausüben oder nicht ausüben. Ich will ein Land, das alles für seine Leute tut: Eine gute Schulbildung und ein lebenswertes soziales Umfeld für jedes Kind machte die Integrationsdebatte samt ihren wohlfeilen Bestsellern überflüssig. Andernfalls, fürchte ich, wird sich die Sarrazinsche „Prognose“ erfüllen: Dann schafft Deutschland als lebenswertes, soziales, fortschrittliches Land sich tatsächlich ab.
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Klasse Artikel, Danke! Besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können. Ich habe nichts hinzuzufügen.
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Gerade im Gespräch mit einer türkischen Mutter, deutsch sprechend, ohne Kopftuch, zwei Kinder, beide Eltern berufstätig: "Ich versuche, die Debatte zu ignorieren, weil man sonst verletzlich wird. Ich würde auch gern gegen die Terroristen kämpfen. Wir fühlen uns immer mehr, ich weiß nicht ... unwillkommen."
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schrieb am
16.10.2010 um 15:34
Ich fühle mich auch unwillkommen und spiele ernsthaft mit dem Gedanken auszuwandern. Und so geht es vielen Türken. Besonders Akademiker haben sehr gute Chancen im Ausland neu anzufangen und sie sind es, die das Land zuerst verlassen.
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schrieb am
16.10.2010 um 15:48
@denoc
... Besonders Akademiker haben sehr gute Chancen im Ausland neu anzufangen und sie sind es, die das Land zuerst verlassen. ----------------------------------------------------------- Ja, leider ist es so! Genau jene Ausländer (natürlich einschl. der Türken) die wir gerne im Land hätten, kommen nicht oder kehren uns wieder den Rücken. Von denen, die uns für das Sozialamt der Welt halten, kommen leider zu viele. Sie sollten das differenzieren, wenn Sie sich durch Unmutsäußerungen Deutscher hier unwillkommen fühlen! Bleiben Sie bitte bei uns, wenn Sie einen Job hier haben oder z. B. Akademiker sind! :-) |
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Ja, finde ich auch sehr gut. Der allgemeine Zustand ist gut beschrieben.
Ein guter konstruktiver Hinweis schon mal: „Eine gute Schulbildung und ein lebenswertes soziales Umfeld für jedes Kind machte die Integrationsdebatte samt ihren wohlfeilen Bestsellern überflüssig.“ Soziale Probleme zwischen Einwanderern und Alteingesessenen, treten ja nur lokal auf – in einigen Brennpunkten. Ich finde, dass in erster Linie die Betroffenen zu Wort kommen müssten: Die Einwanderer, die BügerInnen, Eltern, Schüler, Lehrer, Sozalarbeiter. Dazu sollte m.E. ein lokales lösungsorientiertes Bürger-Brainstorming stattfinden, an derem Ende ein, für alle zufriedenstellendes, Ergebnis, wie man die Probleme lösen kann, stehen müsste. Das kostet etwas Zeit – aber qualifiziertes Material gibt es dazu sicher schon haufenweise - und es braucht natürlich Geld. Und da das Problem hier allgemein so hochgehängt wird, sollte der Bund, der seine Aufgaben in dieser Angelegenheit bisher ja auch verschlammt hat, bereitwillig die Finanzierung tragen. |
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Das ist schön, kann aber nicht sein, weil ich es grad erst geschrieben habe. Gelesen leider auch nicht - Fernseher ist kaputt :)
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Das Beste und Kürzeste zum Thema schrieb Andreas Maier, Schriftsteller: www.tagesspiegel.de/kultur/das-argument-und-das-ich/1952462.html
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"Ich will ein Land, das alles für seine Leute tut:"
Wenn das Land was tun muß, ist man selbst damit ja auch gut aus dem Schneider. Der Druck, den man verspürt, selbst etwas zu dieser Veränderung beizutragen, ist damit auf wunderbare Weise externalisiert. Demnächst dann wieder Blogbeiträge über nervige PunkerInnen, die auf der Straße im Weg sitzen oder im Supermarkt durch ihre Bettelei nerven. Heute aber Toleranz für die Gesellschaft anmahnen. "Klar: Man muss genau hinschauen, was ist, sachlich prüfen, was ggf. schief läuft, kluge Lösungsvorschläge machen – und klar sagen, was werden soll." Der Wunsch ist verständlich, aber in Zeiten der sog. flüchtigen Moderne völlig unrealistisch. Die Problemlage ist so vielschichtig, der Prozeß der Lösungsfindung so diffizil, daß im Grunde nur noch die Methode Versuch-und-Irrtum möglich ist. Dieser Sachlage sollte man sich stellen, statt darauf zu hoffen, daß noch irgendwer wüßte, was nun werden soll. Das weiß nämlich wirklich niemand mehr. Das ist nicht mehr zu leisten. Weder von einem Einzelnen noch von der Gesellschaft. Darüber hinaus ist die Gesellschaft schon in so viele Milieus auseinandergefallen, daß die Vorstellungen darüber, was nun werden soll, eh viel zu weit auseinanderklaffen. Dazu gehört auch, daß eine gute Schulbildung heute keine Garantie mehr ist für eine entsprechende Partizipation an der Gesellschaft. Diese gewünschte Partizipation (also daß sich die Mühen einer entsprechenden Ausbildung auch lohnen) ist bisher das Versprechen der Gesellschaft an die bürgerlichen Kreise gewesen. Das war der Kitt, der die Gesellschaft zu großen Teilen zusammengehalten hat. Die Vorteilsnahme durch gewisse (bürgerliche) Kreise. Diese Vorteilsnahme aber schwindet nun. Darüber kann mich sich ausweinen. Ob es auch sinnvoll ist, sich darüber auszumähren, ist eine andere Frage. |
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Ich würde eher von einer panischen Moderne sprechen. Die Flüchtige mag ihr vorausgegangen sein. Und vorher war's einfach immer mal wieder die Moderne, die hundskommune.
Von Angst spricht mekwürdigerweise niemand. Und von Desorientierung auch nicht. Statt dessen wird alles verteufelt, was was da unter dem Deckmäntelchen des vorwiegend technologisch-ökonomisch geprägten Fortschritts hervorkriecht... Die Zivilgesellschaft wandelt sich- einmal mehr- wieder zuletzt. Unter Absingen wüstester Lieder. Bis zum Ende dieser unseligen Lieder wird noch eine ganze Weile vergehen. Davor graut es mir. |
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Ja, das mit dem Land... hab auch überlegt, ob das missverständlich sein könnte.
Natürlich geht es nciht darum, dass ein Land allen das Tun abnimmt. Auch nicht den Einsatz fürs eigene Glück erspart. Vielleicht wird es klarer, wenn "ein Land" synonym gelesen wird mit "alle gemeinsam füreinander"? "ist man selbst damit ja auch gut aus dem Schneider." Das "man" erschließt sich mir in diesem Zusammenhang nicht. Meinen Sie sich selbst damit? Der Druck, den man verspürt, selbst etwas zu dieser Veränderung beizutragen, ist damit auf wunderbare Weise externalisiert. "Demnächst dann wieder Blogbeiträge über nervige PunkerInnen, die auf der Straße im Weg sitzen oder im Supermarkt durch ihre Bettelei nerven. Heute aber Toleranz für die Gesellschaft anmahnen." Ja. Das mag schwierig zu verstehen sein. "Der Wunsch ist verständlich, aber in Zeiten der sog. flüchtigen Moderne völlig unrealistisch. Die Problemlage ist so vielschichtig, der Prozeß der Lösungsfindung so diffizil, daß im Grunde nur noch die Methode Versuch-und-Irrtum möglich ist. Dieser Sachlage sollte man sich stellen, statt darauf zu hoffen, daß noch irgendwer wüßte, was nun werden soll. Das weiß nämlich wirklich niemand mehr. Das ist nicht mehr zu leisten. Weder von einem Einzelnen noch von der Gesellschaft. Darüber hinaus ist die Gesellschaft schon in so viele Milieus auseinandergefallen, daß die Vorstellungen darüber, was nun werden soll, eh viel zu weit auseinanderklaffen." Ja, dann stellen Sie sich mal. Allerdings lese ich aus IHren Sätzen wenig Bereitschaft dazu, das klingt eher nach: Man kann sich gleich die Kugel geben, weil alles sinnlos ist. Diese Sichtweise liegt mir nicht. fände ich falsch. Ob es hilfreich ist, die eigenen Vorurteile und Ressentiments gegen fälschlicherweise als homogen empfundene "bürgerliche Kreise" zu pflegen, anstatt sich mit den Gutwilligen egal aus welcher "Schicht" zu verbünden, bezweifle ich. Ebensowenig, ob das Nachplappern von letztgültigen Erklärungen bei der beschriebenen Sachlage - Heterogenität, Flüchtigkeit, Veränderlichkeit etc. - einen anderen Beitrag leistet als den, sich ins antibürgerliche Fäustchen zu lachen, das man ansonsten in den Schoß legt - weil man ja, wie man sich vorher so gefällig selbst bewiesen hat, eh nichts tun könne und "alles" nichts bringt. "Darüber kann mich sich ausweinen." Auch hier würde ich ein anderes Verhalten bevorzugen, aber auch hier muss jeder selbst entscheiden, wie (erwachsen) er sich verhält. |
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@THX1138
Man sollte vielleicht die Kraft der Gesellschaft, doch immer wieder zu einer Vernunft zu kommen, dennoch nicht unterschätzen. Viele Leute sind gar nicht so blöd, wie Sarrazins Anhänger denken. |
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@THX1138
Panische Moderne - wunderbarer Ausdruck. Darf ich den übernehmen? Kommt mir ganz genauso vor. Die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft, die für den Einzelnen wirklich mehr Freiheiten und Möglichkeiten mit sich brachte, verkehrt sich nun ins Gegenteil. Der Einzelne ist zunehmend überfordert. Und genau! Von dieser Überforderung und den damit verbundenen Ängsten spricht merkwürdigerweise niemand. Als Reaktion statt dessen auf der einen Seite Verteufelung und auf der anderen ein fortdauernder Anpassungsversuch. Die Zivilgesellschaft wandelt sich, das Wohin macht mir auch Sorge. Wenn der Mensch überfordert ist, neigt er zu einfachen bzw. vereinfachenden Antworten. Ihr Grauen ist mehr als verständlich. Angst habe ich auch. Umso wichtiger, dies wahrzunehmen. Und sich eben nicht "verleiten" zu lassen von den eigenen Ängsten. |
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"Darüber kann mich sich ausweinen. Ob es auch sinnvoll ist, sich darüber auszumähren, ist eine andere Frage."
""Darüber kann mich sich ausweinen." Auch hier würde ich ein anderes Verhalten bevorzugen, aber auch hier muss jeder selbst entscheiden, wie (erwachsen) er sich verhält." Nach den Ausführungen von THX1138 möchte ich meine Ausführungen über das Ausweinen revidieren. Vielleicht ist gerade in dem Stadium, in dem wir uns befinden, das Weinen die angebrachte und sinnvolle Handlungsweise. Zu Übergangsphänomenen gehört auch die Trauer über das Gewesene, das Vergangene. Im übrigen ist Weinen auch nicht Zeichen eines irgendwie unerwachsenen Verhaltens, zumindest für mich nicht. Aber das entscheidet jeder für sich anders, ganz offensichtlich. |
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Natürlich darfst Du die panische Moderne übernehmen, Du sowieso, Titta! Ich hab sie nämlich auch irgendwo abgekupfert- und mich nicht einmal dafür bedankt!
Dafür übernehme ich von Dir diesen Teil: "Die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft, die für den Einzelnen wirklich mehr Freiheiten und Möglichkeiten mit sich brachte, verkehrt sich nun ins Gegenteil. Der Einzelne ist zunehmend überfordert." Wobei ich mir am überlegen bin, ob ich den Begriff Individualisierung nicht durch Industrialisierung ersetzen soll. Zumindest sollte die Industrialisierung vor der Individualisierung kommen. Und weiter käme dann noch die technologische Revolution hinzu, in der wir uns gerade befinden- und damit der Begriff Beschleunigungskultur, der, so will mir scheinen, tatsächlich ganz alleine von mir stammt... Doch zu dieser späten Stunde will mir noch viel erscheinen, denn ich müsste eigentlich schon lange im Bett sein: Gute Nacht Ihr Lieben ;-) |
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Liebe Frau Körting,
wie immer bei Ihren Beiträgen :) werde ich kryptisch: Denn an den Linien, wie Sie es tun, denke ich ebenfalls nach, aber unter dem Stichwort Exklusivgesellschaft. Das schließt nicht nur Läden, Restaurants oder Schulen ein. Sehr gerne gelesen. e2m |
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Liebe Frau Körting,
Ich habe diesen Artikel sehr gerne gelesen. Vor allem, weil Sie und Herr Maier (TSP), sehr gut erkannt haben, dass neben diesem grundständigen Biologismus und dem aus der Ökonomielehre stammenden Effizienzgedanken, vor allem der Hang zu einem starr nationalen, kulturellen Leitbild, die größte Gefahr birgt. Nicht nur deshalb, weil es wieder Leuten Macht zuordnet, die dann sagen was erwünscht und angesagt ist, sondern vor allem, weil gerade diese Leute die angemahnte Kultur selbst weder erzeugen, noch sie besitzen. - Daher hat Herr Bosbach (CDU) bei jeder passenden Gelegenheit in der Innenpolitik, einen neuen schärfenden Gesetzesvorschlag. Das ist politische Unkultur. Sie zitieren Goethe falsch, sie wollen schon gar nicht seine Forderung aus dem "Divan" akzeptieren, die, ich hoffe es für Herrn Wulff einmal, nicht nur von einem Redenschreiber in den Text gesetzt wurde. Sie leben persönlich auch nicht einen Fitzel von dem, was sie auf der Publikumsbühne verordnen und einfordern. Dazu kommt dieser verheerende Ordnungs- und Putzsuchtswahn, der sich nicht nur mit der Friedhofsordnung hinter der eigenen Türe zufrieden gibt, sondern eher wie der böse Pfadfinder im ältesten Baden-Powell-Witz, überall tatkräftig hilft,obwohl diese Art der Hilfe von diesem Leuten gar nicht erwünscht ist. Die guten rechten Geister haben derzeit Erfolg, weil sie die Lehre von der medialen Indexierung mittlerweile wieder gut beherrschen (So kloppen kleine Leute und ökonomisch in den Jahren des Neoliberalismus Niedergetretene, nun auf den Sündenböcken aus der Türkei und dem Islam überhaupt herum). Keine Frage, viele Menschen in der Bevölkerung sind dafür sehr anfällig. Um einmal von der leidigen Diskussion um Integration weg zu kommen. In Hamburg wird eben im Hafen eine Elbphilharmonie gebaut, die am Ende ca. 500, vielleicht sogar 700 Millionen € kosten wird (geplant unter zweihundert Millionen) und jährliche Folgekosten, um den Bau sinnvoll zu nutzen und zu erhalten, von 10% der Bausumme erzeugt. Gleichzeitig wird einem der renommiertesten Theater der Stadt der Haushalt um 1,22 Millionen € gekürzt. Das machen Leute, deren Kulturbegriff so furchtbar (un-)strukturiert ist, wie er sich in des Nadelstreifproleten Buch wiederfindet. Form, Maß und Mäßigung, Stil und Vielfalt werden aufgegeben für Protz und Macht. An der neuen Elbphiharmonie entstehen dafür Lofts und Einkaufsmöglichkeiten für die 3-5% der Gesellschaft, die sich das leisten können, mag auch die Öffentlichkeit eine Milliarde für das neue Wa(h)r(en)zeichen der Stadt bezahlen. Sie können aber davon ausgehen, liebe Frau Körting, ganz unschuldig sind die Grünen daran nicht, die zu machtversessen nun schlucken und schlucken. Es passiert in Hamburg das, was auf Bundesebene Schröder mit den Grünen exerzierte und unsere Kanzlerin mit der SPD verwirklichte. Schlittenfahren mit einem Partner, dessen "Bauchschmerzen" immer ´mal wieder tröstend bedauert werden, aber insgeheim feilen die Entscheider in kleiner Runde schon an der nächsten Maßnahme in ihrem Sinne. Langsam sollte man daran zweifeln, ob die Grünen überhaupt Bauchschmerzen entwickeln, wie einst bei der SPD der Arbeitnehmerflügel doch eher eine vernachlässigbare Größe war, neben dem Flügel für den aus Hamburg Herr Kahrs steht. MfG Christoph Leusch |
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Sehr geehrter Herr Leusch,
danke für Ihre Ausführungen. Niemand ist "unschuldig", nehme ich an. Schon gar nicht die Grünen oder die SPD, die die Schieflage mitverursacht haben, gerade durch die Verlockungen der neoliberalen Sirenengesänge, denen sie nicht widerstanden haben. Und jemand wie Kahrs - oje, ja... Das ist ein anderes Thema, aber ebenfalls unerfreulich. |
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Gut, auf den Punkt gebracht, durchgehend, bis zum letzten Absatz. Auch der Hinweis in Ihrem Kommentar an quarktasche.
Was mich an Ihrer Frage am meisten wundert ist das diese Frage sich überhaupt stellt. Ich hatte einige Jahre in Singapur gelebt. Dort leben Chinese, Inder, Araber Europäer, Christen, Muslime, Hindu, es gibt "Little India", "Chinatown", es ist multi-ethnic. Das Wort multi-culture wird kaum benutzt. Das bringt natürlich auch Einschränkungen mit sich. Ich höre schon die Stimmen dort gäbe es die Todesstrafe, es gibt Schuluniformen, alles Dinge die hier abgelehnt werden. Aber es gibt keine Diskriminierung und Korruption. Es ist darum kein Wunder das vor allem in Berlin Unzufriedenheit über manches populistisches Geschwätz wächst, aber es ist noch ein langer Weg. |
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Sehr schöner Artikel!
"Ich will ein Land, das alles für seine Leute tut" Die Frage ist natürlich, was "unsere Leute" sind. Die Frage kannst du auch nicht wirklich umgehen. |
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Ich danke auch erstmal.
Aber welches Land könnte das sein, "das verheissene", in dem alle Ihre Forderungen erfüllt werden? Jordanien? Die Türkei? Die Ukraine? Die Schweiz? Bloss net. Noch schlimmer :-) Interessant, dass sachichma Singapur erwaehnt. Ich hörte, dass es dort aeusserst streng und monoman zugehe. (Kenne hier aber ganz reizende Leute aus der Stadt). Naja, vielleicht Syldawien....... Ihr Absatz "so gesättigt mit Ressentiments, so gefüttert mit diffusen Ängsten, so selbstgerecht in ihrer Diktion und in ihrem kaum verhohlenen Dünkel so weit von realistischer Politikbetrachtung abgekommen, dass man mittlerweile fast befürchten muss, ausgelacht zu werden..." laesst im Übrigen an unsere Community denken. |
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@ hibou
Ja, es ist mitunter einfacher, in den allgemeinen Sphären der Ethik sich zu bewegen und unter der großen nicht sichtbaren Überschrift "Alle Menschen sind gleich", auch in einem Einwanderungsland wie die Bundesrepublik, sich für die einvernehmliche Gleichheit auszusprechen. Das fällt besser bezahlten ethisch gebildeten Intellektuellen leichter als jenen, die sich, an der unteren Basis der Einkommen lebend, dem Thema Migration täglich praktisch zu stellen haben. Ich erinnere an das Länderspiel Deutschland - Türkei, das kürzlich in Berlin stattgefunden hat: Ein deutscher Spieler mit türkischen Wurzeln, seine Großeltern sind nach Deutschland gekommen, wurde, sobald er in Ballbesitz kam, von den türkischen Zuschauern nahezu das gesamte Spiel über ausgepfiffen, mit dem Ziel, ihn zu demoralisieren. Als er schließlich ein Tor erzielte, traute er sich nicht oder er konnte es nicht, seinem Erfolg Ausdruck zu verleihen, wie das in Fußballerkreisen üblich ist. Er blieb verhalten, es schien fast so, als sei ihm bewusst geworden, ein Tischtuch zwischen sich und seinen türkischen Wurzeln zu zerrissen zu haben. |
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hmm, nun gut, wenn sie sagen der artikel ist nicht abgeschrieben.
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jedenfalls haben sie recht, wenn sie schreiben: es ist eine frage des willens und wollens
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"Man sollte vielleicht die Kraft der Gesellschaft, doch immer wieder zu einer Vernunft zu kommen, dennoch nicht unterschätzen."
das hast du, liebe johanna, oben in einem kommentar notiert. ich weiß nicht, ob ich die rede von der VERNUNFT angesichts der gegenwart und vergangenheit dieser gesellschaft lustig oder listig finden soll. ich neige eher zu der bezeichnung "rückwärtsrepublik" oder meinetwegen auch 'behelfsrepublik'. wenn eine schnecke so ein schweres haus zu tragen hat wie dies land seine vergangenheit kommt sie kaum noch von der stelle. ich will nichts schwärzer machen, als es ist. aber in etwa 5 jahren sei der ölpeak erreicht, sagt man. was meinst du, was dann geschieht, wenn die schmiere ausgeht oder zu teuer wird? vernunft wäre dann noch gefragter als jetzt und überhaupt immer. selbst wenn mir die lampe des diogenes zur verfügung stünde, ich könnte die vernunft nicht finden. |
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Zwei "Tugenden" sind es, die mir seit meiner Jugend in diesem Land mal Bauchgrimmen verursachen, mal die Galle hochtreiben: Der Zwang zum 150-Prozentigem und der gleichzeitig auftretende, fast zwanghafte Wunsch nach Harmonie.
Alles was nicht Perfekt, jede und jeder, der die Harmonie stört wird zumindest verbal ausgegrenzt. Übrig bleibt eine romantische Vorstellung von einer perfekten Welt, die man versucht zu erreichen. Als Ziel zwar irreal, als Zielrichtung vielleicht akzeptabel. Das Problem ist nur die Neigung, es nicht darunter tun zu wollen. Da passen dann scheinobjektive Erklärungsversuche, pseudowissenschaftliche Erklärungen, statistisches Zahlen(!)material hervorragend, um sich selbst vorzumachen, die Welt ließe sich quasi Ingenieurmässig in ihren idealen Zustand schrauben. Wie armselig und unbelehrbar traditionalistisch wirkt da politisches Handeln, das darauf hinwirkt, die Menschen so zu lassen, wie sie sind, aber ihnen bessere Bedingungen für ihr Leben, bessere Bildungschancen für ihre Kinder oder gar größere demokratische Mitentscheidungsmöglichkeiten zu organisieren. Was hilft? Nicht in die Verzweiflung treiben lassen, weiter machen, Andere solidarisch unterstützen, Blödmänner widersprechen. Als ich 1966 in einer katholischen Grundschule im Bergischen Land eingeschult wurde, hatte ich - aus Sardinien kommend - wenige Monate vorher zum ersten Mal Schnee gesehen und mich über ein Wort gewundert, das ich an der Ladentheke hörte, während ich an der Hand meiner Mutter wartend und staunend auf die merkwürdig anders aussehenden Würste in der Kühltheke der Metzgerei schaute: Spaghettifresser! |
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"Was hilft? Nicht in die Verzweiflung treiben lassen, weiter machen, Andere solidarisch unterstützen, Blödmänner widersprechen."
JA. Danke :) |
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lesenswert und themennah: Martensteins Forderung an den Bundespräsidenten, sich besser anzupassen und mehr in seinem Job anzustrengen - immerhin wird er ja staatlich alimentiert!
www.tagesspiegel.de/meinung/fuer-das-gehaspel-geld-zurueck/1953348.html;jsessionid=B036B7BFC941D944EC53A8400B2F9ADF |
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Einerseits:
Ich habe mal in einer ganz tollen WG gewohnt. Wir mochten uns, schätzten uns und hatten Freude daran, füreinander zu sorgen. Irgendwann zog die Erste aus, dann der Zweite, neue Mitbewohner lebten so, wie sie es für richtig hielten, und nach einer Weile war mein Heim kein „richtiges“ Zuhause mehr. Sollte man da jetzt nach Verantwortlichen suchen? Wozu? Darf man die veränderten Zustände bedauern? Warum nicht? Darf ich sagen: „Puh, die neuen Mitbewohner, die waren total komisch, mit denen bin ich überhaupt nicht warm geworden...“? Klar. Hätte es mir zugestanden, die Beiden raus zu mobben, weil ich zuerst da war? Wohl kaum. Andererseits: Ich bin vor 15 Monaten mit meinen Kindern (7 und 10 damals) auf’s Land gezogen und hatte eigentlich ein ziemlich schlechtes Gewissen deswegen. Die Kinder entwurzeln, rauszerren aus ihrem bunten multikulturellen Großstadtteil, der Kleineren ihre tolerante sozial hoch engagierte Schule nehmen... Das Leben hat mich mal wieder überrascht. Meine Kinder sind überglücklich in ihren neuen Schulen, ein Quotenmigrant in jeder Klasse, freundliche sozial eingestellte Mitschüler, ein entspanntes faires Miteinander prägt das jeweilige Klassenklima. Mein Großer ist völlig platt, der wusste gar nicht, dass es so etwas geben kann und fleht mich in regelmäßigen Abständen an, ja nicht wieder zurück zu ziehen. Dabei war ich so überzeugt von der alten Grundschule. Durch den hohen Migrantenanteil (5 von 24 Kindern waren deutsch in der Klasse meiner Tochter) war die Schule unglaublich bemüht das soziale Miteinander zu fördern. Wohl durchdachte pädagogische Konzepte sollten die Integration fördern und gewalttätigen Auseinandersetzungen vorbeugen. Und nun sind meine Kinder heilfroh, dass der Anpassungsdruck an die anderen Kulturen weg ist. Dass sie einfach sie selbst sein dürfen, in schöner Harmonie mit Kindern die ähnlich ticken. Darf ich das jetzt schreiben? Darf man über solche Dinge überhaupt nachdenken? Häufig ist sicherheitshalber einfach mal das ganze Gespräch tabu. Nur, wie soll da jemals ein konstruktiver Lösungsansatz entstehen, der alle Aspekte angemessen beleuchtet? Natürlich bedeutet eine Landschule nicht gleich heile Welt. Ich bin selber ländlich aufgewachsen, und erinnere mich in diesem Zusammenhang deutlicher an Momente von Intoleranz und Ausgrenzung anders denkender, als an Menschlichkeit oder Zivilcourage. Und wie wir alle, kenne auch ich zahlreiche sympathische gebildete Menschen ausländischer Herkunft. Mit denen würde ich natürlich auch gerne in einer WG leben. Und ich kenne auch einige gewaltige Menge deutscher Vollidioten. Einige davon auch sehr gebildet. Sogar hier in der freitags-Community melden sich Menschen zu Wort, die mich frösteln lassen. Klar. Da sind vermutlich in uns allen eine Menge gemischter Gefühle zu diesem Thema unterwegs. Und in etlichen Magengruben lauert bestimmt auch ein Gefühl, das heißt „Angst vor dem Fremden“. Und der Versuch Ängste zu unterdrücken, kann ja bekanntlich schon mal dazu führen, dass der Kessel hochgeht... Fehlt uns in Deutschland vielleicht eine Kultur des unverbindlichen Gesprächs über Emotionen? Es ist ja in gebildeten Kreisen gesellschaftlicher Selbstmord zu gestehen: „ich habe Angst, meine Kinder könnten von mir fremden Kulturen eingeengt werden“ (hab ich gar nicht, aber könnte ich ja theoretisch haben). Und wenn sich dann viele Menschen mit solchen unterdrückten Sorgen tragen, dann kann sich das vielleicht auch schon mal verselbständigen... Denn: „wie will ich sein und wie bin ich wirklich?“ - die Antworten auf diese Fragen müssen sich ja nicht zwangsläufig decken. Und wenn Deutschland gar nicht so tolerant und weltoffen ist wie „es“ (wer ist das?) gerne wäre, dann sollte es vielleicht darüber reden dürfen? Hilft ja manchmal... Aus der WG bin ich damals ausgezogen. Ich hätte auch versuchen können, mich auf die anderen einzustellen oder auf bessere Zeiten zu warten. In jedem Fall war das nicht meine Wohnung. Ich war nicht der Vermieter. Aus der WG-Deutschland würde ich nicht so ohne Weiteres ausziehen, wenn es mir nicht mehr gefiele. Obwohl ich lügen müsste, wenn ich sagen sollte, dass ich nicht froh wäre, dass aktuell niemand mehr zu meinem Sohn sagt „vafick disch, Alta ey!“. Vermutlich würde ich ein Weilchen versuchen die „anderen“ zu mögen (ändern kann man ja bekanntlich nur sich selber), und wenn mir das nicht gelänge, würde ich mehr Zeit auf meinem Zimmer verbringen. Verzeiht den elend langen Kommentar - kürzer kann ich nicht. Grüße vom brot |
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@ a. brot
Du schreibst: Es ist ja in gebildeten Kreisen gesellschaftlicher Selbstmord zu gestehen: „ich habe Angst, meine Kinder könnten von mir fremden Kulturen eingeengt werden“ (hab ich gar nicht, aber könnte ich ja theoretisch haben). Nehm' mal kurz an, dem wäre doch so. Deine Gefühle würden trotz Gebildetheit die Oberhand haben, weil Du schon verschiedene praktische Erfahrungen hast sammeln müssen. Du selbst zitierst ja eine solche. Fünf von 24 Kindern waren Deutsche in der Klasse Deines Kindes. Deine Kinder gingen gerne in diese Schule, weil Grundschüler meistens gerne in die Schule gehen. Dass es aber noch besser sein kann, schon wg. der verbal-redundanten Kraftakte, die in städtischen Schulen häufiger anzutreffen sind, ist zumindest eine Erfahrung für Deine Kinder. Obwohl eine jüngst erschienene Untersuchung der Uni Würzburg zeigte, dass in deutschen Grundschulen die Kinder sehr offen gegenüber anderen Kulturen seien. 40 Prozent der Erstklässler hätten einen Freund bzw. eine Freundin mit Migrationshintergrund. Die Folge für solche Gefühle, die Du an den Horizont malst, ist schwerwiegend: gesellschaftlicher Selbstmord. Das ist doch genau jene Abgrenzung, die anscheinend von diesen Kreisen gegenüber Migranten abgelehnt wird. Meinst Du, das ist ernst gemeint? Wenn dem so ist, wird weiterhin eine offene Diskussion in den bildungsnahen Kreisen nicht ernsthaft geführt, weil die Angst vorherrscht, nicht pc zu argumentieren. Die praktischen Erfahrungen sind es, die die Alltagskultur betreffen, weniger die in fernen Geisteszirkeln, die nur die Bedingungen der Möglichkeiten erörtern, ohne den täglichen Lebensbezug herstellen zu müssen. |
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@achtermann
Natürlich habe ich das jetzt ein wenig zugespitzt, um die Konturen klarer beleuchten zu können. Aber ich denke tatsächlich ernsthaft über die Frage nach, ob das "Verbot" potenziell fremdenfeindliche Befürchtungen zu äußern nicht genau das Gegenteil von dem bewirkt, was es soll. Und vor allem frage ich mich natürlich, wie man diesem Dilemma entgehen könnte... da müsste wohl an mehreren Schrauben gestellt werden, und vielleicht bräuchte es auch eine Kultur, in der man erst in Ruhe zuhört, dann gründlich nachdenkt und sich erst danach ein Urteil bildet. Nur woher soll die jetzt plötzlich kommen? Wie geht das wohl in anderen Ländern? Wie halten das die Holländer, Schweden, US-Bürger? Von einer ehrlichen Diskussion zum Themenpaket "Integration Fremder Kulturen" sind wir meiner Ansicht nach in Deutschland ziemlich weit entfernt. Und ich bin mir nicht sicher, ob sich das nicht eines Tages rächen wird... |
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a. brot, danke für Ihre nachdenkliche Offenheit.
Natürlich bedeutet "Toleranz" und auch "Akzeptanz" nicht, dass man sich selbst fremd zu fühlen hat ;) Und man wird auch nicht migrantenfeindlich, wenn man sich von Leuten nicht ständig anmachen lassen will bzw. davon gestört wird. Genauso wenig, wie man herumhängende Jugendliche oder Trinker insgesamt ablehnt, wenn man sich nicht von einem Einzelnen, Betrunkenden die Treppe runterschubsen lassen will. Multikulti ist in erster Linie wohl - anstrengend. Und wahrscheinlich gibt es auch ungut wirkenden positiven Rassismus, der die Probleme eher verschärfte. DAs ist ein weites Feld. Im MOment jedoch scheint mir, dass es wichtiger ist, auf die Willkommenskultur zu pochen. Ohne irgendwas verschweigen zu müssen. Ich stelle mir vor, manchmal, wie es mir ginge. So als zunächst Fremde im Ausland. Mit meinem Nicht-Kopftuch, meiner Widerspenstigkeit, meiner Angst. Mit meinen Kindern, meiner Sprache, meiner Hoffnung. Am Anfang. Kinder in zweiter oder dritter Generation von egal woher haben sich genauso zu benehmen, haben das genauso zu lernen wie Kinder in erster oder fünfter Generation von egal woher. Auch das ist eine Frage von Anerkennung und Toleranz. Aber es darf auch ncith schwerer wiegen, wenn einen ein dreister Junge mit Migrationshintergrund "Votze" nennt als eine dreiste Jugendliche aus Hamburg-Flottbek. Oder? Auch wenn die Frequenz höher sein mag in erstem Fall und die sozialen Probleme durchaus real sind. Es wäre eher ein ARgument FÜR ein Beharren auf jeder Bemühung, gut zusammen zu leben. Der Text ist auch nicht als Appell an die Herkunftsseite gemeint, sondern sollte ALLE ansprechen, die hier gemeinsam leben wollen oder müssen. Es gibt |
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tja, und jetzt steht da so ein verwaistes "Es gibt" und stellt mir die Frage, wohin es wollte. Was gibt es?
Es gibt so vieles, das es nicht geben sollte. Und es gibt so vieles, das es zum Glück gibt. Jedenfalls: sollte man reden. Immer wieder reden. Im Gespräch bleiben. Dazu ermutigen. Jemand, mit dem man schon mal geredet hat, kann man nicht mehr einfach so mit allem Möglichen und Unmöglichem in einen Topf werfen. Weil der dann ein Einzelner ist. Mit dem man ja höchstpersönlich als Einzelner geredet hat. Das ist ja nicht nur mit "Fremden" so, sondern auch auf dem Amt, zum Beispiel. Der Typ vom Finanzamt, der am Telefon immer so harsch rüber kommt, und Briefe schreibt, die man nie im Leben verstehen kann - wird plötzlich zum Menschen, der einen auch selbst WAHRNIMMT, wenn man ihn im Büro aufsucht. Dann hat er einen dicken Bauch, ein müdes Gesicht, einen Beamtenbuckel und versteht plötzlich, dass man diese Briefe nicht verstehen kann, und dass dies oder jenes wichtig ist, und dann geht plötzlich doch noch was, oder könnte vielleicht ,wenn man diese oder jene Formulierung in den nächsten Antrag mit aufnimmt... Dann - wird KOMMUNIZIERT, und nciht aneinander vorbeigeredet. DAs ist natürlich sehr viel schwerer, wenn es schon sprachlich hapert. Sprechen kann man trotzdem. Notfalls mit Händen und Füßen :) |
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"Und wahrscheinlich gibt es auch ungut wirkenden positiven Rassismus,"
Was ist denn das, positiver im Gegensatz zu negativem Rassismus? |
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Danke für den lesenswerten Beitrag.
Was mich an der Debatte immer wieder stört ist das Deutschland nicht nur in Berlin stattfindet. Die Ministerin Schröder stellt sich vor die Kameras und schwurbelt etwas von Deutschfeindlichkeit, als ob alle Schulen in Deutschland so wie in den Problemvierteln Berlins sind. Integration fängt in der Grundschule und im Kindergarten an und es gibt genügend positive Beispiele die genau das untermauern. |
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Hier spricht die Wissenschaft:
www.heymat.hu-berlin.de/ (man beachte auch das UPDATE oben zum Anklicken! Dann pdf-Datei) |
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schrieb am
16.10.2010 um 08:58
Danke für den Link, aber Leute, die nicht nur lesen/hören was sie glauben wollen wissen das ohnehin schon ;)
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Ich lebe seit vielen Jahren in Südwestfrankreich. Von außen gesehen erscheint die Debatte über die Thesen des Herrn Sarrazin, die Äußerungen eines Herrn Westerwelle, eines Herr Seehofer und anderen ganz einfach gespenstisch.
Hartz4ler, Aufstocker, Integrationsverweigerer, Gutmenschen... Auf den ersten Blick kann man meinen: Deutschland ein Irrenhaus. Doch auf den zweiten Blick sieht es schon ganz anders aus. Da ist der Herr Westerwelle so in der Wählergunst abgesackt, dass er um sein politisches Überleben und das seiner Partei fürchtet, ein Herr Seehofer um sein Überleben in seiner Partei fürchten muß. Da sinken die Popularitätswerte der CDU/CSU, es steigt die Popularität der Grünen über die der SPD, erreicht fast die Werte der CDU/CSU. Was passiert wirklich in diesem Land? Ich kann nur jedermann und -frau raten, die ein Zusammenleben aller Bürger in Frieden und ohne Angst in diesem Land wollen, im täglichen Leben Partei zu ergreifen, den Mund aufzumachen und klar seine Meinung kundzutun. Es gibt keinen Grund, das Feld den "Schlechtmenschen" zu überlassen. |
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schrieb am
16.10.2010 um 08:04
das haben sie schon richtig erkannt: ein irrenhaus! aber bitte, es gibt auch nicht- irre, die sich ständig fremd schämen und mit dem gedanken der auswanderung spielen. mfg
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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