Katharina Körting

Blog von Katharina Körting

23.06.2010 | 09:37

Zahnspange Bildung

"Wissen Sie, ich kann zwei Sachen messen“, sagte neulich eine Kollegin Mutter zur Lehrerin, „ die Zufriedenheit meines Kindes und seine Leistung…“   Man kommt ins Grübeln: Verfügt diese Mutter über ein Leistometer, das das Ergebnis der Messung in einer farbigen Excel-Tabelle darstellt?  Misst sie die Zufriedenheit mit einem Gefühlsbarometer? Und darf das schwanken, oder muss es immer „Sonne“ anzeigen, weil sie andernfalls das Kind sofort von der Schule nimmt?

DeutschLand der Dichter und Denker macht Bildung zur „Chefsache“ und heizt durch seine „Bildungsgipfel“. „Die“ Wirtschaft hat kein Geld oder keine Lust mehr, genügend Ausbildungsstellen bereit zu stellen (und klagt über Fachkräftemangel). Die Lehrer im Lande stöhnen im Chor mit derselben Wirtschaft über die fehlenden  Rechtschreib- und Rechenkenntnisse ihrer Schüler. Das Land reformiert seine Schulen, mal so mal so, und  hüpft dabei vom Hölzchen aufs Stöckchen und wieder zurück. Und an den Schulen rumort es genauso wie  an den Küchentischen „bildungsnaher“ Eltern (oder derjenigen, die sich dafür halten).

Bildung = Leistung 

Sie sehen sie ja auch überall, die Gleichung Bildung = Leistung = Zukunft. Also vergleichen sie das Angebot: an Schulen, Methoden, Umfeld und Lehrern, prüfen das Material, das Preis-Leistungs-Verhältnis wie beim Schuhe kaufen oder bei der Zahnspange: Da gibt es die Prekariatsvariante,  „Komfort“ für die Mittelschicht und die Luxusausführung. An den Zähnen werdet ihr sie erkennen – und die Bildung ist entscheidend dafür, ob das was wird.  Oder ob alles krumm und schief wächst, wie der Schnabel gewachsen ist. Null-acht-fuffzehn oder Privatschule? Sein oder Nichtsein?

So wie kaum ein Kind ohne Zahnspange die besten Jahre seiner Kindheit verbringt, so gilt es, aus dieser das Beste auch bildungsmäßig rauszuholen, blank zu putzen, Möglichkeiten zu wienern, zu zupfen, zu ziehen. Schule = Dienstleistung, denn immer und überall geht es um LEISTUNG, in Warnblinkfarben und mit Tatütata fremddefiniert. Nie ist es genug, und immer geht alles zu langsam. Der Zug ist so schnell abgefahren! Und die Fenster, die gefürchteten Zeitfenster, schließen sich so schnell, dass man keine Zeit verlieren darf, hinauszuschauen. Man muss etwas hineintun, bevor sie für immer geschlossen sind – Klappe zu Affe tot. Die Zeit drängt, drängt, drängt!

Panikähnliche Bildungsattacken 

Schon im Grundschulalter  gilt es, Nachweise zu sammeln, Zertifikate, die später in den Bewerbungsmappen diverse Qualifikationen belegen sollen – Rechenkönig, soziales Engagement, Frühenglisch…  Alles soll dem Berufsleben nützlich sein, und dafür, für die künftige Leistungsfähigkeit, geben Eltern, die es sich leisten können, einen Haufen Geld aus: für die Zukunft.  „Frühkindliche Bildung“, so gut sie gemeint sein mag, erhält da rasch einen schrillen Beiklang.

Doch das Leben ist  laut, die Zeiten sind hart, da heißt es Ohren anlegen und durch, möglichst schnell, möglichst sehr gut, möglichst wenig abgelenkt. So quälen viele Eltern sich und ihre Kinder mit panikähnlichen Bildungsattacken und machen sich (gegenseitig) verrückt. Das natürliche Vertrauen in die Fähigkeiten der Kinder schwindet. Auch dem Lehrer traut man nichts mehr zu.  Einfach so erfolgreich zu sein, in der Schule, im Leben, im Beruf, an Widerständen zu wachsen, Misserfolge auch ohne psychologischen Beistand zu verarbeiten – unmöglich! Also steuern, füttern, nachhelfen! Notfalls mit Coach und Vitaminpillen! Anders wird das nichts! Bloß keine Zeit verschwenden! Zeit ist Bildung! Wie Brennnesseln vermehren sich die Nachhilfe-“Institute“ auf den Betonböden unserer Städte; die Suggestionen wuchern, dass es ohne nicht geht, dass ohne nichts geht, dass die Schule nicht reicht. Hausaufgaben? Machen die bildungsnahen Mütter gemeinsam mit ihren Kindern,  schreiben auch die Arbeiten mit ihnen. „Wir haben das Probehalbjahr bestanden“, heißt es dann. Mit Hängen und Würgen und Dauerstress für alle Beteiligten. Eine mal mehr – mal weniger unbeschwerte Kindheit, eine Schulzeit, die man weitgehend ohne Eltern hinkriegt und  in der man auch mal gepflegt versagen darf, kommt nur noch in denjenigen Büchern vor, die die Kinder nicht mehr lesen und die Erwachsenen sicherheitshalber vergessen. Bildung wird zum großen Angstthema der Zeit, und die  findet immer etwas Neues, was man nicht versäumen darf.

Indem Eltern ihre Kinder als Messlatte für den eigenen Erfolg missbrauchen, werden die kostbaren freien Räume des schwebenden, zweckfreien Seins zugestellt mit Ängsten, Konkurrenzen, Ansprüchen – und die Kinder darin, um die es angeblich doch geht, werden an jeder ellbogenharten Ecke gemessen, vermessen für eine Gesellschaft, die sich an ihrer eigenen Zukunft verhebt, während sie das Maß zusammen mit dem Ziel verliert: Bildung, die ein Mensch verdient – und Lernen, das ein Leben wert ist.

 

 

 
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Kommentare
Technixer schrieb am 23.06.2010 um 11:16
Das die Eltern mittlerweile zu Vollzeitmangern in der Gestaltung des Kinderalltages geworden sind, ist ja nun schon länger bekannt. Insbesondere bei Akademiker Kindern, also den Wertvollen nachhaltigen Kindern.

Das die Arbeitsbelastung und die psychische in einem Maße zunehmen das Schulpsychologen (die es ja schon ziemlich lange an den Schulen gibt) Alarm schlagen weil sie Burnoutsyndrome bei 12 Jährigen feststellen, ist auch schon seit mehreren Jahren bekannt. Ändert sich was? Nö. Leistung. Leistung und nochmals Leistung, die dann nichtmal entsprechend entlohnt wird.

Beim Lebensqualitätsranking (beim Bewerten und Statistiken erstellen von jedem noch so kleinen Furz sind wir ja auch Weltmeister) ist Deutschland trotz seines enormen Reichtums ganz weit hinten. Warum wohl? Mag es an dem Leistungsdruck liegen, der immer mehr Menschen auf der Strecke lässt?

Das Wissen Zeit braucht, erst recht wo sich die wissenschaftliche Informationsmenge alle 4 Jahre verdoppelt! wird rigoros ausgeblendet.

Der Selbstbetrug der akademischen Mittelschicht ist enorm, der Glaube an den Aufstieg durch Leistung ungebrochen, wie man an der obigen Kritik gut erkennen kann.
Katharina Körting schrieb am 23.06.2010 um 13:27
Ach, ich weiß nicht...

Ich glaube nicht mal, dass es zu viel "Leistungsdruck" gibt - schon mit dem Begriff wäre ich vorsichtig, denn bei allzu häufigem Gebrauch sagt er nicht mehr als als dass man keine Lust mehr hat nachzudenken ;) -

Ich finde, man könnte darüber nachdenken, was Leistung bedeutet, für wen, wie man daraus für alle Beteiligten Gewinn zieht, und den wiederum nicht in erster Linie pekuniär. "Leistung", "Erfolg" sind zu Synonymen der Fremdbestimmung geworden, ohne dass man genau ausmachen könnte, von wo da eigentlich - fremd - das Eigene bestimmt wird.

Ach so, und das Wort "Lebensqualität" meide ich grundsätzlich - auch dieses lese und verstehe ich als eines, das produktspezifische Kriterien auf Leben und lebendige Wesen anwendet - und damit eine Dinghaftigkeit suggeriert, gegen die man sich an jeder Stelle wehren sollte.

Leben kann man nicht kaufen, Menschen sind keine Produkte, Bildung ist ein Prozess, der möglichst wenig von Geldgesetzen bestimmt werden sollte, und eine Lebensqualität gibt es nicht. Das ist mein Solo-Standpunkt ;)
andreaarcais schrieb am 24.06.2010 um 07:55
Eine Erfahrung, die nur wenige Kinder noch machen dürfen: Den Nachmittag spielend verbringen und dabei die Welt der Erwachsenen verlassen.
...Was man dabei alles Lernen kann!
goch schrieb am 24.06.2010 um 16:05
Bildung muss sich an den Bedürfnissen eines Kindes und seinen Interessen ausrichten. Die Entwicklung der Persönlichkeit eines Kindes muss im Mittelpunkt stehen.
Wie du richtig anmerkst, verschwindet dies hinter Lernstandstests, Landesweiten Abschlusstests, dem ständigen Messen und Schielen auf Leistungsstandards.
Viele Eltern werden von der Angst beherrscht, dass ihr Kind nicht im Konkurrenzk(r)ampf mithalten kann und zu den "Verlierern" gehören könnte. Diese Angst und die Parole Bildung gleich Aufstieg /Zukunft in einer globalisierten Konkurrenzgesellschaft wird seit vielen Jahren vom Mainstream rauf und runter gebetet.
h.yuren schrieb am 24.06.2010 um 22:23
"Ich fürchte, unsere allzu sorgfältige Erziehung liefert uns nur Zwergobst."
das schrieb g.c. lichtenberg vor weit über 200 jahren.
es gibt ja hier und da pädagog/innen, die den kindern etwas fürs leben mitgeben.
doch die kultusbürokratie, unterstützt von parteien, verbänden und kirchen, sieht in den kindern nur den rohstoff für ihre diversen interessen. die toben sich in der schule aus wie manche kinder.
von der ursprünglichen bedeutung des wortes schule = muße könnte sich die bildungsanstalt gar nicht weiter entfernen.
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