johannpeterwerth

werthbereinigung

16.06.2009 | 20:19

Frau Hoffmann und die Berliner

Frau Hoffmann war Anfang fünfzig. Jedenfalls sah sie so aus, vielleicht war sie auch erst in den Vierzigern. Sie litt, das war damals für uns alle ganz offensichtlich, unter einer eigenartigen Farbenblindheit. Meine Cousine und ich hatten mal das Bild vor Augen, wie Frau Hoffmann in ein Modegeschäft für "Frauen im gewissen Alter" geht und die Bedienung dreht ihr alles an, was grad weg muss. Und die Hoffmann bedankt sich mit den Worten: Schön, dass Sie mir immer diese gedeckten Grautöne empfehlen!" Im Unterricht (Mathematik, Erdkunde und schlechtes Benehmen) saß sie dann da wie immer: Senfgelbe Bluse, braunes Top, minzegrüner Rock, pinkfarbene Schuhe, goldene Ohrringe mit roten Steinen, blaugetönte Brille. So wie man sie bei BVG-Ansagerinnen gern gesehen hat, als Berlin noch "Ost" und "West" vorangestellt wurde. Diese Brillen gab es nur im Bereich "West".

Frau Hoffmann konnte sich köstlich amüsieren über den Berliner Witz. Wenn er den scheußlichen Brunnen vor dem Europacenter "Wasserklops" nannte, war das genau ihre Linie. Frau Hoffmann war so schlecht erzogen, dass es die Sau grauste.

Ich frage mich, seit ich das erste Mal in Berlin war, was eigentlich an dieser unerfreulichen Art so humorvoll sein soll. Gut, ich komme aus Hamburg, da ist man zurückhaltend und eher distinguiert. Aber so etwas? Das kann doch keine Alternative sein. In meiner ersten Woche in Berlin versuchte ich, Croissants zu kaufen bei einem Bäcker. "Die sehen aber seltsam aus. Woraus sind die denn?" -- "Aus Mürbeteig natürlich!" Das ist die Berliner Frechheit, gepaart mit Dummheit. 

An Supermärkten stand damals: "Unser Service für Sie: Mo–Fr bis 20 Uhr geöffnet!" Das gab es im Rest der Republik damals schon seit 10 Jahren.

Berlin ist und bleibt Provinz. Als der Flughafen Tempelhof geschlossen werden sollte, machte die CDU-nahe pro-Tempelhof-Aktion Werbung mit dem Slogan. "Welche andere Stadt hat schon einen innerstädtischen Flughafen?" Und jemand schrieb dazu: "Warum nicht ein innerstädtisches Kernkraftwerk? Das hat auch keine andere Metropole!" Berlin wird in den nächsten 40 Jahren niemals Metropole werden. Berlin wird Provinz bleiben. Angenehm verrottete Provinz, aber trotzdem keine Metropole.

 
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Kommentare
Magda schrieb am 16.06.2009 um 21:23
Ich habe gerade eine Sendung über Regina Hildebrandt gesehen. Ich weiß ja nicht, ob Sie die kennen. Sie ist ja auch gestorben.
Aber die hätte nach so einem Beitrag schallend bis scheppernd gelacht, ihre gelbe Bluse in den hellgrauen Rock gesteckt und sich nicht weiter drum gekümmert. Sie hätte zu Ihnen wahrscheinlich gesagt: Junger Mann, nu hamse sich mal nich so. Die hätte Sie zu Tode erschreckt.

Sie hatte einfach andere Sorgen. Möglicherweise ist das bei den Berlinern überhaupt so: Die haben andere Sorgen. Jedenfalls viele von ihnen.
Kurzerhand: Berlin ist nun mal keine Schöngeisterbahn.
Vielleicht aber kriegen wir es ja beigebracht - von den Hanseaten. Sie können sich ja stilbildend betätigen. Die Berliner werdens Ihnen danken, man weiß aber nicht wie.

Eines ist wahr: Es ist degoutant, solche Scherzbenennungen wie "Wasserklops" oder "Telespargel" oder "Stutti" zu verwenden. Sowas erfinden meistens stilferne Journalisten.

Halten zu Gnaden
Deaktivierter Nutzer schrieb am 17.06.2009 um 07:51
Bin ja nun schon ein Weilchen auf dieser Welt und habe also die Lebensqualität und die Eigenarten der jeweils eingeborenen Bevölkerung in einigen größeren deutschen Städten kennengelernt, sogar auch ein bisschen die Hamburgs. Muss sagen, dass das Verhältnis von Spannendem und Nervendem, von Intelligenz und Dummheit, von Muff und Maff tendenziell überall gleich ist.
Als gebürtiger Dorfbengel (ich sollte meinen nickname ändern) kann ich das unvoreingenommen beurteilen.
outnumber schrieb am 17.06.2009 um 11:15
ich war berliner und jetzt hamburger, fast-food bleibt fast-food
im vergleich zu der polohemd-fraktion in hh wird mir doch ganz anders ums herz, wenn ich an berlin denke:

Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen, und dein Mund ist viel zu groß, dein Silberblick ist unverdrossen, doch nie sagst du: »Was mach 'ich bloß?«

Berlin, du bist viel zu flach geraten für die Schönheitskonkurrenz. Doch wer liebt schon nach Metermaßen, wenn du dich zu ihm bekennst?

Berlin, du bist die Frau mit der Schürze, an der wir unser Leben lang ziehn. Berlin, du gibst dem Taufschein die Würze, und hast uns den »Na und« als Rettungsring verliehn.

ohh, singe ich etwa laut? :-))))
Magda schrieb am 17.06.2009 um 19:11
Na, das ist ja ein Ding, den alten Hilde Knef Song hat er beim Wickel. Sehr schön. Ja, ich höre es. Wunderbar. Aber Ton halten.

Gruß
Magda
Titta schrieb am 17.06.2009 um 19:26
Dazu hätte ich auch noch was zu sagen:

Tief im Westen, wo die Sonne verstaubt, ist es viel besser, viel besser als man glaubt ...

Von uns aus gesehn sind Berlin und hh ja nur Dörfer, aber psst, das hörn die da nicht gerne.
Titta schrieb am 17.06.2009 um 22:06
PS.
@johannpeterwerth

Schlechte Erziehung hilft über so manches hinweg.
Friedland schrieb am 17.06.2009 um 22:13
Vielleicht bleibt Berlin auch deshalb immer zu einem Gutteil provinziell, weil die halbe Provinz nach Berlin gezogen ist...

Provinz entsteht im Kopf, und ist auch an sich nicht schlecht, sondern hin und wieder auch liebenswert. Zuviel internationales Getue schreckt doch dann nur ab.

Berlin wird immer Berlin bleiben: Metropole und Provinz, gemeinsam in einem Kiez, in einem Kopf. Und den Berliner "Witz" muss man einfach ertragen lernen...

...Friedland...
Magda schrieb am 18.06.2009 um 18:50
Wir haben früher immer gealbert.

Berlin ist immer eine Reise wert.
Kann ja auch eine Abreise sein.

Magda
johannpeterwerth
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