johannpeterwerth

werthbereinigung

27.05.2009 | 15:27

Mutter weiß es besser

Ich gebe mir große Mühe, einmal in der Woche mit meiner Mutter zu telefonieren. Sie lebt in Hamburg, ich in Berlin. Meine Mutter ist gerade siebzig geworden und hat viele erlebt. Sie hat Politik sehr nah beobachten dürfen. 

Bei unserem letzten Telefonat habe ich meine Bedenken gegenüber dem Vorhaben der Regierung geäußert, durch die Hintertür (und trotzdem so offensichtlich) eine Internet-Zensur einzuführen. Nach einer Dreiviertelstunde hatte ich meinen Standpunkt grob zusammen gefasst und meine Mutter stimmte mir zu. Dann sagte sie etwas, das mich in dem Moment weniger erschreckt hat, als es das heute, mit einigen Tagen Distanz tut.

Meine Mutter erklärte, sie habe so viele ungeheuerliche Vorgänge in der Politik miterlebt. Sie habe so viel Schindluder mitbekommen und so viele stümperhafte Versuche, unter dem Deckmantel der Demokratie schlicht parteipolitisches Gerangel zu verstecken (was ja auch meistens missglückt sei). Das habe bei ihr selbst und in ihrem Bekanntenkreis regelmäßig für Zorn gesorgt. Sie beschrieb, wie wütend man mitunter auf Politiker war. Und obwohl sie einer CSU-Nähe völlig unverdächtig war und ist (schon räumlich!), habe sie sich stets die Debatten zwischen Wehner und Strauß verfolgt, weil es Spaß gemacht hat, sich anschließend über FJS zu empören und den Streit auf privater Ebene mit Freunden fortzusetzen.

Heute aber, darauf wollte sie hinaus, sei sie an einem Punkt angelangt, an dem weder Zorn noch schlichte Abneigung gegen Politiker oder Politik sie umtreibe. Sie habe "schlich Angst vor diesen Menschen." Politiker handelten heute so, dass man den Eindruck gewinne, sie verstünden ihr Handwerk nicht mehr. Die Überschaubarkeit sei in einem Maße verloren gegangen, dass einem Angst und Bange werden könne. Und das werde ihr. 

Ich habe in dem Moment die Dimension ihrer kleinen Geschichte völlig falsch eingeschätzt. Erst drei Tage später ist mir aufgefallen, wie diese Information immer noch in mir waberte und habe festgestellt, dass es mir ganz genauso geht. Du lieber Himmel! Ich bin dreißig Jahre alt! Sollte man da als interessierter und leidlich gebildeter Mensch nicht etwas mehr Vertrauen aufbringen können? Sollte man wohl, aber die Selbstverständlichkeit, mit der ich das vor zehn Jahren getan habe, ist mir völlig abhanden gekommen. 

Wenn der rechte Pöbel kein Vertrauen in die Politiker im Speziellen oder Politik im Allgemeinen hat, finde ich das in Teilen sogar nachvollziehbar, weil häufig die Höhe der Betrachtung fehlt. Das verdient mein ganzes Mitleid und meine tiefe Verachtung gleichermaßen. Geschenkt. Aber als ich mich selbst dabei ertappt habe, dass ich eine tief sitzende Angst Politikern gegenüber verspüre, weil ich nicht mehr davon ausgehen kann, dass sie auch wissen, was sie tun und wovon sie reden – da war mir plötzlich ziemlich übel. Ich war erschrocken über mich selbst, weil ich das nie für möglich gehalten hatte.

Hat schon mal jemand versucht, eine E-Mail an ein Bundesministerium zu schicken? Man bekommt keine Antwort, nicht mal von der Poststelle. Das finde ich ziemlich bezeichnend: Da ist so ein Apparat, ein soziales System, genannt "Ministerium" und das west da vor sich hin und man hat als Inhaber (Bürger) keine Ahnung, was da so vor sich geht.

Ich finde es überaus gefährlich, wenn ein bestimmtes Verhalten von Politik einen überzeugten Wähler/Demokraten dazu bringt, sich bedroht zu fühlen. Politik verspielt mein Vertrauen und ich kann sie nicht mal davor warnen. Das ist nicht nur gefährlich für das nächste Wahlergebnis, das ist vital entscheidend für das Überleben einer Demokratie, an der die Menschen auch noch teilhaben wollen. Parteien wundern sich, dass Menschen meiner Generation (oder noch jüngere) sich nicht politisch engagieren?

Allenthalben wird darüber lamentiert, "die Jugend" sei nicht mehr politisch interessiert. Wirklich? Sie ist es, aber eben nicht mehr gegenüber jedem Statement, dass in die Kameras trompetet wird, sondern selektiv. Meine Generation wird aktiv, sobald es sie betrifft. Ich hoffe nur, dass sie sich von den richtigen Themen angezogen fühlt.

Wirklich bedenklich. 

 
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Kommentare
outnumber schrieb am 27.05.2009 um 15:50
dann steckt in dem 30 jährigen vielleicht eine 70 jährige frau :-)
es gibt nur eine begrenzte kommunikation zwischen der regierung und den regierten. die fernsehübertragung der bundestagdebatten, öffentliche auftritte und medieninszenierungen sind gängige wege. vertrauen in die politik verfliegt, wenn menschen ihre alltagserfahrungen mit den offenen versprechen vergleichen. die bilanz spricht nicht gerade für vertrauen in die politiker. wenn positionen mit macht ausgestattet sind, rückt die verantwortung für die bürger, in deren namen man seinen job macht, schnell in den hintergrund. ich habe zwar keine angst, aber auch nicht gefühl, von einem dieser menschen wirklich vertreten zu sein.
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