Jonas Jansen

Blog von Jonas Jansen

09.09.2010 | 13:10

Hier kommt Kurt?

Kurt Westergaard ist nervös. Vielleicht hilft ein Schluck Wasser. Die Blätter, auf denen seine Rede steht, sind geknittert und unsortiert. In gebrochenem Englisch bedankt sich Westergaard erst einmal artig. "It´s a very big day for me. Thank you." Als er sich bei Bundeskanzlerin Merkel bedanken möchte, stockt er kurz, der Name fällt ihm schwer. Merkle, Mörkel, Merkel. Dann kramt er seine Brille aus dem Jackett, sie ist rund und rot, passt farblich zur Hose.

Kurt Westergaard ist kein Medienprofi. Er ist kein großer Redner, wie Joachim Gauck, der vor einigen Minuten die Laudatio auf ihn gehalten hat. Westergaard ist ein ehemaliger Lehrer, der sich mit 50 Jahren überlegt hat, künftig Karikaturen für die Zeitung zu zeichnen. Jetzt ist Kurt Westergaard 75 und lebt seit fünf Jahren unter Polizeischutz.

Es ist ihm zugefallen. Er sagt, er habe doch nur seinen Job gemacht. Als einer von 12 Zeichnern, die Karikaturen über Mohammed abgeliefert haben. Doch gerade seine Zeichnung des Propheten mit einer Bombe unter dem Turban hat dazu geführt, dass dänische Botschaften gebrannt haben, Tausende auf den Straßen gegen den Westen protestierten und sogar Menschen starben.

Damit kann man nicht rechnen. Sie ist Kurt Westergaard zugewachsen, diese Rolle, wird Gauck an diesem Mittwochabend in der Orangierie von Sanssouci sagen. Die Rolle, alle zwei Monate nun den Wohnort zu wechseln und rund um die Uhr bewacht zu werden. Die Rolle, trotzdem mutig zu bleiben und für die Freiheit einzustehen, alles sagen zu dürfen. Dafür bekommt Westergaard auch einen Preis.

Er ist ein einfacher Mann. Jemand, der Witze macht, während auf dem Dach vier Scharfschützen stehen. Der sagt, seine Bodyguards seien bestimmt froh, dass er kein Winterschwimmer oder Nudist ist. Er ist die Aufmerksamkeit um seine Person gewohnt und trotzdem ist sie ihm immer noch unangenehm. Und so ein Preis verstärkt die Aufmerksamkeit.

Als er am Stock aus der Limousine steigt, umrahmt von Merkel und Gauck, da drängeln sich die Fotografen um ihn. Kurt Westergaard ist jedoch nur ein Symbol. Er war halt zufällig der Mann, der diese Karikatur gezeichnet hat. Die Preisverleihung ist das Zeichen: In Europa soll man sagen dürfen, was man will. Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, festgeschrieben in Artikel 5 des Grundgesetzes.

Und so sind die wartenden Journalisten auch gespannter, was Merkel gleich wohl sagt. Ob sie Sarrazin erwähnt. Ob sie versucht, sich rauszuwinden, distanziert zu bleiben. Die Kanzlerin wird über Toleranz reden, über Freiheit und Verantwortung.  Sie wird sagen: "Wenn ein evangelikaler Pastor am 11. September in Amerika den Koran verbrennen will, dann finde ich das schlicht respektlos, abstoßend und falsch."

Kurt Westergaard erwähnt sie kaum.

Er fällt schon auf mit seiner roten Hose und dem bunten Halstuch, zwischen den ganzen Chefredakteuren, die in ihren feinsten Anzügen gekommen sind. Kai Diekmann, der Chef der Bild-Zeitung ist da. Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel-Springer AG, Hans Werner Kilz, der Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung und Henryk M. Broder - die gesamte Medienprominenz schaut sich die Preisverleihung an. Denn schließlich ist es auch ein Medienpreis, der hier vergeben wird.

Joachim Gauck fragt die "lieben Medienmenschen", wie er sie nennt, dann auch, ob der Preis nicht vielleicht an sie selber gerichtet ist: Ob sie nicht auch etwas mehr Mut zeigen könnten, die Zeitungen. Anstatt sich nur zu freuen, dass man so generös einen Preis verteilt und die Kultur nur so aus den Anzugknöpfen fließt.

Nach seiner Rede applaudiert das Publikum lange, nach Westergaards Rede stehen alle auf und gehen. Zum Galadinner. Oder nach Hause.

Westergaard ist auch bald verschwunden, hinter den verdunkelten Scheiben der Limousine. Er hat unsicher gelächelt, als er mit dem Preis fotografiert wurde.

Über die Verleihung wird noch einige Zeit diskutiert werden. Die Debatte um Integration, Muslime und Meinungsfreiheit ist lange nicht vorbei. Doch Kurt Westergaard wird wieder untertauchen. Über ihn wird bald nicht mehr geredet.

Vielleicht ist er auch ganz froh darüber.

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 09.09.2010 um 13:20
Gut geschrieben! Ohne diesen Zeigefinger.
GeroSteiner schrieb am 09.09.2010 um 14:55
Die Karikaturen verhalten sich zu Westergaard, wie die Merkelschen Lobeshymnen zum Papier auf dem sie gedruckt sind.
Jonas Jansen schrieb am 09.09.2010 um 16:28
Mir ist da übrigens etwas aufgefallen: Das Rednerpult stand vor einer Replik von Raffaels "Transfiguration (Der Verklärung Christi)" und ist auch auf den Pressevideos zu sehen (vgl. Reuters-Video auf www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2010-09/westergaart-preisverleihung)

Christus als Erlöser der Welt gerade bei dieser Veranstaltung: Feinfühlig geht anders.
flynaked schrieb am 09.09.2010 um 17:35
Der arme Mann.
Gut geschrieben!
ed2murrow schrieb am 09.09.2010 um 20:15
Sehr geehrter Jonas Jansen,

Lutz Herden habe ich bereits ausführlich erwidert, so dass ich zur Vermeidung unnötiger Wiederholungen dorthin verweise.

Dort wo Herden in den sachlichen Prämissen seines Diskurses irrt, aber immerhin einen führt, setzen sie mit Klischees eins drauf. Wollen Sie uns damit, dass Sie, indem Sie zwei Mal die Transfiguration Raffaels vorführen, hier und bei Herdens Artikel, sagen, es wäre besser, auch dieses Bild zu stürmen wie überhaupt alle Kunst, die „irgendwie“ mit Religion zu tun hat? Den gesamten Sanzio, jede Lüftlmalerei an einer bayerischen barocken Kirche? Ein sonderbares Signal wäre das angesichts der Morddrohungen durch fanatisierte „Gläubige“ gegenüber einem kleinen Dessinateur, wie Sie ihn zeichnen.

Denn es mag sein, dass Westergaard nunmehr äußerlich sichtbar die Folgen trägt von dem, was da über ihn kam. Weniger von der Prämierung als vielmehr vom Hass, der ihm ins Leben gedrungen ist. Er steht damit in einer Reihe mit Rushdie, mit Saviano. Sie alle leben in der Semiklandestinität, weil eine arrogante und zudem bewaffnete Macht sie wegen ihrer Äußerungen mit dem Tod bedroht. Sie nennt sich wahlweise Religion, die keine ist, sondern Instrument, oder Mafia: Die ist immerhin so offen zu bekennen, dass sie eine honorige Gesellschaft mit ihren eigenen Vollstreckern ist.

Die Karikatur des Karikaturisten, der, weil er „ein einfacher Mann“ sei und daher nicht vorhersehen kann, „was ihm zufällt“ ist aber nicht nur verletzend, es ist kontraproduktiv. Denn im Grunde sollte doch genau das die Eloge sein: Ein einfacher Mann, der seine Meinung ausdrückt und genau deswegen in Schutz genommen werden sollte.

Dass diese Rolle ausgerechnet konservativen Kräften zugefallen ist, spricht nicht so sehr für deren propagandistisches Gespür, als vielmehr für die Einfältigkeit klischeehafter Wahrnehmungen, wie sie hier zum Ausdruck kommen. Für jemanden, der wie Sie der schreibenden Zunft angehört, dem die Freiheit der Meinungsäußerung eigentlich ins Hirn gebrannt sein sollte, ein seltsamer, eigentlich: ein befremdlicher Befund.

Mit freundlichen Grüßen, e2m
Jonas Jansen schrieb am 09.09.2010 um 22:57
Es ging mir im Grunde eher darum, dass die Veranstalter bei der Wahl des Raumes etwas ideenreicher hätten sein können. Wenn man mit so einem Preis den radikalen Islamist schon provoziert, dann muss man ihn ja nicht unbedingt vor so einem Bild verleihen.
Vielleicht ist das aber auch der Mut, von dem Gauck gesprochen hat, dass man sich nicht davon einschüchtern lässt.
Meiner Ansicht nach wollten da aber nur ein paar Menschen in einem möglichst festlichen Saal feiern. Und es hätte bestimmt auch schöne Gebäude ohne solche Bilder gegeben. Ich hoffe aber auch, dass mein Kommentar nicht zu empört geklungen hat, denn so ganz furchtbar ernst war er auch nicht gemeint.

Zu Ihrem Vorwurf, ich wolle Kurt Westergaard karikieren:
Wenn Sie sagen, er könne nicht vorhersehen, "was ihm zufällt" weil er "ein einfacher Mann" sei, dann bringen Sie zwei Punkte von mir in einen Zusammenhang, der nicht besteht.
Der "einfache Mann" sollte illustrieren, wie Westergaard auf dem Podium wirkte. Verloren. Hineingestoßen in eine merkwürdige Veranstaltung. Er hat sich sicherlich über diese Ehrung gefreut - als Zeichen, dass Leute seinen Mut wahrnehmen - hineingepasst hat er dort aber nicht. Er ist halt kein Gauck, aber dass das etwas Schlimmes sein könnte, haben Sie dort hineininterpretiert.

grüßt zurück: Jonas Jansen
B.V. schrieb am 10.09.2010 um 12:22
"Wenn man mit so einem Preis den radikalen Islamist schon provoziert, dann muss man ihn ja nicht unbedingt vor so einem Bild verleihen."

Schon allein so ein Gedanke hat was von "Schere im Kopf", bedeutet inneres Einknicken.
Freiheit ist das Gegenteil von Opportunismus.
Achtermann schrieb am 09.09.2010 um 21:34
@ Jonas Jansen

Wenn Du Schreiber bist, hättest Du mindestens erwähnen können, wer diesen undotierten Preis auslobte, hättest dieses M100 Sanssouci Colloquium ein wenig vorstellen können. Denn: Wie so oft sind die Preisverleihungen eher für die Preisverleiher gemacht, als für die Geehrten, in deren Licht sie sich begeben wollen. Zum 6. Mal haben sich die bedeutenden Medienschaffenden in dieser Form zusammengefunden. Einmal pro Jahr wird geladen, und zwar von der Stadt Potsdam, dem Verein Potsdam Media International e.V. und dem Institute for Strategic Dialogue, London. Die Selbstdarstellung geht so:

Das M100 Sanssouci Colloquium lädt jährlich 80 bis 100 der wichtigsten Chefredakteure und Meinungsmacher aus ganz Europa in die historischen Schlösser und Gärten von Potsdam, um über aktuelle politische, gesellschaftliche und medienpolitische Fragen zu diskutieren und zu debattieren.

Dieses Jahr traf man sich unter der Schlagzeile "Pressefreiheit in Europa". Da sind doch Kai Diekmann und Mathias Döpfner vom Springer-Verlag bei der richtigen Adresse. Und wie macht man medial auf sich aufmerksam? Genau, mit einem Preis. Da schmückt am besten ein konservativ-neoliberaler Laudator, der zudem Repräsentant einer christlichen Vereinigung, also einer Konkurrenzweltanschauung des Islam ist. Und mit der wichtigsten Politfigur des Staates, einer geistigen Schwester des Preisredners, ist die Show perfekt. Gedient hat das Spektakel bis auf Kurt Westergaard allen Teilnehmenden. Die Kanzlerin gab sich die Ehre, die Medienmacher werden ihr die Ehre erweisen.
h.yuren schrieb am 10.09.2010 um 10:07
vielen dank, lieber achtermann, für die aufklärerischen hinweise auf die kulissen des großen lobs. ohne deinen kommentar ist das räumlich darüber geschriebene bloß stückwerk.
Jonas Jansen
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