Jonas Jansen

Blog von Jonas Jansen

04.10.2010 | 11:24

Kriegsbilder, Kunst und Castor-Schottern

Beim Kongress "Öffentlichkeit und Demokratie" sprechen an drei Tagen über 130 Referenten über Medien, Transparenz und Politik. Ein Einblick in die Veranstaltung.

Diskussion mit Jakob Augstein, Moderator Thomas Leif, Henning Zierock und Mag Wompel (Foto: Bastian Dincher)

Es gibt nur noch zwei Tabus in der Bebilderung des Krieges: Die Erschießung von Frauen oder Kindern vor laufender Kamera. Den Rest hat es alles schon gegeben, sagt Gerhard Paul. Paul ist Professor für Geschichte und ihre Didaktik an der Uni Flensburg und beim Kongress "Öffentlichkeit und Demokratie" spricht er über Kriegsbilder und Bilderkriege.

Er erzählt, dass das Foto von dem nackten, schreienden Mädchen in Vietnam unter anderen Umständen entstanden ist, als man gemeinhin denkt. Nicht wegen eines Napalm-Angriffs hat sie geschrien, sondern wegen der Phalanx an Fotografen, die aufgereiht an der Straße standen, in Militärkleidung, die Teleobjektive vor dem Gesicht. In einem Interview einige Jahre später wird sie sagen, dass sie dachte, sie werde erschossen.

Er erzählt, dass im Krieg jedes Bild ein Gegenbild produziert. Auf Fotos von Angriffen folgen Fotos von toten Zivilisten. Auf Bilder von Hinrichtungen folgen Bilder von verbrannten US-Soldaten. Während Gerhard Paul spricht, zeigt er immer wieder diese Bilder, Bilder von Toten. Im Publikum hält sich eine Frau die Hand vors Gesicht.

Der Vortrag "Kriegsbilder-Bilderkriege" ist einer von über 70 Veranstaltungen mit knapp 130 Referenten an drei Tagen. Grob geordnet in vier Themenstränge gibt es Dossiers zu Whistleblowern, Vorträge über die Sprache des Politischen in Entscheidungsprozessen oder Gesprächsrunden zu Nazis im Internet. 

Stefan Niggemeier sitzt in einer Runde zum Thema "Selbstkontrolle heute: Kritische Diskussion zum System und zur Rolle der Selbstkontrolle". Der Blogger diskutiert mit Lutz Tillmanns, dem Geschäftsführer des Presserats, der Professorin Susanne Fengler von der TU Dortmund und Tabea Rößner von den Grünen.  Massenmedien von innen und außen ist der Themenstrang dieser Veranstaltung. 

15 Gäste hören zu Beginn von Tillmanns, dass der "Presserat vor dem Hintergrund arbeitet, dass am Ende bei den Zeitungen eine Einsicht da ist, wenn auch nur eine formelle". Die Professorin Fengler attestiert dem Presserat auch ein gutes Zeugnis, zumindest im europäischen Vergleich. Immer wieder geht es darum, ob der Presserat denn nun ein wirksames Organ zur Medienkontrolle ist, oder nur ein zahnloser Tiger. 

Stefan Niggemeier zumindest glaubt nicht, dass der Presserat die Arbeit in den Redaktionen verändert. Das sei aber auch ein Problem der Journalisten, nicht nur des Presserats. Es gebe so ein Gemeinschaftsgefühl unter den Schreibern, das größer ist als jede Konkurrenz und jede Freude über die Rüge an ein anderes Blatt. Denn wer andere kritisiert, dass sie Fotos aus Sozialen Netzwerken klauen, kann das später nicht mehr selber machen. Und diese Option wollen sich einige noch offenhalten, ist Niggemeier überzeugt.

Es ist eine harmlose Veranstaltung, beide Seiten tragen ihre Argumente vor, bissig wird niemand. Abschließend verkündet die Professorin, dass auch die Wissenschaftler sich viel mehr in die Diskussion einbringen müssten: Mehr kritisieren, auch praktische Fälle, nicht nur auf der theoretischen Ebene.

Einig sind sich alle: Bei der Kontrolle ist die Öffentlichkeit wichtig. Denn sie kann Druck ausüben auf die Redaktionen, sie muss informiert sein. Sei es durch Rügen des Presserats oder durch den Bildblog.

Ortswechsel: Einige Stunden später. Unter dem Oberbegriff "Öffentlichkeit von unten" geht es in der Friedrich-Ebert-Stiftung um die Aneignung der Straße. Aisha Roninger von Papergirl erzählt, wie sie einmal im Jahr Kunst einsammeln, durch Berlin fahren und diese Kunst wahllos verschenken. An Passanten, an Menschen die in Cafés sitzen oder an der Ampel stehen. Wie ein Flashmob auf Fahrrädern tauchen sie auf, und verschwinden gleich wieder. 

Tadzio Müller repräsentiert da einen etwas radikaleren Ansatz der Straßenaneignung. Der Politikwissenschaftler ist Initiator von "Castor Schottern", einer Aktion, die dazu aufruft, den Schotter unter den Gleisen zu entfernen, damit der Castor-Transport dort nicht drüber rollen kann. Das Neue daran: Müller ruft öffentlich dazu auf, gibt den Ort und die Zeit bekannt und hofft darauf, dass so viele Menschen mitmachen, und so der zivile Ungehorsam funktioniert. Dadurch, dass es ein öffentlicher Rechtsbruch ist, findet er das Vorgehen legitim.

Müller legt sich während der Veranstaltung öfter mit Wolfgang Kaschuba an. Der ist Professor  an der HU Berlin und sagt so Sachen wie: Historisch gesehen ist der Protest vom Stuttgart 21 pillepalle. In Iran würde man auch schließlich mit solchen Kunstaktionen wie von Papergirl sein Leben riskieren.

Der Konsens bleibt: Gute Aktionen sind solche, die listig und kreativ sind. Die die Mächtigen bloßstellen. Wenn Arbeitslose streiken, wirkt es lächerlich. Wenn sie aber Warenwege blockieren, hat ihr Protest Wirkung. Gut sei es, Grenzen auszutesten.

Um die deutsch-deutschen Grenzen geht es übrigens selbst am Sonntag, dem Tag der Deutschen Einheit, nur am Rande. Stuttgart 21 dominiert auch in der Abschlussdiskussion, in der unter anderem Mag Wompel von Labournet und Jakob Augstein sitzen. Was hier aber auch daran liegen kann, dass mit Henning Zierock als Überraschungsgast ein S21-Aktivist am Tisch sitzt. Augstein sagt, der Protest gegen Stuttgart 21 wird grade künstlich überhöht, wird stellvertretend genommen für alles. Mag Wompel sagt, dass die Übergriffe der Polizei nur dann medienwirksam gestreut werden, wenn sie die arme Oma treffen.

Später geht es um Sponsoring und Werbung, ums umsonst arbeiten und das Internet, das den Verlagen kein Geld bringt. Dass die Mainstreammedien zu nah an Machtstrukturen herangerückt sind, oder die existenzielle Abhängigkeit vom Wohlverhalten am Arbeitsplatz abhängt.

Viele, viele Beiträge und Thesen auf drei Tage verteilt. So einen Kongress zusammenzufassen, ist nicht leicht.

Vielleicht passt aber als übergreifendes Wort zur gesamten Veranstaltung das Schlussstatement vom Tom Schimmeck bei seinem Vortrag: "Ohne Öffentlichkeit gibt es keine Demokratie. Und die gehört uns."

 

Credit Startseitenfoto: Scott Olson/Getty Images

 
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Kommentare
ed2murrow schrieb am 04.10.2010 um 12:31
Castor-Schottern, hm... Also, dass Müller sich mit Toniutti und Jugendoffensive solidarisiert hat, weil es um das Verhindern von Sachschäden (nämlich: Baumfällungen) im Gemeingut Schlosspark ging, war schon o.k.. Dass Toniutti Müller beispringen wird, wenn es um die Beschädigung am Gemeingut Bahngleis geht, ist noch nicht ganz raus, würde aber dergestalt sicher auch unter künstlerische Freiheit fallen. Hm ...

Ja, es ist schon recht, sämtliche Freiheitsrechte anzuziehen, ich finde Karikaturen auch immer sehr erheiternd. Hauptsach‘, es geht was dabei zu Bruch, nicht wahr? Hm, hm, hm ...
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