14
]
Eine Partyplaudereianleitung über den Literaturnobelpreisträger 2010
Da hat man monatelang immer weiter die Biografie von Herta Müller gepaukt, sich durch die Romane gekämpft und Rezensionen studiert, um ein gutes Bild bei der nächsten Lesung abzugeben und schon ist wieder ein Jahr vorbei:
Und plötzlich wird einem ein neuer Literaturnobelpreisträger vorgestellt. In diesem Jahr ist es Mario Vargas Llosa.
Damit man sich nicht im Informationswust verzettelt, der nun über den Leser hineinbricht, habe ich das mal gefiltert.
Hier neun Plauderfakten über Mario Vargas Llosa (denn 10 nimmt sonst jeder) :
1. Dora Llosa Ureta. So hieß Marios Mutter, die ihn 1936 zur Welt brachte. Immer gut, um es nebenher einfließen zu lassen. Wer selbst eine Dora kennt, kann nun das Thema geschickt von der Literatur zur eigenen Befindlichkeit umlenken. Oder sich darüber unterhalten, dass Llosa seine Cousine geheiratet und mit ihr drei Kinder hat. Familienbande funktioniert immer als Gesprächsthema.
2. Berühmt wurde Llosa bereits mit seinem ersten Roman La ciudad y los perros (Die Stadt und die Hunde). Das Buch kam 1963 raus, zuerst bei einem Verlag aus Lima namens Populibros Peruanos. Nachdem der Roman in Moskau, Paris und Barcelona veröffentlicht wurde, sprang man auch in Deutschland auf den Text an, 1966 erschien der Roman bei Rowohlt. Inzwischen wird Llosa von Suhrkamp verlegt.
3. Bevor er Romane schrieb, war Llosa Journalist und schrieb kurze Erzählungen. Die ersten hießen Los jefes (Die Anführer), erschienen 1959 bei Rojas in Barcelona und bescherten Llosa direkt seinen ersten Preis: den Prix Leopoldo Alas. Da war er grade 23 Jahre alt.
4. Llosa ist der sechste Literaturnobelpreisträger aus Lateinamerika. Seine Vorgänger: Gabriela Mistral aus Chile, Miguel Angel Asturias aus Guatemala, Pablo Neruda (ebenfalls Chile), Gabriel Garcia Marquez aus Kolumbien und Octavio Paz aus Mexico. Nun also Peru. Obwohl man Mario Vargas Llosa fast als Weltbürger zählen kann, denn:
5. Er bewohnte nach eigenen Angaben insgesamt 40 Häuser. Mal lebte er in London, Paris, Barcelona und Lima. Mal lehrt er in Princeton in New York, mal in Buenos Aires oder an der Cambridge University. Einen Teil seiner eigenen Studienzeit hat er außerdem in Madrid verbracht, wo er (vielleicht in weiser Voraussicht) über Gabriel Garcia Marquez promovierte.
6. Preise zu bekommen ist für Llosa nicht fremd. Unter anderem hat er bereits den Spanischen Literaturpreis "Prinz von Asturien" erhalten, den Cevantespreis, der als wichtigster Literaturpreis der spanisch sprechenden Welt bezeichnet wird, und den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.
7. Niederlagen kennt Mario Llosa aber auch, zumindest politische. 1990 kandidierte er für das peruanische Präsidentenamt verlor aber nach dem ersten Wahlgang in einer Stichwahl gegen den vermeintlichen Aussenseiter Alberto Fujimori.
8. Wer keine Bücher mag, kann sich immerhin fünf Werke von Mario Llosa auch im Bewegtbild anschauen. Verfilmt wurden Die Stadt und die Hunde, Der Jaguar, Tante Julia und der Kunstschreiber (Filmtitel: Julia und ihre Liebhaber), Pantaleon y las visitadoras und das Fest des Ziegenbocks.
9. Ganz besonders freuen dürfte sich Llosa sicherlich über das Statement vom Literaturgott himself. Marcel Reich-Ranicki hält ihn für "sehr gut lesbar" und seine Wahl "für eine sehr gute Entscheidung". Die Jury habe diesmal gar nicht so dumm entschieden wie in den vergangenen Jahren.
|
|
Vielen Dank :)
Verfilmt wurde aber sicher nicht "Julia und ihr Liebhaber", so heißt nur der Film, das Buch (das ich sehr mag!) heißt "Tante Julia und der Kunstschreiber". Auf Spanisch liest sich das so wunderschön. "La tia Julia y el escribidor" Ich habe mich wirklich gefreut über die diesjährige Entscheidung. Was Philip Roth wohl heute macht? |
|
|
Oh, vielen Dank. Ist korrigiert.
P.S. Solche Sätze wie "Auf Spanisch liest sich das so wunderschön" machen mich mindestens so neidisch wie Philip Roth. Ich sollte Spanisch lernen. |
|
|
Oh nein, nur nicht zu viel des Neids, mein Spanisch ist unter aller Kanone... ich meinte wirklich genau das, was da steht: den Titel auf Spanisch. Immer wenn ich an das Buch denke, denke ich an den Originaltitel, weil ach.. schön :).
|
|
|
Herzlichen Dank, Jonas Jansen!
"Tante Julia und der Kunstschreiber" habe ich damals mit Vergnügen gelesen. Probably Philip Roth complains tonight like Portnoy. Ich hätte Roth den Preis sehr gegönnt. |
|
|
Ich hätte Roth den Preis sehr gegönnt.
Ich ja auch. Wie lage nun schon? Dass es nun wenigstens jemand ist, dem ich ihn auch gönne, wenigstens das. |
|
|
Seit rund 15 Jahren wird alljährlich geraunt, diesmal könnte die wahl auf Philip Roth fallen. Ich glaube, der Preis geht ihm mittlerweile am Arsch vorbei.
|
|
|
Die Frage war rhetorisch.
Ich glaube ja, wenn er ihn dann doch eines Tages bekommen sollte, ist er glatt enttäuscht. |
|
|
Gut zu wissen, dass MR-R zufrieden ist. Für's Plaudern reicht das.
Mich interessiert mehr die Frage, ob die Preisvergabe an „ein(en) Kreuzfahrer wider den «totalitären Kommunismus» und Apostel der reinen neoliberalen Lehre" (NZZonline) ein politisches Statement des Komitees ist. Aber da muss ich wohl anderswo lesen. Schade. . |
|
|
Nur Geduld, lieber Koslowski.
Der Freitag wird sich sicherlich des Themas noch annehmen, dann vermutlich auch in Person eines Kulturredakteurs. |
|
|
O.K., bin schon still. Und für die "Plaudertipps" meinen Dank - die sind für ihre Textsorte ganz in Ordnung.:))
|
|
|
schrieb am
08.10.2010 um 19:24
@koslowski,
stimmt. Unter all den Lobhudeleien hört man wenig Kritisches. heute in B2 Kulturwelt ca 8:50: "...man warf ihm vor, dass er explizit die Positionen der Oberschicht vertreten würde... und eine Marktwirtschaft, die explizit nicht sozial sein sollte. ...'Utopie' ist etwas Negatives, Gefährliches..." Aha! Das riecht doch nach 'gedanklicher Schärfe' --- aus Sicht der üblichen Verdächtigen. Da ich mich bewusst von dem, was man so 'Literatur' nennt, fernhalte, und mich auch nicht in 'Partykreisen' bewege, wo man sich von Gossip und Hummer ernährt , kann ich dazu wenig sagen. Da wäre ich ja ein Partypoopser. Jedenfalls motiviert mich das nicht gerade, mich mit Jemandem kritiklos zu identifizieren, wenn er mal wieder einen Orden verpasst bekommt. Etwas mehr Distanz/Kritik-wenn geboten/Substanz würde ich beim Freitag schon erwarten. Oder ist das eine Technik des Weglobens? Motto: 'Hat gut geschmeckt', dann heimlich ab in den Müll. |
|
|
Mario Vargas Llosa liest sich wirklich gut, einfach mal probieren. ;-)
|
|
|
...Wenn er sich allerdings zur Politik in Lateinamerika äußert, wird sein Ton hämisch und unerbittlich. Mit Vorliebe attackiert er die antikapitalistische Linke um Venezuelas Präsidenten Hugo Chávez und dessen bolivianischen Amtskollegen Evo Morales, die er als „neue barbarische Anführer“ und „Rassisten“ geißelt. Mit dieser Polemik erntete Vargas Llosa in Lateinamerika Kopfschütteln und Unverständnis bis weit ins linksliberale Lager hinein. ...
www.mainpost.de/ueberregional/kulturwelt/kultur/Literaturnobelpreistraeger-Vargas-Llosa-Bilder-von-Revolte-und-Widerstand;art3809,5766107 ------------ ...Das Bolivien von Morales beunruhigt mich ganz besonders: Seit seinem Machtantritt hat sich die Fläche an Land, das für den Koka-Anbau genutzt wird, um elf Prozent erhöht. Das wirtschaftlich schwache Bolivien könnte die neue Zentrale für die Kokainproduktion Lateinamerikas werden, so wie Kolumbien das vor zwanzig Jahren war. Die Drogenindustrie ist die größte Plage, die die noch zerbrechlichen demokratischen Einrichtungen unseres Kontinents bedroht. ... ------------ www.faz.net/s/RubD3A1C56FC2F14794AA21336F72054101/Doc~E7E9B9745657449EF8D230972DAD9E2A4~ATpl~Ecommon~Scontent.html 19. September 2010 ------------ Solche banalen Thesen sind eines Nobelpreisträgers nicht würdig. Etwas mehr historische Tiefe und Reflexion würde ich schon erwarten Er redet wie ein CIA-Agent. Bemüht, die südamerikanischen Unruhezentren zu befrieden. Man kann Chavez/Castro/Lula allerlei vorwerfen, aber es geht erstmal um Absetzbewegungen gegen den Norden und die spanischen Altlasten. (->siehe die brasilianischen Latifundien, die bis heute zB in Brasilien nachwirken.) Und welch steife Gegenbrise die südamerikanischen Staaten durch den grossen Bruder im Norden seit fast Jahrhunderten bis heute hatten, scheint Llosa nicht gerade in den rechten Kontext zu stellen. Da rieche ich erstmal die spezifische Doppelmoral eines 'Literaten': Scheinbar gegen die Unterdrückung kämpfen, faktisch den Status Quo stützen. Er sollte sich lieber raushalten, wenn er nichts Gescheites zu sagen hat. Aber wie gesagt: Ich bin genau DESHALB Ignorant, was literarische Wendehälse betrifft. Vielleicht tue ich ihm unrecht. Was ich allerdings nicht glaube. Wenn jemand schon mit den Fakten mühsam kämpft, --und ich beziehe mich da rein auf seine obigen Statements, und nicht auf eventuelle Diffusitäten in seinen Romanen-- kann es mit dem MÖGLICHEN, was doch die selbstdeklarierte Domäne des Literarischen ist -- nicht weit her sein. Aber das Siegel 'Nobelpreis' motiviert offenbar ausreichend viele Leser, die Konstrukte des 'nüchternen' Herrn Llosa zu verschlingen und zu 'Faktizität' zu verdauen. Guten Appetit! |
|
|
schrieb am
08.10.2010 um 21:40
Korrektur: ..spanischen Latifundien...
|
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen