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Wenn die Welt so einfach wäre wie Frédéric Valin es sich wünschte, wahrscheinlich bräuchten wir weder Technik noch deren Kritik. "Aufgabe der Technikkritik ist oder wäre es, herauszufinden, ob diese eine Technik hilft." Diese völlig verkürzte Antwort auf ein Jahrtausende altes Problem, ist nicht nur dumm. Sie ist gefährlich.
In einem Artikel zur Diskussion um Technikkritik (hier und hier) macht Frédéric Valin einen einfachen Vorschlag. Technikkritik sollte sich auf die Funktionalität von Technik beschränken. Man kann nur wünschen der Autor verwechselt lediglich Technikkritik mit einer Technik-Rezension à la "20 Waschmaschinen im Härtetest". Denn auf diese mag seine Hoffnung zutreffen, die Frage nach dem Sinn von Technik ließe sich ausschließlich in der Diskussion ihres Nutzens verhandeln. Gut angesetzte Technikkritik (und man findet solche auch durchaus zu dem Thema Internet) setzt an einer technologische Entwicklung an, um eine politische oder philosophische Diskussion über den Weg unserer Gesellschaft anzustoßen. Technikkritik fragt nicht ob eine Waschmaschine hilft. Sie fragt, wozu sie hilft und wem. Sie verortet neue Technik in ihrem gesellschaftlichen Umfeld und versucht Entwicklungen und Gewichtungen zu kartografieren, die sie im Regelfall - aber nicht zwangsläufig - als negativ beurteilt. Sie fragt: wer braucht ein Internet, eine Waschmaschine, ein Atomkraftwerk? Und wozu? Erst wenn diese Fragen geklärt sind, ließe sich im nächsten Schritt sagen: Hilft das Gerät tatsächlich?
Fatal ist die Forderung die Valin dann aus seinem naiven Trugschluss zieht: "Dazu [, ob Technik hilft,] braucht es die Frage nicht, ob es insgesamt Fortschritt gibt, ob alles besser oder schlechter wird. Man muss Probleme isolieren, um sie zu lösen. In einer feinen Welt hilft die Technikkritik beim Isolieren, und die Technik beim Lösen."
Zwischen Sozialismus und Neo-Liberalismus
Wieso er gerade Dietmar Dath für diese argumentative Wendung zitiert, bleibt ein Rätsel. In seinem Interview mit De:Bug spricht er von seinem fortgesetzten Traum einer sozialistischen Gesellschaftsordnung. Daths Ansicht lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: die Technik von Morgen sollte durch den kollektiven Autausch von Ideen und Visionen in einem demokratischen Prozess von heute geplant werden, so dass sie allen zu Gute kommt. Kurz: die Politisierung des Produktionsprozesses. Man muss auf das leider nicht an den interessanten Punkten (Produktivitäts-Problematik, Flexibilitäts-Problematik) nachhakende Interview gar nicht weiter eingehen um sich zu wundern, was nun die Theorien Daths mit der Folgerung Valins zu tun haben.
Während Valin seiner Ansicht nach Dath folgend fordert, Kritik immer als konkrete Problemanalyse zu formulieren und auf eine basale Diskussion zu den Möglichkeiten einer gesellschaftlichen Entwicklung zu einem Besseren zu verzichten, hat dieser das glatte Gegenteil gemeint: die Erschaffung von Neuem einem demokratischen Prozess zu unterstellen und also eben ein Maximum an Diskussion und Informationsaustausch in der Gesellschaft über den Sinn und Nutzen zukünftiger Produktion zu schaffen.
Die Mittel heiligen den Zweck?
Aber man muss keinen Sozialismus fordern, um eine Lanze für Technikkritik zu brechen und sei sie auch noch so konservativ. Die Änderungen gesellschaftliche Bedürfnisse wird sich früher oder später immer in einer Technik wiederspiegeln. Wenn diese ihren Sinn allein aus der Tatsache erhält, ihren Zweck zu erfüllen, folgert daraus nicht, dass die bloße Existenz von Technik den Zweck ihrer Anwendung rechtfertigt? Oder anders gefragt: Der Holocaust wäre ohne einen riesigen Technikapparat in seiner Form und Grausamkeit nicht möglich gewesen. Kann man wirklich Fragen, ob dieser Apparat "geholfen" hat?
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Es hätte Ihnen aber doch ganz gut getan, nochmal genauer nachzusehen, was Dath im Interview sagt. Dann hätten Sie sich eine Vorstellung machen können von seiner "Technikkritik"-Begrifflichkeit.
"Ein paar falsche Ansichten sollten aber doch mal wieder angegriffen werden. Zum Beispiel das allgegenwärtige, unpolitische und reaktionäre Gefasel, das davon ausgeht, Hiroshima und Nagasaki kämen von der Physik statt vom Zweiten Weltkrieg, die Verweigerung und Zerstörung reproduktiver Rechte käme von den Biowissenschaften statt vom Patriarchat, die Überwachung käme von der Computertechnik statt vom Imperialismus und so weiter. Also die ganze gängige ”Technikkritik“, die systematisch verschweigt, dass der Folterer foltert, nicht das Folterinstrument. Unterdrückung, Ausbeutung und so weiter sind Verhältnisse zwischen Menschen, nicht schuldhafte Folgen der Aufklärung. Dies ist die wenig originelle diagnostische Kernthese des Buches. Die Therapievorschläge sind entsprechend." |
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Vielen Dank für die Antwort. Wenn ich Dath richtig verstehe, kann Technikkritik nicht bei der Technik stehen bleiben, sondern muss immer die gesellschaftlichen Verhältnisse Mitdenken. Das habe ich oben auch so zusammengefasst.
Wenn Ronnie Vuine die Entwicklung des Radios bedauert, tut er nichts anderes: er wünscht sich ein anderes Radio, und macht den Grund für die Veränderung des Programms an einer technischen Entwicklung fest. Er kritisiert nicht die Schnittsoftware, sondern die Folgen ihres Einsatzes durch "jede[n] Honk". So kann sinnvolle Kritik aussehen. Pauschal zu sagen Schnittsoftware macht unsere Welt schlechter. Computer sind mit Kulturverfall gleichzusetzen - das greift sicher zu kurz, da gebe ich Ihnen und Dath recht. Aber wenn Technologiekritik die Gesellschaft einschließt, kann sie sinnvoll sein. Dagegen ist das totale Ausblenden von Gesellschaft, wie Sie es mit der Frage "Nutzt Technik?" vorschlagen, in meinen Augen Technokratismus neo-liberalster Prägung. |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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