Judith Seipel-Rotter

Blog von Judith Seipel-Rotter

12.06.2009 | 10:51

Zu: "Ist die Piratenpartei auf dem Weg zu bundespolitischer Relevanz?"

Ich denke, was viele hier mißverstanden haben, ist die Bedeutung von "bundespolitischer Relevanz". Es bedeutet nicht, bei den kommenden Bundestagswahlen die 5% Hürde zu knacken oder gar die ganze Wahl zu gewinnen. Niemand erwartet so etwas. Für mich ist es eher die Frage: Sind die Themen, auf die die Piratenpartei aufmerksam machen will, zunehmend bundespolitisch relevant? Und hier findet sich definitiv meine Zustimmung.

Es stimmt, daß die Piratenpartei wenig Aussagen zu einem eigenen Wirtschaftskonzept trifft. Das liegt daran, daß die Partei sehr klein ist und in den eigenen Reihen zu wenig Kompetenzträger für ein detailliertes Konzept hat, um ein Programm auf die Beine zu stellen, das jedem Wirtschaftswissenschaftler mühelos standhalten kann. Dennoch hat jeder von uns seine eigenen Ansichten, die sich zwar sicherlich voneinander unterscheiden, letztendlich aber vom piratischen Grundgedanken des freiheitlichen und sozialen Miteinanders geprägt ist.

Die Piratenpartei hat sich gegründet, um im Zusammenschluß eine lautere Stimme für die Themen zu haben, die uns am Herzen liegen und unter den Nägeln brennen. Niemand hat von den Grünen damals ein Komplettprogramm gefordert, da doch vorwiegend der mangelhafte Umweltschutz und die Antikriegsbewegung das war, was sie letztendlich zusammengebracht hat. Ich möchte mir hierbei einmal die Frage erlauben, was von der Substanz der Grünen übrig ist, nachdem sie nun das von allen geforderte "Komplettprogramm" vorweisen können. Zustimmungen zu Bundeswehreinsätzen und Zustimmungen zu einem Zwang für Energiesparlampen, die nachweislich nur Augenwischerei sind und im Sondermüll entsorgt werden müssen. Eine grüne Krawatte. Seriös aber substanzlos.

Letztendlich ist es irrelevant, ob die Piratenpartei jemals im deutschen Bundestag sitzt. Ganz im Gegenteil dazu ist es jedoch von grundlegender Bedeutung, ob die Fragen, die wir aufwerfen, die Forderungen, die wir stellen, Einzug in die öffentliche Wahrnehmung halten werden oder nicht. Der Inhalt ist es doch, um den es geht, nicht wahr? Was helfen Wahlgewinne, die auf Imagepushing und das schnelle Besetzen von Themen zurückzuführen sind? Sie haben nur Leere zu bieten, egal ob nun Komplettprogramm drauf steht oder nicht. Würden all die von uns benannten Probleme tatsächlich aufgegriffen und nicht nur vermarktet, sondern tatsächlich zu aller Zufriedenheit umgesetzt, so wäre jeder von uns glücklich, würde die Piratenpartei gar nicht mehr benötigt. Bis dahin arbeiten wir jedoch weiterhin in unserer Freizeit dafür, daß unsere Themen bundespolitische (oder auch weitgreifendere) Aufmerksamkeit bekommen, um ihrer Relevanz Rechnung zu tragen.

 
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Kommentare
Boomel schrieb am 12.06.2009 um 13:55
ACK 100%

Würdet ihr nicht eine ganze Generation mit Absicht ignorieren (cdu/csu, spd) oder kriegt euer Hinterteil nicht hoch (Grüne, linke, fdp) dann kann euch keiner helfen, nur wir uns selbst!

Setzt das Parteiprogramm der Piraten um und wir werden tatsächlich überflüssig :)

Aber da dies gegen elementare Interessen einiger Lobby und Interessensverbände geht, wählt man einen langen krampfhaften Versuch uns zu diskreditieren... Ohne Erfolg!

Ich hoffe das geht gut aus, aber der Konsens wird schneller gefunden als mit den ehemaligen grünen Themen, soviel ist Dank Internet sicher :)
Renago schrieb am 12.06.2009 um 19:07
Boomel "ehemaligen grünen Themen" So viel weiß steht der Klima Kollaps bevor und selbst Obama spricht vom new green deal. Grün ist die Trendfarbe und das was Piratenpartei auf ihre Fahnen geschrieben hat, ist vielleicht auch wichtig, aber nur ein Thema am Rande.
Juergen Erkmann schrieb am 12.06.2009 um 20:01
Renago, meine Interpretation der Worte "ehemaligen grünen Themen" ist eine etwas andere und du bestätigst sie auch mit deiner Aussage.

Es hat fast ein Jahrzehnt gedauert, bis ehemals exklusiv in der Parteienlandschaft von den Grünen thematisierte Probleme und Lösungsansätze den Weg in die Öffentlichkeit und die Parteiprogramme der "Etablierten" gefunden hat. Heute ist "grün" in aller Munde, die Grünen gehören selbst zu den "Etablieren", die Probleme bestehen immer noch und ihre Lösung ist für uns alle von höchster Bedeutung.

Die Hoffnung, die Boomel meines Erachtens zum Ausdruck bringt, ist, dass es diesmal nicht 10 Jahre dauern wird, ehe sich die Erkenntnis durchsetzt, dass eine freiheitlich demokratische Gesellschaft nicht durch Zensur, Überwachung und Entmündigung zu erreichen ist. Wir müssen uns entscheiden, in welcher Gesellschaft wir leben wollen. In diesem Sinne sind unsere Themen keineswegs Randerscheinungen sondern von zentraler Bedeutung und spiegeln sich in vielen anderen Bereichen (z.B. Bildung) wider.
peter.doerrie schrieb am 13.06.2009 um 12:13
Ich denke die beiden Ausgangspositionen lassen sich nicht ohne weiteres vergleichen. Datenschutz und persönliche Freiheit sind keine Werte, die die deutsche Gesellschaft erst entdecken muss. Sie sind vorhanden, werden aber noch nicht auf die Entwicklungen des letzten Jahrzehnts angewendet. Dadurch befindet sich die Piratenpartei in einer anderen Situation als die grüne Bewegung, die so etwas wie ein Umweltbewusstsein erst mal schaffen musste.

Und ich stimme auch nicht der Interpretation zu, dass "grünes" Gedankengut inzwischen in allen Parteien fest etabliert ist. Zwar enthält inzwischen jedes Parteiprogramm einen Passus zum Klimawandel, aber mit diesen Lippenbekenntnissen endet es dann oft schon. Grüne Politik wird meiner Meinung nach immer noch praktisch ausschließlich von den Grünen betrieben, auch wenn die Partei ein wenig an Schneid verloren hat.

Wo ich dir allerdings zustimme, ist die ebenfalls zentrale Bedeutung der Themen, die von der Piratenpartei jetzt während der Europawahl aufgegriffen wurden. Das hier sowohl die Volks- (darf man diese Bezeichnung eigentlich noch verwenden) als auch die kleinen Parteien an ihren Positionen arbeiten müssen ist unumstritten.
Judith Seipel-Rotter
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