Es ist noch früh am Morgen, aber trotzdem ist die S-Bahn nach Köpenick schon gerammelt voll. Der Grund ist einfach: Hier, weitab der Berliner Innenstadt, wird heute der 1. Mai-Demomarathon eröffnet. Der erste Akt ist dann auch gleich einer, für den sich viele begeistern können: Die rechtsextreme NPD hat zu einem "Familienfest" vor ihrer Bundeszentrale in Köpenick geladen - Grund genug für Demokraten jeglicher Couleur, auch mal vorbeizuschauen und seinem Recht auf freie Meinungsäußerung ausdruck zu verleihen.
Und so pressen sich mehrere Hundert Menschen in die durch den strahlenden Sonnenschein sowieso schon aufgeheizte S-Bahn. Die Stimmung entspricht dem Wetter. Kleine Zettel werden durch die Wagons gereicht, damit die erste Aktion am Veranstaltungsort auch gleich stattfinden kann: Der Bahnhof soll blockiert werden! Schließlich müssen auch die Teilnehmer der NPD-Veranstaltung mit der S-Bahn nach Köpenick kommen - da kann es nicht schaden, wenn eine Sitzblockade ihnen den Empfang etwas vermiest.
Ein bisschen zu einfach hatten sich die Organisatoren das dann allerdings doch vorgestellt. Kaum steigt die Masse aus dem Zug, ist sie schon umstellt von vollgepanzerten Polizisten. Die Treppen, die vom Gleis führen sollen, sind blockiert. Nur einzeln dürfen können die Demonstranten den Bahnhof verlassen. Dazu filmt die Polzei direkt jeden, der sich an ihr vorbeischlängeln will.
Der Stimmung auf dem Gleis tut dieser Empfang nicht gut. Die Demonstranten sind sauer. Die ersten Sprechchöre gehen los, doch noch bleibt es ruhig. Die Blockade findet trotzdem statt, doch die Anspannung auf dem Gleis ist fast greifbar.
Weiter unten, auf dem zentralen Kundgebungsplatz, ist davon nichts zu spüren. Ein buntes Grüppchen unterschiedlicher politischer Parteien und Bündnisse hört ein wenig gelangweilt den Reden mehr oder weniger prominenter Politiker zu. Petra Pau, Kajo Wasserhövel oder Walter Momper nutzen die Gelegenheit und spulen ihre Ansprachen herunter. Der Applaus bleibt freundlich, doch wirklich mitgerissen wirken die rund 1000 Demonstranten dann auch nicht.
Auf dem Gleis hingegen eskaliert jetzt die Situation. Die Polizei versucht zu räumen. Zunächst kommt es zu harmlosen Rangeleien, doch die Brutalität nimmt zu. Ein junges Mädchen wird von drei Polizisten in voller Montur an mir vorbei geschleift. Ihre Augen sind gerötet - angeblich setzte die Polizei Tränengas ein. Gerüchte über Verletzte und viele Verhaftete machen die Runde.
Das will mir eine Polizeisprecherin allerdings nicht bestätigen. "Wir sind sehr mit Bedacht vorgegangen. Das sieht nur von außen viel härter aus, als es ist", sagt sie. Von Verletzten wüßte sie nichts und auch über Verhaftungen könne sie nichts sagen.
Das wäre glaubwürdiger, würden nicht hinter ihr immer wieder Demonstranten von den Gleisen gezerrt. Ein Mann wird im Schwitzkasten über den Platz vor dem S-Bahnhof geschleift, eine junge Frau wird durch eine Polizistenhand an der Kehle still gehalten. Auch höre ich immer wieder Sirenen von Krankenwagen. Wie Deeskalation wirkt das auf mich nicht gerade.
Man müsse das verstehen, erklärt die Polizeisprecherin. Schließlich müsse sicher gestellt werden, "dass auch die andere Veranstaltung stattfinden könne - so wie ja auch diese Veranstaltung hier stattfinden kann". Die andere Veranstaltung ist die NPD-Kundgebung. So macht sich die Polizei hier keine Freunde.
Trotzdem bleibt es ruhig. Als der Demonstrationszug endlich den Kundgebungsplatz verlässt, marschieren Parteien, Antifas und einfache Bürger friedlich durch die Straßen von Köpenick. Auch als sie nahe der NPD-Zentrale vorbei kommen, bleibt alles geordnet.
Die Rechten mussten ihre Kundgebung derweil absagen. Ein schöner Auftakterfolg für die Demonstranten des 1. Mai.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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