Nicht alle NATO-Korrespondenten tun sich die Ochsentouren über Felder oder zu Sporthallen im Umland an. Für sie – und den Rest der Zeit natürlich auch für mich – ist das Pressezentrum der zentrale Aufenthaltsort. Und man muss sagen: Es könnte schlimmer sein.
Die Rund eintausend Arbeitsplätze sind natürlich keine Ausgeburten des Komforts, doch für ein ordentlichen W-Lan und Telefone ist gesorgt – keine Selbstverständlichkeit, wie mir ein altgedienter Korrespondent versichert. Die Atmosphäre ist hier immer arbeitsam, dabei kommt jedoch nie Hektik auf – von den kurzfristig angekündigten Pressebriefings mal abgesehen, die spontan von einer durch die Halle jagenden NATO-Mitarbeiterin angekündigt werden.

Direkten Kontakt zu den Gipfelteilnehmern hat hier allerdings kaum jemand. Für die Termine bei den Mächtigen der Welt sind besondere Akkreditierungen nötig, die in vielen Fällen nur an die öffentlich-rechtlichen Stationen der Gastgeberländer und einige ausgewählte Edelfedern gehen. Trotzdem die Merkel, Sarkozy und Obama natürlich immer präsent. Im ganzen hangaresken Großraumbüro stehen Fernseher mit sechzehn unterschiedlichen Nachrichtensendern. Über allem wirft eine überlebensgroße NATO-Leinwand Bilder von den offiziellen Veranstaltungen in den Raum – ein bisschen wie in der alten Apple-Werbung, nur dass keiner hinguckt.
Doch auch der Journalist lebt nicht von Information allein. In jeder der vier Ecken der Halle gibt es deshalb ein kleines Café, an dem sich die Journallie Tag und Nacht mit Getränken versorgen kann. Zum Pressezentrum gehört außerdem ein provisorisches Restaurant, in dem heute Abend noch der Presseempfang der Stadt Straßburg abgehalten wird. Offizielles Ende: Drei Uhr morgens. Ab sechs gibt’s dann wieder Frühstück.
Fehlt eigentlich nur noch das Feldbett, dann müsste der geneigte Journalist diesen Mikrokosmos in der Parallelwelt des Gipfelgeschehens gar nicht mehr aufgeben.
Auch für Unterhaltung in den rar gesäten Arbeitspausen ist gesorgt. Zentraler Anlaufpunkt sind natürlich zunächst die Aschenbecher vor dem Haupteingang, doch auf der Rückseite der Halle hat die Stadt Straßburg sich noch einmal in Szene gesetzt: Hier gibt es neben einer lauschigen Leseecke auch etwas extravagantere Entspannungsmöglichkeiten – wie einen kostenlosen Massageservice. Das darf kritisch hinterfragt werden, doch sollte man nie die Dankbarkeit der Journalistinnen und Journalisten unterschätzen, die den ganzen Tag nur gebückt über ihrem Rechner sitzen, wenn eine mittelalte Frau ihnen den Rücken wieder gerade zerrt.

Das eigentliche Highlight des Pressezentrum ist aber ein anderes: Vor einem Nebeneingang steht eine Tischtennisplatte! Auch ich konnte der Versuchung dummerweise nicht widerstehen – und wurde so mehrfach öffentlich von einem georgischen Korrespondenten gedemütigt.
Diese Schmach muss man sich gottseidank nicht allzu lang geben. Für ein dahingerauntes „Ich muss wieder arbeiten“ hat jeder Verständnis – stimmt ja schließlich auch meistens.
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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