Julian Heißler

Blog von Julian Heißler

18.03.2010 | 18:55

Kein Petrus

Wolfgang Schneiderhan steht lange vor der Wand aus Fotografen, die sich im Raum 3.101 des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses aufgebaut hat. Fotos im sitzen, so scheint es, will der General a.D. vermeiden. Zu leicht lassen sich solche Bilder mit dem Wort „Anklagebank“ verbinden. Schneiderhan ist aber nicht hier um sich zu verteidigen. Er ist als Zeuge geladen im Untersuchungsausschuss des Bundestages, der die Begebenheiten rund um den Luftschlag von Kunduz und der darauf folgenden Entlassung Schneiderhans und des damaligen Staatssekretärs Peter Wichert aufklären soll.

 

Als bei Kunduz die Bomben fielen, war Schneiderhan noch der höchste Soldat der Bundesrepublik Deutschland. Ende November versetzte ihn der neue Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) in den Ruhestand. Warum, darüber tobt seitdem eine Informationsschlacht zwischen dem Umfeld des Ministers und den Anhängern Schneiderhans. Das Ergebnis könnte das politische Berlin gehörig durchschütteln. Denn sollte herauskommen, dass zu Guttenberg über die Entlassungsgründe gelogen hat, dann ist er als Minister nicht mehr tragbar. Die CSU verlöre ihren Shootingstar, die schwarz-gelbe Bundesregierung ihren zweiten Minister in nicht einmal einem halben Jahr und das Bundesverteidigungsministerium seine Glaubwürdigkeit.

 

Glaubt man Schneiderhans Aussage vor dem Ausschuss, dann ist dieses Szenario ein wenig wahrscheinlicher geworden. Denn der ehemalige Generalinspekteur der Bundeswehr rückt in seinen Ausführungen keinen Deut von seiner bisherigen Darstellung ab. Guttenberg hatte seine Entlassung damals damit begründet, dass Schneiderhan zusammen mit Staatssekretär Wichert ihm auf dreimalige Nachfrage hin immer wieder einen Untersuchungsbericht der Feldjäger über das Bombardement von Kunduz vorenthalten hätte. Der Minister sprach von „Unterschlagung“. Dieser Darstellung widerspricht Schneiderhan. Zwar habe Wichert zunächst verneint, als zu Guttenberg in einer Unterredung am 25. November 2009 gefragt habe, ob es noch weitere Berichte über den Vorfall gebe, die über den ihm vorliegenden NATO-Bericht, den Bericht des Internationalen Roten Kreuzes und den Einlassungen des verantwortlichen Obersts Klein hinausgingen. Doch als zu Guttenberg ein weiteres Mal nachgefragt habe, sei Schneiderhan klar geworden, welche Unterlagen der neue Minister sehen wolle. Er habe sich dann unverzüglich daran gemacht, diese Unterlagen zu beschaffen. Zweieinhalb Stunden später wollte er den besagten Feldjägerbericht beim Minister abgeben, doch bei diesem Treffen wurde er schon von zu Guttenberg entlassen.

 

Das „warum“ ist Schneiderhan dabei immer noch nicht klar: „Den Anlass meiner Entlassung verstehe ich nicht. Aber ich respektiere das Recht des Ministers“, so der General vor dem Ausschuss. Der Darstellung zu Guttenbergs widersprach er vehement: „Ich habe weder wie Petrus dreimal geleugnet, noch fünfmal“. Zuvor hatte sich der ehemalige Generalinspekteur umfangreich zu den Vorwürfen gegen sich geäußert. In einem fast zweistündigen Statement rekonstruierte er akribisch die Geschehnisse von der Bombennacht am 4. September bis zu seiner Entlassung. Er stellte sich vor die Bundeswehr, kritisierte jedoch die Informationspolitik des Verteidigungsministeriums. Diese sei dafür verantwortlich, dass der damalige Verteidigungsminister Franz-Josef Jung (CDU) schon einen Tag nach dem Angriff zivile Opfer ausgeschlossen habe, obwohl entsprechende Untersuchungen noch gar nicht abgeschlossen waren. Das soll wohl heißen: eine bessere Pressearbeit hätte der Bundesrepublik die Kunduz-Affäre ersparen können.

 

Zu den aktuellen Vorwürfen, das Verteidigungsministerium habe bereits kurz nach dem Bombardement Dinge vertuschen wollen, durfte Schneiderhan sich nicht äußern. Entsprechende Nachfragen wurden wie viele andere auch, von Ministeriumsvertretern in der öffentlichen Sitzung nicht zugelassen. Diese Regelung führte weite Teile der Befragung ad absurdum. Abgeordneten war es nicht einmal gestattet aus Zeitungsartikeln zu zitieren, die den Inhalt von Berichten thematisiert hatten, die als Geheim eingestuft waren. „Was in den Medien steht, ist für uns nicht ausschlaggebend“, kanzelte die Ausschussvorsitzende Susanne Kastner (SPD) entsprechende Beschwerden ab. Damit waren große Themenkomplexe für den öffentlichen Teil der Befragung tabu. Der Ausschuss tagt jedoch auch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Dann können entsprechende Fragen gestellt werden.

 

Die Kunduz-Affäre wird noch weiter gehen. Als nächstes vernimmt der Ausschuss den ehemaligen Staatssekretär Wichert. Im April soll dann Verteidigungsminister zu Guttenberg kommen. Der hatte sich zuletzt von seiner früheren Darstellung distanziert. Er habe nie geglaubt, dass im Schneiderhan und Wichert bewusst Unterlagen vorenthalten hätten, gab er vergangene Woche zu Protokoll. Eine Darstellung, die sich mit dem Begriff „Unterschlagung“ schwer vereinbaren lässt. Eine Zeitung kommentiere diese Kehrtwende mit der Formulierung „Dem geht der Arsch auf Grundeis“. Schneiderhan sieht sich dadurch bestätigt. Er wehre sich allerdings weiterhin gegen die Darstellung, er hätte die Existenz von Berichten geleugnet. Diese hätte der Stab des Ministers schließlich innerhalb von fünf Minuten recherchieren können. „Das ist eine Frage, wie man mit meinem Intellekt umgeht“, so der General, „und da bin ich als Schwabe empfindlich“.

 

 
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Kommentare
Deaktivierter Nutzer schrieb am 18.03.2010 um 19:09
Gut berichtet.
Grundgütiger schrieb am 19.03.2010 um 09:46
Noch ehe der Ha(h)n dreimal kräht, wirst du mich verleugnet haben.
Das man auf Eliteschulen das Lügen nicht als Pflichtfach hat, ist hier sehr gut zu beobachten.
Da ist dann bei unserem Verteidigungsminister die Zunge schneller als das Gehirn gewesen.
Sehr guter Artikel,Julian Heißler.
Ehemaliger Nutzer schrieb am 19.03.2010 um 12:33
Was Schneiderhan sagt verstehe ich dann so:

Als Guttenberg bei seiner zweiten Anfrage seinen Informationsbedarf endlich präzisiert hatte war Guttenberg längst auch darüber von anderer Stelle darüber informiert worden das Schneiderhan den Späherbericht angefordert hatte.

Also, Jung musste gehen weil er seine Lüge nicht aufrecht erhalten konnte obwohl Politiker franktions-übergreifend gemauert hatte und Anfangs die Schuld sogar den US Militärs zuschieben wollten.

Nun hat Guttenberg sich schon selbst mit seiner eigenen Aussage ans Messer geliefert. Beschwichtigend zu behaupten er hätte niemals geglaubt Schneiderhan oder Wichert ihm Unterlagen vorenthalten wollten ist nicht gerade entlastend und spricht Bände über seine üblichen, selbstherrlichen Entscheidungsgewohnheiten. Der Mann ist im Grunde schon jetzt untragbar!

Ganz interessant an der Sache ist vor allem wie der Späherbericht an guttenbergsche Propaganda Postille "Bild" gelangte. Guttenberg hat seine bekannten direkten Verbindungen zu Springer. Die Merkel muss gute Nerven haben, erst Guido und nun die Lütte aus der fränkischen Provinz. Julian, es lohnt sich dran zu bleiben ;-)), sachichma
Tomas schrieb am 21.03.2010 um 15:02
Ich finde die gesamte Berichterstattung in bezug auf
die Bombardierung nahe Kunduz recht merkwuerdig.
Es werden wichtige Fragen nicht gestellt,die
jeder halbwegs kritisch hinterfragende automatisch hat.
Ich vermute, dass die Diskussion eine zusaetzliche Richtung bekaeme, welche nicht erwuenscht ist. Insofern ein zivilisierter Artikel und auch nette Kommentare ueber Erignisse, welche weder zivilisiert
noch nett sind.
Ich wuensche mir einen Artikel, der auch Fragen aufwirft deren ehrliche Beantwortung der Tiefe des
Problems gerecht wird, und zur Abwechslung mal nicht nur die innenpolitischen Machtspiele der hiesigen politischen Partein begleitet und unterstuetzt.
Julian Heißler
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