"Kennste das Kotti?", schreit ein junger Mann in sein Handy. Es ist der Beweis, dass sich das Klientel auf der Oranienstraße in den letzten Jahren verändert hat. Kamen früher neben einheimischen Kreuzbergern überwiegend Krawalltouristen in den Bezirk SO 36, so sind es heute auch ganz andere. Junge Frauen in perfekt geschnittenen Designerkleidern sitzen am Straßenrand. Durch das Stimmenwirrwarr erkennt man die verschiedensten Sprachen. Kurz: Kreuzberg ist nicht mehr nur ein Ort des Protests, es ist ein Happening.
Die Buden am Straßenrand unterstreichen diesen Eindruck. Ob Minimal-House, Ska, Plastik-Pop oder klassischem Punk: Auf der Oranienstraße vermischen sich die Musikrichtungen, wie auf der Strandpromenade eines Ferienortes. Die Stimmung ist gut. Langsam schieben sich die Massen Richtung Heinrichplatz, ganz unten auf der Straße. Es gibt kleine Snacks. Das Bier kostet zwischen 1,30 und 2 Euro.
Hier sieht es nicht nach Krawall aus - dabei hatte die Gewerkschaft der Polizei und vor allem der Boulevard gewarnt: Die schlimmsten Ausschreitungen seit Jahren sollten es werden. 5000 Polizisten sichern deshalb den Bezirk ab.
Doch noch ist es friedlich. Die Menschen schieben sich vor den zahlreichen Bühnen hin und her, knutschen in der Frühlingssonne oder sitzen einfach auf dem Bordstein und genießen das Schauspiel. Es sieht hier weniger nach revolutionärem 1. Mai, als nach Karnevall der Kulturen aus.
Das Bild ändert sich in einer Seitenstraße direkt am Kottbusser Tor. Hier findet die Auftaktkundgebung der antikapitalistischen Demo statt. Ein Blatt nimmt hier niemand vor den Mund. Die Redner sprechen Ungerechtigkeit, Unmenschlichkeit des Systems - und von Revolution. Immer wieder werden sie unterbrochen, von den "Widerstand! Widerstand!"-Sprechchören der mehreren Hundert Demonstranten. Manchmal rufen sie auch "Klassenkampf! Klassenkampf!".
Von Volksfestcharakter ist hier nichts mehr zu spüren. Hier geht es um den politischen Aspekt des 1. Mai. Die Krise hat der Demonstration großen Zulauf verschafft. Noch einige Seitenstraßen stehen voll mit Demonstranten. Und auch die Stimmung ist aufgeheizt. Mehrfach sagt der Organisator die Nummer durch, an die man sich wenden soll, wenn Demonstranten verhaftet werden. Dann ziehen sie los. Langsam rollt der Zug Richtung Oranienstraße.
Zwei Minuten später fliegen die ersten Flaschen auf die gepanzerten Polizeiwagen. Kurz darauf gibt es die ersten Verletzten.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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