vom Autor Julien Germain

Fast bedrohlich wirkt das heutige dunkle Gebäude der Janusz-Korczak-Schule
Die ermordeten Kinder vom Bullenhuser Damm
In diesem Jahr wurde ein menschliches Verbrechen 65 Jahre alt. Am 20. April kam der Befehl aus Berlin: “Experimente abbrechen, Kinder exekutieren!” Genau an diesem Tag feierte Adolf Hitler seinen 56. und letzten Geburtstag.
Hamburg schrieb das Jahr 1945, während sich Dr. Kurt Heißmeyer in der Hansestadt mit menschlichen Experimenten beschäftigte, ein wenig talentierter Arzt, dessen besessene und abstruse Idee es war, mit einer zweiten Tuberculoseherd-Impfung die Erkrankung der tödlich verlaufenden Tuberculose zu bekämpfen. Schon sah er sich als Professor und zweiter Robert Koch, während er für Versuche “an minderwertigem Material” eintrat und dafür von allerhöchster Stelle des Deutschen Reiches unterstützt wurde.
"Minderwertiges Material"
Unter “minderwertigem Material” verstand man in Zeiten diktatorischer Nationalisten Nicht-Arier wie Roma und Sinti, dem Christentum entfernte Religionsangehörige wie Juden, aber auch Andersdenkende wie Kommunisten, Marxisten, Individualisten und Widerstandskämpfer sowie Zwangsarbeiter und Geiseln. Die Bandbreite des so genannten “minderwertigen Materials”, was in seiner alleinigen Bezeichnung schon von tiefster Menschenverachtung zeugte, zeigt uns, dass grundsätzlich und willkürlich schlichtweg alles als “minderwertig” gewertet werden konnte, was nicht in die Vorstellung und das System des deutschen Nazi-Reiches hinein passte.
Nachdem schon viele vorangegangene Experimente an erwachsenen menschlichen Versuchsobjekten dieses verbrecherischen Arztes insofern fehlschlugen, als all diese Menschen nach schwerer Erkrankung bereits starben, holte sich Heißmeyer am 29. November 1944 über 20 Kinder aus dem Konzentrationslager Auschwitz.
Auf diese Weise wurden die Kinder Mania Altmann (5), Lelka Birnbaum (12), Sergio Desimone (7), Surcis Goldinger (11), Riwka Herszberg (7), Edo (12) und Lexje (8) Hornemann, Marek James (6), W. Junglieb (12), Lea Kligerman (8), George André Kohn (12), Bluma Mekler (11) , Jacqueline Morgenstern (12), Reichenbaum (10), Sergio de Simone (7), Marek Steinbaum (10), H. Wassermann (8), Roman und Eleonora Witonski (5), Roman Zeller (12), Ruchla Zylberberg (10) nach Hamburg-Neuengamme überführt, derer sich “Dr. Tod” ebenfalls wenige Tage nach ihrem Eintreffen in Hamburg bediente. Heißmeyer hatte die Haut der Kinder eingeritzt, um sodann diese Stellen mit Tuberkelbazillen einzureiben, was nach etwa drei Tagen zu gefährlichem Fieber führte und alle Kinder zur Weihnachtszeit todkrank werden ließ.
Die grausamen Torturen fanden aber damit noch längst kein Ende, wobei ihnen der Arzt die Axillardrüsen ihrer Achselhöhlen heraus operierte, um zu erfahren, was mit diesen bei einer Tuberculose-Infektion passieren würde. Als ausgerechnet am letzten Geburtstag des Führers aus Berlin der Befehl zur Hinrichtung dieser geschundenen Kinder erfolgte, wurden alle Kinder vom Konzentrationslager Neuengamme abgeholt und zur Schule am Bullenhuser Damm gebracht. Bei dieser Schule handelte es sich aber zwischenzeitlich ebenfalls um ein Konzentrationslager unter der Aufsicht des SS-Obersturmführers Arnold Strippel, die durch die Luftangriffe 1943 teils zerstört wurde und in der seitdem bis zu etwa 600 Häftlinge untergebracht wurden. Durch die Eliminierung oder Deportation dieser Häftlinge war die Schule inzwischen jedoch als Lager völlig leergeräumt, so dass genügend unbeobachteter Platz für die Kinder geschaffen war. Alfred Trzebinski, dortiger Standortarzt schilderte in der Dokumentation “Prozess Neuengamme”, auf welche furchtbare Weise der SS-Rottenführer und stellvertretende Lagerkommandant Johann Frahm all diese Schutzbefohlenen umbrachte.
Das Morden begann
Frahm begann mit einem schlafenden, zwölfjährigen Knaben, dem zuvor Morphium gespritzt wurde und trug ihn in einen Nebenraaum. Er legte seinen Kopf in eine Schlinge, die an einem Haken der Raumdecke befestigt war und hängte danach sein eigenes Körpergewicht an den kleinen Körper, bis sich die Schlinge zuzog. Alle Kinder wurden einzeln auf die gleiche Weise umgebracht. Die Leichen der Kinder wurden niemals aufgefunden, da sie offenbar im Neuengammer Krematorium verbrannt worden waren.
Das Urteil
Am 18. März 1946 wurden die Beteiligten Frahm, Trzebinski, Wachposten Adolf Speck und Unterscharführer Wilhelm Dreimann in einem Prozess, der auf der Hamburger Rothenbaumchaussee im Curiohaus stattfand, zum Tode durch Erhängen verurteilt. Der Richterspruch wurde am 08. Oktober 1946 umgesetzt.Obersturmbannführer Arnold Strippel, der eigentlich ranghöchste Verbrecher dieses Reigens, wurde trotz einer Verurteilung von 21-maliger lebenslanger Haft wegen gemeinschaftlichen Mordes sehr früh begnadigt und erhielt zudem auch noch eine sehr hohe Haftentschädigung. 1987 wurde ein letztes Verfahren gegen ihn wegen angeblicher Verhandlungsunfähigkeit endgültig eingestellt.
”Dr. Tod” Kurt Heißmeyer betrieb später in Magdeburg nahezu unerkannt eine Privatlungenklinik. Schließlich aber wurde der Mann 1963 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Bereits ein Jahr später erlag er im Bautzener Zuchthaus einem Herzinfarkt.Am 20. April 2010 jährt sich der Exekutionsbefehl, der von Berlin nach Hamburg erging, zum 65. Mal, während es gleichzeitig im heutigen Deutschland wieder Menschen gibt, die an diesem Tag Hitlers 121. Geburtstag feiern.
Totschweigen ist keine Lösung
Die Hansestadt Hamburg hat ungewöhnlich lange für einen angemessenen Umgang mit diesem Verbrechen gebraucht, weil man hier zunächst meinte, diesen Wahnsinn durch das Totschweigen dieser Tatsachen verdrängen zu können. In das ehemalige Schulgebäude am Bullenhuser Damm zog demnach zunächst eine Seewetterwartenbibliothek ein, bevor es wieder zu einer Schule erklärt wurde. Lehrer, Eltern und Behörden waren von einer Ignoranz geprägt, wie man es sich nicht schlimmer vorstellen konnte. Erst ganze 18 Jahre nach diesem perversen Kindermord wurde schließlich im Treppenhaus der in “Janusz-Korczak-Schule” umgetauften Lehranstalt eine Gedenktafel angebracht.
Der Autor Günther Schwarberg verfasste 1988 sein Buch “Der SS-Arzt und die Kinder vom Bullenhuser Damm” (ISBN 3-88243-095-8). Ihm ist es damit gelungen, die wohl umfassendste Aufarbeitung dieses verbrecherischen geschichtlichen Dramas zu publizieren, die weit über seine eigentlichen journalistischen Arbeiten hinaus ging. Seiner akribischen Spurensuche ist es zu verdanken, dass dieserlei Grausamkeiten niemals mehr in Vergessenheit geraten und dass die Stadt Hamburg endlich in den lang erwarteten Zugzwang geriet. Günther Schwarberg starb am 03. Dezember 2008 im Alter von 82 Jahren in Hamburg.
Heute, 2010, sind die ehemaligen Konzentrationslager Hamburg-Neuengamme und Bullenhuser Damm offizielle Gedenkstätten über die Geschehnisse einer Zeit, die uns zeigen, zu welchen ungeheuerlichen Perversionen der Mensch fähig sein kann. Es ist erfreulich zu wissen, dass der Mensch zwar lernfähig ist, aber auch erschreckend, dass seelische Abgründe bei einigen Mitmenschen oft ihre Lernfähigkeit dominieren.
Die heutige Gedenkstätte
Als wir die heutige Gedenkstätte am Bullenhuser Damm 92 in Hamburg-Rothenburgsort aufsuchen wollten, um Ihnen, liebe Leser, auch einen visuellen Eindruck dieses Anwesens zu verschaffen, taten wir uns recht schwer, aufgrund fehlender Hinweisschilder die alte Schule aufzufinden. Nach zeitintensiver Suche fanden wir sie schließlich inmitten eines eher hässlichen Industriegebiets als Zeitzeuge einer grausamen Vergangenheit. Bezeichnenderweise beherbergt das Gebäude heute eine Kindertagesstätte sowie einen Betrieb für Physiotherapie. Über Geschmack oder Geschmacksverirrungen lässt sich ja bekanntlich streiten. Nebst diverser Gedenktafeln findet sich auf der Rückseite der alten Schule ein spezieller Eingang für die Besucher dieser Gedenkstätte, die aber nur Sonntags zwischen 10 und 17 Uhr Einlass finden. Zudem wurde hinter dem Schulgebäude ein kleiner Rosengarten angelegt, dessen dortige Gedenktafeln die ermordeten Kinder benennen. Nebst unbeschreibbarer Fassungslosigkeit befiel uns eine tiefe Trauer, die man nicht in Worte kleiden kann.
Erinnerung
Noch gut erinnere ich mich selbst an meine Schulzeit, in der wir weder im Geschichts- noch im Deutschunterricht jemals von irgendwelchen Grausamkeiten oder Verbrechen des Dritten Reiches erfahren haben. Hier zählte eher der “Kampf um Rom”, dessen ebenfalls perverse kriegerische Einzelheiten zunächst viel länger in der Zeit zurück lagen und durch den nahezu wild agierenden, seinerzeit über 70-jährigen Lehrer mit aller Inbrunst und stets sichtlicher Selbstbefriedigung meinen Klassenkameraden und mir in einer Rudolf-Steiner-Schule vorgetragen wurden. Wenn wir zu dieser Zeit überhaupt einmal etwas über diverse Schandtaten des Hitler-Regimes gehört haben sollten, so haben wir uns aber keinesfalls mit den Verbrechen unserer Väter und Großväter identifiziert.
Warum auch, so war ganz allgemein die Meinung, sollten wir uns als völlig Unbeteiligte einer neuen Generation irgendetwas vorzuwerfen haben. Alles war demokratisch. Nazis gab es keine mehr. Alles war Friede, Freude, Eierkuchen- vermeintlich. Spätestens aber seit dem Jahre 1990, während die DDR der Bundesrepublik Deutschland beitrat, umgangssprachlich auch gern als “Wiedervereinigung” Deutschlands bezeichnet, machte so mancher Demokrat unter uns die Entdeckung, dass es womöglich zu einer Art Reïnkarnation von politischen Extremisten gekommen war. Erst hier wurde auch mir klar, wie wichtig es ist, Erinnerungen wie an den Kindermord vom Bullenhuser Damm aufrecht zu erhalten, um vielleicht einen wichtigen Beitrag leisten zu können, künftigen Schaden und künftiges Leid von Deutschland fernzuhalten, eben auch dann, wenn uns selbst keine Schuld daran trifft.
Und schon sehe ich auch einige Kommentare unter diesem Artikel, deren Inhalte es sein werden, die deutschen Verbrechen durch Vergleiche mit den Verbrechen und Grausamkeiten anderer Länder und Kulturen zu relativieren oder gar zu entschuldigen. Das aber kann man nicht gelten lassen, weil schließlich ein jedes Verbrechen auch ein Verbrechen bleibt, völlig gleich, durch wen und an welchem Ort es stattgefunden hat. Deutschland selbst hat zwischenzeitlich zwei menschenfeindliche Diktaturen hinter sich gelassen, das Dritte Reich Gesamtdeutschlands sowie die pseudokommunistische DDR Ostdeutschlands. Wünschenswert wäre gerade hinsichtlich der historischen Erfahrungen Deutschlands die endliche Einsicht und das Lernen aus der Geschichte, damit die Vergangenheit nicht zur Gegenwart wird.
Heutige Eindrücke einer Gedenkstätte:

Gedenktafel auf der Außenfassade rechts

Gedenktafel auf der Außenfassade links

Heute ist in die Gedenkstätte die „Kita Sonnenschein“ eingezogen

In Stein gemeißelte Gedenktafel hinterm Haupteingang

Ein Hinweisschild, das lediglich dem Fußgänger in der Nähe der Schule auffällt.

Hinterer Hofeingang Gedenkstätte Bullenhuser Damm in Hamburg-Rothenburgsort

Hinterer Schulhof

Denkmal vor dem Rosengarten der dort ebenfalls ermordeten Sowjetbürger
In dieser Form wurden die Gedenktafeln mit den Namen der gehenkten Kinder im Rosengarten placiert.

Auch dieses Schild ist nur für Fußgänger sichtbar

Vorderansicht des ehemaligen Schulgebäudes
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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