Julien Germain

Brainlux Contor

30.09.2010 | 01:52

Offenbarungseid der Gerechtigkeit

Justiz in der Kritik

Ein kaltes, schmutziges Licht erhellt nur mühsam die langen, widerhallenden Flure des Gerichtsgebäudes. Eine Bodenkosmetikerin sorgt derweil für die Säuberung des Beschreitungsareals, während ich ihr beim Vorübergehen nahezu dringend wünschen möchte, dass sie eine reguläre und angemessene Entlohnung dafür erhält, anstatt ihren Fleiß als Sklavin der Ein-Euro-Mafia an die Ausbeuter der Neuzeit zu verschwenden. Fast möchte ich mir vorstellen, dass so etwas doch ohnehin nicht an einem Ort stattfindet, an dem es in aller Regel um Rechtsprechung und Gerechtigkeit geht. Gleichzeitig aber fällt mir ein, dass auch hier nur Menschen arbeiten.

Im Zimmer 256 soll in 15 Minuten die Verhandlung stattfinden. “Zimmer” ist geradezu eine Verniedlichung dessen, was mir wenig später begegnen wird. Es klingt fast neutral, unwuchtig und gemütlich, präsentiert sich beim Betreten dennoch eher als eine Art Saal, in welchem anwesende Menschen nur noch als äußerst gering und unscheinbar wahrnehmbar sind. ‚Das hat System’ denke ich und wähle mir einen harten Platz in der zuschauenden Kleinstmenge von elf Personen, während die öffentliche Sitzung kurzerhand eröffnet wird.

Zwei der hier anwesenden Herren erkenne ich wieder. Es sind der vorsitzende Richter und der Verteidiger des Angeklagten, die sich zuvor gerade noch angeregt, dennoch fast tuschelnd in der Gerichtskantine miteinander im Wortwechsel übten, während ich meinen viel zu heißen Kaffee schlürfte.

Der Angeklagte betritt den Raum zusammen mit dem Wachpersonal des nahegelegenen Untersuchungsgefängnisses.

Doch noch bevor er den Mund öffnen kann, verliest man genüsslich, ergiebig und zeitlich nahezu unangemessen sein Vorstrafenregister. Eine kriminelle Karriere, die bereits in der fünften Klasse seiner Schulzeit beginnt, lässt mich unruhig auf die Uhr blicken, da ich heute noch einen anderen Termin wahrzunehmen habe.

Nach etwa 25 Minuten Vorprogramm wird der Angeklagte seitens des Vorsitzenden höflich begrüßt. Sodann werden ihm und den Zuhörern seine neuesten Schandtaten aus jüngster Vergangenheit zu Gehör gebracht, die er zwar eigentlich schon kennen sollte, was aber einem möglichen Erinnerungsverlust hilfreich vorzubeugen imstande ist. Erschüttertes und gar empörtes Kopfschütteln ist in den Reihen zu registrieren, als der 24-jährige Angeklagte damit einer äußerst brutalen Körperverletzung überführt und beschuldigt wird, einer Tat, die das Opfer zwar überleben ließ, dennoch für den Rest seines Lebens einen dauerhaft notwendigen Rollstuhl beschert. Nach der erfolgten Hauttransplantation und den vielen Narben im Gesicht des körperlich stark Geschädigten, erkenne ich nur eine völlig entstellte Maske eines 57-jährigen Mannes, der seinem Peiniger auf Wunsch des Gerichts heute erneut ins unversehrte Antlitz blicken muss. Das Sprechen fällt dem heute Querschnittsgelähmten sichtlich schwer und es hat den Anschein, als würde er sich von der grauenhaften Tat des Angeklagten niemals mehr so richtig erholen.

Nach einer Stunde und 47 Minuten ist die Verhandlung beendet.

Die Tochter schiebt ihren im Rollstuhl sitzenden Vater aus dem Gerichtszimmer auf den Korridor hinaus. Sie hat Tränen in den Augen, die sie nicht mehr verbergen kann und sie tropfen teils auf die Schultern ihres Vaters, die sie als kleines Mädchen damals wohl getragen haben mögen. Damit bürdet man Vater und Tochter eine ganz neue Last auf, die es tapfer zu bewältigen gilt.

Acht von elf Zuschauern haben sich noch nicht von ihren Stühlen erhoben. Fast scheint es, als seien sie geschockter denn zuvor, als gefriere ihnen soeben das Blut in den Adern und mache sie bewegungslos. Einem der Anwesenden stehen sichtlich die Schweißperlen auf Stirn und Oberlippe. Eine junge Frau reicht ihm ein Papiertaschentuch. Ein anderer Besucher der Verhandlung klopft sich energisch und permanent aufs Knie, als könne er es nicht erwarten, dem Richter selbst gegenüber zu treten, um seinem Zorn freies Spiel zu gewähren. Und ich selbst? Ich erhebe mich, gehe ans Fenster und öffne es. Mir ist schlecht und ich glaube, mich übergeben zu müssen, ohne die Hoffnung zu haben, es könne mehr Gerechtigkeit durch die Fensterwinde einziehen. Wut und Ohnmacht verursachen gerade ein Fiebergefühl, aufsteigende starke Hitze, der ich mich nicht entziehen kann.

“Eineinhalb Jahre auf Bewährung”

urteilte der Herr Vorsitzende mit dem Hinweis auf die Tatsache, dass keine Tötungsabsicht vorgelegen habe. Dann habe ich schon wieder das permanente Grinsen des Angeklagten vor Augen, eine in die Breite gezogene Fratze, wie ich sie von Teufelsillustrationen kenne. Und plötzlich glaube ich fest daran, dass das Reinigungspersonal des Justizgebäudes in der Tat nur einen “Ein-Euro-Job” ausübt…

Die Insolvenz der Intelligenz betrifft offensichtlich nicht nur die Täter, sondern ist in erschreckendem Maße auch längst bei der deutschen Justiz als Offenbarungseid der Gerechtigkeit angekommen.

 
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Julien Germain
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