2
]
Die Wellen schlagen hoch in den Gewässern der Printmedien. Der Himmel ist schwarz, es donnert und gewaltige Wassermaßen türmen sich auf. Zwischen ihnen: kleine Kutter und grosse Tanker mit so bekannten Namen wie Süddeutsche, Stern oder Welt Kompakt, die sich durch die düstere Gegenwart navigieren. Da, etwas tut sich. Ein Surfer schlängelt sich durch die Flotte und gewinnt an Höhe, heftet sich mit Leichtigkeit an die Spitze der drohenden Monsterwelle, genannt Internet. Von unten lässt sich die leuchtende Schrift des Surfboards entziffern: NEON.
Doch genug der Dramatik, denn der Punkt ist wohl klar geworden. Die NEON, jugendliches Lifestyle-Magazin aus dem Hause Gruner und Jahr, hat etwas richtig gemacht. Steigende Auflagen und unheimlich anmutende Klickzahlen auf ihrem Portal lassen die Konkurrenz vor Neid erblassen. Das Geheimnis für den Erfolg: die Verschränkung von Internet und Printmagazin.
Dabei sind die Rollen klar verteilt. Die Hochglanz-NEON beinhaltet lange Geschichten und eine ausgeprägte Bildsprache, beim Online-Portal hingegen dreht sich alles um die NEON-Community. Dort sind sämtliche Inhalte user generated, von den Benutzern selbst produziert. Es lassen sich kleine Berichte zu NEON-Themenfeldern schreiben, über Beiträge des Magazins diskutieren, die Community (und das eigene Profil) hegen und pflegen. Wer sich besonders klug oder originell äussert, wird, quasi als Würdigung, in der Printversion abgedruckt. Immer wieder wird auf das gedruckte Magazin aufmerksam gemacht, aktuelle oder zukünftige Themen werden angerissen, Trends und Interessen der Leserschaft ins Heft übernommen. In diesem wiederum finden sich Hinweise auf Online-Diskussionen, dazu die bereits genannte Repräsentation der Community durch den Abdruck von Meinungen, Porträts oder Kontaktanzeigen. Die beiden Medien lassen sich unabhängig voneinander benutzen doch einen Mehrwert ergeben sie erst in der gemeinsamen Nutzung. Anstatt sich zu kannibalisieren, schaukeln sich Print und Internet gegenseitig hoch.
Dies kann nur gelingen, wenn die redaktionellen Inhalte exklusiv in der NEON zu finden sind und nirgendwo sonst. Deshalb ist ein wesentlicher Teil des NEON-Konzeptes die spezifische Themenwahl. Durch die Verbindung von „intelligenter Unterhaltung“ und „emotionaler Authentizität“, so beschreibt sich NEON selbst, sollen die Leser verbunden werden und das „Lebensgefühl einer Generation“ zum Ausdruck kommen. Dazu kommt das Personalisieren und Emotionalisieren auf dem Online-Portal: indem jedes Mitglied der Community zum Eintritt persönliche Fragen über sich beantworten muss, also ein 'hohes Eintrittsgeld' zahlt, und die Diskussionen und Beiträge innerhalb der Community , u.a. durch die Themengebung, intim und persönlich sind, fördert dies eine hohe emotionale Bindung der Benutzer an die Community, und damit wiederum die Community an die Marke NEON. Oder wie es NEON selbst artikulieren würde: „Neon.de dient als einzigartiges Kommunikations-Umfeld mit hohem Identifikationsgrad.“
Der Vorteil der NEON liegt also in der Themenwahl, der persönlichen Note, der Vielfalt ihrer Community und vor allem – in der mangelnden Konkurrenz. Es lässt sich kein Magazin auf dem Markt ausmachen, welches in ähnlich erfolgreicher Weise in dieser Nische agiert. NEON ist perfekt auf die Nische zugeschnitten – und lässt durch die gewonnene Kraft gar keine Konkurrenz mehr zu.
Anmerkung: Dieser Eintrag wurde auf Basis einer Gruppenarbeit im Innovation Lab Print geschrieben und repräsentiert die Auswertung der Arbeitsgruppe. Anmerkungen und Diskussionsbeiträge sind nicht nur willkommen, sondern ausdrücklich erwünscht.
|
|
Na, das ist doch im Grunde auch ein bisschen das "Freitags"-Modell
"Durch die Verbindung von „intelligenter Unterhaltung“ und „emotionaler Authentizität“, so beschreibt sich NEON selbst, sollen die Leser verbunden werden und das „Lebensgefühl einer Generation“ zum Ausdruck kommen." Alles klar,wunderbare Werbesprüche aus der Neon-Suppenküche. Lab Print genannt. Ist sowieso nicht meine Altersklasse. |
|
|
Für die Neon habe ich mich früh zu alt gefühlt. Sie macht stets mit einem Selbsthilfe-Thema auf, die zudem über das Jahr hinweg rotieren: Liebe, Sex, Eltern, Karriere, Freunde. Das ist ein bißchen zu wenig für eigenständig denkende, junge Erwachse.
Die Neon ist heute nur noch der Kern einer Line Extension. Neben dem sicherlich wirtschaftlich erfolgreichen Magazin wird das Geld eingefahren über die zugehörigen Bücher und nun Nido ("Das Magazin für Eltern, die häufiger Fisch mit Stäbchen als Fischstäbchen essen." << das ist tatsächlich ein Werbetext). Die journalistische Qualität ist dabei oft zweifelhaft. Ich musste mich durch das Buch von Klotzek und Ebert quälen. Mehr als zehn Seiten habe ich pro Anlauf nicht geschafft, da es sowohl sprachlich als auch inhaltlich eine Zumutung ist, sofern man überhaupt von Inhalten sprechen kann. Das Cross-Marketing setzt sich im Buch übrigens fort: es zitiert unentwegt aus G+J-Publikationen, wie z.B. der Geo. Geschrieben ist die Neon und die Bücher nicht für Leute, die noch nicht erwachsen werden wollen, sondern für Leser, die man nicht erwachsen lassen werden will. Die väterliche Redaktion hält stets einen Rat für alle Lebenslagen bereit und suggeriert diesen auch zu brauchen. Meine Leseerfahrungen bei "Planen oder treiben lassen" habe ich an dieser Stelle aufgeschrieben. Ich habe in diesem Zug auch noch einen neuen Claim entworfen: Das Schmiergelpapier für die Kanten deiner popkulturellen Persönlichkeitsstörung. |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen