KalleWirsch

Neues vom König der Erdmännchen

06.06.2010 | 16:06

Der Ball ist rund – und hetero!

 

 

Es hätte der markigen Sprüche von Herrn Assauer, Schwule haben im Fußball nichts zu suchen, nicht bedurft um eines zu wissen:

Fußball ist die letzte unumstößliche Bastion heterosexueller Männlichkeit.

Jedenfalls auf der Oberfläche. Als urmännlicher Sport steht der Fußball absolut konträr zu jeglicher Form homosexuellen Klischees. Fußballer sind hart, wendig, schnell. Ausdauernd und zäh kämpfen sie Meter für Meter, Mann gegen Mann um ein rundes Stück Leder. Fußball ist Krieg, kann man Aktive immer wieder zitieren. Und da hat eine Schwuchtel nichts zu suchen. Schwule werden in dieser heteronormativen Kommune auf Zeit als schwach, devot und weichlich angenommen. Das Klischee des Schwulen der Fünfzigerjahre hat sich im Fußball ebenso erhalten, wie das Männerbild an sich. Harte, durchtrainierte Männer rackern sich auf dem Feld der Ehre ab und werden danach von ihren jubelnden Spielerfrauen gefeiert, die sich um Haus und Kinder kümmern. Dieses als überholt geglaubte Geschlechterbild ist nicht nur ein Produkt der Akteure, es ist auch das, was die Fans sehen wollen: Die letzten männlichen Helden.

Einer von 11 ist schwul.

So verwundert es nicht, dass es in der ersten Bundesliga keine schwulen Profis gibt. Offiziell wohl gemerkt. Natürlich kann es bei einem tabuisierten Thema keine genauen Statistiken geben, aber Vermutungen gehen dahin, dass jeder elfte Profifußballer schwul ist. Ein Outing wird von vielen Seiten erwünscht und gefordert. Die Medien sollen hohe Honorare für ein exklusives Outing geboten haben, Herr Zwanziger sagt schwulen Fußballern, die sich outen, jede Unterstützung zu und Jürgen Klopp empfiehlt ein gemeinschaftliches Outing aller Profis. Doch wie realistisch ist dieser Gedanke und was erwartet diese Spieler? Assauer macht es am deutlichsten und prophezeit, dass diejenigen, die sich outeteten, platt gemacht würden. Doch auch tolerantere Spieler, die den Mut haben positiv über Schwule zu reden, wie Philip Lahm und Tim Wiese, raten von einem Outing ab. Während Lahm mit dem eher archaischen und wenig politisch korrekten Verhalten der Fans argumentiert, bedauert Wiese deren Erbarmungslosigkeit.

Homosexualität mindert den Marktwert

Doch auch vereinsintern dürfte den schwulen Profis bei einem Outing ein kalter Wind entgegenwehen. Trotz Lichtgestalten wie Erwin Staudt, der als Präsident des VFB den CSD in Stuttgart eröffnete oder dem Verein Werder Bremen, der ein Verbot von Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung in der Satzung festschrieb, Homophobie ist bei DFB Aktiven wie Funktionären weit verbreitet. Das weiß auch die Kulturwissenschaftlerin Dr. Tatjana Eggeling, die seit nunmehr sechs Jahren zum Thema „Homosexualität im Sport“ forscht und einige der schwulen Fußballprofis betreut, die es offiziell nicht gibt. Nach den Ängsten der Profis vor einem Outing befragt, antwortete sie im Tagesspiegel, die Männer befürchteten nicht nur von den Fans ausgelacht zu werden. Die Spieler sorgten sich auch um einen fallenden Marktwert, da sie annehmen nach einem Bekanntwerden ihrer Homosexualität nirgends mehr eingestellt zu werden. Auch die Angst als weniger belastbar zu gelten als die heterosexuellen Kollegen, nur noch auf der Bank zu sitzen und vor allem im Verein unter den Kollegen als Nestbeschmutzer da zustehen, wird benannt. Eggeling berichtet von einem fast unmenschlichen Druck auf die Spieler, die sich vierundzwanzig Stunden am Tag verstellen müssen und sich aus Angst vor Entdeckung niemanden anvertrauen. Schwule Fußballer leben mit einer täglich Paradoxie. Auf der einen Seite steht der Fußball, etwas, das sie lieben, perfekt beherrschen und wofür sie anerkannt werden. Die andere Seite ist ihre Homosexualität, etwas was sie lieben sollten und wofür sie verachtet werden. Perfekt beherrschen tun sie hier das Versteckspiel. Die Wurzeln für dieses Elend sieht Eggeling bereits in der Nachwuchsarbeit angesiedelt. "Im Grunde lernen alle Kinder und Jugendlichen von Klein auf in allen Sportvereinen, besonders aber im Fußball, dass Schwulsein Schwäche bedeutet, dass Schwulsein irgendetwas mit einer schlüpfrigen unakzeptierten Sexualität zu tun hat. Dass es etwas ist, was eher die anderen sein können, was man aber selber nie sein will."

Der Schein muss gewahrt bleiben.

Eben diese Lebensparadoxie hielt Justinus Fashanu nicht mehr aus und entschied sich 1990 zu dem mutigen Schritt, als erster Fußballprofi Englands zu seiner Homosexualität zu stehen. Den Reaktionen der Öffentlichkeit und dem Mobbing seines Trainers bei Nottingham Forrest hielt Fashanu psychisch nicht stand. Dem sportlichen Niedergang folgte der persönliche. 1998 erhängte sich das ehemalige Ausnahmetalent. "Wenn irgendjemand diese Notiz findet, bin ich hoffentlich nicht mehr da. Schwul und eine Person des öffentlichen Leben zu sein, ist hart […]. Bevor ich meinen Freunden und meiner Familie weiteres Unglück zufüge, will ich lieber sterben", schrieb er in seinem Abschiedsbrief. An einem ähnlichen Punkt war auch Marcus Urban. Der ehemalige Mittelfeldspieler von Rot Weiß Erfurt beendete Anfang der Neunziger Jahre seine Karriere kurz vor seinem ersten Profivertrag. Auch er berichtet, dem Druck ständiger Selbstverleugnung nicht ausgehalten zu haben. Um nicht aufzufallen trat Urban auf dem Spielfeld besonders hart auf, beging üble Fouls, zeigte sich kritikunfähig und unkollegial. Diese Taktik ging auf. Die Trainer waren froh einen zweikampfstarken Spieler im Team zu haben, berichtet Urban in einem Welt-Interview. Doch Urban erzählt auch, dass wohl viele seine Homosexualität ahnten, obwohl er mit erdachten Frauengeschichten prahlte um nicht aufzufallen. Offen darüber gesprochen hat niemand. Solange man selbst sein Schwulsein nicht thematisiert, funktioniert die Tabuisierung und es wird nur hinter vorgehaltener Hand getuschelt.

Der erste Schritt muss von einem Ehemaligen kommen.

Der Fall Amerell hat noch einmal deutlich gemacht, dass die Fußballwelt von einem normalen Umgang mit Homosexualität weit entfernt ist. Das Augenmerk bei diesem Fall richtete sich, gerade auch bei der Presse, immer wieder nur auf die Homosexualität von Amerell und Kempter. Dabei handelte es sich hierbei um Machtmissbrauch auf sexueller Ebene. Das dieser zwei Homosexuelle betraf scheint mir nebensächlich. Zumal heterosexueller Machtmissbrauch im Spitzensport ein weiteres tabuisiertes Thema ist. In so einem Umfeld ein Outing zu wagen, wäre für einen Fußballprofi Selbstmord. Wo ist denn Herr Zwanziger wenn der entsprechende Spieler im Verein geschnitten und gemoppt wird. Wenn niemand mehr mit ihm duschen will, aus Angst vor dem gierigen, immergeilen Schwulen. Sein Engagement in Ehren. Im Fall Amerell hat sich Herr Zwanziger nicht mit Ruhm bekleckert. Der Vorschlag Jürgen Klopps, alle Homoprofis mögen sich gemeinschaftlich outen, ist sicherlich auch gut gemeint. Doch in der Realität steht der einzelne Profi mit den Anfeindungen dann alleine da. Ich glaube kaum, dass Herr Klopp er schafft pöbelnden Fans Einhalt zu gebieten. Die einzige Möglichkeit die ich sehe, liegt in einem Outing eines ehemaligen Profi. Auch dieser müsste ein mediales Gewitter über sich ergehen lassen. Doch er würde es ungemein leichter haben als ein Aktiver. Vielleicht, so meine Hoffnung, würde das das Feld bereiten für weitere Outings und eine Gewöhnung der Öffentlichkeit. So könnte irgendwann war werden, was der schwule Fanclub Herta BSC Jungxx propagiert: Fußball ist alles – auch schwul!

 

 

 

 
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Kommentare
barshai schrieb am 06.06.2010 um 23:42
@KalleWirsch

Die Angst vieler heterosexueller Männer, nicht nur Fußballer, vor homosexuellen Männern hat eine irrationale Komponente, die in den Bereich der Verschwörungstheorien hineinreicht
de.wikipedia.org/wiki/Gay_agenda
Wolfram Heinrich schrieb am 07.06.2010 um 00:14
@barshai
Die Angst vieler heterosexueller Männer, nicht nur Fußballer, vor homosexuellen Männern hat eine irrationale Komponente, die in den Bereich der Verschwörungstheorien hineinreicht

Ich glaube der Haken ist, daß Homosexuelle über ihre Sexualität definiert werden, weil sonst ja nichts da ist. Die paar Tunten und kessen Väter sollten niemanden drüber hinwegtäuschen, daß Homosexuelle (männlich und weiblich) normale, ja stinknormale Menschen sind, die sich lediglich in der Richtung ihrer Sexualität von der Mehrzahl unterscheiden.
Dadurch, daß sie über ihre Sexualität definiert werden, ist bei ihrer Wahrnehmung durch "normale" Leute ständig und sofort Sexualität im Hinterkopf. Bei der Aldiverkäuferin an der Kasse denke ich nicht an Sex, sondern an Wechselgeld, sie ist - wenn sie nicht unverschämt gut aussieht und sich lockend gibt - nicht in erster Linie eine Person mit Sexualität, sondern eine Verkäuferin.
Ein Schwuler (ein als Schwuler bekannter) dagegen ist in erster Linie ein Schwuler, dann erst ein Automechaniker.

Wenige Eltern haben Bedanken, ihre Tochter zu einem (heterosexuellen) Klavierlehrer in den Einzelunterricht zu schicken. Ist der Klavierlehrer dagegen bekanntermaßen schwul, werden ihm nur noch wenige den Sohn zum Unterricht schicken. Schwulen unterstellt man (oft, ohne sich drüber klarzuwerden) sehr viel häufiger, daß ihre Sexualität auch in Alltagssituationen durchschlägt.

Es kommt natürlich hinzu, daß jeder Mensch weibliche und männliche Anteile hat, in unterschiedlichen Mischungsverhältnissen. Fast jeder Mensch könnte im Prinzip auch homosexuell agieren, ganz viele etwa haben in ihrer Kindheit und Jugend eine Phase, in der sie in einen gleichgeschlechtlichen Menschen verliebt sind.
Weil das zum einen so ist, weil gleichzeitig Homosexualität immer noch bei vielen sehr verpönt ist, grenzt man sich ab, in unbewußter panischer Angst davor, seine eigenen homosexuellen Anteile zu entdecken.

Der Irrsinn geht so weit, daß selbst Schwule sich als Schwulenverfolger profilieren, so etwa J. Edgar Hoover. Genau, der FBI-Gründer.

Ciao
Wolfram
barshai schrieb am 07.06.2010 um 09:27
@Wolfram Heinrich

Es sind ganz wesentliche Merkmale der "Berührungsängste", die Sie da nennen.

Unter den Gay-Aktivisten der späten 1960er und frühen 1970er Jahren gab es diejenigen, die den damals geläufigen und "einzigen" Begriff "Homosexuelle", aus eben diesen Gründen, durch einen anderen ersetzen wollten. Ob die dann erfolgte Wahl "Schwule" nun besonders glücklich ist, lasse ich offen. Zumindest wurde das Schimpfwort "schwul" weitgehend neutralisiert, ist aber inzwischen auf deutschen Schulhöfen wieder eines der beliebtesten und meist verwendeten Beschimpfungen, für alle jeden, der als minderwertig gekennzeichnet werden soll.

Der "Irrsinn", dass verklemmte Homosexuelle, die sich in der Öffentlichkeit ängstlich tarnen, diejenigen als massive Bedrohung ihres Doppellebens empfinden, die offen schwul leben - also nichts anderes tun, als Heterosexuelle, die andererseits ebenfalls pausenlos Signale ihrer eigenen Heterosexualität senden (und deshalb regelmäßig von Partnerinnen, Kindern, sexuellen Eroberungen usw. sprechen) - ist seit langem bekannt.

Man könnte zugespitzt behaupten, dass der größte Feind eines offen schwul lebenden Mannes ein heimlich schwul lebender Mann (im Szene-Jargon auch "Klemmschwester" genannt) ist. In der Vergangenheit hat es, besonders in den USA, Zwangsoutungen von solchen heimlich schwulen Feinden der Schwulen gegeben, die sich (um von sich selbst abzulenken z.B. oft als besonders aggressive Schwulenfeinde im US-Kongress usw. aufführten).

Interessant finde ich den Artikel des Online-Journalisten Stefan Niggemeier
www.stefan-niggemeier.de/blog/die-schwulen-sollen-wieder-verschwinden/

Tschüss
barshai
KalleWirsch schrieb am 07.06.2010 um 10:00
@barshai

Super Artikel, den du da verlinkt hast. Danke.

Von Zwangsouting halte ich gar nichts. Ich gebe zu es ist verlockend. Doch man bedient sich damit des Systems der Stigmatisierung von Schwulen, ohne es wahrscheinlich zu wollen.

Ich glaube auch nicht, dass der größte Feind des offenen Schwulen der heimlich lebende Schwule ist. Zum Feind wird er erst, wenn er gegen andere Schwule vorgeht oder sie diskriminiert, um von sich selbst abzulenken. Letztendlich ist der Feind aber ein patriachales Gesellschaftssystem, dass den Schwulen auch heute noch als abnorm oder zumindest anders wahrnimmt.

Es gibt immer noch Umstände in denen es viel Mut erfordert oder gar Gefahr bedeutet sich zu outen. Es ist halt ein Unterschied ob sich Ricky Martin outete oder Herr Löw. Und als Schwuler Bauarbeiter kann dies auch ziemlich übel ausgehen.

@Wolfram Heinrich
"Ist der Klavierlehrer dagegen bekanntermaßen schwul, werden ihm nur noch wenige den Sohn zum Unterricht schicken."

Diese Verbindung zur Pädophilie, ja sogar Gleichsetzung regt mich auch immer am meisten auf. Schwule = Kinderf****r. Das nervt.
Auch im Fall Amerell wurde es oft so dargestellt, als ob es bei Schwulen ganz normal sei, dass der eine den anderen (vorzugweise Jüngeren) zwingt oder zumindest verführt. Da halten sich uralte Vorurteile, die wir in den letzten Jahren politisch korrekt geschönt haben.

Denn eine Frage kam mir bei der Recherche zum Blog immer wieder. Wenn der Volkssport Fußball Schwule so diskriminiert, herabsetzt und ein derart überholtes Männerbild fordert, wo ist das Volk dann emanzipatorisch angelangt?
Wolfram Heinrich schrieb am 07.06.2010 um 13:19
@barshai
Unter den Gay-Aktivisten der späten 1960er und frühen 1970er Jahren gab es diejenigen, die den damals geläufigen und "einzigen" Begriff "Homosexuelle", aus eben diesen Gründen, durch einen anderen ersetzen wollten. Ob die dann erfolgte Wahl "Schwule" nun besonders glücklich ist, lasse ich offen. Zumindest wurde das Schimpfwort "schwul" weitgehend neutralisiert, ist aber inzwischen auf deutschen Schulhöfen wieder eines der beliebtesten und meist verwendeten Beschimpfungen, für alle jeden, der als minderwertig gekennzeichnet werden soll.

Ich finde es nach wie vor eine geniale Idee, den von Anderen verwendeten Schimpfnamen als Selbstbezeichnung zu etablieren. Das empörte "Man sagt nicht schwul, sondern homosexuell" führt nur zu höhnischem Gelächter.
Daß man das Wort jetzt wieder verstärkt in negativem Sinne hört, ist bedauerlich, aber kein echtes Gegenargument. Wenn ich das richtig sehe, dann ist "schwul" auch und vor allem eine undifferenzierte Sammelbezeichnung für Dinge , die nicht als gut empfunden werden. Das Gegenteil ist dann "geil".

Man könnte zugespitzt behaupten, dass der größte Feind eines offen schwul lebenden Mannes ein heimlich schwul lebender Mann (im Szene-Jargon auch "Klemmschwester" genannt) ist. In der Vergangenheit hat es, besonders in den USA, Zwangsoutungen von solchen heimlich schwulen Feinden der Schwulen gegeben, die sich (um von sich selbst abzulenken z.B. oft als besonders aggressive Schwulenfeinde im US-Kongress usw. aufführten).

Eine naheliegende Methode, aber hochgefährlich. Sie kann ebenso zu Selbstmorden führen wie bei jenem Fußballer, von dem du gesprochen hattest.

Ciao
Wolfram
KalleWirsch schrieb am 07.06.2010 um 13:29
@Wolfram Heinrich

"Eine naheliegende Methode, aber hochgefährlich. Sie kann ebenso zu Selbstmorden führen wie bei jenem Fußballer, von dem du gesprochen hattest."

Jetzt hast du mich und barshai in einen Topf geworfen. Er hat von Zwangsouting berichtet und ich vom Selbstmord des Fußballers. Ich bin gegen jedes Zwangsouting und fand schon damals in den Achtzigern das Outing von Rosa von Praunheim daneben oder das Outing von Bettina Böttinger bei Herrn Schmidt.

Ein Outing von Fußballprofis zum gegenwärtigen Zeitpunkt finde ich auch schwierig bis gefährlich. Das geht glaube ich wirklich erst nach Beendigung der Karriere.

Im Übrigen ist ja neben schwule Sau unter Jungs auch Fotze das neue Schimpfwort auf den Schulhöfen unter den Mädchen. Weiß die Hölle warum.
barshai schrieb am 07.06.2010 um 13:57
@KalleWirsch

Wir sind uns ziemlich einig. Ein Zwangsouting ist die große Ausnahme, z.B. wenn so ein Mensch (wie geschehen) die rechtliche Situation von Schwulen massiv verschlechtert, nur um von dem Verdacht abzulenken, er sei ja selber ...

Was Praunheim in den 1980er Jahren machte, ist nur im Zusammenhang mit der damals grassierenden AIDS-Panik zu verstehen. Er fand es feige und unakzeptabel, dass sich prominente Schwule hinter ihrem V.I.P.-Dasein versteckten, anstatt ihre Stimme gegen Diffamierung und Hass zu erheben (ein CSU-Politiker forderte damals Lager für HIV-Positive und ein bekannter Kardinal erklärte AIDS öffentlich zur "Strafe Gottes für unsittliches Verhalten").

Nur in diesem Zusammenhang ist das Verhalten von Praunheim, der dafür übrigens massiv angegriffen wurde, zu erklären.

Ganz nebenbei fühlten sich aber die Herren Biolek und Kerpeling anschließend sogar "von einem Druck befreit, in der Öffentlichkeit immer lügen zu müssen" und auch ihren Karrieren hat es offensichtlich nicht geschadet.

Aber KalleWirsch, ich stimme Dir zu, generell soll jeder selbst entscheiden, was er mitteilt und was nicht.

Ein Meilenstein in dieser Hinsicht war Klaus Wowereit (an dem Tag habe ich mir - was ich sonst strikt vermeide - die Blöd-Zeitung gekauft, weil die Headline so toll war).

barshai
barshai schrieb am 07.06.2010 um 14:11
Der Mann heißt Hape Kerkeling (das lerne ich wohl nie)
Wolfram Heinrich schrieb am 07.06.2010 um 14:15
@KalleWirsch
Im Übrigen ist ja neben schwule Sau unter Jungs auch Fotze das neue Schimpfwort auf den Schulhöfen unter den Mädchen. Weiß die Hölle warum.

Mei, wie das bei 15jährigen so ist. Sie brabbeln alle möglichen Wörter vor sich hin und bei einigen dieser Wörter reagieren die Erwachsenen böse. Ah ja, sagt er sich, die sind unanständig. Also verwendet er sie künftig bevorzugt. Als meine Söhne seinerzeit mit rüden Wörtern ankamen, habe ich sie nicht getadelt, sondern selber noch rüdere Wörter verwendet, die sie sich dann verbaten und von mir nicht mehr hören wollten. So hatte der Spuk schnell ein Ende. Semantisches Jiu-Jitsu, den Schlag nicht blocken, sondern ihn in eine für den Angreifer unangenehme Richtung lenken.

Ciao
Wolfram
KalleWirsch schrieb am 07.06.2010 um 14:35
Ich glaube auch, dass wir uns ziemlich einig sind. Aber eben nicht ganz. Zwangsouting bedient sich des Mittels der Stigmatisierung Schwuler und Lesben auch wenn es um jemanden geht wie Larry Craig. Was Mike Rogers in den USA macht finde ich nicht gut. Auch wenn ich es verstehe. Ich kann die Wut nachvollziehen, ich kann verstehen, dass man kurz davor ist, die Wahrheit über je,anden zu sagen der sich derart homophob verhält. Aber man bedient sich der Mittel, die man anprangert. Etwas anderes wäre es, wenn man sagen würde, ich weiß von 30 oder 40 schwulen Abgeordneten, die gegen Schwule hetzen um von iherer eigenen Homosexualität abzulenken, sie sind teils verheiratet und haben Familie und ich kann dies belegen. Ohne die namen zu nennen. Dann kann man eine Debatte über Bigotterie führen. fallbeispiele ohne Namen. Dabei geraten die Burschen schon unter Druck. Aber unter einem anderen Vorzeichen.

An die 80er kann ich mich gut erinnern. Als AIDS angerollt kam, war ich 17. Das war ziemlich krass und eine Bekannte von mir wollte nicht vom Brötchen eines Freundes abbeißen, weil der Schwul war und ziemlich durch die Betten geturnt ist. Da standen alle unter Schock. Das Lager für HIV Positive war da nur die Spitze. Auf dem CSD von 1989 in Dortmund waren gerade mal 3000 Menschen und wir wurden begafft wie Aussätzige. Ich habe Biolek mal in einer Homodisse in Bochum gesehen und fand das auch ziemlich scheiße von ihm damals. Aber das die Karriere der beiden keinen Knick machte, das konnte man damals nicht absehen. Noch, das sie auf offener Strasse beschimpft werden. ich komme aus der Nachbarstadt aus der Kerkeling kommt. Das ist tiefste Provin z und ich bin beschimpft und bespuckt worden als ich vor zehn Jahren da mit meinem Freund Hand in Hand über den Markplatz maschiert bin. Will sagen, diese Männer hattenGrund feige zu sein. Und Praunheim hat seinen offensichtlichen Mut mit dieser Aktion nur gemildert.
Zu Wowereit bleibt übrignes noch zu sagen, dass er der Bildzeitung, die ihn outen wollte zuvorkam durch Selbstouting. Aber er hat es eh nie verheimlicht nur eben auch nie thematisiert.
HansMeier555 schrieb am 07.06.2010 um 17:36
Von 11 Fußballern ist einer schwul.
Ausser in der türkischen Nationalmannschaft. Da sind zehn Spieler schwul und nur einer Hetero. Aber der ist Kurde und das Versteckspielen gewöhnt.
Tessa schrieb am 07.06.2010 um 19:33
Lieber Kalle,

vielen Dank für deinen Beitrag. Wir haben ihn auch auf die Startseite gestellt.

Viele Grüße
Tessa
KalleWirsch schrieb am 08.06.2010 um 02:25
Liebe Tessa,

ja das hab ich gesehen und mich sehr gefreut, da mir das Thema sehr am Herzen liegt. Und ich mag das Bild das ihr ausgesucht habt.

Bis denne

Kleiner König Kalle Wirsch
Doris Brandt schrieb am 09.06.2010 um 20:32
Sehr guter Beitrag. Ich habe keine Antwort darauf, warum das so ist. Eine Fußball-Mannschaft besteht offiziell scheinbar noch immer durch und durch aus "richtigen" Männern, die auch nur von "richtigen", bierseeligen Männern zum Sieg gebrüllt werden.
KalleWirsch schrieb am 09.06.2010 um 21:37
Vielen Dank Doris. Die Antworten fehlen mir ehrlich gesagt auch. Ich glaube nur, dass sich des Themas viel zu wenig angenommen worden ist. Wenn es dem DFB ernst wäre, dann würde er doch ein Outing von Ehemaligen organisieren und die Leute dann stützen.
Die Wurzeln sind aber dann doch gesamtgesellschaftlich zu sehen und da wird die gesellschaft plötzlich ehrlich, lässt die politisch korrekte Maske fallen und zeigt ihr homophobes Gesicht.
Wolfram Heinrich schrieb am 09.06.2010 um 22:05
@KalleWirsch
Vielen Dank Doris. Die Antworten fehlen mir ehrlich gesagt auch.

Mal ins Unreine gedacht: Ein Fußballer bewegt sich - anders als ein Schauspieler, Schriftsteller oder Politiker in einem sehr - sagen wir mal: - direkten Milieu. Wenn da ein Spieler mal als schwul bekannt ist, dann muß er damit rechnen, daß sehr, anzügliche, ach was: sehr beleidigende Sprüche von den Rängen gegrölt werden, von den fremden, wahrscheinlich aber sogar auch von den eigenen Fans. Dergleichen hat ein Schauspieler nicht zu befürchten. Und ein Fußballer muß damit rechnen, daß homophobe Spieler der jeweils anderen Mannschaft sehr viel härter an ihn rangehen, als sie es sonst täten. Und wenn er sich dann am Boden krümmt, dann ist es - natürlich - die typisch homosexuelle Wehleidigkeit.
Damit ein Spieler dran kaputtgeht reicht eine kleine Minderheit von Fans und Spielern,

Ciao
Wolfram
KalleWirsch schrieb am 09.06.2010 um 22:30
So sieht es aus. Nur sagt das nichts über die Ursachen aus. Wieso bricht sich dies derart im Fußball bahn. Oder im Leistungssport überhaupt. Denn wäre Situation bei anderen Sportarten bedeutend besser, gäbe es keine Gay Games.
Wolfram Heinrich schrieb am 09.06.2010 um 23:11
@KalleWirsch
So sieht es aus. Nur sagt das nichts über die Ursachen aus. Wieso bricht sich dies derart im Fußball bahn. Oder im Leistungssport überhaupt.

Die Beteiligten (Akteure und Publikum) sind beim Sport oft direkter, also weniger durch Konventionen gebremst. Das Theaterpublikum wird einen schwulen Hamletdarsteller nicht während der Aufführung beschimpfen. Ein schwuler Werkzeugmechaniker hat es da schwerer, deswegen hat man ja manchmal den Eindruck, Homosexualität sei vor allem bei Künstlern etc. besonders verbreitet, was aber letztlich nur ein Wahrnehmungsproblem ist.
Und bei einigen Sportarten ist das ja auch durchaus anders. Martina Navratilova konnte sich als Lesbe outen und das Publikum in Wimbledon oder wo hat sie trotzdem nicht ausgebuht. Manch einer mag mokant die Lippen geschürzt haben, aber für eine direkte Beschimpfung ist diese Art Publikum doch zu "vornehm".

Ciao
Wolfram
KalleWirsch schrieb am 09.06.2010 um 23:22
Das mit dem Wahrnehmungsproblem unterschreibe ich. Beim Theater ist Homosexualität oftmals überhaupt kein Thema mehr. Da erzählst du eben, wenn man sich kennengelernt hat, von deinem Freund als Mann und es ist schlicht normal. Du bekommst noch nicht mal diesen registrierenden Blick. Das finde ich sehr erholsam. Kann man auch nicht verallgemeinern, aber ist schon größtenteils so. Bei meinen Jobs auf dem Bau sah das schon anders aus. Trotzdem glaube ich nicht, dass Homophobie allein ein Bildungsproblem ist.
Wolfram Heinrich schrieb am 09.06.2010 um 23:41
@KalleWirsch
Trotzdem glaube ich nicht, dass Homophobie allein ein Bildungsproblem ist.

So wollte ich das auch nicht verstanden wissen. In "gehobeneren" Schichten will man sich eben seine Ressentiments nicht anmerken lassen. Der normale Arbeiter ist eben, wie gesagt, direkter.

Ciao
Wolfram
Wolfram Heinrich schrieb am 09.06.2010 um 23:43
Nachtrag: Und der normale Arbeiter ist halt das Publikum auf den Stehplätzen, auch die Spieler kommen vor allem aus dieser Schicht. Dort ist der Weg zwischen Hirn und Zunge nicht weit.
KalleWirsch schrieb am 10.06.2010 um 07:36
@Wolfram Heinrich

Das hatte ich auch gar nicht so verstanden. Bezog sich eher auf meinen eigenen Vergleich.
KalleWirsch schrieb am 10.06.2010 um 10:20
Ergänzend zum Artikel noch ein Interview mit Rainard Schäfer vom Fußballmagazin Rund. Obwohl schon vier Jahre alt ist das Interview immer noch aktuell. Lediglich der DFB macht heute etwas mehr als im Interview erwähnt.

KalleWirsch
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