KalleWirsch

Neues vom König der Erdmännchen

13.09.2010 | 18:35

Die ersten 120 Seiten von den Enden der Parabel... (49 -120)

...oder wie Die letzten 120 Tage von Sodom wieder in mein Leben traten.

"Das Grinsen ist für Prentice so nützlich wie er für die Firma, die, man weiß es, jeden für sich einspannt, Verräter, Mörder, Perverse, Neger, sogar Frauen, nur damit SIE kriegen, was SIE wollen."

Es sind Sätze wie dieser, die mich nach längerer Pause weiter lesen lassen. Ein ganzer Kosmos von Verachtung und Herabwürdigung in einem einzigen Satz. Ich bin auf Seite 56 und es werden noch einige dieser Sätze folgen, die mich jedes mal von Neuem überraschen, weil sie so elegant die Essenz aus dem ziehen, was die ganze Zeit in überbordenenden Bildern über mich, den Leser, hinwegschwappt, mich überflutet und manchmal eben ganz tief eindringt.

Ich lese weiter, mit dem unbedingten Willen, dem Pynchon einen ganzen Tag zu schenken. Auf welche Weise auch immer. Seit Tagen schon beschäftigt ich dieses Buch ohne darin gelesen zu haben. Noch nicht einmal die Blogs dazu. Es arbeitet in mir, ohne konkrete, länger andauernde Bilder in mir hervorzurufen. Aber eine Stimmung, die viel mit den mannigfaltigen Grautönen dieses Romans zu tun haben. Ich ahne, dass ich mich dem Buch auf besondere Weise nähern muss, denn nach herkömmlicher Lesemanier werde ich es niemals in Gänze bewältigen. Dieses Buch ist raumgreifend. Jedenfalls für mich. Deswegen beschließe ich, ihm den Raum zu geben oder es zu lassen. Das heißt konkret, dass ich mich nur noch bewusst mit Zeit und Offenheit ans Lesen machen werde. Das heißt konkret, dass ich Musik aufsammel in den lesefreien Zeiten, die ich beim Lesen hören will. Denn ohne Musik schweife ich ab in Alltagsgedanken. Musik, die mich ansonsten beim Lesen grundsätzlich stört, beschäftigt mein Gehirn anscheinend auf eine Weise, dass ich mich besser auf die in Buchstaben gedruckte Bilderflut einlassen kann. Ich brauche den Soundtrack zum Buch.

Ein Tag Pynchon. Ich bin gespannt und überrascht, dass meine Angst vor dem Kollos verflogen zu sein scheint. Auch die Abneigung ist es. Mir wird mir gleich morgens bewusst, dass es viel mehr die Anstrengung ist, die ich scheue. Zuerst höre ich Dead When I Found Her. Sehr intelligenter, fast eingängiger Industrial, der mir die letzten Tage schon als der passende Soundtrack zum Buch erschien. Pirats Backstory blitzte dabei in Fragmenten immer wieder auf. Doch heute passt es nicht so ganz. Es dauert ungefähr zehn Seiten sehr unterbrochenes Lesevergnügen bis ich die richtige Musik gefunden habe: LPF12 . Verschachtelte Elektroklänge, ständig switchend zwischen ruhig-düster und lärmend-zerstörerisch. Industrial at its best und mein Soundtrack zum Buch. Alleine die Musik zu Finden, war der Pynchontag schon wert. Mit einem Schmunzeln stelle ich fest, dass das Album von LPF12  "Inhibition Level" (Hemmschwelle) heißt. Musikalisch richtig untermalt lese ich weiter. Wild entschlossen den Pynchon zu streamen. Meint, nichts doppelt zu lesen, weil ich etwas nicht verstanden habe, denn dann kommt nur Frust auf. Ich schaffe es bis Seite 66 und werde wortbrüchig.

"Und der Krieg, nun, er ist Rogers Mutter. Er ist eine Mutter, die all die mürben, verletzlichen Einschlüsse von Hoffnung und Begeisterung herausgelöst hat, die unter dem tarnenden Glimmer in Rogers mineralischem Grabstein-Ich verborgen waren, die alle hinweggespült hat mit ihrer klagenden, grauen Flut."

Rumms. Dieser Satz lässt mich nicht mehr los. Ich muss mehrere Passagen danach wiederholt lesen, weil mir immer wieder Mutter Krieg in den Kopf kommt. Wenn die Mutter, die Nährende, der Krieg ist, wer ist dann der Vater. Dieser Gedanke wälzt sich unbeantwortet durch mein Gehirn. Ist es die Rakete? V2 als Vater, der alle hier beschäftigt, den alle versuchen zu ergründen. Grausame Eltern. Wobei ich die Grausamkeit immer noch fast durchgängig als alltäglich empfinde. Eben grau, mit buntgesprenklten Einschüben, wie die von Pirats lustvoller, und doch dem Verderb gewidmeter, Affäre. Oder eben die Leuchtschrift von "Spital zur heiligen Veronika vom wahren Bild Jesu für Erkrankungen der Atemwege und des Dickdarms". Darauf muss man erst einmal kommen. Immer noch überfluten mich die meisten Bilder schlicht. Ein kleiner Kobold in mir zetert: Der Kerl ist entweder zu blöd oder zu eitel um intelligent zu kürzen. Aber zum ersten mal taucht auch die Frage auf, ob die Bilderflut nicht auch einen Zweck erfüllt. Das bunt Gesprenkelte erst strahlen lässt, es unmöglich macht, aus der grauen Athmosphäre, dieser bleiernden Stimmung des alltäglichen Krieges zu entfliehen. Ich weiß nicht, ob Jessicas tückischer Ausbruch von verdrängtem Mitgefühl mich so berührt hätte ohne diese nicht zu fassende Trostlosigkeit, die mir tonnenschwer und federleicht zugleich erscheint.

Wie ich überhaupt überrascht bin, wie anrührend die Liebesgeschichte zwischen Roger und Jessica ist. Pirats Zynismus und Missgunst zum Trotz, ich glaube diese Liebe absolut. Gerade weil sie besteht in diesem Szenario, weil sie Zufluchtspunkt zu sein scheint, vor dem Zynismus einer Kriegsgesellschaft und auf seltsame Weise auch vor sich selbst. Vom eigenen Anteil an diesem Horror. Doch genauso fragt mich mein eigener Zynismus: Wird diese Liebe den Frieden überleben? Und ich merke, dass ich es mir für die beiden wünsche, aber nicht daran glaube. Für mich scheint diese Liebe nur unter Bedrohung möglich. Beide liebgewonnen Figuren bauen in meiner Phantasie nur unter Todesfurcht ein Nest. Ich habe das Gefühl, dass sie beide wissen, dass ihre Liebe nicht ewig währen wird, obwohl sie ganz echt ist. Noch bin ich nicht sicher, ob das nur etwas mit mir selbst zu tun hat, mit meinem Hang zur Tragik, oder ob Pynchon das merlinmäßig vorstreut.

Ich lese mich durch die Psyche Rogers und freue mich über die Zugänglichkeit der Passage, als Pynchon wieder so eine schlichten Satz voller "Wahrheit" raushaut. "Aber im Bereich von Null zu Eins, von Nicht-Etwas zu Etwas, kann Pointsman nur die Null und die Eins besitzen. Er kann nicht, wie Mexico, an jedem Ort dazwischen leben." Es ist etwas, was mich schon lange beschäftigt. Diese zwei Typen Menschen. Eben die, die ganz oder gar nicht sind und diejenigen, die mal hier mal da in unterschiedlichen Intensitäten sind. Den einen fallen die Zwischentöne schwer, die anderen scheuen das klare Ja oder Nein. Wie es mir bei Roger auch scheint, ziehen mich die Null zu Eins Typen ebenso an, wie sie mich abschrecken. Es ist wohl der Wunsch nach Klarheit und Verlässlichkeit der auf die Gewissheit, dass es beides letztendlich nicht gibt, trifft und Grenzen hochzieht.

Die Liebesgeschichte nimmt mich gefangen. Ihre Zugänglichkeit stimmt mich milde. Bis sie endet, bziehungsweise pausiert und Slothrop auf Seite 99 um die Ecke biegt. Ich fühlte mich ihm relativ nah bis jetzt. Bis jetzt. Schnell merke ich, dass hier nur streamen hilft. Und zwar zügiges. Nicht weil mich das Geschriebene stört, sondern weil ich wieder mal nur Bahnhof verstehe. Und je länger ich darüber nachdenke, desto schlimmer wird es. Wer, wie, was, wieso, weshalb, warum ist Kenosha Kid? Wo holt Pynchon all diese sexuellen Phantasien her? Vieles bleibt mir ein Rätsel. Die Klofahrt ist angefüllt mit Vielem, was Ekel erregen soll. Doch diese fäkale Überflutung überrollt mich derart, dass sich der Ekel bei mir nicht festsetzt. Es ist die erste Stimmung, die anders ist in diesem Buch, als die graue Alltagskriegsstimmung. Und sie bildet den richtigen Rahmen für Slothrops Menschenverachtung. Seine Homophobie, seinen Rassismus, seine Frauenverachtung kann ich besser ertragen, wenn ich weiß, was bei ihm so Fäkales auftaucht, wenn er dicht an seinem Unterbewusstsein surft. Pirats anschließende Wixerei mutet sich mir geradezu niedlich und kindlich an, nach Slothrops Ausflug ins Klo. Who the fuck ist Kenosha Kid?

Auf Seite 120 angekommen beschließe ich aufzuhören. Ich bin aufrichtig erschöpft. Mein Soundtrack nimmt noch einmal Anlauf und lässt es richtig scheppern, während ich mir ein wohlverdientes Bad einlasse. Er hat sich gelohnt der Pynchontag resümiere ich in den Fluten. Ich wollte dem Pynchon einen Tag schenken und nun bin ich der Beschenkte. Ich stelle mir noch die Frage, ob der Soundtrack bestehen bleiben wird oder sich beim nächsten mal verändert, vielleicht komplett auflöst. Dann, sozusagen als Nachschlag, tauchen Bilder aus Salo - Die letzten 120 Tage von Sodom dem letzten Film von Passolini vor seiner Ermordung in mir auf. Ich habe diesen Film das letzte Mal vor ungefähr zwanzig Jahren gesehen. Er ist großartig, unbestritten. Aber es hatte auch seinen Grund wieso ich ihn nie wieder geguckt habe. Ich hätte es nicht ertragen. Wie Pynchons Buch musste ich mir den Film hart erarbeiten. Ich brauchte sechs Anläufe um den Film ganz zu sehen. Unter anderem wegen diverser allzu brutaler Szenen und der Scheißeorgie in dem Film. Ich versuche die Bilder aus dem Film abzuschütteln, bin ernsthaft überrumpelt, weil ich seit ewigen Jahren nicht mehr an den Streifen gedacht habe. Aber die Bilder bleiben. In überraschender Detailtreue. Ich hätte nicht geglaubt, dass sie sich derart in mein Unterbewusstsein eingebrannt haben. Ich liebe Horrorfilme. Aber das hier ist etwas anderes, diese Bilder sind zu real um sie zu ertragen. Es sind nur fünf, sechs Szenen, aber die werde ich seit Stunden nicht mehr los. Was macht dieser Pynchon mit mir?

LPF12 kann man sich ganz legal kostenlos im Netz runterladen:

lpf12.bandcamp.com/album/inhibition-level

ebenso wie Mentalo And The Fixer, die ich auch beim Lesen gehört habe:

www.mentallo.net/

 

Ansonsten:

www.myspace.com/deadwhenifoundher

www.myspace.com/brendanperry

www.myspace.com/skinnypuppy

www.myspace.com/bigohgr

www.myspace.com/thefrontlineassembly

www.myspace.com/deadcandance

www.myspace.com/lpf12

 

 

de.wikipedia.org/wiki/Die_120_Tage_von_Sodom_%28Film%29

www.dailymotion.com/video/x6yojt_120-days-of-sodom-trailer-salo-120_shortfilms

www.youtube.com/watch?v=5-HI6aHU3u8

www.youtube.com/watch?v=EJpQHCZKQvo

 

 

 

Der Text ist Teil eines Projekts:
Wir lesen gemeinsam Thomas Pynchons "Die Enden der Parabel".

 
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Kommentare
rolf netzmann schrieb am 13.09.2010 um 19:11
auf die Idee, den Pynchon mit Musik zu lesen, bin ich noch nicht gekommen, ich lese ihn oft in der S.Bahn, mit all den Nebengeräuschen, die nur mein Unterbewusstgesein wahrnimmt, weil ich in der Handlung versunken bin
Onkel Wanja schrieb am 13.09.2010 um 22:42
Das hat mir gut gefallen, Kalle Wirsch, sehr intensiv, genau und empfindsam.
Wie ein Diamanttonabnehmer eines sehr teuren Plattenspielers hast du der großen Liebesgeschichte des Romans nach gespürt. Da ich schon weiß, wie die Beziehung von Roger und Jessica hinführt, werde ich später mal zu den Personen mehr sagen.
Ich freue mich darüber, dass ausgerechnet ein Mann diese Tiefe der Liebesgeschichte in diesem Buch erfasst hat. Roger Mexico ist mir inzwischen als Figur ans Herz gewachsen.
Ich erinnere mich an eine Stelle wo Pynchon die Synchronität der Paarbeziehung von Roger und Jessica beschreibt, wie fleischlich und sexuell sich diese Liebe eben auch ausdrückt.
Wie Jessica, die ja eine bürgerliche Parallel-Beziehung mit Jeremie Beaver ( Der Biber! Der Meiser wählt die Namen für seine Handlungsfiguren mit bedacht), einen sehr soliden Offizier ihrer Flakstellung, im inneren Dialog berechnend abwägt, wer sich wohl von beiden Lovern besser als solider Familienvater und Häuslebauer eignen würde.....Und wie Roger dies registriert und am liebsten vor ihr auf die Knie fallen möchte,um „zu schluchzen du bist meine letzte Chance...wenn du´s nicht sein kannst, ist es für immer zu spät..“(S61)

Zu Slothrop: Ich empfinde ihn in keiner Weise als menschenverachtend. Ich halte ihn ganz im Gegenteil als einen sehr sympathische Figur, einen angenehmen Zeitgenossen, der Frauen nicht unbedingt schlecht behandelt, sieht man von der Tatsache einmal ab, dass er Frauen in Trophäen verwandelt und seine Flachlegeliste mittels Stadtkarte von London und Stecknadeln und Sternchen festhält......

Ich kann leider beim Lesen keine Musik hören, ich brauche da absolute Ruhe, es ist aber toll wenn man sich so putschen kann, ich wollt ich könnte das auch ab......
In der öffentlichen Verkehrsmitteln kann ich ganz gut lesen, sofern nicht sehr laute Gespräche stören...und wie gesagt, der Meiser nimmt uns ja noch auf eine Busfahrt mit.....

PS: Welche S-Bahn Station ist das auf Deinem Foto?
PS: PS: Ich habe das mit dem Portlet täglich kontrolliert und mir ist es natürlich auch gleich aufgefallen, Super und danke an Maike!
KalleWirsch schrieb am 13.09.2010 um 23:26
Vielen Dank. Das mit Slopy kann sich auch wieder ändern, er war mir ja vorher auch sympathisch. Aber die Art und Weise seiner Denke, seiner ganz alltäglichen Denke, dieser alltägliche selbstverständliche Rassismus und seine Homophobie fordern mich schon immens. Ich hätte noch nicht einmal ein Problem mit seinen sexuellen Streifzügen. Im Krieg gehen Menschen mit Sexualität ganz anders, viel unmittelbarer um, scheint mir. Und ich habe moralisch in keiner Weise ein Problem mit anonymen Sex. Aber seine Sicht auf Frauen scheint mir geradezu sachlich zu sein. Slopy hätte wohl mehr Empathie für einen Hund. Mir schwant jedoch, dass Slopy sich selbst mehr verachtet als alle anderen. Aber ich kann da nur mutmaßen.

Die S-Bahn Station ist das Ostkreuz in Berlin. Vor dem Umbau in einen modernen Minihauptbahnhof. Da, wo er noch wunderschön war und Charme hatte. Jetzt ist er eine Baustelle und das was du auf dem Foto siehst existiert nicht mehr.
poor on ruhr schrieb am 14.09.2010 um 14:21
@Kalle Wirsch

Vielen Dank. Klasse geschrieben. In den Zweifeln und in den Fragen habe ich einen Teil von mir beim Pynchon lesen wiedererkannt. Starker Pyhnchon-Blog!

Herzliche Grüße

rr
hibou schrieb am 11.10.2010 um 18:33
erst heut gelesen. super-blog! (bei der null und der eins faellt einem natürlich der computer ein, gell?) roger und jessica = uhh :-))))
KalleWirsch
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