KalleWirsch

Neues vom König der Erdmännchen

15.07.2010 | 16:55

Historischer Sieg – Argentinien öffnet die Ehe für Homosexuelle

 

Nach einer 15- stündigen, heftigen Debatte hat der Senat Argentiniens heute Morgen die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare beschlossen. Mit 33 zu 27 Stimmen und drei Enthaltungen stimmten die Senatoren für das Reformgesetz, das eine ausnahmslose Gleichstellung  homosexueller Paare bedeutet und auch das wichtige Adoptionsrecht beinhaltet. In Artikel 172 der argentinischen Zivilgesetzbuches heißt es künftig: „Die Ehe soll die gleichen Anforderungen und Auswirkungen haben, unabhängig davon, ob die Partner des gleichen oder unterschiedlichen Geschlechts sind.“ Im gesamten bisherigen Gesetzestext wird die Formulierung  „Mann und Frau“ durch die Definition Vertragspartner ersetzt.  Argentinien folgt somit dem Vorbild von den Niederlanden, Belgien, Spanien, Kanada, Südafrika, Norwegen, Schweden, sechs Staaten der USA, Portugal (ohne Adoptionsrecht) und Island.

 

Status Quo in Europa 2009:

 

 

Dunkelblau - Gleichgeschlechtliche Ehe

Hellblau - Eingetragene Partnerschaft

Gelb - Gesetzgebung steht zur Debatte

Rot -Verbot der gleichgeschlechtlichen Ehe

 

 

Viel Gegenwind für die Gesetzesnovelle

Bereits im Mai dieses Jahres hatte der Gesetzesentwurf die Abgeordnetenkammer des Kongresses in Buenos Aires durchlaufen.  Für ein in Kraft treten musste allerdings noch der Senat seine Zustimmung erteilen. Der Ausgang der Marathondebatte war bis zuletzt unklar. Seit die beiden unabhängigen Abgeordneten Silvia Augsburger und Vilma Ibarra 2005 die Gesetzesinitiative angeschoben hatten, war es im Land zu massiven Auseinandersetzungen zwischen der Mitte-Links Regierung von Präsidentin Christina Kirchner auf der einen Seite und der großen Teilen der konservativen Opposition und der katholischen Kirche auf der anderen Seite gekommen. Auch Teile der Medien attackierten die Gesetzesnovelle. Im Vorfeld der Abstimmung hatte Präsidentin Kirchner weiter offensiv für ihr Gesetzesvorhaben geworben, indem sie die Besonderheit des Gesetzes als erstes Minderheitengesetz des Landes pries und an die Verantwortung aller erinnerte, eine gleichberechtigte Gesellschaft zu schaffen in der Minderheiten dieselben Rechte haben wie die Mehrheiten.  Die Haltung der katholischen Kirche Argentiniens hatte die Präsidentin zuvor als Rückführung in die Inquisition angeprangert.  

Machtkampf zwischen Mitte-Links Regierung und katholischer Kirche

Das hatte seine Gründe. Seit vielen Jahren wehrt sich die katholische Kirche gegen die Zurückdrängung ihrer politischen Einflussnahme. Dementsprechend hart führte sie die Auseinandersetzung um die Öffnung der Ehe und scheute auch nicht vor mittelalterlicher Rhetorik zurück. Der Erzbischof von Buenos Aires Jorge Bergoglio diffamierte den Gesetzesvorschlag als Teufelswerk und destruktives Streben im Plan Gottes. In einem Brief an die Klöster Argentiniens schrieb er:  "Lassen Sie uns nicht naiv sein, wir sprechen hier nicht von einem einfachen politischen Kampf. Dies ist ein zerstörerischer Anlauf gegen den Plan Gottes. Wir sprechen nicht von einem Gesetzentwurf, sondern von einer Intrige des Vaters der Lügen, die die Kinder Gottes verwirren und hinters Licht führen soll." Die Priester des Landes wurden angehalten gegen die Öffnung der Ehe in ihren Predigten Stimmung zu machen. Am Vortag der Abstimmung im Senat hatte die Kirche 50.000 Menschen für eine Gegendemonstration unter dem Motto „Kinder haben ein Recht auf eine Mutter und einen Vater“ mobilisiert. Der Großteil der Demonstranten war auf Kosten der katholischen Kirche nach Buenos Aires befördert worden.  Gestern standen sich so rund 200.000 Befürworter und Gegner unversöhnlich vor dem Parlamentsgebäude gegenüber. Gegen vier Uhr morgens endeten die derben Verbalgefechte  und  Handgemenge im Jubel der Befürworter.

 

Erzbischof Jorge Bergoglio:"Dies ist ein zerstörerischer Anlauf gegen den Plan Gottes."

 

Argentinien bestätigt seine Vorreiterrolle

Wie die Niederlande 2001 in Europa ist Argentinien damit in Latein und Südamerika der erste Staat der die uneingeschränkte Gleichberichtigung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften  im Gesetz umsetzt. Argentinien untermauert damit  seine Vorreiterrolle für schwullesbische Emanzipation. Bereits seit 2003 existierte in den Provinzen Buenos Aires und Rio Negro die Möglichkeit der Eingetragenen Partnerschaft für lesbischschwule Paare. Ein Anspruch auf Hinterbliebenenrente besteht seit 2008. Eingetragene Lebenspartnerschaften gibt es auf dem Kontinent ansonsten noch in Uruguay, Mexiko Stadt und dem brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul. In Argentinien werden jetzt die neun bereits geschlossenen, juristisch aber angefochtenen, lesbischschwulen Ehen anerkannt.   Der Fraktionschef der Regierungspartei Miguel Pichetto sprach nach der, zwei Sitzungstage andauernden, Senatsdebatte von einem historischen Sieg. Einem Sieg von dem wohl auch so mancher deutscher Homoaktivist gerne berichten würde.

Deutschland setzt weiter auf Ausgrenzung

Deutschland hingegen ist im Zustand der Eingetragenen Partnerschaft erstarrt. Was als erster Schritt auf dem Weg zur Öffnung der Ehe gedacht war, ist zur bleiernen Realität geworden. Eine Institution für Lesben und Schwule, die hauptsächlich Pflichten und nur wenig Rechte beinhaltet. Die größten Benachteiligungen im Beamten und Einkommensteuerrecht werden zwar nach und nach, vor allem auf Druck von Gerichtsbeschlüssen, allmählich abgebaut, aber gegen eine Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare findet sich in Deutschland immer noch keine parlamentarische Mehrheit. Während CDU/CSU Die Eingetragene Partnerschaft oft zähneknirschend als juristische Realität anerkennen, aber möglichst keine weitere Schritte gehen wollen, fordern FDP und SPD  eine rechtliche Gleichstellung der Lebenspartnerschaft mit der Ehe. Lediglich Bündnis 90/ Die Grünen und die Linke fordern die überfällige Öffnung der Institution Ehe.  Diese ist besonders wichtig damit lesbischschwule Paare in Deutschland endlich das volle Adoptionsrecht erhalten, was bis heute teils vehement verweigert wird. Die grundsätzliche Aberkennung der Fähigkeit Kinder zu erziehen ist deswegen eine unerträgliche Diskriminierung, weil es Schwule und Lesben im zwischenmenschlichen Bereich zu Menschen zweiter Klasse degradiert und soziale Inkompetenz unterstellt. Nur eine uneingeschränkte Öffnung der Ehe, ohne Sonderregelungen,  ist ein Zeichen von gewollter Emanzipation. Jede Form von Lebenspartnerschaftgesetz kann nur eine Übergangslösung sein, denn es bleibt Teil einer Ausgrenzung von Schwulen und Lesben.

Einzige Hoffnung: Rot-Rot-Grün

Die Frage um die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare hat Argentinien in den letzten fünf Jahren gespalten. Trotzdem haben es die Reformkräfte des Landes mit viel Beharrlichkeit geschafft ihr Vorhaben in einem vornehmlich katholischen Land umzusetzen. Es stellt sich die Frage, wieso in Deutschland, wo weitaus weniger Proteste der Bevölkerung zu erwarten wären, nicht möglich ist, was Argentinien und sechs europäische Staaten vorgemacht haben. Ohne erkennbaren Druck geht die deutsche Regierung den umgekehrten Weg und blockiert in Person der Bundesfamilienministerin Schröder die Antidiskriminierungsrichtlinie der EU. Die einzige Chance für die Schwulen und Lesben hierzulande scheint eine Rot-Rot-Grüne Koalition auf Bundesebene zu sein. Denn allmählich fordern auch immer mehr SPD Mitglieder die Ehe für alle, und Grüne und Linke haben ihre Notwendigkeit eh längst begriffen. Bleibt abzuwarten, was der Entschließungsantrag des Berliner Senats zur Öffnung der Ehe im Bundesrat bewirken wird. Bis Deutschland einen historischen Sieg wie Argentinien feiern kann, ist noch eine lange Strecke Weg zu beschreiten.

 

 
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Kommentare
Ehemaliger Nutzer schrieb am 16.07.2010 um 00:20
und dann, - wenn alles gesetzlich geregelt ist, ist dann Friede Freude Eierkuchen? Adoption, wozu?
KalleWirsch schrieb am 16.07.2010 um 08:04
nein, dann herrscht zumindest in einem für viele Menschen wichtigen Punkt Gleichberechtigung. Wer diese Regelungen nicht will Und dazu gehöre ich selbst), der muss sie ja nicht eingehen.
Das Adoptionsrecht ist für die Schwulen und Lesben wichtig, die einen Kinderwunsch haben, eine Familie gründen wollen. Ich denke, dass ist relativ offensichtlich.
Fritz Teich schrieb am 17.07.2010 um 07:56
<<
Das Adoptionsrecht ist für die Schwulen und Lesben wichtig, die einen Kinderwunsch haben, eine Familie gründen wollen. Ich denke, dass ist relativ offensichtlich.
>>

Kinderwunsch, vielleicht sollten sie eine Zweckgemeinschaft mit Menschen des anderen Geschlechtes eingehen. Ist der Kinderwunsch so gering, dass der Ekel vor dem anderen Geschlecht ueberwiegt? Oder sind Schwule und Lesben hier nur bequem. So garantiert toll ist das mit Adoptionen ausserdem jedenfalls nicht. Und bei Adoptionen in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften verdoppeln sich noch die Probleme alleinerzogener Kinder. Aber angesichts der vielen doch wohl noch viel groesseren Konflikte in unserer und auch der argentinischen Gesellschaft: wieso ist der Sieg historisch? Weil es ein Sieg ueber die Kirche war? Fuer mich ist es nur ein weiterer Schritt hin zu einem grenzenlosen Materialismus, in dem das Menschliche immer weniger Platz hat. Menschlich ist nicht der Kinderhandel, auch wenn es gehandelte Kinder gibt, sondern die natuerliche Geburt.
KalleWirsch schrieb am 17.07.2010 um 10:00
@Fritz Teich

Der Sieg ist historisch, weil Argentinien damit das erste Land in Südamerka ist, dass die Ehe für Schwule und Lesben öffnet. Und zwar ohne Einschränkung. Er ist auch historisch, weil dieses Gesetz in einem Land mit 90% Katholiken beschlossen wurde und die Kirche schon sehr harte Geschütze aufgefahren hat. In diesem Sinne fand auch den Spanischen Vorstoß historisch, weil er auch ein Zeichen der Entmachtung der Kirche setzt. Aber der kirchliche Aspekt ist für mich persönlich eher zweitrangig. Das ist mehr die Zugabe.
Historisch auch, weil Argentinien zum ersten Mal ein Minderheitengesetz beschlossen hat. Das kann wegweisend sein.

Zum Adoptionsrecht:
1. Ich kenne keine Homsexuellen, die sich vor dem anderen Geschlecht ekeln. Mir ist nicht klar, wie diese Zweckgemeinschaft aussehen soll. Einmal Sex haben und dann gemeinsam ein Kind groß ziehen? Etwas ähnliches gibt es tatsächlich schon, dass ein Schwuler einer Lesbe eine Samenspende gibt und sie das gemeinsame Kind austrägt. Meist hat das Kind dann 4 Eltern.
2. Das Argument, dass sich die Probleme von Alleinerziehenden verdoppeln ist für mich an den Haaren herbeigezogen und es offenbart die Idealisierung der Heterosexuellen Ehe und Familie als einzig richtige Lebensform. Das Problem, dass männliche Vorbilder Fehlen bei der Erziehung, gibt es doch seit Ewigkeiten. Meine Generation ist faktisch auch ohne Vater groß geworden (67), da diese oft erst abends spät von der Arbeit kamen und die Mutter traditionell die Aufgabe der Erziehung hatte. Ein Kind alleine groß zu ziehen ist sicherlich nicht einfach. Aber das Problem der fehlenden Vorbilder, ob nun weiblich oder männlich, ist ganz bestimmt das geringste. Dafür kann man als veranwortungsbewusstes Elternteil sorgen. Es wäre schön, wenn auch der Staat dafür sorgen würde und mehr männliche Kitabetreuer anstellen würde. Komisch, darüber regt sich kaum jemand auf. Auch homosexuelle Paare sind in der Lage darauf zu achten, dass es jeweils gegengeschlechtliche Bezugspersonen gibt. Meistens achten sie sogar mehr darauf, da die Wichtigkeit bewusster ist.
3. Adoption als Kinderhandel zu bezeichnen finde ich geschmacklos. Die natürliche Geburt würde ich als biologisch und nicht menschlich ansehen. Tiere tun dies ebenso.
Kinder die adoptiert werden, würden ansonsten in Heimen aufwachsen. Was hat das mit Handel zu tun? Menschen die keine Kinder kriegen können, aber den Wunsch haben Kinder groß zu ziehen, kümmern sich um diese Kinder und geben ihnen ein Zuhause. DAS ist menschlich. Ich habe da eher Probleme den Sinn der Reproduktionsmedizin zu verstehen, solange es noch Kinder git, die ohne Eltern aufwachsen müssen. In welcher Form auch immer.

Was das alles mir einem gernzenlosen Materialismus zu tun hat erschließt sich mir leider nicht. Ebenso geht es mir mit der Frage nach der Bequemlichkeit von Schwulen und Lesben.
KalleWirsch
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