kapkritik

Kapkritik

27.04.2011 | 12:14

Wieso die ganze Aufregung? - Zur Scheindebatte um Sarrazin

 

Ich verstehe, um ehrlich zu sein, die ganze Aufregung nicht. Sarrazin hetzt gegen „die Unterschicht“, etwa deutlicher im Ton als es andere SPDlerInnen schon vor ihm taten. Aber was ist denn der eigentliche Skandal? - Die Hetze oder die Schaffung „der Unterschicht“? Denn um gegen diese hetzen zu können, muss es sie auch geben. Und darum, dass es sie gibt, hat sich die SPD gemeinsam mit den Grünen verdient gemacht – durch die Verabschiebung der Hartz4-Gesetze. Nicht ohne Grund hat sich Schröder beim WEF in Davos selber gelobt: für die Schaffung einer der besten (für wen?) Niedriglohnsektoren Europas. Man dürfe angesichts dieses Erfolgs – der Verarmung der lohnabhängigen Massen Deutschlands, auf dass sie sich in ihrer Not untertänigst zu noch niedrigeren Löhnen den Unternehmen andienen – Deutschland nicht unterschätzen.

Genauso beim Thema MigrantInnen: Ja, Sarrazin bedient rassistische Ideologie und verbreitet diese aktiv. Aber wer ist es denn, der durch diverse Gesetze immer wieder klarstellt, dass die ökonomische Be- und Vernutzbarkeit von „AusländerInnen“ das ist, was zählt? Man kommt nur „rein“, wenn man den Standort voranbringt. Das ist der Maßstab für die Migrationspolitik seit eh und je, auch unter der SPD. Und es ist diese Politik, auf der Sarrazin aufbaut – sie ist sein Bezugspunkt.

Man kann beides, die Verarmung der Lohnabhängigen, die der Schaffung „der Unterschicht“ dient, ebenso wie den in der Migrationspolitik in Anschlag gebrachten Maßstab unter der Bezeichnung „Bevölkerungspolitik für den kapitalistischen Standort“ zusammenfassen. Dann landet man aber bei der Analyse der Verhältnisse und es ist Schluss mit Scheindebatten.

 

 
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Kommentare
Knüppel schrieb am 27.04.2011 um 13:07
Ergänzung

Zitate:
'(...) "Ich kann es in einer Partei mit Sarrazin aushalten, aber ich kann es nicht in einer Partei aushalten, die sich aus Angst vor dem Stammtisch einem Sarrazin nicht stellen will" (...)

(...) Mit der Rücknahme des Antrags auf Ausschluss des ehemaligen Bundesbankers sieht er die sich an der Parteibasis sammelnde Vielfalt von Christen, Muslimen, Juden und Nichtgläubigen untergraben: "Einen solchen Fauxpas darf sich die Parteispitze einfach nicht leisten." Sie verspiele das Renommee, das die Basis zuvor aufgebaut hat ...'

(Sergey Lagodinsky, ein jüdischer Immigrant aus der ehemaligen Sowjetunion kam 1993 mit 18 Jahren nach Deutschland. 2001 trat er der SPD bei, wo er später den "Arbeitskreis jüdischer Sozialdemokraten" gründete ... Quelle: "Sarrazin war ihm zu viel" taz (Deutschlandausgabe Print) vom 27.04.2011, Seite 2 www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=a2&dig=2011/04/27/a0045&cHash=50fa381b22

----------

Die sog. "Berliner Erklärung" der "SPD-Basis" ...

"Viele Menschen […] haben kein Verständnis für das Ergebnis und den Verfahrensablauf des Parteiordnungsverfahrens gegen Genossen Dr. Thilo Sarrazin. Nicht nachvollziehbar erscheint vor allem der Zickzackkurs der Partei. Wir entschuldigen uns bei den Menschen, die sich durch diese Haltung verletzt oder enttäuscht fühlen. Wir appellieren an die Genossinnen und Genossen unserer Partei, die sich mit dem Gedanken eines inneren Rückzuges oder gar Austritts tragen: Jetzt gerade nicht! Wir brauchen euch! Die Partei braucht euer politisches Rückgrat!

In gemeinsamer Verantwortung für unsere Partei, die Sozialdemokratische Partei Deutschlands, stellen wir fest:

1. Wir sind und bleiben die Partei des sozialen Aufstiegs […] Elitärer Dünkel, Ausgrenzung von Gruppen - mit oder ohne Migrationshintergrund -, menschenverachtendes Gerede oder gar rassistischer Habitus haben in unserer Mitte keinen Platz.

2. Wir verteidigen die Meinungsfreiheit aufrecht. Die SPD ist jedoch eine politische Wertevereinigung, die […] durch ihr Grundwertekorsett einen äußersten Meinungsrahmen vorgibt. "Die gleiche Würde aller Menschen ist Ausgangspunkt und Ziel unserer Politik […] und unabhängig von […] wirtschaftlicher Nützlichkeit." Dieser äußerste Wirkungsrahmen ist nicht verhandelbar.

3. Die politische Verantwortung und der Gestaltungsanspruch der SPD enden nicht an irgendeinem Wahltag. Unsere Grundwerte sind nicht beliebig und stehen nicht zur Disposition Einzelner. Nachdem auf allen Parteiebenen Gremienbeschlüsse zum Parteiordnungsverfahren vorlagen, war es politisch angezeigt, diese Gremien vor einer Verfahrensbeendigung ohne Sachentscheidung zu befassen."

Quelle: "Die SPD braucht politisches Rückgrat", 'taz' (Deutschlandausgabe Print) 27.04.2011, Seite 6 www.taz.de/1/archiv/digitaz/artikel/?ressort=in&dig=2011%2F04%2F27%2Fa0051&cHash=23ad82b99c
kapkritik schrieb am 27.04.2011 um 13:19
"Die gleiche Würde aller Menschen ist Ausgangspunkt und Ziel unserer Politik […] und unabhängig von […] wirtschaftlicher Nützlichkeit."

--> Dann sollten sie aus der SPD austreten. SPD:

"Nach dem Vorbild klassischer Einwanderungsländer wie beispielsweise Kanada schlägt die SPD ein Punktesystem vor, „um den zukünftigen, langfristigen Bedarf an Fachkräften decken zu können und unter anderem dadurch die Folgen des demographischen Wandels mildern zu helfen“. Ziel sei die dauerhafte Zuwanderung von gut ausgebildeten, qualifizierten Arbeitskräften und ihren Familien."
www.migration-info.de/mub_artikel.php?Id=090402

Was nützt den Menschen aus dem "Ausland" ihre Würde, wenn sie nicht genug Standort-Punkte zusammenbringen, um "rein" zu dürfen? Also nur rein dürfen, wenn man sie für tauglich erachtet, ökonomisch ordentlich be- und vernutzbar zu sein?

- Nur ein Beispiel. Das meine ich mit Scheindebatte.
kapkritik schrieb am 27.04.2011 um 13:22
Das ist Bevölkerungspolitik für einen kapitalistischen Standort - da geht es NUR um die ökomische Bewertung von Menschen: Taugen sie was für den Standort oder nicht?
DARAUF baut Sarrazin auf - sagt: "muslimische" MigrantInnen waren ein klares Minusgeschäft für den Standort usw. DAS ist sein Bezugspunkt. Die BASIS wird geteilt, lediglich die Schlussfolgerungen sind andere - und Sarrazin spricht auch noch offen und ehrlich in der Sprache der Standortverwalter.
kapkritik
Gesellschaftskritik ist out. Gerade deshalb ist sie notwendiger denn je.
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