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Seit mittlerweile einem halben Jahr kämpfen Menschen im arabischen Raum für echte Demokratie, die Einhaltung der Menschenrechte und für politischen Pluralismus. Die Bewegung schwappte schließlich auch nach Europa über und „infizierte“ Spanien und Griechenland. Seit Wochen kämpfen auch dort unermüdlich (nicht nur junge) Menschen gegen das etablierte System, gegen Sparmaßnahmen, die nicht nur volkswirtschaftlich verheerend sondern auch zutiefst ungerecht sind. Sie kämpfen für politische Einflussnahme und für echte Partizipation am gesellschaftlich-politischen Diskurs. Es entstanden Bewegungen der „Empörten“, die sich gemäß des Aufrufs von Stéphane Hessel auf die Straßen begaben, um dort für eine andere Welt zu kämpfen.
Ausschlaggebend waren und sind nicht nur die ökonomischen Bedingungen unter denen die griechische und die spanische Bevölkerung unaufhaltsam stöhnen und die sie jeglicher Perspektive berauben. Es ist mehr als das. Viel mehr. Es scheint, als wären wir an der Schwelle zur Postdemokratie angekommen – oder wenigstens Teile von uns, Teile des Westens. Die goldenen Jahrzehnte des Westens sind dabei an ihr Ende zu kommen und dafür gibt es verschiedenste Gründe. Die – nach wie vor spürbare – Wirtschafts- und Finanzkrise gleicht aus heutiger Sicht einem Paukenschlag für die Veränderungen innerhalb einer emanzipierten Zivilgesellschaft. Dass diese Zivilgesellschaft zur Emanzipation fähig ist, hat die Regierungen Europas nicht nur eiskalt erwischt, sondern auch überrascht. Über Dekaden hinweg verfolgten sie eine Politik der Nichtemanzipation und zogen ihre Lehren aus der 68er-Bewegung und folgender Massenproteste. Doch während der Neoliberalismus nicht müde wurde Europa zu erklären, wie unterstützenswert und alternativlos er sei, brodelten unter der Oberfläche des gesellschaftlichen Gleichschritts unbefriedigte Bedürfnisse, die aus einer beispiellosen Ungleichheit innerhalb der Gesellschaften entsprang. Gewiss, es dauerte eine Zeit – für einige von uns zu lange – bis diese Wut, diese Empörung, dieses „Ya Basta!“ an die Oberfläche dringen konnten, aber es geschah – es geschieht.
Den Protestierenden geht es wahrlich nicht darum die Demokratie abzuschaffen, vielmehr lechzen sie nach einer ECHTEN Demokratie, die ihren Namen verdient und als solche auftritt. Demokratie – Herrschaft des Volkes – ist zu einem ausgehöhlten Symbol neoliberaler Wirtschaft verkommen und hat auf ihre ProtagonistInnen vergessen. Sie hat sie vielerorts nicht nur vergessen, sondern bewusst aus dem gestalterischen Prozess gedrängt, um sich den profitablen Vorgaben der Wirtschaft widmen zu können. Die Stimme des Volkes wurde mundtot gemacht – sie wurde weder länger gebraucht noch gewollt. Genau dagegen wehren sich die Menschen in Südeuropa und zuletzt auch in Großbritannien. Diese Menschen haben erkannt, dass sie von der aktuell herrschenden Demokratie zu Sklaven eines sich selbst überholenden Kapitalismus gemacht wurden und wollen das nicht länger hinnehmen. Sie stehen auf und empören sich. Sie haben erkannt, dass Demokratie mehr bedeutet, als alle paar Jahre zur Wahlurne zu schreiten. Sie wollen die Welt in der sie leben, ihre Welt, mitgestalten.
Während die Abkehr von Nationalismen prinzipiell zu begrüßen wäre, so treibt sie seit Jahren doch grausame Blüten. Kaum jemand kann nachvollziehen, auf welcher Grundlage Ratingagenturen, IWF oder EU-Kommission Einschätzungen zur wirtschaftlichen Lage in verschiedenen Staaten treffen. Gegenseitiges Bekriegen ist längst an der Tagesordnung – die Kräfteverhältnisse scheinen in Zement gegossen. Abseits dessen gibt es aber noch andere Ebenen, unökonomische Faktoren, die das Leben in einem Land lebenswert oder eben nicht machen. Für diese Faktoren gibt es bis heute keinen Index, keine Messwerte, keine Skala – die relevant wären. Sie sind wirtschaftlich nicht relevant. Natürlich hängt der gesellschaftliche Frieden maßgeblich von ökonomischen Rahmenbedingungen ab – aber eben nicht nur. Jahrzehntelang priesen die neoliberalen Regierungen flexible Lebens- und Arbeitsgestaltung an, ohne auch nur einen Finger für notwendige Rahmenbedingungen zu schaffen. „Individualisiert euch!“, lautete die Parole – gründet Ich-AGs, taucht in die Welt der „freien“ Berufe ein, verwirklicht euch selbst. Noch nie wurde Individualisierung mehr pervertiert als in den letzten 30 Jahren. Viele die sich als Ich AG, als freie Unternehmer, als freie Dienstnehmer in das gesellschaftliche Karussell begeben haben, drohen heute zu ertrinken und versuchen verzweifelt nach fiktiven Strohhalmen zu greifen.
Alle Menschen, die seit Wochen, Monaten oder auch künftig auf die Straße gehen, verdienen Respekt und sollten Inspiration sein. Europa braucht Widerstand. Europa braucht Demokratie. Europa braucht Mut. All das können Regierungen und Institutionen nicht leisten. Europa braucht uns. Europa wird uns so lange brauchen, bis die Entscheidung für eine individuelle Lebensführung nicht mehr wirtschaftlichen Exitus bedeutet. Ohne den Widerstand des Volkes wird sich keine Regierung bewegen – das erkannt zu haben ist einer der größten Verdienste aller kämpfenden und protestierenden Menschen in Spanien, Griechenland und jedem anderen Staat der folgt. Ein Leben im Überfluss macht Partizipation nicht überflüssig – vor allem wenn der Überfluss einer Minderheit und die Perspektivenlosigkeit einer Mehrheit gehört. In diesem Sinne: Empört euch, PostdemokratInnen.
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Kämpfen Menschen per se für eine Staatsform, gehen sie dafür die Gefahr ein, selbst getötet zu werden? Kann man die Bevölkerung eines Landes als "die Menschen" oder gar als "das Volk" bezeichnen? Man, das heißt Gruppen in der Gesellschaft, kämpft für Interessen und Ansprüche und gegen Macht, die ihren Interessen zuwiderhandelt. Man sollte endlich anfangen das Pathos in der Interpretation der gegenwärtigen Situation zu unterlassen und statt dessen die Ursachen benennen. Erst auf dieser Grundlage ist solidarisieren möglich, wie sich darüber verständigen, wie unter anderem die Demokratie sich weiterentwickeln sollte.
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Ursachen benennen? Habe ich das nicht im Ansatz getan? Gruppe statt "Volk" oder "Menschen"? Kannst du das erläutern... Letzten Samstag gingen in Israel 450.000 Menschen auf die Straße - nur eine Gruppe?
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@ Stefanie Klamuth
"Über Dekaden hinweg verfolgten sie eine Politik der Nichtemanzipation und zogen ihre Lehren aus der 68er-Bewegung und folgender Massenproteste." Wer? Die sich alle 20 Jahre sich neuerfinden bzw. Nachgeboren werden? Wenn man ueber "Dekaden" redet und mitreden kann, ist man meist schon am Herbstes des Lebens angekommen, ob '56 Ungarn, '68 Prag, Berkeley, Paris, Berlin, '89 Berlin. Die Geschichte wiederholt sich einfach langweiligst, in "Boomzeiten" kommen reformistische Ideen auf, in Krisenzeiten stehen auf einmal 450 000 Menschen auf der Strasse, die sich vorher nicht ein Ei für Politik interessiert haben, weil sie auf einmal die Flatrate nicht bezahlen koennen und nicht jeder Hotel Mama hat. Jetzt kommt die "Weltrevolution" ?!?! Lass die Oportunisten mal das Spiel machen, wie immer, die jetzigen am lautesten ins Megaphonschreier, ob in Griechenland oder sonstwo haben in 20 Jahren die fettesten Diäten... Wetten? |
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mit "sie" meinte ich die politischen machthaber, die seit thatcher und reagan eine neoliberale politik verfolgt haben - mit "dekaden" meinte ich die zeit seit den 1980er jahren...
und von "weltrevolution" habe ich an keiner stelle gesprochen. ;-) |
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ok,
jetzt haben die kleinen neoliberalen Machthaberscheisserchen seid den 80ern ihre Lehren gezogen und Wissen uns zu Manipulieren, und auf einmal gibt es frischen Wind auf den Strassen? Die "Weltrevolution" war ein Metapher von mir, das auf einmal "Ueberall" (Griechenland, Spanien, Israel) ein frischer Wind wehen soll, aber es sind nichts anderes als oekonomische Grundbeduerfnisse die den Stiefel druecken lassen und die Leute auf die Strasse schicken. Selbst bei den arabischen Laendern ist trotz Repressionspolitik incl. Folter das Ventil einfach geplatzt, auf den Boulevard's der SchikiMiki Strassen turnen die Luxusschlitten und ich kann mir nicht mal eine Raviolibuechse leisten, das geht einfach nicht gut... ;-) |
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Dass eine Bevölkerung in Schichten und Gruppen unterschiedlichem Zugang zu den Gütern differenziert ist und dass ihre Anteile an der Gesamtbevölkerung nach demographischen und sozial-wirtschaftlichen Gründen sich verändern und dass in jeder Bevölkerung Spannungen entstehen, wiederum als Folge des Zugangs zu den Gütern und dass diese zu politischem Protest führen können, ist doch der Ausgangspunkt jeder politologischen Sicht auf die Gegenwart.
Die Demonstrationen in Israel sind Wahrnehmung der demokratischen Grundrechte. Sie haben ein konkretes Ziel, die offenbar zunehmende Schieflage im Zugang zu den Gütern aufzuhalten. Ob 450 000 Demonstrierende (fast 10 % der Gesamtbevölkerung) viel oder wenig sind, ist eine Frage, die wir nicht beantworten können, weil die Journalisten uns über die soziale Schichtung in Israel nicht informieren. |
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Die ägyptische & sonstige Diktaturen beruhen nicht auf einen Clan alleine, sondern auf einem durchgehenden System von Unterstützerun und Mitnutznießern.
Die wurden und werden überhaupt nicht abgeschafft, im Gegenteil: die sind geblieben und werden das Grundsystem halten. Der einzige wesentliche Unterschied ist, daß die radikal islamischen Gruppen die Lage geschickt ausnutzen und ihre Macht ausbauen. In ein paar Jahre gibt es dort die gleiche Scheiße mit mehr praktischem Isalm angereichert, die Staatsmacht beruht dann direkt auf Allah's Ratschlag und darf noch weniger angezweifelt werden. Dann können die linken Schlauköpfe wieder irgendwas anderes erzählen. |
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vielleicht einfach mal mehr von sowas
de.qantara.de/Wir-lehnen-die-neoliberale-Politik-ab/704c667i1p294/ zur kenntnis nehmen? |
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Stell dir vor, Rahab: du wirst noch ein FAn von mir werden.
Freust du dich schon ? |
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?
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Also eher nicht. Macht nichts, ich sag dir dann Bescheid, wenn es soweit ist.
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Danke für den Link Rahab.
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Ob aber wohl potentiellen Empörungen hierzulande so relativ friedlich begegnet würde wie in Tunesien oder Ägypten, wage ich zu bezweifeln.
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Ich auch, ich erinnere mich daran, dass während der 68er Bewegung im Berliner Senat gefordert wurde, die Polizei mit Handgranaten auszurüsten. Ich hoffe und bin auch überzeugt, dass dies heute nicht möglich wäre, aber es war immerhin damals möglich.
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Handgranaten sind wohl heute nicht mehr nötig, da die Technik sich so weiterentwickelt hat: Wasserwerfer, Pfefferspray, Elektroschocker ...
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handgranaten? polizei?
mit solch kleinkram hält mann sich heutzutage nicht mehr auf. mann will den armeeeinsatz im inneren, hierzulande und anderswo auch. |
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Und im Zweifelsfall ruft man via UNO-Sicherheitsrat die NATO herbei, die dann die Rebellennester in Schutt und Asche bombardiert und die Rädelsführer durch Drohnenangriffe 'neutralisieren' läßt.
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Haben Sie sich das eigentlich genau überlegt als Sie den Begriff Postdemokratie / PostdemokratInnen benutzten? Dem Wortsinn nach heißt es ja, die Demokratie abzuschaffen, sie durch eine andere Staatsform zu ersetzen. Das zu verlangen, was danach kommen soll. Historisch gesehen waren es die "Braunen" die postdemokratisch waren. Die Ergebnisse sind bekannt.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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