Katharina Hamberger

Katharinas Blog

17.03.2010 | 14:55

Außenansichten: Zwei Afghanen über den Einsatz in ihrer Heimat

 

In Deutschland leben 72.000 Afghanen. Viele haben Unruhen und Terror in ihrer Heimat hierher getrieben. Von der Ferne aus, sehen sie zu, wie die Nato versucht Afghanistan wieder friedlich zu machen. Was halten sie davon? Zwei von ihnen kommen hier zu Wort. 

Sultan Mohammad sitzt in seinem Büro in Hamburg. Es ist ein trister Raum: Grauer Schreibtisch, schwarzer Stuhl, schwarze Kommode. Nur ein Kalender mit Bildern erinnert an seine eigentliche Heimat. Auch der rundliche Mann mit den lebhaften kleinen Augen sieht auf den ersten Blick aus wie ein Einheimischer. Passend zur Jahreszeit hat er einen dicken grauen Wollpullover an. Auf dem Kopf eine geringelte Mütze, die, wie in der Hansestadt fast typisch, knapp über den Ohren endet und nur den Oberkopf bedeckt.

Dass Mohammad nicht von hier ist, fällt erst auf, wenn sein Telefon klingelt. Ein Anruf aus Afghanistan. Dort lebt er nun seit 1987 nicht mehr. Der 59jährige musste vor den Sowjettruppen fliehen. Wenn er an seine Heimat denkt, sagt er: „Der Kriegt hat nicht nur das Land zerstört, er hat die Seelen der Menschen zerstört. Die Freiheiten, die ich kannte, gibt es nicht mehr.“

Wie diese Freiheiten und vor allem der Frieden dort wieder zurückkommen könnten, darüber machen sich in Deutschland, besonders seitdem die Bundeswehr am Hindukusch im Einsatz ist, Politiker öffentlich ihre Gedanken. Diejenigen, die das Land und seine Probleme wirklich kennen, sowie Mohammad und seine Landsleute, kommen nur selten zu Wort.

In Deutschland leben 72.000 Afghanen.  Ein Viertel von ihnen, und damit die größte afghanische Gemeinde der Bundesrepublik,  hat sich in Hamburg angesiedelt. Sie kamen in drei Einwanderungswellen hierher:

In den 1950er bis in die 70er Jahre wanderten viele Afghanen nach Deutschland aus, um zu studieren oder zu arbeiten. Anders um 1979: Damals flohen die Menschen vor dem Einmarsch der Sowjetunion.

Die letzte große Migrantenflut war Anfang der 1990er. Die Mudschaheddin stürzten die moskaufreundliche Regierung und viele der politisch linksgerichteten Afghanen mussten ihre Heimat verlassen. Ruhe kehrte auch weiterhin nicht in das Land am Hindukusch ein. Nach jahrelangen blutigen Auseinandersetzungen, begann 1996 die Terrorherrschaft der Taliban.

Dann kam der 11. September 2001. Für die USA stand fest: Die Anschläge waren ein Angriff auf die westliche Welt. Sie marschierten in Afghanistan ein, stürzten das Taliban-Regime und die Nato rief den Bündnisfall aus. Fast 85.000 Soldaten aus zehn verschiedenen Ländern versuchen heute als Nato-Schutztruppen (Isaf), Afghanistan endlich zu einem friedlichen Land zu machen.

Nach der Afghanistan-Konferenz aller am Einsatz beteiligten Länder, hat Deutschland über die Truppen und das weitere Vorgehen am Hindukusch abgestimmt.


Erbe der ganzen Welt

 „Frieden.“ Das hat Mohammad sich gedacht, als Afghanistan endlich von den Taliban befreit wurde. „Aber das war viel zu spät“, sagt der Afghane. Er betreibt mit seinem Bruder zusammen einem Export- und Importhandel für Baumwolle und Öl. Nebenbei haben die beiden das Afghanische Museum in Hamburg aufgebaut. Es riecht dort, wie man sich Afghanistan vorstellt. Ein wenig erdig, durchmischt mit Gewürzen wie Kardamom, Süßholz, Brennesselblättern. Aus versteckten Lautsprechern kommt Bauchtanzmusik. Überall sind mit Schaufensterpuppen Szenen aus dem Afghanischen Leben aufgebaut: Nomaden im Zelt, Männer im Teehaus, eine Familie beim Weben eines Teppichs. Ganz besonders imposant erscheint das Modell der Buddahstatuen von Bamiyan. 53 Meter hoch stand die Größte in ihrer Höhle. An Ort und Stelle aus dem Fels gehauen. 2001 zerstörten die Taliban in ihrem sogenannten Bildersturm dieses Unesco-Welterbe. Spätestens das, sagt Mohammad hätte der Welt zeigen müssen, wir schrecklich die Taliban sind. „Das war nicht ein Erbe von Afghanistan. Es war ein Erbe der ganzen Welt!“ Aber es hätte erst der 11. September kommen müssen, damit den Westmächten klar wurde, dass die Fundamentalisten, um ihren Glauben zu verbreiten, vor nichts zurückschrecken. Auch nicht vor dem Tod vieler tausend Menschen.


Terroristen sind gegen den Islam

Dieser sogenannte heilige Krieg hat dazu geführt, dass die Menschen, die an Allah glauben und nach dem Koran leben, in der westlichen Welt oft wie Fundamentalisten betrachtet werden. Der Islam wird zu einer grausamen, blutrünstigen Religion gemacht, die er nicht ist. Auf keinen Fall, sagt Mohammad, dürfe man die Taliban mit dem Afghanischen Volk gleichsetzen.

Auch Sayed Amin sagt: „Die Afghanen sind friedlich.“ Der große Mann mit dem grauen, dichten Haar und dem schwarzen Schnauzer ist seit 1991 in Deutschland. „Terroristen“, sagt er, „ sind gegen den Islam.“ Sie haben ihn dazu gebracht, seine „erste Heimat“ zu verlassen. Wenn man den 51jährigen fragt, warum er nach Deutschland gekommen sei, sagt er zunächst, es habe „politische Gründe“. Was er so harmlosen beschreibt, ist eigentlich ein prägendes Erlebnis: „Ich war gerade draußen, arbeiten. Eine Bombe hat unser Haus getroffen.“ Wenn er davon erzählt, hebt er die Arme schützend über seinen Kopf, zuckt beim Wort „Bombe“ zusammen. „Mein Vater ist bei dem Angriff gestorben.“ Genau wie Amins jüngster Bruder. „Vielleicht wäre er ein großer Mann geworden. Mit den Taliban ist das Leben nicht mehr menschlich. Sie machen alles kaputt“. Die Wut über die Fundamentalisten und darüber, wie sie mit ihrer Religion umgehen, sie kaputt machen, ist bei den Afghanen groß.

 

Kein Vertrauen in Amerika

Dass die Taliban aber soweit kommen konnten, ist mitunter auch Amerika zu verdanken. Sie hätten erst die Taliban aufgebaut, sagt Amin. Dieser Meinung ist auch Mohammad. „Ihre Schuld haben sie bis heute.“

1979 marschierten die Sowjets am Hindukusch ein, um die linke Regierung gegen Angriffe von Islamisten zu verteidigen. Amerika griff nicht direkt ein, unterstützte aber die Feinde ihrer Feinde im Kalten Krieg. Gewaltbereite Fundamentalisten, wie Osama Bin Laden, wurden von der Weltmacht mit Waffen überhäuft. 1989 zogen die Sowjets ab. Die USA hätte damals der UdSSR „ihren Vietnamkrieg“ verpasst, sagte der ehemalige US-Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski im Jahr 1998.

Aber erst durch diese Waffenlieferungen an die fundamentalistischen Mudschaheddin, haben die Vereinigten Staaten das Übel geschaffen, das sie jetzt versuchen zu bekämpfen.

Nach Mohammads Meinung hätten die Amerikaner ihre gute Seite durch den zweiten Irakkrieg 2003 dann ganz verloren. „Saddam Hussein war ein schlechter Mensch,“ sagt der Afghane, „aber wo waren denn die Massenvernichtungswaffen? Nicht da!“ Er findet das so bodenlos, dass er fast lachen muss. Viel Vertrauen haben er und Amin nicht in die USA. Sie glauben nicht, dass die amerikanischen Soldaten irgendwann verschwinden. Dafür liege Afghanistan strategisch viel zu gut. Von dort aus ließen sich Länder wie Amerikas Erzfeind Iran, die Atommacht Pakistan, oder auch China, das 76 Kilometer gemeinsame Grenze mit Afghanistan hat, besser kontrollieren.

Von Deutschland haben sie eine andere Meinung. Hier ist Amin zufrieden. Er ist Taxifahrer. Zuvor hatte er ein Lebensmittelgeschäft und ein afghanisches Restaurant. Arbeiten, denen viele Afghanen hier nachgehen. Das ist oft das Einzige, was sie tun können, obwohl sie eine andere Ausbildung haben. In ihrer Heimat waren sie oft Ärzte, Anwälte oder Ingenieure. Um in diesen Berufen arbeiten zu können, müssten sie in der Bundesrepublik nochmal studieren. Nebenbei engagieren sich viele in Organisationen oder Vereinen. Amin ist im Flüchtlingsrat tätig. Mittlerweile in ganz Europa. „Wann immer ein Afghane in Deutschland ein Problem hat“, sei es in der Schule oder auch bei der medizinischen Versorgung, könne er zu ihm kommen. Der Zusammenhalt unter den Afghanen in Deutschland ist groß, das sagt auch Sultan Mohammad. Es gibt viele kleine Netzwerke, trotzdem aber keine große Organisation. „Zum Freitagsgebet“, sagt er, „trifft man sich in der Moschee. Danach setzen sich die Männer zusammen und reden über Afghanistan.“ Mehr nicht.

 Weil die Heimat so ein wichtiges Thema ist, beschäftigen sie sich auch mit dem Engagement der Deutschen dort. Vieles daran finden sie gut. Manche Strategievorschläge jedoch alles andere als begrüßenswert.

Die Bundeswehr ist im Moment mit rund 4500 Soldaten an dem Isaf-Kommando der Nato beteiligt. Nun erhöht sich diese Zahl noch mal um 850. Und mehr Geld für die Polizeiausbildung ist geplant.

Ziel des Einsatzes, der bereits 36 deutschen Soldaten das Leben gekostet hat, ist ein selbstständiges Afghanistan. 2014 soll es soweit sein. Das wäre auch im Sinne der Afghanen in Deutschland. Deshalb soll die Bundeswehr nicht sofort raus. „Das wäre ein großer Fehler“, sagt Mohammad. Die Nato solle ihre Aufgabe dort zu Ende bringen. Besonders die Deutschen. „Sie haben eine ganz andere Beziehung zu diesem Land als England oder die USA.“ Die Deutschen hätten in Afghanistan etwas aufgebaut. „Es gab dort eine Schule, ein deutsches Gymnasium. Ich habe noch nie so eine schöne Schule gesehen“, erinnert sich der Afghane.

Die Menschen müssten außerdem endlich ein Land ohne Gewalt kennenlernen. Für die Jungen sei Krieg heute ein Spiel, so Mohammad.

Amin macht es regelrecht wütend, wenn Afghanen in Deutschland sagen, die Bundeswehr müsse jetzt Afghanistan verlassen: „Jeder der das sagt, der soll selbst hinfahren und dann gegen die Taliban kämpfen“, denn ohne Soldaten würden die Fundamentalisten sofort wieder an die Macht kommen.

 

Niemand fragt die Menschen dort

 Um dies zu verhindern, planen die Regierungschefs der Isaf-Nationen, neben dem Aufstocken des Soldatenkontingents am Hindukusch, auch ein Aussteigerprogramm für Talibankämpfer. Im Moment lassen sich viele Afghanen vom Geld zu den Fundamentalisten locken. Dort verdienen sie mehr, als bei der Polizei. 70 Millionen Dollar will die Bundesregierung in den 500 Millionen Dollar schweren Topf einzahlen. Was davon zu halten ist, weiß Mohammad nicht so recht. Die Korruption müsse auf jeden Fall weg. Aber ein Vorschlag, wie den von Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg im Dezember 2009, mit angeblich gemäßigten Taliban zu reden, ist für die Afghanen in Deutschland unvorstellbar. Guttenberg sagte damals zur Begründung: "Nicht jeder Aufständische bedroht gleich die westliche Gemeinschaft.“ Mohammad machen solche Aussagen wütend: „Man fragt die Menschen dort nicht.“ Kein Afghane wolle, dass solche Leute wieder etwas zu sagen haben. „Die Weltmächte können nicht mit den Mudschaheddin rede, nur weil sie Geld und damit Einfluss haben.“

 Mohammad hofft, dass Afghanistan sich irgendwann selbst helfen kann. „Eine Infrastruktur, Firmen und Fabriken, das wäre gut“, sagt er. Dann könnten vielleicht auch wieder solche Dinge zurückkommen, an die er sich erinnert: Kartenspielen und gute Gespräche mit seinen Freunden.

 

 
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Kommentare
Joachim Petrick schrieb am 17.03.2010 um 23:56
Danke für diesen interesanten Beitrag!

Helmut Schmidt hat jüngst in Gegenwart von zu Guttenberg gefordert, wenn unter den Taliban kein vernünftiger Geprächspartner zu finden sei, müsse einer "konstruiert", das heißt aufgebaut werden."

Die Gefahr des Ausstiegsprogramms für Taliban ist doch nicht nur die Förderung der Korruption in Afghanistan, sondern auch bei uns?

tschüss
JP
Joachim Petrick schrieb am 18.03.2010 um 15:20
In einer Phoenix Runde war ein berufener Afghane im Jahr 2009 zu hören, der befürchtet, dass Afghanistan zum Aufmarschgebiet internationaler Truppen für viel weitergehede Kriege geworden ist.

Afghanistan hat Grenzen zu Pakistan, Iran, China(76 km ).

tschüss
JP
Joachim Petrick schrieb am 18.03.2010 um 15:22
Warum sollten die Amerikaner, die NATO nicht versucht sein, mit China aus Afghanistan heraus das zu machen, was sie in Afghanistan aus Pakistan heraus gegen die UdSSR gemacht haben?

tschüss
JP
Alien59 schrieb am 18.03.2010 um 07:06
Es gibt aber Afghanen, die offensichtlich ganz anderer Meinung sind:

" Khan und Safi waren sich einig, dass die Truppen der USA und der europäischen Alliierten besser heute als morgen abziehen sollten. Safi zeigte Fotos verstümmelter Kinder, die er operiert hatte, und fragte, was das mit einem angeblichen Kampf gegen Terroristen zu tun haben könne. Wie die Russen würden die Amerikaner aus dem Land getrieben, so Safi.

Wenn die "Ausländer" abziehen würden oder vertrieben seien, dann würde es eine Zeit des lokalen Kräftemessens geben. Dessen Ausgang hänge vor allem davon ab, wie viele moderne Waffen die ausländischen Mächte noch lieferten. Nur wenn die Afghanen unter sich seien, würden sie bald einen Weg zu einem Frieden finden, wie es ihnen vor dem Einmarsch der Russen ja auch immer wieder gelungen sei. Die "Ausländer" hätten das Kräftegleichgewicht der Stämme in der Region zerstört. "

www.taz.de/1/nord/bremen/artikel/1/nur-schleppende-entschaedigung/
Katharina Hamberger schrieb am 18.03.2010 um 12:05
Hallo Alien59,
danke für den Artikelauszug aus der taz.
Die beiden Afghanen aus meinem Artikel stehen natürlich nicht für alle. Ich denke, da gibt es, auch innerhalb der Afghanen in Deutschland, sehr verschiedene Meinungen.

Beste Grüße,

Katharina Hamberger
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