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Einen schwarzen Tanga, mehr trägt sie nicht. Langsam, zum Rhythmus der lauten House-Musik, lässt sie die Hüften kreisen. Sie beugt ihren Oberkörper nach vorne. Ein Mann steckt ihr einen Dollarschein zwischen die Brüste. Dann fällt Sarahs letztes Kleidungsstück. Doch die Männer am Tisch sehen nicht mehr als zuvor. Sarahs* Hand liegt auf ihrem Schritt. Sie lächelt, zieht einen schwarzen Kimono an und steigt vom Tisch. Hinter der Bühne erklärt sie: „Wenn der Schlüpper unten ist, gibt’s nicht mehr zu sehen, also Hand drauf.“
Kein Dummchen
Sarah heißt im echten Leben Jasmin. Sie arbeitet in einer Table-Dance-Bar auf der Reeperbahn. Jasmin ist 25 Jahre alt und sehr zierlich. Ihre Haare waren bis vor kurzem noch wasserstoffblond, jetzt sind sie dunkelbraun. „Fast alle Männer hier stehen auf blond,“ sagt sie, „aber ich hatte keinen Bock mehr, das blonde Dummchen zu sein.“ Seit sechs Jahren ist sie erotische Tänzerin. Zunächst als Gogo-Girl in Discotheken, danach fiel ihr Oberteil, strippte bei privaten Veranstaltungen. Und schließlich tanzte sie gänzlich nackt in Hamburgs berühmten Dollhaus. Vor eineinhalb Jahren wechselte sie dann in eine andere Stripbar. Auch hier fällt jeden Abend das letzte Kleidungsstück.
Bevor sie sich auszieht, muss sie sich erst einmal anziehen. Um 18 Uhr beginnt ihr Tag mit Duschen und Schminken. Zwei Stunden später kommt sie in der Tabel-Dance-Bar an. Der Türsteher erwartet sie schon. Durch die schwarzen Eingangstüren betritt sie den noch leeren Club. Der Innenraum leuchtet rosafarben und blau. Gleich rechts neben dem Eingang, gegenüber der Bar, hängt in Leuchtbuchstaben der Schriftzug: „Hier tanzen die Puppen.“ Am Ende des Raumes steht die Bühne mit den Metallstangen. Verspiegelt, genauso wie die drei Tische für die Gäste.
Die Tänzerinnen gehen in ihre Umkleidekabine. Ein großer Spiegel. Ein Schminktisch. Ein Kühlschrank mit Cola, Wasser und Energy-Drinks. Und Unmengen von Schuhen: Stiefel aus Leder in allen Farben, mit hoher Plateausohle und noch höheren Absätzen. Mittendrin ein Paar knallpinke Pantoffeln. „Mit denen gehen wir die Treppe runter auf die Toilette, denn das ist sonst echt gefährlich“, sagt Jasmin.
Alles Schauspiel
Die Frauen drängen in den kleinen Raum. „Kennst du Sven Väth?“, fragt Jasmin. „Das ist ein echt guter DJ. Legt jetzt bald in Hamburg auf. Du musst unbedingt mitkommen.“ Die Frauen packen Lippenstifte, Puder, Lidschatten und Wimperntusche aus ihren rosa Kosmetikkoffern. Jasmins Zigarette brennt im Aschenbecher. Noch schnell einen Zug und eine Schicht Schminke. Dicker, brombeerfarbener Lippenstift, viel brauner Lidschatten und tiefschwarz getuschte Wimpern. Das ist die Maske für die Rolle, die sie jeden Abend für spielen: „Wenn du da oben bist, hast du nicht das Gefühl, du bist die Tollste,“ erzählt Jasmin, „aber du musst so tun als wärst du die Geilste. Man ist eben Schauspielerin und jede spielt ihr eigenes Stück. Auf der Bühne bin ich eine eingebildete Ziege“.
Zwei weitere Tänzerinnen drängen sich in die Umkleide. Es ist kurz vor neun. In zehn Minuten beginnt ihre Vorstellung. Kalt ist es in der Umkleidekabine. Jasmin hat inzwischen den Tanga und ein schwarzes, tüllartiges Top an. Sie hat eine gute Figur, wie alle Tänzerinnen. Das Tanzen an der Stange hält die Frauen fit: „Wir machen Akrobatik. Deshalb gehört unsere Arbeit auf Platz fünf der härtesten Jobs der Welt“, ist Jasmins Meinung.
Um Punkt neun beginnt die Musik im Club. Eine der Frauen, Tanja, stürzt nach draußen. Sie ist die Erste. Die Mädchen wechseln sich nach jedem dritten Lied ab. Während Tanja tanzt, gehen die anderen drei langsam in den Club. Bis jetzt ist noch niemand da. Getanzt wird auch, wenn niemand im Club ist. Das hält warm. Und es könnte ja immer jemand kommen. Jasmin dehnt sich auf einem der Tische. Sie versucht einen Spagat. „Das machen wir immer, wenn noch niemand da ist.“ Die anderen haben sich in Decken gehüllt. Im Club ist es noch kälter als in der Umkleidekabine. Die nächste Tänzerin ist Jasmin. Ihr Gesichtsausdruck ist unbewegt. Sie starrt in eine Richtung, bewegt den Körper mechanisch. Die Beats der Musik hämmern. Sie steht mit dem Rücken zur Stange und gleitet immer wieder daran auf und ab. Langsam, aber im Rhythmus. Manchmal stellen sich Frauen im Club vor, die zuvor Gogo in Discotheken getanzt haben. Denen müsse man dann erst mal beibringen, wie man sich bewegt. „So Gehoppse geht gar nicht“, sagt Jasmin. „Wie es richtig geht? Ganz einfach: Brust raus, Arsch raus und sexy bewegen. So einfach.“
Drei Lieder lang Rollenspiel
Der erste Gast. Jasmin ist jetzt in ihrer Rolle. Ihre Bewegungen werden schneller. Sie klettert die Stange wie eine Zirkusakrobatin nach oben. Dort angekommen, lässt sie langsam ihren Oberkörper nach unten fallen Nur mit den Beinen hält sie sich an der silbernen Metallstange fest. Ganz langsam rutsch sie nach unten, bis ihr Oberkörper den verspiegelten Bühnenboden berührt. Mit den Füßen drückt sie sich von der Stange ab und sitzt gespreizten Beinen auf dem Bühnenboden. Sie stößt sie sich mit einer Hand vom Boden ab. Dann kippt sie das Becken nach vorne und wirft die langen Haare in den Nacken. Langsam schiebt sie ihr Oberteil über ihren Bauch nach oben, bis kurz unter die Brust. Ihre drei Lieder sind vorbei. Eine andere Tänzerin betritt die Bühne.
Jasmin geht kurz in die Umkleidekabine „eine rauchen und nachschminken,“ anschließend setzt sie sich zu dem Gast und bietet einen Table-Dance an. Einen Tanz, nur für ihn, bei dem sie alles auszieht. Er will nicht. Jasmin ist erleichtert. Sie fand den Mann nicht besonders ansprechend. Aber das gehört dazu: „Wenn einer kommt, der aussieht, wie aus der Rocky Horror Show und dann auch noch Mundgeruch hat und Körpergeruch, dann ist das schon unangenehm. Aber es ist unser Job zu schauspielern.“
Ausziehen für Generationen
Der Gast geht. Die Mädchen haben nichts zu tun, sie sitzen auf den schwarzen Lederhockern an der Bar. Eine der Frauen betrachtet mit dem Barkeeper Fotos von einer Party. Ein Betrunkener betritt den Club. Kippt einen Kurzen. Sieht beim Tanzen zu. Geht. Gegen 23 Uhr kommt dann doch eine Gruppe. Es sind fünf junge Männer mit Eltern und Großeltern. „Nichts Ungewöhnliches“ sagt Jasmin, „hier kommen immer wieder ältere Menschen und ganz besonders Frauen her.“ Die Tänzerinnen wollen heute noch einen Table-Dance machen., das bringt zusätzlich Geld. Die Gäste kaufen Dollars zu je zwei Euro das Stück, die sie der Tänzerin zustecken können. Und der Table-Dance an sich kostet auch nochmal 30 Euro. Jasmin hat Glück. Ihr Auftritt auf der Bühne hat besonders die Eltern und Großeltern animiert, sie wollen sie auf dem Tisch tanzen sehen. Verkleidet als Krankenschwester.
Jasmin, den Arztkittel schon bis zum Bauchnabel aufgeknüpft, steigt auf den verspiegelten Tisch. Immer wieder nimmt sie einen neuen Dollarschein mit dem Mund entgegen. Immer näher kommt sie den Gästen. Langsam öffnet sie den Reißverschluss ihres roten Latexkleides. Die Gäste feuern sie weiter an, stecken ihr immer mehr Dollars zu. Jasmin bedankt sich mit einem lasziven Lächeln. Ihr BH fällt. Als sie auf dem kalten Tisch kniet, trägt sie nicht mehr, als den schwarzen Tanga.
*)Alle Namen geändert
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Hallo Katharina Hamberger,
beeindruckend die Schilderung! Nicht, dass ich überrascht oder gar schockiert wäre ... aber doch immer wieder ernüchtert. Meine Anmerkung: ES IST KALT - EISKALT - IM GEWERBE VON ANIMATION, TANZ UND ERST RECHT PROSTITUTION ... Solange die Frauen, die tanzen oder animieren, noch die Kontrolle über das behalten, was abläuft ... o.k. Katharina, bitte schreiben Sie weiter so "seziererisch" und präzise. Danke für den Text! Gruß SP |
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Geld oder Guillotine.
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Ausgabe 07/12
16.02.2012
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