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Damals, 1988, zog ich an den nördlichen Stadtrand von Berlin, Berlin-West. Mein morgendlicher Weg zur Arbeit führte mich über eine Brücke, von der man den Blick frei hatte Richtung Osten, genauer gesagt, konnte man den kargen Mauerstreifen sehen, dahinter liegendes Brachland mit vertrockneten Gräsern und ganz weit hinten stand noch ein Gebäude, eine alte Schule.
Es war schon ein eigentümliches Gefühl dort lang zu laufen, denn inmitten diesem unwirtlichen Stück Land ragte ein Beobachtungsturm empor und sobald ein Brückengänger ins Sichtfeld der "Grenzer" kam, zückten diese ihre Ferngläser und spähten hinüber, manchmal wirklich so lange, bis man nicht mehr zu sehen war. Dabei wusste man nie, gucken die nur oder werden vielleicht irgendwelche Auffälligkeiten notiert oder wird man gar abgelichtet und registriert - wie schon gesagt, ein eigentümliches Gefühl.
Gegen abend und nachts herrschte in der Gegend absolute Stille, nur Anwohner waren dort unterwegs, Autos fuhren kaum die Straßen entlang. Selten drang ein Laut einer Sirene zu uns herüber, ziemlich häufig jedoch zerriss das Bellen der mit den Grenzern patroullierenden Hunde die nächtliche Stille.
Warum erzähle ich das?
Nun, ich wohne schon lange nicht mehr dort und inzwischen erinnert nichts mehr an einen Grenzstreifen; das ist auch gut so. Die Gegend ist bebaut, Siedlungen und Einfamilienhäuser mit schönen Gärten zieren die Landschaft.
Die Berliner Verkehrsmeldungen der Rundfunksender weisen dieser Tage auf die Absperrungen in der Innenstadt anläßlich des 3. Oktobers hin, so kamen mir die Gedanken an damals wieder in den Sinn.
Doch ich möchte noch von einer kleinen Mauerbegegnung nebst Mauerblick berichten.
In den Tagen vor dem endgültigen Fall der Mauer machten sich ganz Mutige ans Werk und schlugen bereits kleinere und größere Löcher in die steinerne Wand, groß genug, um hinduch zu sehen. Auch ich war neugierig, wollte mal gucken. Und so wagte ich mich auf dieses Stück Niemandsland, jener Streifen, der vor der Mauer auf Westseite verlief und nicht betreten werden durfte, denn -you are leaving the amercan sector-!
Etwas mulmig war mir schon zumute, ich stand auf diesem Streifen, zaghaft näherte ich mich dem Loch - so groß wie ein Fußball- und blickte hindurch. Erschrocken wich ich zurück, mein Gegenüber erschrak ebenfalls! Wir blickten uns in die Augen - von West nach Ost und von Ost nach West!-beide leicht irritiert, in der trügerischen Annahme, etwas Nichterlaubtes getan zu haben...
Der Grenzer auf der anderen Seite trug ein Gewehr über der Schulter und wirkte, so nah vor meinen Augen, leicht bedrohlich. Nach anfänglichen Schrecksekunden kamen wir sogar ins Gespräch, rauchten eine Zigarette und ich fühlte mich- wieder mal eigentümlich- in dieser merkwürdigen Situation.
Tage später wurde einige Straßen entfernt ein provisorischer "Übergang" eingerichtet. Wieder mal neugierig, stellte ich mich in die Reihe der "Grenzgänger". Nach Ausweiskontrolle und Namenserfassung passierte ich den kleinen Posten, doch schon nach ungefähr dreihundert Metern stellte sich wieder dieses eigentümliche Gefühl ein, eine Unbehaglichkeit, so, als könne ich nicht mehr zurück. Ich brach meinen "Ostbesuch" ab und ging eilig zurück.
Ein Jahr später, am 3. Oktober 1990 wurde genau dort, in dieser Straße, ein riesiges Fest zum Tag der Deutschen Einheit gefeiert.
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Das ist eine von vielen sehr individuellen Geschichten zu dem Betonwall, der Deutschland und Berlin durchzogen hat. Dass der Grenzsoldat auch erstaunt war, dass da jemand durch das Loch blickte, wirkt auf den ersten Blick amüsant, zeigt aber eine tiefe menschliche Reaktion. Die gemeinsame Zigarette wiederum war ein Zeichen, dass beide doch Menschen sind, die normale Reaktionen nun auch aus-leben können.
Ein lesenswerter Beitrag, danke Katharina N. Es grüßt herzlich Rolf Netzmann |
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Das Loch in der Mauer..., nur Vögel schwangen sich unendlich frei in den Himmel über die Mauer zwischen Ost und West und alle Gegensätze hinweg. Ihre kleine persönliche Erzählung weist auf die Zeitlichkeit aller "Wahrheiten" hin und dass wir Menschen dann zutiefst soziale Wesen sind, wenn wir uns als solche verhalten.
Schliesse mich Herrn Netzmann an - schlichter, eindrucksvoller Beitrag zum 3. Oktober. Dankeschön, für Sie: www.youtube.com/watch?v=MesVrkdjHSk |
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Gern gelesen. Wir sollten uns unsere Geschichte(n) häufiger erzählen.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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