Katharina Schmitz

Blog von Katharina Schmitz

18.02.2011 | 22:47

Benjamin von Stuckrad-Barre, Thomas Bernhard und das BE

 

Thomas Bernhard anspruchsvoll – oder Vorsicht! – womöglich originell zu würdigen war zuletzt für den Redakteur ein heikles Unterfangen. Gefährlich nah tippte der am Gemeinplatz, wie würdigt man auch einen wegen seiner ostentativen Unverstandenheit inzwischen allgemein verstandenen und gewürdigten Künstler, den heuer längst jedermann irgendwie für irgendwas bewundert. Da grüßt schnell die Provinz, zum Beispiel in dieser Bernhard-Dokumentation auf Arte: Fast den ganzen Film über sah man jeweils den einen oder den anderen seiner diversen Vierkanthöfe oder alternativ die düsteren Gänge und Zimmer des Krankenhauses, in dem Thomas Bernhard einst seine Lungenkrankheit therapierte. Dazu aus dem Off Textpassagen, vorgetragen mit diesem Dokumentations-Timbre.

"Naturgemäß" wurden immer noch von vielen Thomas Bernhard Stilgesten nachgeahmt. Andere retteten sich in den selbsterteilten Auftrag, das Werk endlich auch kritisch nach dem Anteil der Manierismen darin zu erfragen. Und nicht zu vergessen, Thomas Bernhard als Zeitgeistphänomen.

Genial bewältigte Benjamin Stuckrad-Barre die Situation. Der Autor des fabelhaften, von Harald Schmidt als Dramolett inszenierten Textes Claus Peymann kauft sich keine Hose, geht aber mit essen, fingierte ein Gespräch im Kulturressort der Welt, und zeigte, wohin Arbeitsauftrag (Würdigung des 85. Geburtstags), kreative Verzweiflung, Eitelkeit und letztlich dann doch die alltäglich absurde Medienposse „etwas Magaziniges von nationalem Rang“ zu machen, führen kann: verfluchte der Redakteur eben noch überheblich den notorischen Klaus Peymann, gerät er doch ins beflissene Stottern, als dieser plötzlich anruft und ein Streitgespräch ohne (!) Thema anbietet.

Der Feuilleton-Hype um Bernhard ist erstmal vorbei. Jetzt kommt das Theater. Zu sehen war gestern im Berliner Ensemble die Premiere des Einmannstücks Einfach kompliziert. Zwei Stunden lang hörte man dem Lamento eines alten griesgrämigen, Schauspielers in seinem schäbigen Altbauzimmer zu und sah ihn beim Schlurfen durchs Zimmer, am Boden mit dem Rücken zur Wand, mit einer lächerlichen Krone, resigniert am Holztisch. Es spielte der große Gerd Voss, also hoch gerissene Arme, auf Wahnsinn getrimmte Augen und verzerrtes Gesicht. Des Misantrophen alter ego Schopenhauer (die Welt ist ein Jammertal), die Rolle seines Lebens: Richard der Dritte (der Bösewicht als Inkarnation der Reinheit). Nicht nur für ein pollesch-gewohntes Diskurs-Theater-Publikum waren Stück als auch Inszenierung (Claus Peymann) in ihrem pomadigen 80er Jahre Pathos nur sehr schwer zu ertragen. Ganz schlimm wurde es, als das kleine Mädchen auf die Bühne kam. So konnte man einmal mehr sehen, die Steigerung von Rührung ist Kitsch. Im Publikum Premierenleute, solche mit Fernglas, Mediengesindel und wie man so sagt alte Ostintellektuelle. Stuckrad-Barre, der mit grell-bunter Mitte-Steppjacke drei Reihen vor mir neben Moritz von Uslar saß, nutzte die Dunkelheit eines 'Szenenwechsels' und machte sich von Acker. So musste er nicht mit ansehen, wie der betont leger behoste Peymann (wir Theatermenschen!) das Publikum zu rhythmischen Klatschen fast schon nötigte.

 

 
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