Katharina Schmitz

Blog von Katharina Schmitz

12.01.2012 | 14:01

eine Mutter einstellen?

Der Frisör am Prenzlauer Berg ist eine coole Sau. Es läuft Gotan Projekt, später Feist. Die Friseurmeisterin Lilly: Ich muss es einfach erzählen! Ich habe mir gestern bei Saturn ein neues Macbook gekauft, 1.200 Euro, soviel habe ich noch nie für mich selbst ausgegeben, also bis auf den Laden hier, den habe ich ja auch gekauft. Das Macbook ist so schön und so leicht und jetzt suche ich eine schöne Tasche dafür.

Und Sie, was machen Sie so? Hm ja, weites Feld, der Arbeitsmarkt sucht ja gerade die so genannten Fachkräfte, wo war das, im Maschinenbau, leider habe ich keinen klassischen Headhunterberuf und für die Reklamationsabteilung bei Amazon ist mein nicht existentes privates Buchprojekt zur ideelen Kompensation definitiv noch zu unausgereift. Das sage ich alles nicht, während ich vorm Spiegel sitze und gut gelaunt in mein Gesicht lächle: was mit Redaktion, PR, Marketing. Ist aber nicht leicht in der Branche und dann mit zwei kleinen Kindern … (und denke für mich, es gibt nicht ohne Grund den Kölner Spruch: Erzähl`s Deinem Frisör).

Ja, wie machen Sie das denn, sollten Sie in ihrer Bewerbung die Kinder nicht lieber verschweigen? (Verschweigen? Sehr witzig). Ich meine, sagt sie, mal ehrlich, ich würde ja auch keine Mutter einstellen, die Kinder sind ja dauernd krank und so.

Ein junges Mädchen kommt rein, Franziska, so ein Zalando-brandsforfriends-dressforless-Mädchen, sie will hier anfangen und stellt sich heute vor. Die Friseurmeisterin Lilly ist begeistert, als sie geht und man einen Probetermin vereinbart hat. Franziska ist hübsch, kreativ und so eine schöne Bewerbungsmappe! Die hat sie zusammen mit ihrer Freundin gestaltet, einer Grafikerin, erzählt sie mir und dem Franziska-Double, allerdings mit Zopf, das hier schon arbeitet und grade von der Mittagspause zurück ist. Ach - ich wäre so froh, wenn das klappte. Vom Arbeitsamt kommt ja nur Schrott, Sie wissen ja gar nicht, wie schwer es ist, gute Frisöre zu finden, die nicht bescheuert sind und in den Laden hier reinpassen. 

Neulich auf einer Party. Wir unterhalten uns erstmal zwei Stunden darüber, dass wir auf keinen Fall viel trinken dürfen, während wir zwei Stunden lang ordentlich Wein trinken, auf der Party, auf dem 50sten Geburtstag der besten Freundin, was lustig ist. Nur man hat eben am nächsten Tag nicht nur den Kater sondern auch die Kinder. Maren ist eine dezent schrille Person, sehr sympathisch. Sie betreibt ein Marktforschungsinstitut direkt am Kudamm und ist damit sehr erfolgreich. Sie hat zwei Kinder. Ich hatte für ihren Laden schon mal Interviews mit Gynäkologen vom Deutschen ins Englische vom Band übersetzt, scheußliche Arbeit, aber gut bezahlt, (vielleicht erfinde ich hierzu einmal eine literarische Figur, die verheirate ich dann mit einem Bekannten aus 2004, das ich ein paar Monate lang in schmuddeligen Londoner Marktforschungsinstituten zusammen mit anderen europäischen Durchschnittsverkrachten verbrachte). Maren trinkt und schaut charmant, weißt Du, ich bin ein Schwein, ich weiß, aber eine Mutter einstellen, die Kinder sind ja dauernd krank und so …

Gestern Nachmittag in der Kita-Garderobe. Berufstätigensmalltalk zum Neuen Jahr. Und wie läuft es so. Ich erzähle B, dass ich meine neuerlichen Beobachtungen gerne „öffentlich“ machen würde, einfach so und mal sehen. Allein – ich zögere, die Freiberuflerexistenz ist so semi-sexy, beziehungsweise fast intimer als Sex - vielleicht ist man ja einfach nicht gut genug. (Katja Kullmann hat diesen Komplex  in „Echtleben“ sehr gut geschildert).

B hat aber noch ein Beispiel: Geschäftsführer X handhabt es ähnlich, bevor er eine Teilzeit-Mama einstellt, doch lieber eine Studentin.

 

 
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Kommentare
s0cialliberalism schrieb am 12.01.2012 um 16:18
Traurig, traurig das Thema ihres Blogs, mehr kann ich dazu gar nicht sagen, nur traurig, traurig immer wieder.

Aber eines ist mir aufgefallen: "die Freiberuflerexistenz ist so semi-sexy, beziehungsweise fast intimer als Sex - vielleicht ist man ja einfach nicht gut genug" - na das ist doch nicht Ihr Ernst? Ein bisschen Selbstvertrauen bitte! :-) Ein Freiberufler, der sich von einem Job zum nächsten kämpft, hat sogar besonderen Respekt verdient!
brefcourte schrieb am 12.01.2012 um 17:29
Ihr Buchprojekt: ein 20-seitiges Dossier über die Probleme von Müttern bei der Job und Partnersuche. Mit Tipps zur Selbsthilfe. Potentieller Amazon-Umsatz: 300.000 €
Katharina Schmitz schrieb am 12.01.2012 um 22:06
@brefcourte
gute Idee! Aber 300.000 ist völlig unrealistisch (sagt mein Mann). Wissen Sie da was?
brefcourte schrieb am 12.01.2012 um 22:27
Hm, die Brigitte hat eine Auflage von 800.000, doch doch ich bin zuversichtlich, dass Sie die viertel Million schaffen !
GeroSteiner schrieb am 13.01.2012 um 09:10
So wie Sie schreiben können, ist das Buchprojekt garantiert ein Erfolg.

PS. Diejenigen, die Mütter mit Kindern (weil die sind ja immer krank und so) nicht einstellen, sind egozentrische Sozialschweine. Ein Ergebnis unserer neoliberal durchseuchten Ellenbogen-Gesellschaft. Alles hat einen Preis, nichts mehr einen Wert. Wir sind von diesem ätzenden Gedankengut (der Ermittlung von Geldäquivalenten neben der Zeit) mittlerweile so indoktriniert, dass wir gar nicht mehr merken, was da mit uns selbst passiert. Meine Güte! Wie schnell sind wir von den Geldzockerbanden über den Tisch gezogen worden! Das Schlimme ist, dass wir die Reibungshitze dabei auch noch als Nestwärme empfinden und das alles für normal halten. Lieber noch irgendeine kränkelnde Bank retten und anonymen Investoren was in den Rachen werfen, als etwas in eine familienfreundliche Gesellschaft zu investieren.
Das ist so, aber das muss ja nicht so bleiben.
Katharina Schmitz schrieb am 13.01.2012 um 10:11
@Sie drei
sehr nette Reaktionen, vielen Dank!
Columbus schrieb am 13.01.2012 um 12:25
Absolut dicht und wahr. Ich kann, Ihnen zum Trost, versichern, an manchen Tagen geht es auch selbständigen Männern mit Kindern so. Nur der Ort, diese Nähe zum Figaro, sie unterscheidet die Geschlechter, weil Façon-Schnitte meist kurz bleiben. Sehr, sehr gerne gelesen.

Gutes Wochenende
Christoph Leusch
Alien59 schrieb am 13.01.2012 um 13:10
Da kommen mir so manche Erinnerungen.... Bitter, dass sich da so fast nichts ändert.
Einerseits. Wenn ich damals gewusst hätte, was ich heute weiß, hätte ich vermutlich die Arbeitssuche gesteckt und mir und den Kindern den Stress nicht angetan.

Guter Artikel.
Katharina Schmitz
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