Katharina Finke

Blog von Katharina Finke

15.12.2009 | 23:00

In die Gänge gekommen

 

Das Gängeviertel jubelt: Denn die Stadt Hamburg hat sich mit dem Investor darauf geeinigt das historische Quartier wieder zurückzukaufen. Nun kann die Kunst in die Gänge kommen. Sowie das Thalia Theater am gleichen Tag. 

 „Geld, Geld, Geld! Ich brauche Geld“, hört man es schon von weitem schreien. Bruno Cathomas (Thalia Theater) spielt in einer Wohnung des Gängeviertels einen geldgiereigen Investor.

Genau darum drehte es sich auch in den vergangenen Monaten bei dem Streit um das Hamburger Gängeviertel: Der niederländische Investor Hanzevast wollte das alte Arbeiterviertel großflächig abreißen und in ein Szene-Quartier umwandeln. Dagegen hatten sich seit Ende August mehr als 200 Künstler gewehrt und die Häuser bespielt.

Nun hat sich aber etwas getan: Der Investor Hanzevast bekommt sein Geld. Satte 2,8 Millionen, mit denen die Stadt Hamburg das Viertel zurückkauft. Im Januar sollen dann Gespräche mit den Künstlern über das städtebauliche Konzept geführt werden. Für die Künstler bedeutet das: Endlich kreatives Leben in die Gänge bringen. Wie durch einen Zufall, war am Abend das Hamburger Thalia Theater vor Ort, um genau das zu tun.

In  vier Altbauwohnungen des Gängeviertels ist in jedem Raum ein anderes Schauspiel zu sehen. Das Thalia Theater versucht seit der neuen Spielzeit 2009/10 Stadt und Theater mehr miteinander zu verbinden. Und wenn die Stadt nicht immer zur Bühne kommt, kommt die Bühne eben in die Stadt.

Auf einem alten Sofa am Fenster sitzen zwei Frauen in altmodischen Kleidern, eine mit Hornbrille. Neben ihnen ein kleiner schmächtiger Mann mit einem Schnauzbart. In der Ecke auf einem Sessel sitzt ein anderer Mann, der versucht sich an einer Tasse Glühwein zu wärmen. Sie singen und schmücken den Weihnachtsbaum. Ein klassisches Bild der bürgerlichen Familie. Aus der gegenüberliegenden Wohnung erklingt erneut das „Geld, Geld, Geld! Gib mir den größten Schein aus deiner Geldbörse“, fordert der Schauspieler.

Leicht beängstigt, braucht man sich nur umzudrehen und wird von zwei anderen Männern in seinen Bann gezogen. Beide spielen Gitarre. Dann greift sich einer ein Buch und liest einige Seiten daraus vor. Immer mit Unterstützung der Gitarrenmusik, die der Sprache einen ganz neuen Rhythmus verleiht. Dann greift der andere zum Buch und singt ein Schlaflied.

Die Räume sind voll. Immer mehr Menschen drängen sich durch die Gänge der Wohnungen und versuchen einen guten Blick auf die Performances zu bekommen. Das Publikum ist bunt zusammengewürfelt: es reicht von jungen Studenten über Hausfrauen und Obdachlosen bis hin zu peniblen Anzugträgern. Doch es soll nicht unbeteiligt bleiben: Der eine gibt dem geldgierigen Investor Geld, ein anderer Zuschauer greift ein Buch und singt zur Gitarrenmusik und wieder ein anderer hilft mit den Weihnachtsbaum zu schmücken.

Eine der Wohnungen ist abgedunkelt und wird von einem Mann bewacht. „Eintritt nur mit Augenklappe“, sagt er. Wer sich auf diese Kunstform einlassen will, muss den Künstlern also im wahrsten Sinne des Wortes blind vertrauen können. Gewagt, aber getan.

Nachdem man die Augenklappe aufgezogen hat, wird man an den Händen in die abgedunkelte Wohnung geführt. Dort wird man auf einen Stuhl gesetzt, die Schuhe werden ausgezogen und die Füße in Laub gestellt.  Danach geht's  von einem Unbekannten zum nächsten. Einer massiert die Hände mit weichen Fellhandschuhen, vom anderen bekommt man eine intensive Umarmung, wieder ein anderer ergreift einen zum Tanz, wobei man auf seinen nackten Oberkörper fasst. Am Ende erhält man einen glibberiges Etwas in die Hand und sieht erst wenn man draußen wieder die Augen aufmacht, dass dieses Etwas eine Mandarine ist. Nach dem kurzen Abtauchen fragt man sich: „Was ist da gerade mit mir passiert?“ Aber eine Antwort hat man nicht. Es fühlt sich nur irgendwie gut an.

Loslassen, Abtauchen und sich von der Kunst entführen lassen – kann Emotionen freisetzen, die unbezahlbar sind. Dafür soll nun im Gängeviertel Raum sein. 

 

 

 
Senden Bookmarken Drucken
Kommentare
Jörn Kabisch schrieb am 16.12.2009 um 00:14
Liebe Katharina Finke, danke für die tolle Berichterstattung aus HH in den letzten Tagen.
Grüße, JK
Deaktivierter Nutzer schrieb am 16.12.2009 um 01:03
So, prima, die Arbeiterhäuser bleiben stehen. Immerhin. Der Hamburger Senat wird sich gesagt haben, na gut, demonstrieren wir mal Liberalität, eine Touristenattraktion kann das ja trotzdem werden. Mich erinnert das ein wenig an den Rotlicht-Districht von Amsterdam, wo die Stadtverwaltung auch auf die Idee kam, Kunst ist besser als (Sex-)Arbeit, wenn schon Abriss und schicker Neubau nicht in Frage kommt:

Redlight Fashion Amsterdam the movie from THNK HTNK on Vimeo.



www.taz.de/1/politik/europa/artikel/1/designlaeden-statt-prostitution/?src=TE&cHash=f961b8685d
Deaktivierter Nutzer schrieb am 21.12.2009 um 12:12
Das ist ein sehr gute Beispiel von Meisterfalk.
Aber nicht unbedingt passend fürs Gängeviertel.

Was schafft die Unklarheiten?
Die Stadt spricht von € 20 000 000,-- zur Wiederinstandsetzung.

Die Künstler sagen, wir sammeln das Geld. Wir sparen Kosten in Eigenarbeit. Wir haben leider noch kein Geld.

Ich sage:
SAGA/GWG erhält das Gängeviertel & schafft eine Mischung aus Gewerbe ( Freiberufler, Agenturen, Galerien ) & sozialem Wohnungsbau.
Für Leute, welche dort auch arbeiten.
Gastronomie? Nein. Rund um das Gängeviertel gibt es Gastronomie in allen Qualitäten & Preislagen. Das reicht. Zu hohe Fluktation in der Gastronomie.
Den Raum sollte man besser nutzen.

Meine persönliche Meinung zur Thalia-Perfomance:
Sehr positiv, dass die da waren.

Performance, kannte ich schon. Vom 7. Geburtstag meiner Grundschulfreundin Wiebke.

:(
Katharina Finke
ist freie Journalistin in New York. Sie berichtet aus den USA und anderen Ecken der Welt für Zeitungen, Magazine, Online-Medien und deutschsprachiges Fernsehen.
Ort:
New York
Mitglied seit:
2 Jahre 10 Wochen
Zuletzt aktiv:
21.08.2010
Status:
Bloggerin
Aktivität:
Beiträge: 14
Kommentare: 4
Mein Projekt:
Mein Web:
Logbuch
18:12
silvio spottiswoode hat gerade einen Kommentar geschrieben.
18:09
cuchulainn hat gerade einen Kommentar geschrieben.
18:05
Daniel Schneider hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
18:00
Georg von Grote hat gerade einen Kommentar geschrieben.
17:59
Jacob Jung hat gerade einen Blogbeitrag erstellt.
Liebeshandlung - Eugenides

Berlinale

Freitag_Salon

PortletSalon_120216.png

Christian Kracht Imperium Kiepenheuer & Witsch 2012

256 Seiten. Gebunden.

18,99
 
In seinem neuen Roman erzählt Christian Kracht eine Aussteigergeschichte in den deutschen Kolonien der Südsee, indem er virtuos und gut gelaunt mit den Formen des historischen Abenteuerromans spielt - und erschafft so zugleich eine erstaunliche, immer wieder auch komische Studie über die Zerbrechlichkeit und Vermessenheit menschlichen Handelns >> mehr
Occupy

portlet_occupy.png

Rote Perlen

wir müssen reden

IGEL

portlet_IGEL.png

Probe-Abo

probeabo260x120.jpg

Aktuelle Ausgabe bestellen
Café Moskau

Ausgabe 07/12
16.02.2012

keine Versandkosten
kein Aufpreis

Einzelpreis: 3.60 €

>> bestellen
Arte

portlet_arte+zeile.pngportlet_arte+zeile.png

der Freitag Kollektion

Freitag-Kollektion_05_06.jpg

Freitag-Buchshop.png

 
 
 
 
© der Freitag Mediengesellschaft mbH & Co. KG