Kathrin Zinkant

Blog von Kathrin Zinkant

23.06.2011 | 16:10

Im blinden Fleck der Forschung: Menschen ohne Zuhause

Der Gedanke, sich völlig ungebunden und frei durchs Leben bewegen zu können, dürfte aus der Perspektive vieler Berufstätiger einen Hauch von Attraktion bergen, aber Menschen, die tatsächlich ein Leben in völliger Entwurzelung führen, tun das leider selten freiwillig: Wer kein Zuhause mehr hat, verlor seines wegen einer Menge Probleme wird mit vielen neuen Problemen konfrontiert - allein die Vulnerabilität des menschlichen Körpers stellt Obdachlose im Winter wie im Sommer vor schwierige Aufgaben. Vom sozialen Abstieg mal ganz abgesehen.

Forscher versuchen daher, die seelischen und körperlichen Folgen einer solchen Heimatlosigkeit zu ergründen, um den Betroffenen besser helfen zu können. Nur: Wie erforscht man Menschen, die offiziell gar nicht existieren? Epidemiologische Studien von einer gewissen Aussagekraft auf diesem Feld zu machen, ist schwer. In Deutschland gibt es nur Schätzungen, meist von Wohlfahrtsverbänden vorgenommen, manche Asyle zählen sporadisch, die Ziffern sind letztlich aber ungenau.

In Dänemark dagegen gibt es ein nationales Register für Obdachlose, mehr als 37 000 Menschen sind darin erfasst. Und auf der Grundlage dieses Verzeichnisses konnten Wissenschaftler jetzt erstmals umfassend für ein ganzes Land untersuchen, wie es Menschen ohne Zuhause gesundheitlich geht. Die Ergebnisse klingen erschreckend. Egal in welcher Hinsicht, Obdachlose werden körperlich und seelisch um ein mehrfaches häufiger krank und sterben viele Jahre früher als Menschen mit gemeldetem Wohnsitz – um etwa zwei Jahrzehnte (17 bei Frauen, 22 bei Männern) In den meisten Fällen ist diese dramatische Verkürzung der Lebenserwartung mit psychischen Leiden, insbesondere mit Drogenmissbrauch verbunden.

Das eigentlich Erschreckende aber ist die Tatsache, dass das schon alles sein soll, was man über die Ausgegrenzten in unserer Mitte ermitteln kann. Sterben viel früher, werden häufiger krank. Was sagen diese traurigen Tatsachen schon über das aus, was dem Elend zugrunde liegt?

Die Analyse bezieht sich nur auf jene, die in öffentlichen Einrichtungen Asyl gesucht haben. Die über diese erfassbaren Personen hinausreichende Dunkelziffer ist vermutlich hoch, ihr Gesundheitsstatus aber unter Umständen besser oder noch schlechter. Und dann stellt sich die Frage, was eigentlich zuerst da ist, bei diesen Mensch - das psychiatrische Leiden, die Drogensucht, oder die Obdachlosigkeit?

Es leuchtet doch ein, dass seelisch labile Menschen in einer straff organisierten, durch und durch reglementierten Welt schneller ins Schleudern kommen als psychisch dafür aufgestellte Mitbürger. Sie verlieren alles, zuletzt ihr Zuhause, aber natürlich nicht ihre Erkrankung, die sich unter den unfreiwillig veränderten Lebensumständen eher verschlimmert. Was hilft es, wenn am Ende der Ereigniskette dann ein bisschen Hilfe wartet? Interessant wäre doch, was sich vor dem Absturz machen ließe.

(Teaserfoto: Miguel Villagran/Getty Images)

 
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Kommentare
KalleWirsch schrieb am 23.06.2011 um 16:53
Ich glaube gar nicht mal, dass dieses Entwurzeln, dieser Verlust der bisherigen Exiszenz, nur psychisch labile Menschen trifft. Auf der Strasse kann wohl so ziemlich jeder landen. Was am Anfang steht ist eine Krise. Wie die individuell aussieht mag an der psychischen Verfasstheit liegen. Aber das, was die Menschen hier scheitern lässt, ist doch letztendlich, dass wir keine Strategien haben, um mit Krisen umzugehen. Das Bewusstsein, dass Krisen im Leben auch immer eine Chance bergeb, scheint vollkommen zu fehlen. Das zieht sich durch alle soziale Schichten. Besonders Männer scheinen hier immer noch einen großen Lernbedarf zu haben. Der starke Fels in der Brandung ist ein immer noch weit verbreitetes Männerbild. Ob nun von Männern oder Frauen verbreitet. Um Hilfe bitten zu können gilt in einer Leistungsgesellschaft nicht gerade als Tugend. Leider. Denn es ist eine große soziale Kompetenz. Ich vermute mal, dass viele der gesellschaftlich Gestrandeten, und hierbei vermehrt Männer, mit der Fähigkeit um Hilfe zu bitten, heute anders dastehen würden.
Die Definition für Erfolg lautet in unserer Gesellschaft aber immer noch keine Krise zu haben, und nicht, sie zu bestehen und gestärkt aus ihr hervorzugehen. Und dabei kommt die Krise im Leben doch so sicher wie das Amen in der Kirche.
Es ist nicht das Scheitrn, was die Menschen auf die Strasse treibt. Es ist die Unfähigkeit damit umzugehen und es als selbstverständlichen Teil unseres Lebens anzusehen.
Magda schrieb am 23.06.2011 um 17:10
Anfang der 90er Jahre gab es mehr Aufmerksamkeit für das Thema in den Medien, natürlich nicht in allen. Wie es wissenschaftlich aussah, weiß ich nicht. Es gab allerlei Untersuchungen - auch geschlechtsspezifisch, die die unterschiedlichen Gründe für die Obdachlosigkeit erforschten. Bei Frauen ist die Obdachlosigkeit manchmal verdeckter als bei Männern.

Es gibt noch immer u.a. Jenny de la Torre, die sich engagiert.

www.delatorre-stiftung.de/
GeroSteiner schrieb am 23.06.2011 um 22:28
Es war 1988 in Westberlin. Die Zeit vor der neuen Zeit. Eine Dönerbude an der Ecke Kottbusser Straße und Fraenkelufer. Ich war gerade von einer Vortragsveranstaltung zurück, kam von Tegel, hatte noch meinen Anzug an und hatte Hunger, aber keine Lust selber noch was zu kochen. Während ich bestelle, beobachtet mich ein schlecht gekleideter Herr eine Weile von der Seite und spricht mich dann an. "So wie du bin ich auch mal 'rumgelaufen. Glaub mir, das geht schnell. Und dann muss man so rumlaufen, wie ich jetzt. Arbeit weg, Frau weg, Kinder weg und Wohnung weg." Als ich bezahle, prostet er mir mit seiner Bierdose zu und wünscht mir guten Appetit, nachdem er mein Angebot ihm was zu essen zu kaufen, dankend abgelehnt hatte.

So erschütternd die Erkenntnis ist, dass unser Wohlstand in dieser Gesellschaft immer ein metastabiler und fragiler Zustand ist, hatte diese Begegnung für mich auch was Positives, nämlich die Erfahrung, dass man seine Würde auch dann noch behalten kann, wenn einem alles andere genommen wurde.

Kann schon sein, dass Armut den Körper zerstört, aber Reichtum zerstört den Charakter.
Technixer schrieb am 25.06.2011 um 10:11
"Kann schon sein, dass Armut den Körper zerstört, aber Reichtum zerstört den Charakter."
Und ich bin mit mir immer noch im Zwiespalt darüber, was problematischer ist.

Wer heutzutage Geld verdienen will, sollte in die Finanzindustrie (Banker, Versicherungsfritze o.ä.), dort gehen nämlich viele der sehr guten Naturwissenschaftler (Mathematik und Physik) hin.

Wer pragmatisch ist, sagt sich "Ich will Frau, Kinder, Urlaub und dafür benötige ich was?" und schlägt dann die entsprechende Richtung ein. Wer sich sagt ich möchte etwas machen, dass Spaß macht und mein Interesse weckt (wie bspw. ein Germanistik oder Geschichtsstudium), der kann sich hinterher auch gleich den Antrag beim Amt abholen. Oder wer für sich selbst merkt eigentlich hat diese Arbeitswelt überhaupt keinen Sinn, was dann zu der eklatanten Unlust (zu beobachten an etlichen Jugendlichen) führt.
Vadis schrieb am 24.06.2011 um 22:40
Mal wieder: Sozialforschung soll's retten. Wie gut das funktioniert, sieht man beim Thema Arbeitslosigkeit. Immerhin liefert dickbändiges Schwarz-auf-Weiß der Gesellschaft das gute Gefühl, etwas getan zu haben, während sie (nur ›rein menschlich‹, versteht sich) das Prinzip ›Ausgrenzung‹ kultiviert, ob mit Zeit- und Niedriglohnarbeit, selektiver Taxierung von Alter, hohem Konsumlevel im sozialen Umfeld, Verteuerung von Gesundheitsfür- und -vorsorge - die Bandbreite möglicher Aushebelungsmechanismen ist ausreichend groß.

Was früher die Märchen vom armen Mann und der armen Frau sind heute und morgen niederschmetternde Wahrheiten, die man sich halbwegs informiert und emotional gebildet an fünf Fingern abzählen könnte, was allerdings der Bereitschaft bedürfte, sich überhaupt mit dem Thema, bevor es einen selbst ereilt, auseinanderzusetzen. Ob Forschung der geölten Verdrängungsmaschinerie ein im Sinne struktureller Effizienz ernstzunehmendes Gegengewicht darstellen könnte, wage ich zu bezweifeln. Ich vermute, dass sich in letzter Konsequenz die Zielrichtung ›Individualisierung von Verantwortung‹ herauskristallisieren wird, was ja bereits als Ergebnis in sprichwörtlicher Ausformung vom Schmied und seinem Glück oder als Stammtisch-Variante »Besser arm dran als Arm ab« vorliegt.

Aber warum soll eine Gesellschaft, die sich ein »abgehängtes Prekariat« in Richtung zehnprozentigem Bevölkerungsanteil ›hält‹, nicht auch ihr ›Prognosenfutter‹ optimieren. Schließlich ist zB. »Die Sterbetafel eine Ausscheideordnung, die darstellt, wie sich ein fiktives Kollektiv von Personen aus einer bestimmten Personengruppe durch Tod erwartungsgemäß verringert.« (Quelle Wikipedia)
chrislow schrieb am 25.06.2011 um 07:57
GeroSteiner schrieb am 23.06.2011 um 22:28

"Kann schon sein, dass Armut den Körper zerstört, aber Reichtum zerstört den Charakter."

-> ... den man durch Armut dann wieder herstellen kann.... Wobei das mit dem Körper dann nicht so einfach sei...!
Kathrin Zinkant
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