Kathrin Zinkant

Blog von Kathrin Zinkant

24.10.2011 | 09:43

"Contagion": Die Bedeutungsschwere des Erdnussschälchens

Man kann Steven Soderbergh loben, vielleicht muss man es sogar, denn immerhin hat er sich bemüht, alles richtig zu machen und zu diesem Zweck sogar Experten aus den vordersten Reihen der Seuchenmedizin für seinen gerade in Deutschland angelaufenen Film Contagion rekrutiert. Was sich am Ende allerdings auch als das größte Problem des Films erweist – aber dazu später. 

Worum also geht es in Contagion? Ein Virus taucht auf, nahe Hongkong, binnen weniger Filmminuten stirbt die heimgekehrte Geschäftsreisende Beth in Minneapolis an etwas, was wie Grippe anfängt und nach epileptischen Krämpfen sehr schnell tödlich endet. Ihr Sohn stirbt noch während der Ehemann im Krankenhaus die Nachricht vom plötzlichen Tod seiner Frau zu verstehen hat. Und es gibt weitere Fälle. In Chicago, Minneapolis, in Tokio. Die Seuchenbehörde der USA (CDC) ist alarmiert, aus Genf wird eine (!) Expertin der Weltgesundheitsorganisation WHO nach Hongkong geschickt. Es bilden sich Cluster, Häufungen von Infektionen, weltweit. Notstationen in Turnhallen. Das Virus wird isoliert, lässt sich aber weder identifizieren noch im Labor anzüchten. Sicher ist nur, dass es ein schnelles Virus, und dass die Zeit knapp ist. EIn Impfstoff muss her. 

Während sich das Drama der Pandemie entspinnt, gelingt es einem Virenexperten schließlich, den Erreger in fötalen Fledermauszellen zu vermehren, aber die ersten Versuche eine Impfung scheitern. Ausnahmezustand, Plünderungen, die Gewalt greift um sich. Ein Blogger schlägt aus dem Desaster Kapital, indem er der Pharmaindustrie eben das unterstellt - aus dem Desaster Kapital zu schlagen - und mit fingierten Selbstversuchen einen Markt für Forysythia schafft, ein homöopatisches Mittelchen, für das die Leute schließlich ihr letztes zu opfern bereit sind. Auch ihre Moral. Dann der Durchbruch: Ein Affe im Labor überlebt. Der Impfstoff ist da. Eine mutige Forscherin umgeht alle strengen Zulassungsvorschriften, in dem sie sich selbst impft und dem Virus aussetzt. Schon kann die Massenproduktion beginnen, aber das Virus ist überall und die Herstellung dauert. Erst allmählich kehrt Normalität ein. Am Ende des Films haben fast 30 Millionen Menschen weltweit ihr Leben verloren.

Vieles zeichnet Contagion aus, an erster Stelle die Unaufgeregtheit, mit der die Geschehnisse dargestellt werden. Das alles passiert einfach, und dass es genau so passiert, ist - jeder Experte kann das bestätigen - tatsächlich im Bereich des theoretisch Möglichen, es ist in Teilen sogar realistisch. Diese Hilflosigkeit, auch dann noch, als der Impfstoff gefunden ist und das eben nicht in allgemeine Happy-End-Stimmung mündet sondern neue, alte Probleme aufwirft. Begrenzte Ressourcen. Verteilungsprobleme. Vermittlungsprobleme. Geduldsfragen. Wie übersteht man die 120 Tage bis zur Impfung, an denen man sich noch mit dem Virus anstecken und daran sterben kann? Und dann die ungestellte Frage: Wer wird leer ausgehen? 

Wer erst die Rezensionen zum Film liest, bevor er sich Soderberghs Pandemie-Epos im Kino anguckt, wird vermutlich trotzdem enttäuscht sein, denn da wird dem Erdnussschälchen ganz Ehec-Sprossen-like eine Bedeutungsschwere anfantasiert, die es im Film so gar nicht gibt. Die Beklemmung rührt vielmehr daher, dass nie klar ist, welchen Weg der Erreger zu seinen Opfern genommen hat. Die Kamera blendet dieses ein, jenes aus, es ist alles beiläufig und bis zum Ende offen, welche Objekte tatsächlich Vehikel für dieses Virus gewesen sind, bei dem es sich, wie man in der Zeit, in der Faz liest, um ein Grippevirus handelt. 

Auch das ein Spuk des Gedächtnisses. Grippeviren gelten zwar als heiße Kandidaten für eine Pandemie mit Millionen Opfern, man erinnert die Vogelgrippe, der vielleicht nur wenig zu einer echten contagion (Infektionskette) fehlte, oder zuletzt die Schweinegrippe, die zum Glück nicht das war, was man befürchtet hatte. Im Film ist nie die Rede von einem Influenza-Virus. Wie man den im Film gezeigten Hyperdetails der wissenschaftlichen Analyse – dreidimensionales, sich drehendes Bändermodell der Proteinstruktur, auf dem Bildschirm dargebotene Sequenz des Virenerbguts – entnimmt (sofern man das kann, denn erklärt wird zu dieser Science-Show wenig) muss das rätselig akronymisierte MEV-1 ein Virus sein, das ursprünglich aus Fledermäusen stammt und in seinem Zwischenwirt, dem Schwein, dann eine fatale Liaison mit einem anderen Erreger eingegangen ist, bevor es sich via Ferkel und Küchenchefhand den Weg zur Spreaderin Beth bahnt.

Sicher, es ist nur ein Kinofilm, und die wissenschaftliche Akkuratheit, ob nahe gebracht oder nur demonstriert, sollte zum Lob genügen  – wäre der dieser Film nicht darüber hinaus gepflastert mit Stereotypen der Globalepidemiologie, die dem unbedarften Kritiker noch ganz besonders lobenswert vorkommen, und die Contagion zum Werbefilm für die amerikanischen Centers of Disease Control und die WHO machen. Da sind zum einen deren Seuchenexperten, die versiert und in unmenschlicher Härte zu sich selbst den Kampf aufnehmen und deren größte Verfehlung darin besteht, Vorschriften entweder zum Wohle der Menschheit (die Impfstoffexpertin, der Virologe) oder zum Wohle ihrer Liebsten (der Leiter der CDC) zu umgehen. Da ist zum anderen der unsäglich plakative Blogger, der, halb wahnsinnig, halb korrupt, jene vermeintlich haltlose Kritik an den Institutionen und Big Pharma formulieren darf, um sie allein durch seinen miesen Charakter sofort zu entkräften.

Internet, Pharmakritik, Zweifel an den Behörden, in einem Abwasch wird hinfortgespült, was die Selbstdarstellung der Offiziellen schon immer störte – obwohl fragwürdige Verflechtungen mit Arzneimittelherstellern und menschliches Fehlverhalten auch innerhalb der besagten Organisationen nichts völlig fremdes sind. Aber anstatt sich Fragen zu stellen, wie sie während der realen Schweinegrippe-Pandemie aufgeworfen wurden, oder wenigstens diffus unparteiisch zu bleiben, beschwört der Film dank seiner kompetenten Berater das gewünschte Bild von helfenden und rettenden Forschern, Experten, Behörden, die durch Zweifel oder Kritik nur in ihrem Job behindert werden.

Ian Lipkin, der Soderbergh neben den Expertern der CDC fachlich zur Seite stand, wird das als Forscher gefallen: Der heutige Direktor des Northeast Biodefense Centers, einem Zusammenschluss von Behörden und Forschungseinrichtungen im Nordosten der USA, ist als Wissenschaftler unzweifelhaft eine Größe. Er war maßgeblich an der Bekämpfung der SARS-Epidemie vor neun Jahren beteiligt, die in China begann und sich ausgehend von einem Hotel in Hong Kong fast weltweit verbreitete. Der Erreger war damals unbekannt, hochansteckend und hochfatal, dennoch gelang es, ihn innerhalb weniger Wochen in die Schranken zu weisen. Soderbergh erzählt nun im Grunde dieselbe Geschichte, nur mit anderem Verlauf und aus der Perspektive des Seuchenbekämpfers Lipkin. Was erklärt, warum der Film so realistisch wirkt. Aber zugleich auch, warum die Rigorosität dieser Seuchenjagd mit ihren Nebeneffekten als unausweichlich gezeigt und nicht infrage gestellt wird. 

Die Irritation des Publikums lässt sich daher auch gleich vor der Kinotür nutzen: Epidemiologen zweier britischer Universitäten wollen ihre Projekte auf der Contagion-Welle vorwärts bringen und Flyer an die betreten dreiblickenden Besucher verteilen, um sie über ihre Kontakt- und Reisegewohnheiten auszufragen, damit man – für den gerade gesehenen, bevorstehenden Ernstfall – besser Bescheid weiß über das, was die Leute denn so tun. Nebenbei soll Bewusstsein geschaffen werden für die saisonale Grippeimpfung (die gegen keine Pandemie vom Kaliber SARS, Vogelgrippe oder "MEV-1"helfen würde – das nur am Rande). 

Bewusstsein ist sicher gut. Aber bewusst werden sollte nicht zuletzt, dass sich hier eine fiktive Realität und die unwahrscheinlich realistische Fiktion des Films auf eine Weise vermischen, die allein schon Unbehagen erzeugt: Denn da weckt ein Kinobesuch große Beklemmung, die im Interesse Beteiligter ausgenutzt und zu einer erhöhten Bereitschaft zum Mitmachen transformiert werden soll – obwohl das betreffende Worst-Case-Szenario zwar möglich ist, aber eben doch: extrem unwahrscheinlich.

 

 
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Kommentare
Magda schrieb am 24.10.2011 um 14:52
"Am Ende des Films haben fast 30 Millionen Menschen weltweit ihr Leben verloren."

Das sind doch noch nicht mal so viele wie bei der Spanischen Grippe von 1918. Da waren es in Europa mindestens 20 Millionen, manche schätzen weltweit 50 Millionen Menschen.

Bei 30 Millionen weltweit - da ist es im heimischen Orte noch verhältnismäßig stille. Das "grippt" sich so weg. Das ist mir nicht einleuchtend.

Kurzerhand - mir gefällt das ganze filmische Spiel mit dem Virus nicht. Dazu noch diese reaktionären Auskeilereien Richtung öffentliche Kritik und Blogger. Der Lust-auf-Katastrophen-Virus ist momentan auch wieder ziemlich virulent.
Kathrin Zinkant schrieb am 24.10.2011 um 15:45
liebe magda, sie haben recht, aber vielleicht nicht völlig: sicher sind an der spanischen grippe, wenn man direkt vergleicht, mehr menschen gestorben. 20 millionen opfer können aber trotzdem viel sein: die verhältnisse - ernährungsstatus, medizinische möglichkeiten und versorgung - haben sich im globalen durchschnitt ja geändert. dieselbe pandemie wie die im film gezeigte, hätte zu zeiten der spanischen grippe daher vermutlich 200 millionen menschen umgebracht.

das filmische spiel ist aber legitim. sofern es nicht "auskeilt". wie sie so schön sagen, und auch nicht den anspruch erhebt, ein bild der wahrheit abzugeben.

herzlich! ihre zint
merdeister schrieb am 24.10.2011 um 16:01
Dabei handelt es sich ja auch um eine Frage der Zeit. 30mio in einem halben Jahr, einem Monat oder einer Woche.

Bei Bedarf kann ich gerne ein paar Blogs ausgraben, die so ein Szenario für ihre Zwecke nützen würden. Die Sind aber z.T. auch politisch nicht ganz unproblematisch. Die dahinterstehenden Blogger sind aber sicher nette Nachbarn (ganz unironisch).
Kathrin Zinkant schrieb am 24.10.2011 um 16:19
lieber merdeister, natürlich gibt es das, bloggende verschwörungstheoretiker, die keiner braucht. man kennt das aus der homöopathie, aus der kreationistenecke, aus dem lager der klimaskepsis, auf allen seiten. aber es gibt nicht nur diese blogger.

an soderberghs film hat mich wirklich baff erstaunt, wie stumpf da der einzige ansatz von pharmakritik einem bloggenden bösewicht in den mund geschoben wird. und das mit der cdc als scientific advisory im hintergrund!

aber graben sie aus, lieber merdeister. ich bin gespannt!

herzlich, ihre zint
merdeister schrieb am 24.10.2011 um 16:02
"die gegen keine Pandemie vom Kaliber SARS, Vogelgrippe oder "MEV-1"helfen würde – das nur am Rande"

Ich setze da auf Kreuzreaktion, im schlechtesten Fall hilft der Glaube so gut wie ein Placebo :-)
glamorama schrieb am 24.10.2011 um 17:14
Verstehe ich das richtig, dass Steven Sonderbergh einfach Wolfgang Petersons "Outbreak" neu verfilmt hat? ;)
Kathrin Zinkant schrieb am 24.10.2011 um 17:33
nein. das nun nicht, liebe glamorama. in outbreak ging es um eine biowaffe, eine art ebola-virus, das aufgrund seiner eigenschaften gar nicht in der lage wäre, eine pandemie auszulösen. die geschichte lehnte sich nicht an ein reales beispiel an und war auch ansonsten eher ein effekt-thriller der gut gemachten, aber klassischen sorte.

soderbergh versucht sich an was ganz anderem. er will zeigen, wie es wirklich kommen könnte, und wie gesagt: es ist ihm in teilen auch gelungen. er hat aber zu sehr auf die berater der cdc gehört, als es um schubladen für gut und böse ging.
GeroSteiner schrieb am 24.10.2011 um 20:09
Unwahrscheinlich oder nicht, das ist nicht die Frage.

Interessant ist allein das Umgehen mit dem Bewusstsein einer möglicherweise tödlichen Infektion, dem Umgehen mit Infektionsrisiken und der Unsicherheit, eigentlich nie sicher zu wissen, ob es einen doch selbst trifft. Wird der Film eine Verhaltensänderung bewirken oder beim Zuschauer bloß das mulmige Gefühl vermitteln, dass man bei Nichtbeachtung der Hygienevorschriften nur theoretisch besser gegen eine Infektion geschützt ist? Unglückliche Zufälle wird es immer geben, und Menschen, die sich nicht daran halten auch.

Ich esse übrigens nach wie vor Erdnüsse - aber nur die, die ich selbst ausgepackt habe...
Columbus schrieb am 27.10.2011 um 14:39
Das trifft den heiklen Punkt, Frau Zinkant.

Die Reichweite der Ermächtigungen aus dem Seuchenszenario wächst und der Einfluß den Firmen und auch medizinischen Insitutionen, die ihre Rolle dort sehen, nehmen können ebenso. - Die Seuchenpolizei ohne Anlass, die großew Präventions-Behörde, sie wird, auch dank besserer medialer Möglichkeiten, denkbar. Dafür hat der Film zu wenig Gespür.

Aufgrund der ökonomischen und bevölkerungspolitischen Verteilungsprobleme wird in Zukunft der polizeiliche Durchgriff der Staaten im Gesundheitswesen, vor allem in Afrika und Asien, eher wachsen müssen.

Ausgerechnet Bloggern wird eine große kommunikative Macht unterstellt, obwohl es dafür, bis auf ein paar Ansätze aus der neuen Mythenwelt des "arabischen Frühlings" (auch da sind es eher die wichtigen Marginalien der Organisation die über Twitter und Blogs laufen), bisher keine durchschlagende Wirkung entfalten. - Die Leute meinen und denken wie ein paar Jahre zuvor und der Haupteinfluss der Medien läuft weiter über das TV, die Presse und bei den Meinungsführern (agenda setting function) wachsend, über Think-tanks, die sowohl Regierungen, als auch bestimmten Dienstleistungs (Versicherungen, Banken, Investoren)- und Produktionsbereichen (Öl, Energie, Grundstoffwirtschaft, Agrar, Medienhäuser) nahe stehen.

Nebenprodukt es schönen, freien und auch notwendigen, leichten Zugangs zum Web, ist die Konkurrenz des nicht-qualifizierten Meinens in einer viel größeren Masse.

Die wirklich durchgreifende Gefahr für die individuelle Gesundheit
droht aber nicht von den Chaoten und Radikalen unter den alternativen Medizinern und Heilern (so sehr die Aufklärung auch reizvoll und sinnvoll ist, Merdeister), so wenig, wie z.B. durch das Auftreten des wirren Pastors Fliege für den evangelischen Glauben das letzte Stündlein schlägt.

Mir machen die mittlerweile zahlreichen Fälschungen und Irreführungen auf dem Felde der Pharmazie und Pharmakologie mehr Sorgen. - Z.B. werden derzeit gerade die letzten Bastionen der überlegenen Wirksamkeit der SSRI- Antidepressiva, -Antiaggressiva, -Antiphobika geschliffen. Die meisten Studien zur Wirksamkeit hatten zu kurze Dauer (Die New York Times berichtete zuletzt recht ausdauernd dazu, und bringt aktuell den Bericht eines Uni-Psychiaters, der sich als höherwertiger Pharmaberater für ein neues Zweizügelmedikament einspannen ließ, bis er zufällig der Wahrheit näher kam), boten falsch konstruierte Kontrollgruppen und schlecht dokumentierte Vergleichsstudien zu den alten, angeblich wegen der NWs nicht tolerablen trizyklischen Medikamenten.

Weitere Beispiele:

PSA- Das Anzeige-Mantra der Prostata-CA Prävention, gerät heftig unter Beschuss, ebenso das radikale chirurgische Vorgehen.

ACE-Hemmer, sind kaum so wirksam, wie immer behauptet, insbesondere bei Dauermedikation und sie haben NWs.

Schon leidig, ist mittlerweile die Diskussion um die Statine zur Senkung der Blutfette.

Die invasive Befunderhebung in der Orthopädie und in der Neurologie führt nicht zu erheblich besseren Heilungen und ist, was die Endoskopie angeht, oftmals sogar schädigend, was die CT und MRT-Befundung der Wirbelsäule angeht, eine Stellschraube zum operativen Eingriff, der oft kontraindiziert ist.

In all´ diesen Bereichen werden Abermilliarden Euros und Dollars verdient, ohne Milliarden zu ersparen oder Menschen in den Wohlstandsregionen gesünder zu machen. Andererseits gibt es immer noch Länder, die für ihre Mehrmillionenbevölkerung gerade einmal 3-5 höherwertige Radiologieeinheiten aufweisen.

Dort, wo Epidemien drohen und alte Krankheiten (Tbc, Hepatitisformen, Tropenkrankheiten) herrschen, fehlt es an Nahrung, sauberem Wasser und an der Medizin.

Erdnüsse und sonstige, irgendwann feuchte Nüsse, ein Thema für sich. Wahrscheinlich sterben mehr Menschen an Leberzell-CA aufgrund der Aspergillen, als je an einem Virus, der sich nun über dieses Lebensmittel verbreitet. Was passiert mit dem Lebensmittel Nüsse, wenn die Agrarindustrie radikal gegen Schimmelpilz vorgeht? Da werden nicht die Lager, Transport und Verpackungsarten optimiert (Durchlüftung, Abtrocknung), sondern die Chemie vermehrt eingesetzt.

LG und dawei, dawei

Christoph Leusch
Columbus schrieb am 27.10.2011 um 14:39
Das trifft den heiklen Punkt, Frau Zinkant.

Die Reichweite der Ermächtigungen aus dem Seuchenszenario wächst und der Einfluß den Firmen und auch medizinischen Insitutionen, die ihre Rolle dort sehen, nehmen können ebenso. - Die Seuchenpolizei ohne Anlass, die großew Präventions-Behörde, sie wird, auch dank besserer medialer Möglichkeiten, denkbar. Dafür hat der Film zu wenig Gespür.

Aufgrund der ökonomischen und bevölkerungspolitischen Verteilungsprobleme wird in Zukunft der polizeiliche Durchgriff der Staaten im Gesundheitswesen, vor allem in Afrika und Asien, eher wachsen müssen.

Ausgerechnet Bloggern wird eine große kommunikative Macht unterstellt, obwohl es dafür, bis auf ein paar Ansätze aus der neuen Mythenwelt des "arabischen Frühlings" (auch da sind es eher die wichtigen Marginalien der Organisation die über Twitter und Blogs laufen), bisher keine durchschlagende Wirkung entfalten. - Die Leute meinen und denken wie ein paar Jahre zuvor und der Haupteinfluss der Medien läuft weiter über das TV, die Presse und bei den Meinungsführern (agenda setting function) wachsend, über Think-tanks, die sowohl Regierungen, als auch bestimmten Dienstleistungs (Versicherungen, Banken, Investoren)- und Produktionsbereichen (Öl, Energie, Grundstoffwirtschaft, Agrar, Medienhäuser) nahe stehen.

Nebenprodukt es schönen, freien und auch notwendigen, leichten Zugangs zum Web, ist die Konkurrenz des nicht-qualifizierten Meinens in einer viel größeren Masse.

Die wirklich durchgreifende Gefahr für die individuelle Gesundheit
droht aber nicht von den Chaoten und Radikalen unter den alternativen Medizinern und Heilern (so sehr die Aufklärung auch reizvoll und sinnvoll ist, Merdeister), so wenig, wie z.B. durch das Auftreten des wirren Pastors Fliege für den evangelischen Glauben das letzte Stündlein schlägt.

Mir machen die mittlerweile zahlreichen Fälschungen und Irreführungen auf dem Felde der Pharmazie und Pharmakologie mehr Sorgen. - Z.B. werden derzeit gerade die letzten Bastionen der überlegenen Wirksamkeit der SSRI- Antidepressiva, -Antiaggressiva, -Antiphobika geschliffen. Die meisten Studien zur Wirksamkeit hatten zu kurze Dauer (Die New York Times berichtete zuletzt recht ausdauernd dazu, und bringt aktuell den Bericht eines Uni-Psychiaters, der sich als höherwertiger Pharmaberater für ein neues Zweizügelmedikament einspannen ließ, bis er zufällig der Wahrheit näher kam), boten falsch konstruierte Kontrollgruppen und schlecht dokumentierte Vergleichsstudien zu den alten, angeblich wegen der NWs nicht tolerablen trizyklischen Medikamenten.

Weitere Beispiele:

PSA- Das Anzeige-Mantra der Prostata-CA Prävention, gerät heftig unter Beschuss, ebenso das radikale chirurgische Vorgehen.

ACE-Hemmer, sind kaum so wirksam, wie immer behauptet, insbesondere bei Dauermedikation und sie haben NWs.

Schon leidig, ist mittlerweile die Diskussion um die Statine zur Senkung der Blutfette.

Die invasive Befunderhebung in der Orthopädie und in der Neurologie führt nicht zu erheblich besseren Heilungen und ist, was die Endoskopie angeht, oftmals sogar schädigend, was die CT und MRT-Befundung der Wirbelsäule angeht, eine Stellschraube zum operativen Eingriff, der oft kontraindiziert ist.

In all´ diesen Bereichen werden Abermilliarden Euros und Dollars verdient, ohne Milliarden zu ersparen oder Menschen in den Wohlstandsregionen gesünder zu machen. Andererseits gibt es immer noch Länder, die für ihre Mehrmillionenbevölkerung gerade einmal 3-5 höherwertige Radiologieeinheiten aufweisen.

Dort, wo Epidemien drohen und alte Krankheiten (Tbc, Hepatitisformen, Tropenkrankheiten) herrschen, fehlt es an Nahrung, sauberem Wasser und an der Medizin.

Erdnüsse und sonstige, irgendwann feuchte Nüsse, ein Thema für sich. Wahrscheinlich sterben mehr Menschen an Leberzell-CA aufgrund der Aspergillen, als je an einem Virus, der sich nun über dieses Lebensmittel verbreitet. Was passiert mit dem Lebensmittel Nüsse, wenn die Agrarindustrie radikal gegen Schimmelpilz vorgeht? Da werden nicht die Lager, Transport und Verpackungsarten optimiert (Durchlüftung, Abtrocknung), sondern die Chemie vermehrt eingesetzt.

LG und dawei, dawei

Christoph Leusch
Columbus schrieb am 28.10.2011 um 00:00
-nehmen können-streichen. C.L.
bertamberg schrieb am 28.10.2011 um 17:50
Liebe Frau Zinkant,
diese vergleichsweise positive Kritik erstaunt mich. "Das alles passiert einfach, und dass es genau so passiert, ist - jeder Experte kann das bestätigen - tatsächlich im Bereich des theoretisch Möglichen, es ist in Teilen sogar realistisch."

Der WHO-Report von 2007 sagt voraus, dass bis 2030 mit einem erheblichen Anstieg der Todesfälle durch Krebs, Herzdurchblutungsstörungen, Schlaganfall und HIV zu rechnen ist. Auch Verkehrsunfälle werden -leicht- zunehmen.

Tuberkulose ist auf dem absteigenden Ast, und am deutlichsten ist der Rückgang bei Infektionskrankheiten : Von ca. 5,5 Mio weltweiten Todesfällen im Jahr 2000 werden für 2030 weniger als 3 Mio erwartet (aus der Tabelle interpoliert)
Der allgemeine Trend ist: " The world will experience a substantial shift in the distribution of deaths from
younger age groups to older age groups, and from communicable diseases to noncommunicable diseases
during the next 25 years." Es wird weniger Ansteckungskrankheiten geben.

Auf deutsch: Das bisherige Geschäftsmodell der Pharmaindustrie, basierend auf der Angst vor als Krankheitserreger angesehenen Mikroorganismen antimikrobielle Substanzen zu verkaufen, wird sich tendenziell immer weniger rechnen. Die bisherigen "Pandemien" haben gezeigt, dass die Katastrofenszenarien völlig überzogen waren, weltweit Politiker sich in Hysterie haben setzen lassen und Substanzen zu Millionenbeträgen gekauft haben, die jetzt vernichtet werden müssen, weil das Haltbarkeitsdatum von Tamiflu und den Impfstoffen etc. abgelaufen ist: Wahrlich ein Ruhmeskapitel der Pharmavermarktung, Rumsfeld &Co lachen sich noch immer ins Fäustchen.

Und jetzt ein neuer Film, basierend auf der Erfahrung mit SARS, der wieder die Angst vor dem Killervirus mobilisiert, Prophylaxebemühungen in eine Richtung aktiviert, die vergangenheitsgerichtet und profitorientiert zum Himmel stinkt.

Ein Film über AIDS, Schlaganfall etc. könnte natürlich nicht so glaubhaft in Szene setzen, dass die Krankheit wie ein Terroristen-Virus unschädlich gemacht werden wird, sondern würde permanent unter dem Grauschleier fehlender Erfolge gegen diese Krankheiten stehen.

Wieso rufen Sie nicht zum Boycott des Films wegen Verharmlosung und Gefahr der Verblödung auf?
Kathrin Zinkant schrieb am 28.10.2011 um 20:33
lieber bertamberg,

Wieso rufen Sie nicht zum Boycott des Films wegen Verharmlosung und Gefahr der Verblödung auf?

weil es nun einmal so ist, dass die winzige möglichkeit einer pandemie existiert, durch einen erreger wie er in dem film beschrieben wurde. und wer sich den film wachen auges ansieht, lernt doch auch viel über die selbstwahrnehmung von seuchenbekämpfern.

ich finde , sie machen sich das mit ihrer rechnung - tuberkulose auf dem "absteigenden ast" - viel zu einfach. könnte man alle infektionskrankheiten in eine schublade stecken, es gäbe keine mehr, denn man hätte sie alle ausgerottet. auch die tuberkulose ist es aber nicht, und nur, weil die who in diesem jahr erstmals einen regional (durch china) bedingten rückgang der globalen ziffern feststellt, heißt das noch lange nicht, dass diese bakterielle und hochansteckende infektionskrankheit auf dem "absteigenden ast" wäre. ich darf mal zitieren:

Von einer Entspannung kann dennoch keine Rede sein. Jeden Tag sterben 3.800 Menschen an einer Tuberkulose, häufig sind es Menschen im mittleren Lebensalter. Bei Frauen im fortpflanzungsfähigen Alter ist die Tuberkulose die dritthäufigste Todesursache, und 2009 gab es weltweit 9,7 Millionen Tuberkulosewaisenkinder.

Ungelöst ist das Problem der multiresistenten Tuberkulose (MDR-TB). Die WHO schätzt die Zahl der MDR-TB-Erkrankungen auf 650.000 und die Zahl der jährlichen Todesfälle auf 150.000. Nur jeder sechste Patient mit MDR-TB habe derzeit Zugriff auf eine angemessene Versorgung. Dies liegt nicht nur am Mangel an Medikamenten.


so. und das alles, obwohl es gegen TB eine in knapp 90 prozent der fälle wirksame therapie gibt und der erreger seit fast 130 Jahren bekannt ist.

Es gibt aber bakterien, die noch unbekannt sind oder sich schnell verändern (remember EHEC) und es gibt viren, bekannt oder unbekannt, die das noch viel schneller können. SARS war so ein beispiel, und so gesehen gibt es an der theoretischen grundlage des films nur zu meckern, dass sie einen ziemlich unwahrscheinlichen fall beschreibt, für den einfach sehr viele dinge zusammenkommen müssen. man würde aber vorgehen, wie im film beschrieben, wissenschaftlich betrachtet gibt es da überhaupt kein problem. mein problem ist die darstellung der beteiligten, die teilung in gute seuchensoldaten und böse internetaffine kritiker, was auch nicht von ungefähr kommt. siehe blog. das ist genauso schwarz-weiß- malerei wie ihre forderung nach einem "boykott", finde ich.

mit herzlichem gruß,

ihre frau zinkant
merdeister schrieb am 29.10.2011 um 15:51
""One can think of the middle of the 20th century as the end of one of the most important social revolutions in history: the virtual elimination of the infectious disease as a significant factor in social life"
Frank MacFarlane Burnet 1960
Kathrin Zinkant schrieb am 29.10.2011 um 17:37
lieber merdeister, das ist ja schön und ein Beleg für die Hoffnungen der Penicillin-medizin vor mehr als sechzig Jahren. Burnet ahnte vermutlich damals schon, wie die Welt im Jahr 2011 aussehen würde: MRSA, Vogelgrippe, Globalisierung etc. Und sicher meinte er mit social life das Leben des gemeinen Bürgers im globalen Durchschnitt.

Wollten Sie nicht noch ein paar Belege für böse Blogger ausgraben?
Kathrin Zinkant schrieb am 29.10.2011 um 17:37
verzeihung: mehr als 50 Jahren.
merdeister schrieb am 29.10.2011 um 18:30
Sorry, ich habe noch das Gegenprogramm vergessen:

www.esowatch.com/ge/index.php?title=Impfgegner
bertamberg schrieb am 31.10.2011 um 09:24
Kathrin Zinkant schrieb am 29.10.2011 um 17:37

Burnet schrieb doch nicht von Hoffnungen, er sprach von "tatsächlicher Eliminierung der Infektionskrankheit" in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Also: Ein klassischer Trugschluß, unzuverlässige Verallgemeinerung.
Kathrin Zinkant schrieb am 31.10.2011 um 10:12
lieber bertamberg - was möchten sie mir damit sagen? ich denke, und das habe ich oben auch angedeutet, dass burnet offenkundig überzeugt gewesen ist (wie viele mediziner damals), dass man mit antibiotika und impfstoffen das wunder würde vollbringen können. wenn sie diesen trugschluss meinen, sind wir uns einig.

herzlich: ihre frau zinkant
bertamberg schrieb am 31.10.2011 um 10:26
@ Kathrin Zinkant schrieb am 31.10.2011 um 10:12
Liebe Frau Zinkant,
Sie schreiben Burnet zu, schon Globalisierung, Vogelgrippe und MRSA vorausgeahnt zu haben - das kann ich nicht als Hoffnung der Penicillinära einsortieren, war es denn zynisch oder satirisch gemeint?

Dazu das "social life" - die Unterschiede zwischen den Schichten, Klassen und armen und reichen Nationen sind doch tendenziell größer geworden, von daher ist das Morbiditätsrisiko ziemlich ungleich verteilt, also eine mehrfache Fehlprognose.
Kathrin Zinkant schrieb am 31.10.2011 um 11:08
nehmen sie die nummer kleiner: ironie!

der ironie entkleidet: burnet war, soweit ich das beurteilen kann, ein hervorragender wissenschaftler. aber in die zukunft gucken konnte er nicht. und er ist (spekulier, spekulier...) womöglich davon ausgegangen, dass der von ihnen beschriebene effekt, die zuspitzung der ungleichverteilung, durch den fortschritt umgekehrt würde. das ist ja leider nicht der fall.
bertamberg schrieb am 31.10.2011 um 11:52
@Kathrin Zinkant schrieb am 31.10.2011 um 11:08
Danke, ich nehm die Nummer kleiner. Ob Ian Lipkin sich hier als Wissenschaftler desavouiert hat, weil er sich für einen PR-Film als Berater zur Verfügung stellt, will ich hier nicht diskutieren, nur scheint es mir unübersehbar zu sein, dass hier mit Ängsten des Publikums gespielt wird und andererseits Vertrauen in die Macht der Experten aufgebaut werden soll, dazu Vertrauen in die Fähigkeit der politischen Leitung, mit solchen Krisen umzugehen, Vertrauen, das beiden Berufsgruppen entgegenzubringen Vielen immer schwerer fällt.

Was die Occupy-Bewegung auf der politischen Ebene, sind Selbsthilfegruppen auf der medizinischen Ebene: Ausdruck der nun schon vor über 100 Jahren prognostizierten und andauernden Krise der Medizin.
Columbus schrieb am 31.10.2011 um 19:08
Lieber Bert Amberg,

So gesehen, ist die Medizin immer in einer Krise, denn ihr originärer moderner Ansatz (nicht von den Griechen und Ägyptern herleitbar, sondern Auswuchs der europäischen Aufklärung) ist das vernunftbasierte Abarbeiten an beständig neuen Krisen, Fällen und Krankheiten. "Abarbeiten" ist das richtige Wort, den beim Abschleifprozess an Idealen und Absichten, stellt sich auch Realitätssinn und Akzeptanz ein.

Patientenorganisationen (Selbsthilfegruppen) geraten unter den Einfluss der Pharmaindustrie (Derzeit z.B. bei der MS-Behandlung. Erfolgreich abgewehrt z.B, haben die meisten AAs den Versuch, sie mit der Unterstützung der Antigraving-Pharmazie zu "fluten").

Alternative Mediziner und Selbsthelfer entdecken die Chance des Marktes und all´ die reine Lehre erhält dadurch die getrübte Farbe, die sich z.B. auch über Merdeisters reines und ideales Reich der evidenzbasierten und wissenschaftlichen Medizin deutlich legt. Die "Kathetermedizin" (hier wortwörtlich, das überall und quasi standardmäßige Hineinschauen) und die überzufällig Häufung der apparativen Diagnostika sind doch schlagende Belege dafür. U.a. eben auch für eine Medizin, die zuküntig eher weniger, als mehr Menschen zugute kommt, so lange die diagnostische Allzweckwaffe nicht die Größe, Mobilität und Effektivität solcher Geräte in den Sc-Fi-Welten erreicht hat.

Eigentlich will ich im Freitag nichts über meinen Beruf schreiben, weil ich dazu auch viel zu befangen bin. Meine Praxiserfahrungen finden sich weder in der Verteufelung, noch in der Verherrlichung der "wissenschaftlichen", oder der eher "erfahrungsheilkundlichen" Ansätze.

Mir zeigen sich die Vorgehensweisen oftmals als grundsätzlich vergleichbar, fast so, wie es bei wichtigen Grundfragen, z.B. Globalisierung, Internationalismus, Ablehnung ethnischer und völkischer Ideologie, grundsätzliche Übereinstimmungen zwischen Sozialisten, Kommunisten einerseits und Kapitalisten, Neoliberalen andererseits gibt. - Jedenfalls dann, wenn sich die idealistisch gestimmten Anhänger um Differenzierung, Selbstreflexion und undogmatisches Verhalten mühen.

Ich persönlich glaube nicht daran, dass die nächste große Bedrohung der Menschheit durch eine Pandemie entsteht. Ich bin ziemlich sicher, dass ökonomische und Ressourcen-Verteilungsprobleme und die weiter ungebremst anhaltende Naturzerstörung die Grenzen aufzeigen, an denen sich der Kampf um ein zukünftiges ziviles und sicheres Leben, mit hoher individueller Qualität entscheiden wird. Die soziale Frage wird sich auf globaler Ebene neu stellen, wenn nämlich unsere Ansprüche entweder zum exklusiven Privileg werden, oder aber, als globaler Standard dienen sollten. Beide Szenarien wären derzeit der Beginn einer prinzipiell gewalttätigen und wenig lebenswerten Welt.

Liebe Grüße
Christoph Leusch
Kathrin Zinkant schrieb am 31.10.2011 um 21:32
lieber columbus, danke für ihre anregende ausschweifung, sie sprechen da vieles an.

ums tatsächliche pandemierisiko (oder nicht pandemierisiko) ging es in meinem blogbeitrag allerdings eher am rande, und um eine krise der medizin eigentlich gar nicht. überhöhte selbstdarstellung war das thema, und selbst auf die gefahr hin, gewollt missverstanden zu werden (zb von menschen wie jenen bloggern, die merdeister oben in seiner linksammlung zitiert): schwarzweißmalerei ist nirgends eine zierde. auch nicht im seuchenmanagement, und erst recht nicht, wenn es als starbesetztes filmepos über die kinoleinwand läuft.

herzlich: ihre frau zinkant
Columbus schrieb am 31.10.2011 um 22:50
Ich bin da ganz ihrer Meinung. Permanente Krisen sind eben keine, so wie permanente Revolutionen eher nicht revolutionär sind, und das reale CDC macht, was möglich ist und was man zur Zeit medizinisch kann, nicht mehr, nicht weniger. Überhöhung ist immer der erste Fehler und die Beschwörung der Katastrophe ebenso. - Novalis macht also das Richtige, wenn Sie sich in ihren Kreisen für Entängstigung und Aufklärung einsetzt, anstatt die Menscheit zum Prozac-Fressen aufzufordern, oder in eine allgemeine Verdammung der Wissenschaftsmedizin einzufallen.

Leider sind eben die realen Auswirkungen der ersten Sachhandlung, nämlich z. B. Prozac zu schlucken, sich sogar die Pillen ohne Diagnose zu besorgen, drastischer, als der kleine Chor jener, die sich für eine fast komplette Ablehnung der universitären Schulmedizin einsetzen.

In der Hoffnung mit den anregenden Abschweifungen genutzt zu haben.

Grüße und gute Arbeitswoche
Christoph Leusch
bertamberg schrieb am 01.11.2011 um 22:02
Lieer Herr Leusch,

danke für diesen Beitrag aus einer Vogelperspektive. ich teile Ihre Skepsis betreffend die Apparate -Katheter-rein-raus-Medizin und suche weder in der Verteufelung noch Idealisierung gewisser medizinischer Praktiken eine Bestätigung.

Ich finde es bedauerlich, wenn sie nicht über Ihre berufliche Erfahrung schreiben wollen, weil sie sich "befangen" fühlen, respektiere dies jedoch. Nur ist dieses Befangensein eben auch Ausdruck der in der Medizin etablierten Subjekt-Objekt-Spaltungs-Axioms, ein Konstrukt, das als nötig erachtet wird, um "objektiv" Medizin treiben zu können, eine Fiktion, die m.E. überwindungsbedürftig ist, gerade unter dem Gesichtspunkt der globalen sozialen Frage.

Ich teile auch nicht den Fortschrittsoptimismus von Stephen Pinkus, von daher halte ich die mediale Fixierung auf Erreger, das Tragen von Mundschutz und sonstigen Accessoires für eine hirnrissige, grob mechanistische Semmelweis-Hygiene-Mechanik - so nötig Hygiene als Basis des Lebens auch ist, aber wie Frau Zinkant am 31.10.2011 um 21:32 schrieb, dies ist die Inszenierung einer überhöhten Selbstdarstellung. Solange Menschen mehr Angst vor Viren als vor der Zerstörung funktionierenden lokaler Natur- und Wirtschafts- und Solidaritätszusammenhänge haben, wissen sie nichts von den wirklichen Bedrohungen.

Liebe Grüße

bertamberg
Columbus schrieb am 01.11.2011 um 22:33
bertamberg schrieb am 01.11.2011 um 22:02

Die Befangenheit ist aber, das möchte ich ihnen versichern, eher ein, die sich aus dem Zwang ergibt, ließe ich mich ausführlich zur Medizin, spezieller zur Psyche, Psychiatrie und Neurologie aus, mir andere meiner Themen unter die Räder kämen. - Meine kleine Freiheit, wie sie gut erkannt haben.

Der dF+die dFC sind ja auch ein wenig Spielwiese für meine Horizonterweiterung, die ich ungern eingeschränkt sähe, weil ich schon im Alltag zu so viel Selbstreflexion gezwungen bin.

Ich kann nur sagen, ich lerne von Ihnen und von Merdeister und natürlich aus Frau Zinkants offenem Diskurs, sowie der allseitigen Ironie, die Sie einflicht. - Das soll nun nicht andere ausschließen, sondern nur verdeutlichen, in welche Richtung ich es mit der Befangenheit meinte.

Hier in der dFC möchte ich ja auch nicht Heilen oder medizinisch aufklären, auch wenn ich manches Mal schon meine Meinung zu den Themen sage.

LG
Christoph Leusch
bertamberg schrieb am 02.11.2011 um 13:48
bertamberg schrieb am 01.11.2011 um 22:02

Ich bezog mich natürlich auf Steven Pinkers Buch "Gewalt" und auf nichts anderes. Steven Pinker mag Recht haben, dass in den westlich orientierten Nationen direkte Gewalt im persönlichen Umgang weniger geworden ist, er berücksichtigt nicht, dass dieses Gesellschaftsmodell darauf basiert, dass Krieg und Elend in die alten und neuen Kolonien outgesourct wurde. Wenn Kinder verhungern, dann auch wegen Warentermingeschäften in Chicago etc.

Wie Brecht notierte: „Es gibt viele Arten zu töten. Man kann einem ein Messer in den Bauch stechen, einem das Brot entziehen, einen von einer Krankheit nicht heilen, einen in eine schlechte Wohnung stecken, einen durch Arbeit zu Tode schinden, einen zum Suizid treiben, einen in den Krieg führen usw. Nur weniges davon ist in unserem Staat verboten.“

Wenn man das definitorisch ausblendet, was Galtung und Senghaas als "strukturelle Gewalt" bezeichneten, kann man so argumentieren wie Pinker, dessen Buch vornehmlich als Manifest us-amerikanischer Selbstdarstellung gesehen werden muss.
Novalis schrieb am 31.10.2011 um 20:06
Sowohl der Beitrag von Frau Zinkant als auch die Kommentare bestätigen und bekräftigen meine Furcht vor der Entwicklung der medizinischen Fürsorge in unserer Gesellschaft. Und nicht nur das, ich fürchte mich auch vor der immer weiter fortschreitenden Dreistigkeit, mit der Nahrung, Kleidung, Schuhe, Spielzeug u.v.m. für anonyme Profitinteressen vergiftet werden. Die Kriegsgeneration wird alt, ich glaube die folgenden Generationen nicht mehr. Körper und Seele werden gnadenlos mit Reiz- und Fremdstoffen überflutet. Der Körper reagiert vermehrt mit unkontrolliertem Zellwachstum (Krebs) und vielen anderen diffusen (z.b.Allergien, Diabetes, Parkinson ...), schweren Störungen. Erst am letzten Wochenende erlebte ich eine 18jährige, die vom bloßen Geruch von Käse einen allergischen Schock erlitt, der lebensbedrohlich war. Die seelischen Störungen sind zahllos geworden und werden immer mehr. Aber ich lasse mich von dieser Furcht nicht unterkriegen und versuche meiner Aufgabe als Aufklärerin in meiner kleinen Umgebung gerecht zu werden, was mir natürlich nur bedingt gelingt. Und so einen Beitrag wie den von Frau Zinkant kann ich da gut gebrauchen.
merdeister schrieb am 31.10.2011 um 20:17
Das ist wirklich schlimm! Und wie sagten Sie doch gleich heißt der Planet, von dem Sie kommen?
Kathrin Zinkant schrieb am 31.10.2011 um 21:19
lieber novalis, ich fühle mich da leider gründlich von ihnen missverstanden.

dennoch herzlich: ihre frau zinkant
GeroSteiner schrieb am 31.10.2011 um 21:52
Ja, die Welt ist schlimm und wir werden alle sterben - und wer der Welt ein Heiland zu sein glaubt, der muss eben schon mit dreiunddreißig sterben. Die anderen sechsmilliardenneunhundertneunundneunzigmillionen-neunhundertneunundneunzigtausend-neunhundertneunundneunzig haben ja als Einsiedler noch eine echte Chance.
Novalis schrieb am 01.11.2011 um 08:45
Geht mir auch oft so. Tut mir auch leid. LG
Novalis schrieb am 01.11.2011 um 08:52
Liebe Frau Zinkant, der Kommentar unter Gerosteiner gilt Ihrem Kommentar. LG
Kathrin Zinkant schrieb am 01.11.2011 um 10:04
lieber novalis - da verstehen sie aber schon wieder etwas falsch ...
Kathrin Zinkant
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