11
]
Vorweg:
Ich habe alle Blogbeiträge in der FC zum Buch gelesen.
Den Brief von Alice Schwarzer habe ich gelesen.
Die Interviews habe ich mir (aus Gründen!) gespart.
Nun legte ich heute selbst los. Das Buch zu lesen schaffe ich nur in der Bahn und in der Mittagspause, denn eigentlich sitze ich gerade an einer wissenschaftlichen Arbeit, meiner Abschlussarbeit, Thema Bildungsstandards. Doch die Abwechslung kommt mir willkommen.
Zur Sache:
Die Sex-Szene am Anfang gilt ja jetzt schon als Hürde und trägt wahrscheinlich schon gut zur Legendenbildung bei. Mir, als nicht gerade pornoaffiner Frau, in der Bahn sitzend so etwas reinzuziehen, das war schon nicht so ohne. Aber ich grinste viel, trotz aller Verklemmtheit, die ich - es Charlotte, äh Elisabeth gleich tuend - ebenfalls nicht unerwähnt lassen möchte.
Wo wir auch schon bei der Metadiskussion wären. Nach 32 Seiten ist mein Eindruck folgender: Das Buch ist eine Therapie. Ich kenne und nutze diesen Effekt selbst: In meiner Kolumne packe ich nicht selten diejenigen Themen an, die mir selbst am meisten Kopfzerbrechen bereiten oder wo ich mich überwinden muss, oder wo ich die Klugheit derjenigen, die sich vermutlich hinterher in die Debatte einmischen, nutzen möchte, an einem schwierigen Thema voranzukommen. Dann überwinde ich mich, dahin zu denken und darüber zu schreiben, wovor ich - und ich weiß es ziemlich sicher: auch viele meiner LeserInnen - mich am liebsten rumdrücken würde. Über Scham zum Beispiel. Nicht selten setze ich mich auch zum Schreiben (meistens allerdings zum Schreiben für mich selbst, nicht für die Öffentlichkeit) in ein Kaffee und mache das, was Natalie Goldberg in ihrem Buch "Wild Mind - Freies Schreiben" empfiehlt: Setz dich, nimm einen Stift in deine Hand, setze dir ein bestimmtes zeitliches Limit und dann leg los. Halt den Stift niemals still! Das wird unreflektiert, manchmal schamlos, peinlich, sprachlich häufig nicht sehr tief - aber gnadenlos. Überarbeitet wird es hinterher. Doch es ist unübertroffen direkt und die Schonungslosigkeit davon hat einen geradezu therapeutischen Effekt.
So stelle ich mir Charlotte Roche beim Schreiben dieses Buches vor. Und der Effekt ist sicherlich ein ähnlicher: Sie stellt sich ihren Ängsten. Sie stellt sich sich. Gnadenlos. Ähnlich wie bei meiner Kolumne wird das Feedback in diesem Spiel manchmal unterschätzt: (Auf-)Leben in der Auseinandersetzung mit dem Feedback. Selbstjustierungshilfen nenne ich das. Wird ein Artikel von mir einmal nicht kommentiert - oder steht darunter nur Positives - fehlt mir direkt etwas (*wink mit dem Zaunpfahl*).
Ob dieser Roman nun autobiografisch ist oder nicht, und wenn ja: zu wie viel Prozent. Ob das "authentisch" ist, oder nicht. Ob politisch korrekt, literarisch brillant, gesellschaftlich relevant, feministisch "genug" - im Ernst: Wer das Buch mit all solchen Fragen im Hinterkopf liest, hat IMHO hier schon verloren, da ihm/ihr der einfache Effekt einer Geschichte für die Reflexion der eigenen kleinen, dummen, banalen Geschichte verloren geht.
Mich hat sie damit längst. Meine Sympathie ist ihr sicher, denn ich liebe nichts mehr, als wenn Menschen einfach ihre Geschichten erzählen. Das muss ich dann auch nicht bewerten und beurteilen. Das les ich einfach weg. Und denke: Danke fürs Teilen. Sie nennt sich ja selbst "verklemmt" - bzw. Elisabeth nennt sich so - und das ist der Zauber: Liest man die erste Sex-Szene, so ist von Verklemmung keine Spur. Da hat jemand einfach mal alles rausgelassen und sich überwunden. Ob das nun für eine Gesellschaft wie die unsere - verklemmt eben - nun besonders wertvoll ist - das interessiert mich nicht. Oder ob das authentisch ist. Pfff.
Daneben kommen etliche persönliche Abrechungen mit der Mutter, die völlig undifferenziert und auch ein bisschen unfair sind. Gleiches mit Alice Schwarzer. Da muss diese wohl durch. Der Stil ist wie in Feuchtgebiete recht einfach, gut lesbar. Einfach weg, raus damit, vom Herzen geschrieben. Die gesamte Auseinandersetzung damit, wie sie "darstellt" eine gute Mutter zu sein, könnte mir als eingefleischter Feministin die Haare zu Berge stehen lassen. Tut es aber nicht. So ist das eben. Diese Geschichte ist eine Geschichte - schon nach 32 Seiten habe ich das Gefühl, dass die meisten Leute viel mehr darin sehen und sich an Überinterpretationen übertreffen wollen. Eine Geschichte ist das. Es macht sogar Spaß, sie zu lesen. Bis jetzt. Ich bleibe dran.
|
|
Liebe Katrin -
wie schön! Wir lesen das gleiche Buch. Das freut mich sehr, denn bisher war ich mir da bei den bisherigen Blogs nicht immer sicher. Ich mag deine Herangehensweise und hoffe auf eine schöne Diskussion, denn auch wenn ich gerade nicht so viel kommentiere, ich lese alles mit, und komme dann hoffentlich morgen auch mal dazu meinen halbfertigen Blogbeitrag loszuwerden. Was natürlich mein Plan für gestern war. Wenn Elisabeth versucht die perfekte MutterFrauKonsumentinPatientin zu sein, dann bin ich mir zumindest sicher keine perfekte Bloggerin zu sein ;). Und deine Kolumne werd ich auch noch kommentieren. Das hast du jetzt davon! |
|
|
Danke für diesen Text, der meinem Leseempfinden sehr nahe kommt. Ich war schon ein wenig verwundert über die harsche Auseinandersetzung mit diesem Buch und der Autorin. Verwundert darüber, dass es ständig darum geht, was wahr ist, was nicht. Und dass es offenbar nicht okay ist, die (dramatischen) Dinge, die man erlebt hat, in Romanform zu verarbeiten und hier Fiktion und Realität zu vermischen.
Ich habe das Buch schon zu Ende gelesen, Text ist ebenfalls noch in der Schwebe, da so viel zu tun ist. Umso mehr danke ich dir, dass du dir die Zeit genommen hast! |
|
|
Thearpie bedeutet Arbeit, und zwar an sich selbst. Jeder Fachmann und aufgekärte Mensch weiß, dass das Schreiben (von Tagebüchern) und das Lesen eines "Taburomanes" noch lange nicht zur gewünschten Verändereung führt - auch wenn sich dieses im ersten Moment so anfühlt. Ist eben eine Art der Verschiebung bestimmter Inhalte, mehr nicht.
Frau Roche gibt an, sich tatsächlich in Therapie zu befinden. Für ihre Erlebnisse würde es nicht ausreichen, lediglich ein paar versaute Gedanken auf zu scheiben. "Der Stil ist wie in Feuchtgebiete recht einfach, gut lesbar." Der Stil ist einfach nur schlecht. Warum verharmlosen Sie diese Tatsache, Frau Rönicke? Um nicht unhöflich gegenüber einer Person zu wirken, die Sie vermutlich gar nicht kennen? Oder nur, weil Frau Roche eine Frau ist? Frau Roche hat schon vor Jahren wesentlich bessere Leistungen auf anderen Gebieten vollbracht. In meinen Augen zieht sie mit ihren Büchern die hochneurotischen Medienmenschen, die auf jeden Hype anspringen, durch den Kakao, mehr nicht. |
|
|
Also ich will jetzt nicht gemein sein (nein, ich will jetzt WIRKLICH nicht gemein sein!), aber DAS kann ich mir bei besten Willen nicht verkneifen:
"Nicht selten setze ich mich auch zum Schreiben (meistens allerdings zum Schreiben für mich selbst, nicht für die Öffentlichkeit) in ein Kaffee" Ich meine halt, für mich war es die Offenbarung des Jahres oder so... |
|
|
Das Schreiben im Café etc. hat doch wohl eine lange Tradition. Probier's doch mal selbst. Die sich um einen herum ständig neu konstituierende Fremdheit fördert eine zuhause so nicht erreichbare Konzentration. Das Fremde ist insofern symbolisch für den neuen und zunächst fremden Gedanken.
|
|
|
schrieb am
25.08.2011 um 19:13
Ach, um Himmels Willen, ich vertippe mich ja auch andauernd (deswegen wollte ich ja nicht gemein sein;)... aber das Stück mit Kaffee war doch so schön, dass ich es mir eben nicht geschafft habe, drüber zu gucken...
|
|
|
Charlotte stellt sich sich sich
erlich nicht so einfach vor, sonst würde sie keine Schoß gebete ins Himmelbett schicken. Chic eingefädelt hat sie ihr neues Buch ja: Erst während der 11 Uhr-Messe gebetet (und nicht etwa die Hände in den Schoß gelegt), dann auf der Buchmesse getrommelt. Mild Wind... |
|
|
Also:
Wieder ein Brainstorming-Roman mit PipiKackiLecki-Spritz/Sex zu dritt-Bin ich auch schön genug?, aber diesmal mit einer ernsten Identifikationsfläche; der Öffentlichmachung des traumatischen Verlustes geliebter Menschen? |
|
|
Genau. Ein "Wie-kann-man-die-Motive-aus-Feuchtgebiete-noch-mal-verkaufen-Brainstorming" gepaart mit der Neuauflage des Feuchtgebiete-Rahmenkonzepts: Aus der Scheidung der Eltern, unter der Roche und die Protagonistin gelitten haben sollen, wird ein Autounfall naher Familienangehöriger. Also alles wie gehabt. Nur noch dramatischer. Aus pink ist bordeauxrot geworden.
|
|
|
Na dann ist ja gut.
Dachte schon es handele sich einfach um "aus Scheisse Gold machen".. |
|
|
Dachte ich auch...
|
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen