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Martina Eitner-Achemapong inszeniert am Leipziger Centraltheater Thomas Vinterbergs „Das Fest“ mit Mut zur Zurückhaltung. Dafür ernten sie und das Ensemble zur Premiere am 11.März viel Beifall und Bravi. Vor einer Woche erst wurde in Wien die Fortsetzung „Das Begräbnis“ uraufgeführt; darin macht Vinterberg Jahre später das Opfer zum Täter: Christian missbraucht seinen Neffen. Ändert das etwas an der Sicht auf „Das Fest“?
Dann kommt alles in Bewegung. Die Drehbühne kreist, und in rasender Geschwindigkeit ziehen vorbei: in der Empfangshalle die Angestellten des Hauses, noch immer hoffend, dass sich jetzt alles ändert. Im Salon die familiäre Festgesellschaft der Klingenfeldt-Hansen, noch immer nicht bereit, zu glauben, was sie längst wissen. Und draußen vor der Tür Christian, der älteste Sohn, an einen Brunnen gefesselt, von Wasser umspült, endlich befreit vom Schweigen und nun seiner toten Schwester Linda so nah. Linda, die sich in der Badewanne das Leben nahm, weil die Vergewaltigung durch ihren Vater sich wieder in ihre Träume schlich.
In Martina Eitner-Acheampongs Inszenierung, die sich im Wesentlichen am Drehbuch Vinterbergs orientiert (für seinen 1998 nach den Dogma-Regeln gedrehten Film), ist Linda körperlich präsent, geht durch die Räume und steht so hinter allem, was passiert. Gemessen an dem Ungeheuerlichen, das Christian erst ruhig, dann immer wütender den Gästen offenbart, passiert nicht viel. Das reizt die Regisseurin aus bis an die Grenze des Begreifbaren.
Freundschaftlich sind die Balgereien der Geschwister, als sie nach und nach am Familiensitz, einem im ehemaligen Hotel, eintreffen. Michael, der jähzornige Bruder, freut sich wie ein Kind über jede Geste der Zuneigung. Er ist im Internat groß geworden. Helene, die Schwester, emanzipiert sich ohne Rücksicht auf in sie gesetzte Erwartungen. Sie alle haben Techtelmechtel mit dem Personal – je nach Charakter zärtlich oder brutal oder spielerisch. Ingolf Müller-Beck (Christian), Guido Lambrecht (Michael) und Jele Brückner (Helene) nutzen dieses kleine Vorspiel, ihre Figuren vielschichtig anzulegen. So sind sie später, in der Eskalation, erschreckend glaubwürdig. Dank ihres Kontrast zur inszenatorischen Verknappung auf der Bühne.
Hier wird nicht getafelt, sondern im Stehen gegessen, die Polonaise führt rasch aus dem Saal heraus. Zurück bleibt die Schuld. Die Schuld des Vaters Helge, seine Kinder Linda und Christian missbraucht zu haben. Die Schuld der Mutter Else, die Tür dahinter schweigend zu schließen. Der Koch, die Dienstmädchen, der Onkel, selbst der dankbare Toastmaster - sie alle wussten oder wissen jetzt, was damals geschah. Und taten nichts. Und schweigen weiter.
Erst der Abschiedsbrief Lindas löst die Erstarrung. Erst dem Zeugnis wird Glauben geschenkt, nicht Christians Berichten, nicht den eigenen Ahnungen, nicht dem schlechten Gefühl. Das ist der Abgrund. Sie singen „As a child, I killed my thoughts“ von Soap&Skin, was irgendwie schön und traurig klingt, und trotzig auch und befreit und im „please help me“ endet, und das aber hier der Soundtrack zum Versagen derer ist, die Angst haben vor der Angst anderer. Die einem ausweichenden Blick nicht folgen. Die das Einbeziehen von Alkohol, Tabletten oder Koks als Geselligkeit schätzen. Die verbale Entgleisung für Umgangssprache halten. Im Wort aber zeigt sich die Gewalt zuerst. Das jubeln auch Berndt Stübner (Vater), Ellen Hellwig (Mutter) und Dieter Jaßlauk (Opa) dem Publikum unter, bis es lachen muss. Vorerst.
Eitner-Acheampong braucht keine Verweise auf die aktuellen Missbrauchsdebatten (obwohl das Bühnenbild doch sehr sakral aufragt). Sie holt das Thema ins Wohnzimmer. Auch dort gehört er hin, denn dort liegt alles begraben. So wie die Gefahr, dass Christian später zum Täter wird.
Das Fest
von Thomas Vinterberg und Mogens Rukov
für die Bühne bearbeitet von Bo hr. Hansen
Deutsch von Renate Bleibtreu
Regie: Martina Eitner-Acheampong, Bühne: Jan Steigert, Kostüme: Yvette Schuster, Musikalische Leitung: Matthias Flake, Licht: Jan Bregenzer, Dramaturgie: Uwe Bautz.
Mit: Natalia Belitski, Manolo Bertling, Jele Brückner, Sarah Franke, Sebastian Grünewald, Ellen Hellwig, Matthias Hummitzsch, Dieter Jaßlauk, Guido Lambrecht, Ingolf Müller-Beck, Nikolaus Okonkwo, Lore Richter, Melanie Schmidli, Albrecht Schuch.
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Es gibt zu wenig User hier, die schnell mal nach Leipzig fahren können, um dort in's Central-Theater zu gehen, was?
Aber vielen Dank für die Rezension. Interesse hab ich ja; vielleicht klappt's doch mal demnächst... :) |
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und ich würd' ja am liebsten mal schnell nach wien (gern auch langsam), um herrn wuttke als christian zu sehen. auch wenn die inszenierung verrissen wurde. und also sicher nicht zum theatertreffen nach berlin eingeladen wird, was für mich natürlich näher wäre.
aber wien muss sowieso mal sein, habe in der vergangenen nacht erst wieder davon geträumt. da sah es allerdings eher aus wie halle an der saale. was natürlich weder gegen wien noch gegen halle spricht und sicher nur damit zu tun hat, dass ich in wien noch nie war. herzlich |
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Wenn man jemanden, der nicht soo viel Ortskenntnis in den drei genannten Städten hat, kurz nacheinander an bestimmte Orte in Wien, Leipzig und Halle beamen würde, und den dann fragte, wo war was, würde derjenige in Verlegenheit kommen, schätze ich.
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nur ein kaffeehaus dürfte es nicht sein, da sind die kellner in halle einfach freundlicher, glaube ich. doch was kann man schon noch glauben. eben ist mir ein beladenes stück pizza runtergefallen und mit dem belag nach oben gelandet. das widerspricht doch allen statistiken (marmeladenbrot-test). also?!
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Ich habe Herrn Wuttke gerade im Fernsehen gesehen (und ein bisschen Leipzig auch). - Und jetzt geh ich noch was lesen, bis die Äuglein zu klappen...
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das war nicht herr wuttke, und es war nicht leipzig. immer wenn ich von meiner feierabendbeschäftigung aufsah, blickte ich in den offenen mund von frau thomalla. gelingendes lesen! (was liest du?)
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Moin,
gestern Abend habe ich (wieder nur) 1 1/2 Seiten Roberto Bolaño, 2666, geschafft. Wuttke trug aber Anzug und weißes Hemd ohne Krawatte, war also erkennbar. Leipzig, stimmt, lauter Lofts, Villen und dörflich-putzige Grundstücke, kann ich auch nicht beschwören, dass es es gewesen ist. Schönen Tag! wünscht g. |
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Liebe k.k.,
habe die Rezension mit Interesse gelesen, auch wenn ich es diesmal vielleicht nicht auf die Buchmesse (und leider wahrscheinlich auch nicht zum Leipziger FreitagSalon am 19.03.) schaffe..... Den Film habe ich leider nicht gesehen, daher wäre das Stück im Centraltheater eine schöner Ersatz, denke ich. |
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ja, archie, die inszenierung kann mit dem film mithalten. der ist natürlich, auch wegen der dogma95-regeln, ästhetisch ganz anders, da braucht man ein ruhiges auge. und wegen der nahaufnahmen wirkt er hier und da intensiver, die gewalt näher. dafür lassen die figuren auf der bühne mehr raum für eigenes. schade, dass du es zum salon nicht schaffst. ich weiß auch noch nicht, ob ich punkt 21 uhr hinbekomme, aber dann ...
herzlich kk |
Ausgabe 07/12
16.02.2012
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