kay.kloetzer

robinson

31.07.2011 | 21:47

"Betondecke des Egoismus"

„Salzburger Festspiele mit Gauck-Rede eröffnet“, meldete die Nachrichtenagentur am vergangenen Mittwoch. Und wenig später: „UN starten Luftbrücke nach Somalia“. Die Gleichzeitigkeit beider Nachrichten ist Zufall. Und ist es auch wieder nicht. Hätte an jedem Tag - wie vorgesehen - der Menschenrechtler und Globalisierungskritiker Jean Ziegler die Eröffnungsrede gehalten, hätte er Somalia und Festspiele, Hunger und Reichtum in Zusammenhang gebracht. Offenbar in einen unerwünschten. Stattdessen spricht Joachim Gauck von Verantwortung. Allerdings nicht seiner.

Denn Ziegler wurde erst ein-, dann wieder ausgeladen. Letzteres „allem Anschein nach auf Druck einiger, besonders schweizerischer Großkonzerne und Großbanken, die zu den wichtigen Sponsoren gehören“, sagt der Schweizer in einem Youtube-Video, bevor er dort auf Einladung der Aktivisten der "Plattform Zivilgesellschaft" seine nichtgehaltene Rede liest. Auf sueddeutsche.de  ist sie im Wortlaut dokumentiert, zudem als „Der Aufstand des Gewissens“ im Ecowin Verlag erschienen. (16 Seiten kosten 250 Euro).
Unterstützer haben sie an das Festspielpublikum verteilt. Das konnte lesen: „Viele der Schönen und der Reichen, der Großbankiers und der Konzern-Mogule dieser Welt kommen in Salzburg zusammen. Sie sind die Verursacher und die Herren dieser kannibalischen Weltordnung.“

Der 77-jährige Ziegler rechnet vor: „Alle fünf Sekunden verhungert ein Kind unter zehn Jahren. 37 000 Menschen verhungern jeden Tag und fast eine Milliarde sind permanent schwerstens unterernährt. Und derselbe World-Food-Report der FAO, der alljährlich diese Opferzahlen gibt, sagt, dass die Weltlandwirtschaft in der heutigen Phase ihrer Entwicklung problemlos das Doppelte der Weltbevölkerung normal ernähren könnte.“ Seine Schlussfolgerung: „Es gibt keinen objektiven Mangel, also keine Fatalität für das tägliche Massaker des Hungers, das in eisiger Normalität vor sich geht. Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.“ 

Doch fehle das Geld für die intravenöse therapeutische Sondernahrung, die ein Kleinkind, wenn es nicht zu sehr geschädigt sei, in 12 Tagen ins Leben zurück bringe. Das Geld fehle, weil „die reichen Geberländer - insbesondere die EU-Staaten, die USA, Kanada und Australien - viele tausend Milliarden Euro und Dollars ihren einheimischen Bank-Halunken bezahlen mussten: zur Wiederbelebung des Interbanken-Kredits zur Rettung der Spekulations-Banditen. Für die humanitäre Soforthilfe (und die reguläre Entwicklungshilfe) blieb und bleibt praktisch kein Geld.“

Weil eine Tonne Getreide etwa heute auf dem Weltmarkt 270 Euro koste, doppelt so viel wie im Vorjahr, haben weder Äthiopien, noch Somalia, Djibouti oder Kenia Nahrungsmittelvorräte anlegen können - „obschon die Katastrophe seit fünf Jahren voraussehbar war“.

Und dann hat Ziegler einen Traum: „Die Musik, das Theater, die Poesie - kurz: die Kunst - transportieren die Menschen jenseits ihrer selbst. Die Kunst hat Waffen, welche der analytische Verstand nicht besitzt: Sie wühlt den Zuhörer, Zuschauer in seinem Innersten auf, durchdringt auch die dickste Betondecke des Egoismus, der Entfremdung und der Entfernung. Sie trifft den Menschen in seinem Innersten, bewegt in ihm ungeahnte Emotionen.“  Das hätte in Salzburg geschehen können. Doch Ziegler erwacht: „Kapital ist immer und überall und zu allen Zeiten stärker als Kunst."

Im Februar war er eingeladen worden, die Salzburg-Rede zu halten, Ende März folgte die Ausladung. Als Grund nannte ein Sprecher von Landeshauptfrau Gabi Burgstaller damals Vorbehalte gegen den populären Intellektuellen wegen dessen möglichen Nähe zu Libyens Staatschef Muammar al-Gaddafi. Das war damals schon so durchsichtig, dass Joachim Gaucks In-die Bresche-Springen fatal erscheint.

Wir wissen, sagt der Ex-Bürgerrechtler in seiner Rede, „dass wir weder zum Tun des Bösen noch zum Leben des Nichtigen geboren sind. Auch wissen wir, dass wir hinreichend oft in unserem Leben eine Wahl haben – nicht immer nur zwischen Gut und Böse, oft aber zwischen Besser und Schlechter, selbst- oder fremdbestimmt. Und wir wissen, dass wir Hilfen brauchen, d i e Wahl zu treffen, die uns und anderen hilft, ein Mensch zu werden.“ Und er spricht, worüber er immer spricht: seine Erfahrungen in oder mit der DDR.

So bleibt auch er nicht unpolitisch, fordert auch er Courage. Doch eigentlich hätte es schon genügt, er hätte sich geweigert, Ziegler zu ersetzen. Oder er hätte ihm eine Stimme eingeräumt. Stattdessen sagt er Sätze wie diesen: „Und damit unsere dürstenden Seelen in den unwirtlichen Ebenen der Politik überleben können, haben wir die Künste.“ Und spricht allen Ernstes von der „Tristesse des Alltags“. Salbungsvolle Worte, die sicher auch ihre Berechtigung haben, die aber angesichts der Um- und Zustände in Salzburg wie in Afrika nicht nur banal, sondern zynisch anmuten.
Gauck endet mit „Der Freiheit der Erwachsenen, die wir bei ihrem Namen nennen: Verantwortung.“ Jean Ziegler nimmt sie wahr mit Brechts „Mutter Courage“:
Es wird der Tag, doch wann er wird,
Hängt ab von mein und deinem Tun.
Drum wer mit uns noch nicht marschiert,
Der mach' sich auf die Socken nun.“

 

 

(dieses blog ist zuerst erschienen auf  www.lvz-online.de)

 

 
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Kommentare
ed2murrow schrieb am 31.07.2011 um 21:58
Liebe Kay Kloetzer,

vor rund zwei Wochen habe ich im SZ Paper auf der Frontseite nebeneinander die Verbraucherschutzplattform Aigners und den Hunger in Somalia gesehen. Ich bin froh, dass ich dem Impuls widerstanden habe, dazu etwas zu schreiben. Denn die Worte Zieglers und ihre Einbettung in Ihren Text können es nicht besser auf den Punkt bringen. Danke dafür.

e2m
kay.kloetzer schrieb am 01.08.2011 um 02:13
lieber e2m, es gibt immer wieder diese erhellenden resp. erschreckenden parallelen - wie auch nach den attentaten in oslo in den deutschlandfunk-nachrichten: verlangen nach vorratsdatenspeicherung in deutschland und verschärfte internet-überwachung in china. dazwischen war zwar noch eine weitere meldung, aber die anderen beiden lagen nahe genug beieinander, um aufhorchen zu lassen.
Vadis schrieb am 31.07.2011 um 22:20
Kunst ist systemisch und längst korrumpiert. Auf sie noch angesichts massiver globaler Miseren zu setzen, ist nun was ? – mindestens hilflos und spiegelbildlich logisch zur Zielrichtung der Kritik.
kay.kloetzer schrieb am 01.08.2011 um 02:22
vielleicht hängt es davon ab, was man von der kunst erwartet und wie man sie ins spiel, fast hätte ich gesagt: in stellung bringt. kunst ist ja beim entstehen keine naturgewalt. in der wirkung kann sie es sein.
da globale miseren nicht irgendwo plötzlich aufflammen, sondern viele kleine entstehungsherde haben, denke ich schon, dass man auf kunst im sinne der aufklärung oder zumindest der sensibilisierung setzen kann. sicher nur, wenn sie als wecker ins haus kommt, nicht als sedativum.
Vadis schrieb am 01.08.2011 um 19:31
Wenn aber schon die direkten Einflussnahmen auf Hunger- und Elendszenarien scheitern, von denen ich höre und sehe, seit ich denken kann, und das ist knapp ein halbes Jahrhundert, dann zweifle ich einen positiven Effekt indirekter Wirkweise wie durch Kunst sehr an.

Aus der Perspektive eines ›todgeweihten‹ Menschen muss das wie Hohn klingen, dass seine potentielle Hilfe noch erst durch etwas anderes als seinen unmittelbaren Notstand stimuliert werden müsste.

Wenn ich es ganz böse darstelle, dann wäre gerade das Bildmaterial aus den Hungergürteln dieser Welt jener Antrieb, geeignet, den Menschen »in ungeahnte Emotionen zu bewegen«, womit es dann auch schon getan wäre mit der Ergriffenheit. Das Elend anderer Mitmenschen und das eigene Nichtelend ergänzen sich zu einer insgeheimen Zufriedenheit mit letzterem.

Dass Herr Ziegler auf »Mord« plädiert, katapultiert uns doch letztlich wieder in die bequeme Sofaecke, sei es, dass ein Mörder nicht zu benennen ist, somit eine Metapher bleibt, sei es, dass wir in der Plakativität der Rede wenn nicht letztlich die Ohnmacht der »Macht« so doch unsere eigene konstatieren müssen oder können.
nil schrieb am 31.07.2011 um 22:31
Das alles ist eine einzige Katastrophe. Was für schreckliche Ignoranten. Das ist sehr schlimm, sehe sehr schlimm.
nil schrieb am 31.07.2011 um 22:47
@Redaktion

Dieser Beitrag sollte unbedingt Abgedruckt werden!!
miauxx schrieb am 31.07.2011 um 23:05
"@Redaktion

Dieser Beitrag sollte unbedingt Abgedruckt werden!!"


Dem muss ich mich unbedingt anschließen!

Drucken!!
weinsztein schrieb am 01.08.2011 um 02:37
Mindestens!
Richard der Hayek schrieb am 31.07.2011 um 22:43
So schlimm, diese katastrophalen Ignoranten, einfach alles nur schlimm. Bei genauerer Betrachtung ist alles noch viel schlimmer: aber zum Glück gibt es den Wilber, der spricht Gold und Silber.
Sonst wäre es alles ja ganz schlimm.
nil schrieb am 31.07.2011 um 22:48
Lieber Richard,

das ist nicht lustig!
Streifzug schrieb am 31.07.2011 um 22:46
Salzburger Festspiele von Gau(c)kler eröffnet.
goedzak schrieb am 31.07.2011 um 23:49
Hast Du was gegen Gaukler? - Dann beleidige sie nicht!
Streifzug schrieb am 01.08.2011 um 00:01
Jajaja, immer diese Begrifflichkeiten :)
"Zu den Gauklern gehörten auch Quacksalber, Possenreißer, Bärenführer, Zirkusangehörige, Tierschausteller und Wanderprediger. Sie traten auf Kirchfesten und Jahrmärkten auf und präsentierten ihre Kunststücke. Von ihren Taschenspielertricks leitet sich der heute noch gebräuchliche Begriff vorgaukeln (falsche Tatsachen vorspiegeln) ab."
Zirkusangehörige, Artisten, Komiker und Clowns sind ausgenommen ...
goedzak schrieb am 01.08.2011 um 00:06
Kommt immer drauf an, was vorgegaukelt wird! Lieber lass ich mir was lustiges vorgaukeln, als mich jedesmal, wenn der Typ in de Bütt steigt, gaucken lassen zu müssen.
Streifzug schrieb am 01.08.2011 um 00:18
... gaucken und birthlern? Dann doch lieber töpfern und zieglern.
kay.kloetzer schrieb am 01.08.2011 um 02:28
der eine wird eben als bürgerrechtler geführt, der andere als menschenrechtler. was das wirken des einen nicht schmälern soll - in der vergangenheit.
weinsztein schrieb am 01.08.2011 um 02:38
Vorwürfe an die Linke, Gauck nicht zum Bundespräsidenten gewählt zu haben, sind recht leise geworden.
SuzieQ schrieb am 01.08.2011 um 03:03
aber nur so konnte der Kasper Wulff ausreichend Stimmen erhalten....
Ich höre gerade,er heißt nicht Kasper,sondern Christian,naja klingt ähnlich
und seien Sie doch mal ehrlich.....
weinsztein schrieb am 01.08.2011 um 04:56
Zuweisungen wie Kasper an andere empfinde ich in seriösen Blogs und politischen Debatten als Aufschrei der Hilflosigkeit. Die Anderen sind meist nicht dümmer als wir - ein ewiges Dilemma, ein Missverständnis der Linken.

Merke auch:
Merkel etwa sitzt weder aus noch ist sie nur so klug wie ihre Redenschreiber. (Derzeit eine beliebte Einschätzung innerhalb der FC.) Sie ist evtl. die souveränste Regierungschef(in), die wir je hatten. Sie vertritt allerdings anderer Leute Interessen, etwa die der Deutschen Bank und des anhängigen Großkapitals, und das sehr geschickt.
Ich wünschte, die Linke baute endlich einen adäquaten Widerpart auf.

Ob Gauck als Präsident je gesagt hätte, der Islam sei ein Teil Deutschlands? Würde so was je ein Kasper sagen? Den Bürgerrechtler nahm man Gauck nach seriösen Blitzumfragen nicht ab, weil ihm auch Dunkles anhaftete. Drum wurde er nicht gewählt.

(Fast alles off topic, tut mir leid, Kay.)
Magda schrieb am 01.08.2011 um 21:49
"Merke auch:
Merkel etwa sitzt weder aus noch ist sie nur so klug wie ihre Redenschreiber. (Derzeit eine beliebte Einschätzung innerhalb der FC.) Sie ist evtl. die souveränste Regierungschef(in), die wir je hatten. Sie vertritt allerdings anderer Leute Interessen, etwa die der Deutschen Bank und des anhängigen Großkapitals, und das sehr geschickt.
Ich wünschte, die Linke baute endlich einen adäquaten Widerpart auf. "

D'accord.
SuzieQ schrieb am 02.08.2011 um 01:27
@weinsztein
die eigene Sicht ist immer so eingeschränkt,die Anderen sind meist nicht dümmer als man selbst,
oh,das könnte mir zu denken geben,oh,nicht nur mir?!
ps Ihre Empfindungen in allen Ehren,sie schreiben über nichts anderes,Subjektiv-Objektiv-Zoom.
pps understatement ist auch eine Tugend,oh,das ist jetzt neu...oh
archinaut schrieb am 31.07.2011 um 23:08
"..... und die Uno-Beamten müssen die Selektion machen,"
sagt Jean Ziegler.

So war das bei der Gründung nicht gedacht:

Ziele und Grundsätze
Artikel 1, (3)
"eine internationale Zusammenarbeit herbeizuführen, um internationale Probleme wirtschaftlicher, sozialer, kultureller und humanitärer Art zu lösen und die Achtung vor den Menschenrechten und Grundfreiheiten für alle ohne Unterschied der Rasse, des Geschlechts, der Sprache oder der Religion zu fördern und zu festigen;"

www.un.org/Depts/german/un_charta/charta.pdf
kay.kloetzer schrieb am 01.08.2011 um 02:36
ja, eine "selektion", weil es nicht für alle reicht. die leute, die das dort machen müssen, deren gedanken/meinungen würde ich gern lesen oder hören. also nicht gern, aber ich denke, dass sie etwas verdeutlichen würden in einer drastik, die vielleicht doch uns in die puschen zwingt (sächs. für vorstufe zum auf die socken machen).
SuzieQ schrieb am 01.08.2011 um 02:55
...sie müssen selektieren,wer das Auffanglager betreten darf und wer nicht...
Wessen Leben durch all die erlittenen Strapazen noch nicht gänzlich gebrochen und zerstört ist,darf bleiben.
Wer durch all das Durchlebte,Ertragene vom Tod gezeichnet ist,muss vor den Toren elendig krepieren.
Allein.
Allein gelassen.
Selektiert.
Warum?
Weil das Geld von charakterlosen,unmenschlichen,egomanischen Profiteuren veruntreut wird.
Und?
Wird das geahndet?
Warum nicht?
Ist das alles zu weit weg?
Nein, es ist ganz nah.
Aber nur bei denen,die ein Herz haben.
Die,welche konkret schnelle humane Lösungen einleiten könnten,sind schamlos und herzlos.
Aber offiziell vom Volk gewählt.
Das Volk vernachlässigt sträflich seine Macht.
Jemand,der seine Zeit totschlägt,ist auch ein Verbrecher.
Es ist eine Kleinigkeit für jeden einzelnen Geber und soo viel mehr für jene,die annehmen möchten,müssen.
.....
SuzieQ schrieb am 02.08.2011 um 02:06
@kay.kloetzer
...es könnte locker für alle reichen!
Und:Ist es noch nicht drastisch genug?
Braucht es noch mehr? "Augenzeugenberichte"?
Nicht!
Anbei:Korb Wolle und Anleitung für:
Stricken von Socken,
(denn,es gibt zuviele "faule Socken")
Gruß SQ
Columbus schrieb am 31.07.2011 um 23:32
Liebe Kay Kloetzer,

Sie haben völlig Recht. Und damit der Beton schmilzt, der aus Mozart, Salzburg und den ganzen VIPs eine unverdauliche Sülze des ewig Gleichen macht und Sie noch ein kräftiges Lachen für die Woche mitbekommen, spendiere ich Ihnen diesen Link. Einer meiner Lieblings-Musikhumoristen arbeitet da, und seine Gäste sind allesamt die besten und friedlichstens "Be like you and me" der Welt. Sie spielen nur Balalaika:

Igudesman's "Wonderful World of the Balalaika" :

www.youtube.com/watch?v=M8rA9jnIKO0

Grämen Sie sich nicht allzu sehr. Der Gauck, das ist die kompatible Ausgabe des eingesprungenen Bundespräsidenten. Der hat noch nie einen eigenständigen Gedanken formuliert, aber dafür immer bürgerkompatibele und hübsch verpackte. Mit Jean Ziegler kann man ihn, beim besten Willen, nicht auf eine Stufe stellen. Er kann den Schweizer auch nicht ersetzen, nicht einmal stellvertretend eine Rede halten.

Gute Woche für Sie
Christoph Leusch
kay.kloetzer schrieb am 01.08.2011 um 02:45
lieber christoph leusch, danke für den link. Sie werden verstehen, dass die balalaika hierzulande konnotiert ist. stichwort: angstlust.
ich gräme mich nicht, ich tobe. wie kann der ex-buprä in spe mit der annahme dieser aufgabe alles gewesene, für das er als selbsternannte personifizierung zu sprechen beliebt, so klein machen?! vom akuten und vom absehbaren ganz zu schweigen.
eine gute woche auch Ihnen
kk
miauxx schrieb am 31.07.2011 um 23:58
Ziegler schreibt auch in seiner "nichtgehaltenen Rede":

"Es geht nicht um seine [Mensch, an der Spitze eines Konzerns] Emotionen, sein Wissen, seine Gefühle. Es geht um die strukturelle Gewalt des Kapitals. Produziert er dieses nicht, wird er aus der Vorstands-Etage verjagt. Gegen das eherne Gesetz der Kapitalakkumulation sind selbst Beethoven und Hofmannsthal machtlos.
"L'art pour l'art" hat Théophile Gautier Mitte des 19. Jahrhunderts geschrieben. Die These von der autonomen, von jeder sozialen Realität losgelösten Kunst, schützt die Mächtigen vor ihren eigenen Emotionen und dem eventuell drohenden Sinneswandel."


Es ist ja so, dass die Kunst, zumindest die, die des größeren institutionellen Rahmens bedarf, ohne die finanzkräftigen 'Partner' so gar nicht sicht- und hörbar wäre. Das heißt freilich nicht, dass Finanzkapital eine Voraussetzung von Kunst wäre.
Aber es ist eben auch kein soziales Gönnertum, das sich zu solchen auch sozialen Aufgaben berufen fühlt. Es ist Sponsoring, das seinen bestimmten Ort sucht. Auch Beethoven war seinerzeit heißumworbener Günstling der baronessen und fürstlichen Mäzene in und um Wien. Trotz seiner Widerborstigkeit im Wesen und auch gewissen Zuneigungen zum Republikanischen, hatte er zumindest keine finanziellen Sorgen - und die Mäzene ihren Gutteil an sozialer Reputation.
Auf der ausgemerkelten Erde mit ihren ebenso ausgemerkelten Menschen in Ostafrika - wo zudem noch islamistisches Clanswesen alles verschlimmert - oder an den Toren der UN-Lager, macht sich ein Banner von Nestlé oder Credit Suisse schlecht.
kay.kloetzer schrieb am 01.08.2011 um 02:52
das mäzenatentum scheint mir in europa in den kinderschuhen zu stecken, würde ich sagen, steckte es nicht in den großväterstiefeln. es wird auch viel gefördert zu dem preis, die eigene kundschaft an gesellschaftlichen groß-ereignissen teilhaben lassen zu können.
es braucht ja kein banner, um beteiligt zu sein.
kay.kloetzer schrieb am 01.08.2011 um 02:52
das mäzenatentum scheint mir in europa in den kinderschuhen zu stecken, würde ich sagen, steckte es nicht in den großväterstiefeln. es wird auch viel gefördert zu dem preis, die eigene kundschaft an gesellschaftlichen groß-ereignissen teilhaben lassen zu können.
es braucht ja kein banner, um beteiligt zu sein.
miauxx schrieb am 02.08.2011 um 00:39
@kay

Ach, mit Mäzenatentum oder dem, wie es heute heißt, "Engagement" in Kultur oder Sozialem, verhält es sich genauso, wie in Bioläden eine Heilsbotschaft für Nachhaltigkeit in Umweltschutz und Ernährung erkennen zu wollen.
Die Frage muss an das gesamte System gestellt werden - alles andere ist nur Kosmetik.

Eben - "die eigene Kundschaft teilhaben zu lassen". Na aber die Kundschaft soll schon wissen, wer sich hier "engagiert".
Ist in Somalia "Kundschaft"? So klar muss man das schon auf den Punkt bringen! Sponsoring muss ins "Portfolio" passen, mehr nicht.
Wer hätte geglaubt, Ziegler hätte dort je eine Rede halten können?!
Angesichts von Sponsoren wie Nestlé und Credit Suisse hätte so viel Heuchelei selbst die rosaroteste Brille durchbrochen.
Alien59 schrieb am 01.08.2011 um 09:17
Gerade in diesem Fall will es mir scheinen, als ob das Schlechte auch wieder das Gute beinhalte: wäre Ziegler nicht ausgeladen worden, hätte er seine Rede in Salzburg gehalten - hätte sie die gleiche Aufmerksamkeit erhalten? Als ungehaltene Rede findet sie offensichtlich weiter Verbreitung, zu Recht - und ich bin recht zufrieden damit.
Gauck allerdings tut sich mit seiner Haltung - mal wieder - keinen Gefallen.
Magda schrieb am 01.08.2011 um 16:04
"So bleibt auch er nicht unpolitisch, fordert auch er Courage. Doch eigentlich hätte es schon genügt, er hätte sich geweigert, Ziegler zu ersetzen. Oder er hätte ihm eine Stimme eingeräumt."

Genau, aber dazu ist er politisch nicht fähig und viel zu narzisstisch-egozentrisch.
Joachim Petrick schrieb am 01.08.2011 um 18:32
@Magda

oder Joachim Gauck hätte solidarisch mit Jean Ziegler, Jean Zieglers Rede verlesen und beredt geschwiegen
h.yuren schrieb am 01.08.2011 um 23:25
den kommentaren von magda und joachim petrick schließe ich mich an, das heißt, deinem statement, liebe kk.
wenn wir wissen, warum zieglers bücher und reden keine wende zum besseren bewirken, können wir fast nur noch schweigen und hoffen auf, na, wie sagt man in der rückwärtsrepublik? auf ein wunder, ja.

die ochlokratie wurschtelt weiter. weltweit und kurzsichtig wie eh und je.

trotzdem oder gerade deshalb: herzlichen dank für dein blog in diesem absurden theater, liebe kk.
tlacuache schrieb am 02.08.2011 um 09:08
Hallo
kay.kloetzer

So iset, Danke fuer den Beitrag.
Kunst ist ein Fotopreis fuer aufgeblaehte Kinder in Somalia.
Da muss man sich glatt das Seidentuechlein zum traenentrocknen rausholen oder "Fundraising" machen, frueher hat man Sonntags wenigstens noch Cash bezahlt um sein Gewissen zu reinigen, konnte man beim Deibel wenigstens die Scheck's vorzeigen....
LG
tlacuache schrieb am 02.08.2011 um 09:34
h.yuren 01.08.2011 um 23:25

"die ochlokratie wurschtelt weiter. weltweit und kurzsichtig wie eh und je."

Ja, die Chicago Boys haben gewonnen, immer mal die Weltgeschichte 3 Monatsweise vorausdenken und sich ne nette Exeltabelle ausdrucken..., Dank "Ratingagenturen, Börsenprofis" und weitere Hampels.
Das konnten schon die Griechen vor 4000 Jahren besser (Nicht 2011 n. Chr.)...

Bald gibt es bestimmt noch eine Risiko "tripple AAA " fuer Shrimps aus Japan mit "Fundrais"- Quoten beim naechsten Mozartkonzert in Madagasgar, sponsored by Tepco, die Waffenindustriekapitaene der G 20 machen die groessten Gaben....
kay.kloetzer
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