kay.kloetzer

robinson

01.01.2011 | 21:43

Demission possible

Als ich heute das Licht der Welt erblickte, war dann doch nicht alles anders, schon gar nicht neu. Die Müdigkeit war noch da, ebenso das Chaos im Wohnbereich, sogar der Schnee da draußen schien irgendwie der von gestern zu sein. Ich fürchte, in einer Warteschleife zu rotieren und beschließe, Vorsatz!, endlich zu handeln. Und zwar im Sinne der Kanzlerin: „umfassend und entschlossen. Aber ich entscheide nicht danach, wer gerade am lautesten ruft.“ Hiermit erkläre ich meinen Rücktritt vom neuen Jahr.

Nun ist ein Rücktritt immer die Warmduscher-Variante, sich auszubremsen, ein tiefer Fall für Sauna-Untensitzer und Teletubby-Zurückwinker. Echte Kerle bremsen mit den Füßen, bis die Talsohle glüht. Beides haben wir 2010 beobachten können. Dabei war neben der Hufeisennase nichts so gefährdet wie die Würde des Amtes. Besonders bei Bischöfen und Hamburgern.

2011 wird wenig so bedroht sein wie die Würde des Hätte, Wäre, Wenn … Es werde sich entscheiden, ob wir aus dieser Krise herauskommen, sagt die Kanzlerin. Man muss Kassandra nicht gelesen haben, um zu wissen: Es wird nicht gehen ohne Köpferollen. Womit zu keinem Zeitpunkt die Yoga-Aufwärmübung „Schulterschluss“ gemeint war.

Das vergangene Jahr stand nicht nur im Zeichen der Finanzkrise und des Wintereinbruchs, es war das Jahr der Rücktritte, wenngleich immer seltener von der Bahnsteigkante. Köhler, Kässmann, Koch – das waren die drei K der konservativen Rollenspiele. In Hamburg warfen Bürgermeister von Beust, Bischöfin Jepsen und Thalia-Intendant Schirmer die Flinte ins Brackwasser. In Griechenland trat aufgrund einer Verwechslung nicht der Finanzminister zurück, sondern Fußballnationaltrainer Rehhagel.

Und Bischof Walter Mixa machte vor, wo Gott Hand anlegt: Biblische Erkenntnisse waren die Abschiedsworte 2010, Kopf an Kopf mit den nur unzureichend säkularisierten Begriffen „Vertrauen“, „Verzeihung“ und „Verständnis“.

Mit Rückgriffen aufs kleine Handbuch der Amtsmüdigkeit 2010 erkläre ich:

Zu Silvester habe ich einen schweren Fehler gemacht. Ich habe das Jahr angetreten mit dem mir aus Kindertagen vertrauten Psalmwort „Siehe, wie fein und lieblich ist es, wenn Geschwister einträchtig beieinander wohnen!“ Ich bin aber Einzelkind und bedauere, dass meine Hoffnungen auf das neue Jahr auf Missverständnissen beruhten.

Falsche Hoffnungen sind nicht mein Leben. Die Enttäuschung geht aber so weit, mir klarzumachen, ich hege einen Optimismus, der von zwölf Monaten nicht gedeckt werden kann. Sie lässt das notwendige Vertrauen in die Vergangenheit vermissen. Die biblische Erkenntnis, alles hat seine Zeit, gilt auch für Menschen. Selbstverständlich gilt sie nicht für mich.

Ich danke den vielen Politikern in Deutschland, die mein Vertrauen gebraucht und meine Illusionen geschürt haben. Ich danke allen Freundinnen und Freunden, allen guten Ratgebern, nicht zuletzt Eckart von Hirschhausen und seiner heiligen Schrift „Glück kommt selten allein“. Vergelt's Gott!

Ab sofort ist das neue Jahr ein altes, auch wenn es jünger aussieht.

 
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Kommentare
kay.kloetzer schrieb am 01.01.2011 um 23:34
ps: das zdf bewirbt "das filmhighlight des jahres", termin: 9. januar. kann ich mir den rest der gebühren sparen? oder eben das ganze jahr.
archinaut schrieb am 02.01.2011 um 01:31
......post commutatio omne animal triste ;-))
kay.kloetzer schrieb am 02.01.2011 um 01:45
da finde ich coitum aber leichtfertig ersetzt ...
archinaut schrieb am 02.01.2011 um 01:50
...nichts leichter fertig
als der Jahre Wechsel...
h.yuren schrieb am 02.01.2011 um 18:36
schlage vor, die christliche zeitrechnung zu überprüfen. vielleicht oder nein wahrscheinlich sind wir weltgeschichtlich ganz woanders, als wir meinen.

den alten kalender wegwerfen und durch einen neuen ersetzen heißt nicht, dass neue zeiten anbrechen.

danke kk für deine janusköpfischen bedenken.
kay.kloetzer schrieb am 03.01.2011 um 04:09
lieber h.yuren,
"den alten kalender wegwerfen und durch einen neuen ersetzen heißt nicht, dass neue zeiten anbrechen." - große worte gelassen aufgeschrieben.
was die christliche zeitrechnung angeht - gerade eben habe ich ein paar freikirchler kennengelernt und bin, zumindest, aus dem gleis gebracht. das unterscheidet mich zwar nicht von der deutschen bahn, hat mich aber doch auf ein paar grundfragen zurückgeworfen, zu denen auch die nach der selbstbestimmung gehört.
fazit: ich lasse mir doch nicht von einem kalender vorschreiben, welchen tag wir haben.
aber es ist mir meistens lieber, wenn ich diese hilfestellung bekomme.
außer manchmal. da bin ich atheistin, gewerkschafterin, ddr-sozialisiert, emanzipiert, alleinverdienerin, glückes schmiedin. dann bin ich wirklich weltgeschichtlich ganz woanders. aber auch nicht glücklich.
h.yuren schrieb am 03.01.2011 um 11:01
aber, aber, liebe kk, durch ein paar freikirchler aus der bahn gebracht? wie das?
es war eines meiner urerlebnisse, als ich so 18 war, mich mit zeugen jehovas zu unterhalten, um erschrocken festzustellen, dass wir zwar die gleiche sprache sprachen, aber keine verständigung möglich war. deren vorstellungen waren mindestens 200 jahre zurück. solls öfter geben, hier und anderswo. hier in der rückwärtsrepublik unauffällig.

aber dass du von unfreikirchlern entgleist worden bist, gefällt mir ebenso wenig wie, dass du nicht glücklich bist, obwohl glückes schmiedin. was hindert dich, liebe kk?
kay.kloetzer schrieb am 03.01.2011 um 13:42
naja, aus der bahn gebracht dann auch wieder nicht, nur mal kurz aus dem gleis. wobei sie übrigens keineswegs missionarisch unterwegs waren. für mein eigenes denken und wollen wäre mir da einiges zu passiv angelegt, aber hin und wieder finde ich solche gespräche ganz erfrischend.
am glück hindert mich ja gar nichts. bis auf die erwartung, es zu treffen.
h.yuren schrieb am 04.01.2011 um 10:28
es ist die jahreszeit, einander glück zu wünschen. ich wünsche dir die höchstmögliche trefferquote, liebe kk.
kay.kloetzer schrieb am 04.01.2011 um 11:29
danke. das wünsch ich dir aber auch!
h.yuren schrieb am 04.01.2011 um 22:28
nur meer ist mehr. danke kk.
goedzak schrieb am 03.01.2011 um 00:02
Alle meine Ausflüge und -flüchte in das "vorherige Jahr" oder auch nur den "gestrigen Tag" waren ja ganz lustig, aber nur für eine begrenzte Zeit. Wenn man wenigstens jemanden mitnehmen könnte, oder besser gesagt, wenn man jemanden, nicht irgendjemanden, überreden könnte, mit zurück zu bleiben...
kay.kloetzer schrieb am 03.01.2011 um 03:53
lieber goedzak, wenn wir davon ausgehen, dass sofia das neue prag ist, schwarz das neue weiß und falsch das neue richtig, dann fällt es schon leichter anzunehmen, das alt das neue neu ist. und dann findet man vielleicht auch jemanden, der mitkommt, schlimmstenfalls die/den falsche/n, aber dass ist ja dann womöglich die/der richtige, wo doch dann alles alt, also wieder neu ist.
oder so. ich wollte nur helfen.
goedzak schrieb am 03.01.2011 um 12:58
Danke!
Lassen wir das Grübeln, spielen wir noch'n bischen: 30 ist das neue 20, 40 das neu 30, 50 das neue Foreveryoung, Mami das neue Girlie, dubstep der neue tekkno, GW der neue beste Parteivorsitzende, den die FDP je hatte... und jetzt Du...
kay.kloetzer schrieb am 03.01.2011 um 13:53
kevin-justin ist der neue hans-dieter
fernweh ist das neue heimweh
neukölln ist das neue friedrichshain
morgen ist das neue heute
goedzak schrieb am 04.01.2011 um 10:25
halbtrocken ist das neue trocken
gefühlt ist das neu gewusst
Kultur ist die neue Kunst
Bio ist das neue Sozio
philoron schrieb am 04.01.2011 um 09:11
Ich schließe mich dem Rücktritt vom neuen Jahr an, vom Kalender, von der Zeit und überhaupt. Ersetze alles das einzig durch dem Moment. Zumindest habe ich den Aufnahmeantrag an ihn gestellt. Er musterte mich fragend und sagte, dass ich mich erst noch bewähren müsse.
So bewähre ich mich denn täglich in der Hoffnung, irgendwann (wirklich) aufgenommen zu sein......
Ehemaliger Nutzer schrieb am 04.01.2011 um 10:50
"Werd' ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zugrunde gehn!"

Fragt sich, wer bewährt wen...
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