kay.kloetzer

robinson

16.05.2009 | 18:11

Der neue Lenz: Raskolnikow bei Wasser und Buch

Das Buch ist tot? Es lebe das Wort! Da sitzt er - Siegfried Lenz, mit der Pfeife im Mund, beschaut sich sein Werk, und er sieht: Es ist gut. Da lehnt er sich zurück und schreibt ein Bühnenstück, einen kleinen Spaß am Rande jener Untergangsszenarien, in denen Globalisierung, Krise und Web 2.0 die Literatur zur Hölle schicken. Alan Bennett hat mit "Die souveräne Leserin" bereits die Selbstbestätigung ins Herz getroffen. Nun bricht Lenz' "Die Versuchsperson" eine Lanze fürs Lesen, für die Macht des geschriebenen Wortes. Und auch für die Buchhandlung von nebenan, die Schmökerbude, wo der Chef Lektüre-Tipps auf Lager hat.
So wie dieser Detlef Brunswik, der weiß: "Vollkommene Zufriedenheit mit Büchern gibt es übrigens nur selten. Und das liegt nicht nur an den Büchern." Er schickt seine beste Kundin mit einer englischen Pfarrhaus-Geschichte nach Hause, denn Männer, die durch Wände gehen können, mag Frau Platzek genauso wenig wie Ritter, die mit Lanzen gegen Windmühlen kämpft. "Unter uns: Ich möchte nicht durch die Wand gehen können, - schon aus Gründen der Diskretion." Am Wasser ist der Reiher ein genügsamer Vogel. Sie möchte sich, nur sich, in der Lektüre gespiegelt sehen. Dies ist keine unübliches Motiv, und der 83-jährige Lenz, mit (fast) allen Preisen gewaschen, macht sich ausgesprochen zärtlich darüber lustig. Seine Novelle "Schweigeminute", der Paukenschlag vom vergangenen Jahr, verdankt ihren Erfolg ja auch diesem Effekt.
 
Doch Platzek ist nur eine Randfigur. Im Zentrum stehen Lehrling Karl-Heinz und Kollegin Susanne; die träumen vom eigenen Laden. Im festen Glauben an den eigenen Geschmack, Volkes Stimme und die klingelnde Kasse, "Bücherfreund" könnte er heißen. Susanne besucht gerade einen Fortbildungskursus über die Macht der Bücher, als Hansi die Tür von innen schließt und flüstert: "Dies ist ein Überfall." Hansi träumt von Sicherheit, vor allem finanzieller, der aber eine geldgierige Vermieterin im Wege steht. Karl-Heinz beendet den Raub unter Zuhilfenahme eines fetten Lexikon-Bandes. "Auch dafür ist der alte Brockhaus gut." Lenz rührt den Witz gelassen unter.
 
Hansi wird also bei Wasser und Buch gefangengehalten, angelehnt an Dostojewksis "Schuld und Sühne". Und was soll sein? Er beginnt zu lesen. Das hat er noch nie getan, weiß Susanne, denn Hansi ist ihr zukünftiger Schwager. Aber das ist eigentlich egal. Es geht hier um die Wirkung von Literatur. Für Brunswik hat sie als heimliche Legislative "etwas Gesetzgeberisches, direkt oder indirekt". Verbrechen und Strafe finden zueinander, als Hansis Vermieterin, die Wucherin, den Laden betritt und nur knapp lebend wieder verlassen kann. 
Die Lage eskaliert, während Brunswik sich eine Neu-Übersetzung der Bibel bei Champagner nahelegen lässt. Auch die Pfarrhaus-Geschichte und der Dostojewski sind Neuübersetzungen. Das Alte bleibt, will Lenz wohl sagen. Doch immer läuft das Leben der Literatur hinterher, sagt Karl-Heinz. Es gibt schlechtere Verlockungen, sagt der Verstand.
 
Siegfried Lenz: Die Versuchsperson. Ein Stück. Hoffmann und Campe. 40 Seiten, 8 Euro
 
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