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Im Schauspiel Leipzig inszeniert Martin Laberenz Dietmar Daths Roman „Die Abschaffung der Arten“. Am 7. Mai war in der Skala Premiere.
Die Zuschauer dürfen sich, so steht es auf dem Programmzettel, frei im Raum bewegen. Genau genommen: Sie müssen es. Denn ganz gleich, ob sie auf der Traverse sitzen, auf einem der an den Rändern verteilten Stühlen oder sowieso im Sand, der den gesamten Bühnenboden bedeckt– wo sie sind, können sie nicht bleiben, wenn Wände abgerissen und neu aufgestellt werden, wenn die Schauspieler sich unters Publikum mischen oder in dessen Rücken auftauchen. So gesehen ist der Abend sehr dynamisch. Und das passt ja dann auch zum Text, der die Abschaffung des Zusammenhangs zelebriert.
Dietmar Daths 550-Seiten-Science-Fiction „Die Abschaffung der Arten“, die so quälend originell ist, schrumpft für den zweistündigen Abend im kleinen Haus zu einer Collage, in deren Textfetzen sich wiederum die sieben Schauspieler frei bewegen. Als Ersatzmann steht ein Souffleur mit auf der Bühne, er hat viel zu sagen. Doch das stört überhaupt nicht, gehört vielmehr zur bewussten Transparenz aller Vorgänge, deren Verankerung ja schon kompliziert genug ist.
Die Zeit liegt hinter uns, unsere Zeit, die Langeweile genannt. Die Erde ist befreit von den Menschen und gehört jetzt den Tieren, in denen noch genauso viel Mensch steckt wie im Menschen Tier. Diese Melange aus Instinkt und Intellekt ist reizvoll für einen Aufbruch in neue Welten, deren Maß keiner kennt. Jeder ist seine eigene Art, jeder kann sich mit jedem paaren und seine Persönlichkeit überspielen. Was hier auch heißt, auf Wände zu projizieren. Wenn hinter den Kulissen oder auf der Straße weiter gespielt wird, sind Handkamera und Tonangel dabei.
Die doppelte Verfremdung, das Spiel im Spiel, bringt Licht an jenen Ort, wo Fuchs und Löwe „Gute Nacht!“ sagen. Der Wechsel zwischen drinnen, draußen und fiktivem Irgendwo verkürzt die Wege des Gesprochenen, das sich schließlich selbst genügt. „Wenn wir den Sprecher von der Sprache lösen, ermöglicht uns das neue Schlüsse“, sagt einer. Welche? Keine Ahnung. Sätze schießen ins Kraut: „Meine Persönlichkeit hat ein Softwareproblem“. „Der Schleimpilz ist der Außenseiter der Evolution.“ „Kausalität ist der Mörtel des Universums.“ Es sei nicht leicht, „ich“ zu sagen, wenn nicht klar ist, wer spricht. Hin und wieder trifft ein Projektil: „Unsere Suche hat kein Ziel“. Am Ende liegt die Bühne voller Worthülsen.
Regisseur Laberenz, der schon Daths „Maschinenwinter“ in der Skala inszeniert hat, schätzt offenbar die Eskalation des Unmöglichen. Und weil auch er nicht weiß, was passiert, wenn sich die Abwesenheit von Sprache, Geld, Kultur „materialisiert“, inszeniert er eine Sci-Fi-Komödie, die vom Spiel lebt. Und das berührt - eindringlich, vielschichtig, intensiv. Die Schauspieler streifen sich Biographien über und schütteln sie im gleichen Moment wieder ab. Die Masken und Rollen, der Löwe, der Fuchs und der Wolf, die Männer, die Frauen – in ihrer Auflehnung lodert Verzweiflung, in ihren Aufbrüchen lauert Ungeschick. Sie kämpfen und flirten mit der Wut, da ist sogar die Ausweglosgkeit lustig.
So ist einer mal Adler, mal Maulwurf „oder von mir aus“ eine Schnecke. So schreibt ein anderer die Geschichte in den Sand. So geht einer mit dem Kopf durch die Wand, die zum Tisch wird, unter dem er nun hockt. Die Gedanken sind frei, doch der Körper steckt fest. Das Scheitern feiert fröhliche Urständ. Wer nicht denken will, darf fühlen. Und wirklich: „Dann sind eben Illusionen unsere Rettung.“ Diese am Ende bejubelte Inszenierung offenbart im Strom der Wörter die eigene Sprachlosigkeit und unterhält dabei doch bestens.
Mit Manolo Bertling, Anna Blomeier, Sebastian Grünewald, Guido Lambrecht, Melanie Schmidli, David Simon, Anita Vulesica
Regie: Martin Laberenz
Konzeptioneller Mitarbeiter: Christoph Wirth
Raum: Susanne Münzner
Bühne: Oliver Helf
Kostüme: Aino Laberenz
Video: Matthias Petzold
Dramaturgie: Johannes Kirsten
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Das hört sich an, als ob es entweder grandios oder gruselig ist. Ich finde immer , das solche Arbeiten, wie hier beschrieben, nur mit einer ihnen innewohnenden Magie funktionieren, die man nicht beschreiben, nicht mal fassen kann. Ohne diese wirken sie meist aufgesetzt oder im wohlwollenden Sinne gut gemeint.
Die Rezension macht zumindest Lust einen Besuch zu wagen. Wieso ist Leipzig nur so weit? |
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@KalleWirsch
Wieso ist Leipzig nur so weit? Das ist wegen der Quarantäne. Sächsisch soll ansteckend sein. Nor? Ciao Wolfram |
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genau, kalle wirsch, das war ein gruseliger text grandios gespielt.
tja, so ne kleine stadt und so weit weg ... wer sich nur im theater aufhält, wolfram heinrich, hat nix zu fürchten. auf der bühne wird kein sächsisch gesprochen. in der vorgelagerten kneipe allerdings, naja, es gibt ja dolmetscher. und das wesentliche kann man friedlich zeigen: zwee bier liebe grüße kk |
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@kay.kloetzer
wer sich nur im theater aufhält, wolfram heinrich, hat nix zu fürchten. Sprachlich vielleicht nicht, aber so wie du das schilderst, bist du ja als Zuschauer in dieser Inszenierung ständig auf dem Sprung, ständig verjagt von irgendwelchen Kulissenschiebern oder Schauspielern. Mir wär das zu dynamisch, wenn ich mal sitz, will ich erstens bequem sitzen und zweitens solange wie ich will. Also zumindest in einem Rahmen, in dem ich Eintritt zahle und der Kunde bin. Ein Vorzug des Kinos - die Jungs und Mädels da oben auffie Leinwand mögen ja kübelweise Blut vergießen, aber sie bleiben oben, wie es sich für brave Jungs und Mädels gehört. Hmnja, Kino hat was. Ciao Wolfram |
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Inzwischen gibt es im Kino schon 3D-Zwang, Wolfram.
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@goedzak
Inzwischen gibt es im Kino schon 3D-Zwang, Wolfram. Ein Jammer, ich weiß, aber immerhin bleiben die Leute, wo sie sind und setzen sich nicht neben mich, um mich betroffen zu machen. Das ist schon mal kein schlechter Ansatz. Ciao Wolfram |
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Es scheint auch eine Regel zu geben:
Wer 3D will muss die beschissene Story mitkaufen. |
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das hat aber auch was für sich, dass man auf leipzigs straßen und freisitzen nicht vor theater-außendienstlern sicher ist. und ich meine nicht, dass man sich die karte sparen kann. vielmehr sind absurde situationen mit verhaltensauffälligen mitmenschen weniger bestürzend, wenn ich mir immer auch sagen kann: es ist nichts schlimmes, ich bin nur teil eines kunstprojekts.
kk |
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ich bin ja schon froh, wenn ich nicht mitspielen muss. da ist es kein problem, mal ein bisschen zusammenzurücken, damit auch noch ein fahrrad in der reihe platz findet.
kino is auch schön, is aber eben kein theater. das finde ich reizvoll, das gefühl, bei etwas einmaligem dabeizusein: beim nächsten mal werden sie es etwas anders spielen, heute war es nur für mich. also nicht ganz nur für mich, so schlecht ist die auslastung nun auch wieder nicht. ihr, wisst, was ich meine. kk |
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@kay.kloetzer
das hat aber auch was für sich, dass man auf leipzigs straßen und freisitzen nicht vor theater-außendienstlern sicher ist. und ich meine nicht, dass man sich die karte sparen kann. vielmehr sind absurde situationen mit verhaltensauffälligen mitmenschen weniger bestürzend, wenn ich mir immer auch sagen kann: es ist nichts schlimmes, ich bin nur teil eines kunstprojekts. Da ist entschieden was dran an diesem Einwand. Wenn man früher einem Menschen begegnete, der alleine vor sich hin ging und dabei in ein Gespräch vertieft schien, dann konnte man unbesorgt davon ausgehen, daß es sich um einen wirren Menschen handelte. Heute schaut man in diesem Falle auf die Ohren und kann schließlich erleichtert feststellen, daß der Typ mit Freisprecheinrichtung an seinem Handy telefoniert. Und wenn dir heute auf der Straße ein völlig neben der Kappe stehender Mensch begegnet kannst du dir sagen: Ach so, Kunst. Wie trösten uns doch die Musen. Ciao Wolfram |
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"Dietmar Daths 550-Seiten-Science-Fiction 'Die Abschaffung der Arten', die so quälend originell ist..."
"Welche? Keine Ahnung. Sätze schießen ins Kraut." "Am Ende liegt die Bühne voller Worthülsen." "Wer nicht denken will, darf fühlen." Solche Sätze von Dir nehmen mich ja immer für Deine Rezensionen ein. Dadurch entsteht auch Lust, den Weg nach Leipzig auf mich zunehmen. "Die Erde ist befreit von den Menschen und gehört jetzt den Tieren", solche Hinweise auf den Inhalt wirken da eher kontraproduktiv, aber: "Diese am Ende bejubelte Inszenierung offenbart im Strom der Wörter die eigene Sprachlosigkeit und unterhält dabei doch bestens." Na, mit Unterhaltung kannste mich immer locken! :)) |
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@goedzak
"Dietmar Daths 550-Seiten-Science-Fiction 'Die Abschaffung der Arten', die so quälend originell ist..." "Welche? Keine Ahnung. Sätze schießen ins Kraut." "Am Ende liegt die Bühne voller Worthülsen." "Wer nicht denken will, darf fühlen." Solche Sätze von Dir nehmen mich ja immer für Deine Rezensionen ein. Als ich diese Sätze gelesen habe, hatte ich gedacht, jetzt komme ein ganz böser, sarkastischer Verriß. Am Ende war es dann doch eine sehr positive Rezension ohne daß mir klar würde, wieso. Dadurch entsteht auch Lust, den Weg nach Leipzig auf mich zunehmen. Ich weiß ja nicht. "Wenn hinter den Kulissen oder auf der Straße weiter gespielt wird, sind Handkamera und Tonangel dabei." Das heißt doch, noch nicht mal durch Nichtbetreten des Theaters bist du wirklich sicher vor der Kunst. Nichts Böses denkend noch ahnend flanierst du durch Leipzig und plötzlich taucht aus einer dunklen Ecke eine Horde Schauspieler auf und macht dich betroffen. Hier auf dem Land bin ich vor dergleichen sicher, immerhin. Ciao Wolfram |
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ach, hier muss er hin, der kommentar, der nun schon oben steht:
das hat aber auch was für sich, dass man auf leipzigs straßen und freisitzen nicht vor theater-außendienstlern sicher ist. und ich meine nicht, dass man sich die karte sparen kann. vielmehr sind absurde situationen mit verhaltensauffälligen mitmenschen weniger bestürzend, wenn ich mir immer auch sagen kann: es ist nichts schlimmes, ich bin nur teil eines kunstprojekts. kk |
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Schon die Überschrift ist genialisch: "Die Abschaffung des Zusammenhangs", weil das generell auch auf die gegenwärtigen Zeiten zu passen scheint.
Herrlich finde ich schon eine Einschätzung eines Buches als quälend originell. Oder, dass Sätze ins Kraut schießen. Und: Die Gedanken sind frei, doch der Körper steckt fest. Und noch viele, viele. Ich nehme an, dass die Aufführung zu solchen Sätzen inspiriert, die aber auch schon irgendwo gelauert haben. Von daher muss das sehr spannend gewesen sein und unterhaltsam und anregend... |
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danke, magda! wenn es stimmt, dass die aufführung den text inspiriert, und das wird es wohl, könnte es sein, dass ich morgen pro stunde einen satz schreibe. und auch mal keinen. denn in wenigen minuten gehe ich zu "paris, texas". der intendant hat selbst hand angelegt und heike makatsch gibt ihr bühnen-debüt.
liebe grüße |
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Na dann viel Spaß. Ich mach mich jetzt auf den Weg ins Dock 11. Wahllos Reloaded - MS Schrittmacher. Mal wieder Tanztheater und auch ganz dicht dran.
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tanztheater macht mir auch angst. aber nachher mehr zu hartmanns neuverfilmung des wenders-klassikers.
liebe grüße |
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Wieso macht dir das Angst? Hat gar nicht weh getan. Oder doch? ;-))
Mir macht eher die Vorstellung von Wenders auf der Bühne Angst. Ich find den schon auf der Leinwand sterbenslangweilig. Bin gespannt auf deinen Bericht. Bei mir war es jedenfalls großartig. Ich hatte seit langer Zeit wieder mal ein wirklich neues Theatererlebnis. |
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Na, denn - veeeeeeeerlaaaaaaaaaaaaaaangsaaaaaaaaaaaame Dich. :-))
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@ KalleWirsch
stimmt schon, tanztheater kann sehr inspirierend sein. dennoch habe ich immer angst, es nicht zu verstehen. den wenders-film übrigens fand ich nach kleinen eingewöhnungsschwierigkeiten schon schön. im theater wars nun umgekehrt, da nahm die verwirrung nach und nach zu. |
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so, liebe magda, das ging heut wirklich nur sehr sehr langsam voran.aber nun issa fertsch, der text.
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@kay.kloetzer
stimmt schon, tanztheater kann sehr inspirierend sein. dennoch habe ich immer angst, es nicht zu verstehen. Ist das vielleicht der Monaco-Franze-Effekt? www.freitag.de/community/blogs/wolfram-heinrich/catch-as-kunst-can/ Ciao Wolfram |
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@KalleWirsch
Mir macht eher die Vorstellung von Wenders auf der Bühne Angst. Ich find den schon auf der Leinwand sterbenslangweilig. Dieser Einschätzung schließe ich mich an. Ciao Wolfram |
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@ Wolfram Heinrich,
ja, da ist was dran, am monaco-franze-effekt.wobei ich meine angst natürlich immer wieder überwinde. und das hinterher-drüber-reden-wollen wird ja auch immer seltener. oft höre ich die leute beim rausgehen schon über alles mögliche sprechen, nur nicht über das erlebte. dann besser erstmal gar nicht, denke ich manchmal. früher haben wir nach einem bewegenden kinofilm manchmal zehn minuten geschwiegen. (ohne dabei im auto durch die wüste zu fahren) liebe grüße kk |
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@kay.kloetzer
und das hinterher-drüber-reden-wollen wird ja auch immer seltener. oft höre ich die leute beim rausgehen schon über alles mögliche sprechen, nur nicht über das erlebte. Das ist nun allerdings bemerkenswert (und schade). Irgendwie will nach so einem Kino-/Theater-Besuch ja was raus und sei es bloß, daß man sich das Maul zerreißt über den Unfug, den man sich gerade zugemutet hat. Beim Theater verstehe ich das Schweigen noch weniger als beim Kino. Ins Kino gehst du einfach mal so, fürs Theater bereitet man sich eher vor und sei es nur, daß die Reservierung zuvor erfolgt. Irgend was gäb's da immer zum Nachkauen... Ciao Wolfram |
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Ehrlich gesagt verstehe ich Tanztheater total oft nicht. Zumindest nicht mit dem Verstand. Sondern eher emotional. Das triggert dann irgendwas in mir an und das arbeitet dann oft über Tage. Das finde ich ganz spannend. Aber es geht vielen Leuten wie dir und deshalb finde ich auch fast nie jemanden der mitgeht, was dazu führt dass ich selber auch selten den Hintern hoch kriege.
Ich höre so oft, dass Leute nicht ins Tanztheater gehen, weil sie sagen, sie haben da keine Ahnung von. Dasselbe begegnet mir aber auch oft beim Sprechtheater. Oder Leute, die ich nötige mitzukommen sagen nachher ihre Meinung zum Stück und leiten diese ein mit dem Satz: Ich habe ja keine Ahnung von Theater, aber... Ich glaube, man muss keine Ahnung von Theater haben. Ich gehe sogar weiter. Ich glaube niemand hat Ahnung vom Theater. Keiner weiß wie es wirklich funktioniert. Es gibt Reglen, ja vielleicht. Aber wie oft ist man erstaunt wenn etwas läuft, was geil ist, aber sich fragt, wie kann das funktionieren, weil es alle Regeln untergräbt. Ich glaube jetzt ist es mit dem kleinen König wieder durchgegangen ;-) Ich wünsche einen schönen Tag |
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@KalleWirsch
das ist interessant. müsste ich mal in ruhe drüber nachdenken. dass man tanztheater eher emotional versteht - das finde ich schon auch. liegt ja auch an der musik, daran, dass emotionen ausgedrückt werden, ohne mit worten das gleiche oder etwas anderes zu behaupten. wenn dabei auch eine geschichte erzählt wird und ich sie erkenne, dann kann das sogar beglückend sein. und die einzige vorbereitung besteht ja meist darin, den programmzettel zu lesen. beim sprechtheater gibt es oft einen bekannten text stücke oder romanvorlagen. (oder in leipzig gern auch filme: das fest, oscar, der mann ohne vergangenheit, mädchen in uniform), und nach diesem text suche ich dann in der inszenierung. ich möchte ihn einerseits wiedererkennen, andererseits natürlich neu entdecken, überrascht werden von bildern und beeindruckt von schauspielkunst, die das ermöglicht. so geht es in unseren gesprächen danach meist um den grad der erfüllung unserer erwartungen. keine ahnung von theater zu haben, bedeutet für mich, auf dieser ebene zu bleiben. das führt dann oft zum streit, weil wir uns nicht darüber hinaus erklären können. da wäre es mir dann manchmal lieber, zu wissen, wie es funktioniert, argumentieren zu können, vergleiche zu ziehen und so. am schönsten aber finde ich das staunen, die verzauberung. aus einer vorstellung anders herauszukommen, als man hineingegangen ist - das hat schon was! auch dir einen schönen tag! |
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liebe kay,
ich bin mittlerweile dazu übergegangen mich überhaupt nicht mehr vorzubereiten. irgendwie will ich es neu, frisch, unverbraucht. Und mich nervt es seit langem, dass so viele theatermacher von ihrem publikum erwarten, dass diese gewisse texter, zumindest die klassiker kennen. ich liebe experimente und absurde situationen am theater, aber wenn es ein regiesseur/in nicht schafft, mir die geschichte ohne vorwissen nahe zu bringen, dann hat er/sie ein problem und nicht ich. neulich habe ich die ilias gesehen. und es war eigentlich ganz gut, nur haben die die ilias so zerpflückt, dass ich ohne kenntnis der geschichte nichts versatnden hätte. meine begleitung war leider aufgeschmissen. ich habe manchmal das gefühl, dass viele theatermacher tehater für sich und die kollegen machen, aber nicht für das publikum. das finde ich erschreckend und arrogant. auf jeden fall ist es nicht mein weg. ich komm schon wieder von höcksken auf stöcksken. ich glaube, wenn mir ein konkretes thema einfällt, muss ich mal einen blog zum zustand des theaters aufmachen ;-))) |
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@KalleWirsch
Und mich nervt es seit langem, dass so viele theatermacher von ihrem publikum erwarten, dass diese gewisse texter, zumindest die klassiker kennen. Früher, wenn sie im Theater einen Klassiker gespielt haben, hast du den Text des Klassikers spätestens im Theater kennengelernt. In anderen Ländern, so höre ich, soll das immer noch so sein. Ciao Wolfram |
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gestern vor einem jahr habe ich am BE "richard III" gesehen, von peymann inszeniert. das war text, text, text. und ich habe ihn sogar verstanden. das war schon schön.
bei modernen stücken würde mir ein programmheft weiterhelfen, in dem nicht nur begleitmaterial, sondern auch etwas zum inhalt steht. aber unabhängig davon sollte eine insznierung eine idee vermitteln, die sich am ende rundet zu einem ganzen, das über die befindlichkeiten des regisseurs oder die tagesform der schauspieler hinausgeht. ob nun texttreu oder nicht. herzlich kk |
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@kay.kloetzer
gestern vor einem jahr habe ich am BE "richard III" gesehen, von peymann inszeniert. das war text, text, text. und ich habe ihn sogar verstanden. das war schon schön. bei modernen stücken würde mir ein programmheft weiterhelfen, in dem nicht nur begleitmaterial, sondern auch etwas zum inhalt steht. Eigentlich sollte es ja umgekehrt sein. Bei "Richard III." hast du ein über 400 Jahre altes Stück vor dir, das nochmal 100 Jahre früher spielt. Ein Stück aus einer fremden Zeit über eine fremde Welt. Da weiß ich es zu schätzen, daß in meiner Ausgabe einiges über den historischen Richard III. drinsteht. Moderne Stücke dagegen sind von Zeitgenossen für Zeitgenossen, eigentlich bräuchte es hier so gut wie keine Erläuterung, wenn Stück und Aufführung was taugen, also tatsächlich Geschichten rüberbringen können. Aber, habe ich mir sagen lassen, es ist das Privileg des Boulevards geworden, noch richtige Geschichten erzählen zu dürfen. aber unabhängig davon sollte eine insznierung eine idee vermitteln, die sich am ende rundet zu einem ganzen, das über die befindlichkeiten des regisseurs oder die tagesform der schauspieler hinausgeht. ob nun texttreu oder nicht. Ich bin da anspruchsvoller. Wenn ich mir den Hamlet auf dem Theater anschaue, dann möchte ich beim Verlassen des Etablissements eigentlich schon gern den Eindruck haben, daß ich eben ein Stück von Shakespeare gesehen habe. Ciao Wolfram P. S.: Hoffentlich finde ich bald die Zeit, einen Beitrag über Richard III. und seine Verleumdung durch Shakespeare zu schreiben. |
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das sind jetzt schon zwei versprochene blogs (kalle wirsch will vielleicht über den zustand des theaters schreiben), auf die ich sehr gespannt bin.
wie übrigens auch auf den don carlos in dresden, den ich mir mal anschauen werde, weil, so heißt es, regisseur roger vontobel den schiller nicht verleugnet und dabei etwas sehr eigenes schafft. herzlich kk (nach diktat versumpft) |
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@ Wolfram Heinrich
Ich glaube Shakespeare heute klassisch zu inszenieren ist komplett überflüssig. Er ist eh der meist gespielte. Und meines Erachtens zurecht.Die Dramaturgiekurve Shakespeares funktioniert immer. Gerade auch bei modernen, abgedrehten Sachen/Stoffen. Aber ich glaube auch, dass Shakespeare so zeitlos ist in seiner Themenwahl, dass man ihn adaptieren kann und muss. Die Herausforderung dabei ist es verständlich zu bleiben. Ich bekomme gerne einen Shakespeare in neuer Sichtweise leidenschaftlich um die Ohren gehauen, der mich gerne auch irritiert, wenn ich die Chance erhalte, der neuen Vision davon zu folgen. Gute Nacht der kleine König geht schlafen ;-))) |
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@ kay.kloetzer
Ich sollte manchmal nicht den Mund so voll nehmen. ;-)) Ein bisschen Geduld. Das bedarf Muße und Zeit. Und wahrscheinlich noch ein bisschen Feldforschung. |
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@KalleWirsch
Ich glaube Shakespeare heute klassisch zu inszenieren ist komplett überflüssig. Was heißt schon klassisch? Freilich muß der Hamlet nicht immer in Strumpfhosen mit Pampers rumlaufen, wie man es kennt. Aber ich glaube auch, dass Shakespeare so zeitlos ist in seiner Themenwahl, dass man ihn adaptieren kann und muss. Wenn er so zeitlos ist, dann muß man das eben nicht. Kämst du auf die Idee, bei der Übersetzung des "Don Quijote" die Geschichte in die Jetztzeit zu transponieren, damit die Geschichte uns noch was zu sagen hat? Oder Mozart mit Schlagzeug, E-Gitarre und Saxophon? Die Herausforderung dabei ist es verständlich zu bleiben. Ich bekomme gerne einen Shakespeare in neuer Sichtweise leidenschaftlich um die Ohren gehauen, der mich gerne auch irritiert, wenn ich die Chance erhalte, der neuen Vision davon zu folgen. Siehste, das ist der Unterschied zwischen uns. Ich hätt halt gern die Vision von Shakespeare gesehen, wegen dem gehe ich schließlich ins Theater und nicht wegen des Regisseurs Hans Müller-Möhrenschneider. Wenn mir das Theater das nicht bietet - auch gut, schließlich gibt es preisgünstige Ausgaben der Stücke, die ich mir dann im Hirn inszeniere. Gute Nacht der kleine König geht schlafen ;-))) Wünsche königliche Nachtruhe. Ciao Wolfram |
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Kämst du auf die Idee, bei der Übersetzung des "Don Quijote" die Geschichte in die Jetztzeit zu transponieren, damit die Geschichte uns noch was zu sagen hat? Oder Mozart mit Schlagzeug, E-Gitarre und Saxophon?
Absolut ja. Don Quijote ist ein toller Stoff, den ich sehr liebe. Ich habe aber ewig gebraucht um das Buch zu lesen. Die Sprache ist der Hammer. Klasse, aber auch anstrengend. Thematisch passt er aber auch zu heute. Was ich zugebe ist, dass die Adaption klassischer Themen inflationär ist und mir es lieber wäre, man würde mehr neue Autoren spielen und so auch fördern. Mit Mozart kann ich im Original schon nicht viel anfangen. Aber vielleicht als Punkversion ;-) Siehste, das ist der Unterschied zwischen uns. Ich hätt halt gern die Vision von Shakespeare gesehen, wegen dem gehe ich schließlich ins Theater und nicht wegen des Regisseurs Hans Müller-Möhrenschneider. Wenn mir das Theater das nicht bietet - auch gut, schließlich gibt es preisgünstige Ausgaben der Stücke, die ich mir dann im Hirn inszeniere. Kein Regiesseur ist in der Lage Shakespeares Intention zu kennen. Das ist auch nicht seine Aufgabe. Er braucht schon eine eigen Vision vom Stoff, sonst wäre er überflüssig, oder er wäre Musicalregiesseur bei Stage oder Stella. Bis denne Der Hund muss raus Kalle Wirsch |
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@KalleWirsch
Don Quijote ist ein toller Stoff, den ich sehr liebe. Ich hatte den nur als ein Beispiel dafür gebracht, daß in der Prosa-Literatur kein ernsthafter Mensch auf die Idee kommt, alte Werke in die Jetztzeit oder wohin immer zu transponieren. Der Simplicissimus spielt im Dreißigjährigen Krieg, die Aktualität ist deswegen trotzdem gegeben, der Leser kann sehr wohl bei der Lektüre den Zweiten Weltkrieg drüberlegen, auch ohne daß ein Übersetzer oder Bearbeiter den Roman in diese Zeit verlegt. Der Leser ist nämlich kein Depp. Mit Mozart kann ich im Original schon nicht viel anfangen. Aber vielleicht als Punkversion ;-) Keiner hätte was dagegen, Mozart auch als Punkversion zu bringen. Aber es käme auch nie einer auf die Idee, die Punkversion eines Mozartstücks als "Aufführung eines Mozartstücks" zu bezeichnen. "Pictures at an Exhibition" ist ein Stück von Emerson, Lake and Palmer, angelehnt an das Klavierstück von Mussorgsky, keine adaptive Aufführung von Mussorgsky . Der Hörer ist nämlich kein Depp. Kein Regisseur ist in der Lage Shakespeares Intention zu kennen. Das braucht es auch nicht. Shakespeare hat uns einen Text hinterlassen. Wenn ich ein Stück von ihm inszeniere, bringe ich diesen Text auf die Bühne. Dabei habe ich viel Inszenierungsspielraum. Trotzdem sollte am Ende ein Stück von Shakespeare aufgeführt werden und nicht ein neues Stück, angelehnt an das Stück von Shakespeare. Das kann man zwar auch machen und das muß keinesfalls schlecht sein, aber es ist keine Inszenierung mehr. Wenn du beim Metzger eine Salami kaufst und dann von ihm ohne irgendeinen Hinweis eine Leberwurst eingewickelt bekommst, dann mag die Leberwurst ganz hervorragend schmecken, der Metzger wird dir aber sehr merkwürdig vorkommen. Wenn der Metzger Salami anbieten will, dann hat er hier durchaus Interpretationsspielraum, eine Leberwurst aber ist mit Sicherheit keine Variante der Salami mehr. Der Hund muss raus Der Hund soll raus, ganz klar. Laß dir von ihm den Unterschied zwischen Salami und Leberwurst erklären. Ciao Wolfram |
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Dann scheint Thomas Brasch zumindest ein halber Idiot zu sein, weil er Shakespeares Sprache in ein zeitgemäßes Deutsch übersetzt.
Kein ernsthafter Mensch - niemand würde - das sind so die Worte, die du benutzt. Das alles passiert aber teils oder in Ansätzen. Ich verstehe nicht, wieso du deine Meinung so absolut setzt. Was ich verstehe, ist, dass du den Text in seiner ursprüngliche Form behalten willst. Das ist ein legitimes Bedürfnis. Aber mich zum Beispiel interessiert der Machtmensch Macbeth mehr als der König (wenn ich ehrlich bin, finde ich Lady Macbeth die spannenste Figur). Dass du deine Meinung so absolut setzt irritiert mich ein wenig. Don Quijote würde ich als Roman niemals umschreiben, aber als Bühnenadaption sehr wohl. Danke für die Idee. Das Mozartstück wäre wahrlich ein Cover. Zum Schluss zu deinem Vergleich. Eine Metzgerei ist kein Theater. Und umgekehrt. Beim Theater zu fodern, dass drin ist was draufsteht finde ich widerum absurd. So eine Art Reinheitsgebot für Klassiker? Mein Hund übrigens frisst fast alles und interessiert sich kein Stück für Theater. Er darf noch einmal hinein. |
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@KalleWirsch
Dann scheint Thomas Brasch zumindest ein halber Idiot zu sein, weil er Shakespeares Sprache in ein zeitgemäßes Deutsch übersetzt. Das ist ja nochmal ganz was anderes. Wenn heute einer Shakespeare übersetzt, dann wird er nicht mehr das heute schon archaisch klingende Deutsch von Tieck oder Schlegel verwenden, das käme sonst schon an eine Parodie heran. Er wird vielleicht auch die gebundene Sprache Shakespeares in Prosa übertragen, um so die künstlichen Verdrehungen und Windungen in Grammatik und Semantik zu vermeiden, die erforderlich, um im Deutschen das Versmaß halten zu können. Wenn er allerdings "tavern" mit Imbißbude übersetzt, "sword" mit Pistole und "state of denmark" mit Hulbensatz-Konzern - dann würde es kindisch. Kein ernsthafter Mensch - niemand würde - das sind so die Worte, die du benutzt. Das alles passiert aber teils oder in Ansätzen. Je nun, passieren tut viel und geben tut es auch viel. Was ich verstehe, ist, dass du den Text in seiner ursprüngliche Form behalten willst. Das ist ein legitimes Bedürfnis. Aber mich zum Beispiel interessiert der Machtmensch Macbeth mehr als der König Und? Arbeitet Shakespeare den Machtmensch Macbeth nicht gut genug raus? Braucht's dazu einen genialen Regisseur? Dass du deine Meinung so absolut setzt irritiert mich ein wenig. Ich gönne jedem seinen Spaß am Theater, wenn er meint, er müßte sich dies oder jenes anschauen, so soll er das tun. Don Quijote würde ich als Roman niemals umschreiben, aber als Bühnenadaption sehr wohl. Das ist ja zwangsläufig bei der Übertragung in ein anderes Medium. Aber würdest du tatsächlich Don Quijote in die Jetztzeit versetzen? Das Mozartstück wäre wahrlich ein Cover. Eben. Aber nicht mehr Mozart. Wer meint, er sollte sich die Neunte von Beethoven nicht antun, kann sich auch den "Song of Joy" von Waldo de los Rios" anhören. Aber er sollte sich dann nicht einbilden, er hätte grad Beethoven gehört. Eine Metzgerei ist kein Theater. Das wollte ich auch gehofft haben! Schlechte Wurst kann dich umbringen, schlechtes Theater führt allenfalls mal zu einem Rülpser im Feuilleton. So gesehen trägt der Metzger ungleich mehr Verantwortung als der Regisseur. Und umgekehrt. Beim Theater zu fodern, dass drin ist was draufsteht finde ich widerum absurd. Die radikale Weiterentwicklung deines Gedankens wäre das Wundertüten-Theater. Du kaufst eine Karte und läßt dich überraschen, was sie heute wohl aufführen mögen. Ist ja eh wurscht, Hauptsach, es ist eine Gaudi. Mein Hund übrigens frisst fast alles und interessiert sich kein Stück für Theater. Er darf noch einmal hinein. Das ist schade für deinen Hund. So ein richtig modernes Mitmach-Theater würde deinem Hund bestimmt viel Spaß machen, den Schauspielern womöglich weniger. Aber die sind von ihren Regisseuren ja Kummer gewöhnt. Ciao Wolfram |
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Wolfram Heinrich schrieb am 11.05.2010 um 11:02 So ein richtig modernes Mitmach-Theater würde deinem Hund bestimmt viel Spaß machen, den Schauspielern womöglich weniger. Du sprichst mir aus der Seele, Wolfram, als Schauspieler könnte ich Richard III. im Straßenanzug spielen, wenn man ihm den shakespeare, d.h. seinen Sprache läßt. Nehmen "Bearbeiter" oder Regissseur den Geist der geschichte und ihrer Sprache weg, spiel ich alles Mögliche nur nicht die Rolle, die sein kann. Wunderbare Beispiel für gelungene moderne Bearbeitung sind übrigens Schillers Maria Stuart am Thalia Theater www.theater.de/fernsehen/monat/tipps/maria-stuart---thalia-hamburg/ bzw. der Don Carlos in der Inszenierung von Andrea Breth an der Burg www.burgtheater.at/Content.Node2/home/service/shop/09-Don-Carlos.at.php LG ut |
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@Uwe Theel
als Schauspieler könnte ich Richard III. im Straßenanzug spielen, wenn man ihm den shakespeare, d.h. seinen Sprache läßt. Nehmen "Bearbeiter" oder Regissseur den Geist der geschichte und ihrer Sprache weg, spiel ich alles Mögliche nur nicht die Rolle, die sein kann. Gut, die Schauspieler mögen ihre normale Zivilkleidung tragen und damit etwas skizzenhaftes in die Inszenierung bringen. Was ich aber nicht und nicht verstehen kann, das ist der Umstand, warum moderne Inszenierungen auf Deibel komm raus kein Lokal- und Zeitkolorit auf die Bühne bringen wollen, eine Sache, die beim Film absolut selbstverständlich ist. Bei deinen beiden Muster-Inszenierungen laufen historische Geschichten in modernen Bürogebäuden ab, es wird suggeriert, die schillersche Geschichte spiele in der Jetztzeit. Nur - viele Theater-Geschichten funktionieren nur in der Zeit, in der sie spielen. "Maria Stuart" und viele andere Geschichten, die in Herrscherhäusern spielen, brauchen eine Welt, in der Politik und Familiengeschichte ganz eng miteinander verknüpft sind, Macbeth braucht seine Hexen. Ist eine in sich stimmige Geschichte aus alter Zeit tatsächlich weniger verständlich als eine modernisierte Geschichte, in der so viel nicht zusammenpassen will? Und falls ja, wieso ist das nur auf dem Theater so? Für die "Maria Stuart" am Thalia-Theater heißt es in der Beschreibung des Theaters: "Die Drehbühne ist kühle Bürowelt, Gefängnis und geheime Kommandozentrale. (...) Ihre Widersacherin ist dagegen stark: Die Maria von Susanne Wolff ist an Händen und Füßen an einen Folterstuhl gefesselt. Zum Stillsitzen in grauer Anstaltskleidung und Latschen verdammt, doch ohne Zweifel eine Königin des prallen Lebens." Ist Hirnfraß ansteckend? Recherchieren geniale Regisseure nicht mehr (wenigstens oberflächlich), bevor sie an eine Inszenierung gehen? Maria Stuart saß doch nicht in einer vergitterten Gefängniszelle bei Wasser und Brot. Für den "Einfall" mit dem Folterstuhl sollte den Regisseur eigentlich das gesamte Ensemble, mit nassen Handtüchern auf ihn einschlagend, durch die Straßen der Stadt jagen (hoffentlich klaut mir diesen Einfall nicht irgendein genialer Regisseur). Maria Stuart "verfügte über einen persönlichen Hofstaat von sechzig Personen. Als man ihn auf lumpige dreißig reduzierte, beschwerte sie sich bitterlich bei Elisabeth, und als man ihn auf zwei männliche Sekretäre, mehrere Frauen, einen Sticker und ein oder zwei Köche reduzierte, starb sie beinah vor Kummer". (zit. aus Josephine Teys Roman über Richard III.) Die ganze Dramatik zwischen den beiden Frauen funktioniert doch nicht mehr, wenn man sich Maria als gefoltertes Opfer vorstellen muß. Damit es noch leidlich funktioniert muß der geniale Regisseur dann Elisabeth zur Zicke mit piepsiger Stimme reduzieren. Geh, hör mir auf! Ciao Wolfram |
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Einen schönen guten Morgen,
da muss ich dir jetzt mal zustimmen. Zumindest zum Teil. Ich habe die Inszenierung zwar nicht gesehen, aber aus dem was du beschreibst, macht sich Zustimmung in mir breit. In ganz vielen Übertragungen der Klassiker ins heute werden die Charaktere der Figuren total vernachlässigt. Und dann frage ich mich auch, was das soll. Dann kann ich doch auch selber ein Stück zu dem Thema schreiben. Ich glaube, dass wir gar nicht sooo wiet auseinander liegen nachdem ich unsere Diskussion noch einmal gelesen habe. Und die Maria Stuart ist ein schönes Beispiel. Die Übertragung in ein Bürogebäude als heutige Machtzentrale finde ich legitim, wenn auch nicht sonderlich neu oder originell. Aber ich verstehe die Übertragung. Wenn Maria nur noch Opfer ist, dann löst der Regiesseur sogar das Spannungsfeld zwischen ihr und Elisabeth auf und das ist mir unverständlich. Aus einem brodelneden Stoff eine plumpe Täter-Opfer Geschichte zu basteln ist langweilig und fahrlässig. Genau das passiert aber mE sehr oft bei den Adaptionen der Klassiker. Damit geraten dann auch die Übertragungen ins heute in ein Fahrwasser, dass sie nicht verdienen. Für meinen Geschmack wird insgesamt viel zu wenig psychologisch an Figuren und Beziehungen in Stücken herangegangen. Die Not, das Leiden oder das was für die Figuren Glück bedeutet, ihre Sehnsüchte, all das scheint nicht mehr viel zu interessieren. das finde ich schade. Ich glaube nur auch, dass all dies in heutigen Zusammenhängen möglich ist (aber auch nicht muss, zugegeben). Wenn ich sage der Machtmensch Macbeth interessiert mich mehr, dann ist eben diese Psychologie hinter Macbeth, die mich reizt. Wenn ich sage, der König interessiert mich weniger, dann meine ich, dass die Funktion König auch anders gespiegelt werden kann. Und ja, die Hexen sind ein sehr wichtiger Bestandteil von Macbeth. meines Erachtens sein Unterbewusstsein. Und noch einiges mehr. Aber das führt zu weit. Macbeth ist mein Liebstes neben Titus Andronicus (übrignes in der Verfilmung auch sehr gelungen in einem Mix aus Zeitkolorit und Bezug zu heute/Faschismus). Zu Don Quichote: Doch würde ich in heute übertragen. Haben nur 2005 schon Andreas Kriegenburg und Dea Loher getan. Und Titus Andronicus zum Beispiel past zum Balkankrieg. Wo ich dir absolut recht gebe, dass zuwenig geprüft wird, ob der Stoff transportabel ist und ob Sinn macht. Mein Hund ganz bestimmt viel Spaß an Mitmachtheater und würde sie alle aufmischen. Ganz im Gegensatz zu mir. Ich habe mal in einem Stück gesessen und ein Schauspieler kam zu mir, nahm meine Tasche und leerte sie auf der Bühne aus. Da bin ich echt stinkig geworden. Ich weiß auch nicht, was das bringen soll, wenn die Leute peinlich berührt wegschauen und alle angst haben, dass sie glaich dran sind. das ist so pseudoprovokativ. Einen schönen Tag KalleWirsch |
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Eins noch:
Hast du nicht Ödipus neu adaptiert, übertragen ins heute? -das soll jetzt keine provokation sein, sondern eine ernsthafte Frage- |
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@ wolfram, KalleWirsch
wg. Maria Stuart Lieber Wolfram, Schau Dir die Inszenierung an, es gibt sie inzwischen auf DVD (amazone). Den reißerischen Pressetext kannst Du vergessen. Die Inszenierung ist äußerst behutsam und textreu. Der "Folterstuhl" ist eine theaterbildliche (nicht: "theatralische") Methapher der inneren Situation Marias. Sie spielt die Majestät wie von Schiller intendiert, von piepsiger Stimme kann keine Rede sein. - Wo kommt diese Information her? Was die Inszenierung macht, ist, dass sie eine Assoziation weckt an Ulrike Meinhof, ohne eine Verwechslung oder gar Identität zu konstruieren. Kurz: Man sollte ein Stück schon gesehen haben, um darüber zu urteilen. Deine theoretischen Erwägungen zur "Bearbeitungskunst" teile ich unbenommen, nur müssen sie am tatsächlichen text, der tasächlichen Inszenierung belegt werden. So wie Kalle Wirsch aber generell zu (ver)urteilen ist nicht haltbar. Brechts Antigone, ein Stück Weltheater, wäre zu verdammen und, und, und. Den Dopn Carlos der Breth (auch auf Video erhältlich) ist noch beeindruckender. Da wird Schiller auf die Essenz geführt, ohne dürr und trocken zu werden, oder fern und unbegreiflich zu bleiben. Wenn (Theater)Dichtung Wahrheit ist, dann muß sie im Horizont auch fernerer Zeiten in und mit ihr abbildbar, erzählbar sein. Freilich: Nur die Großen können das. LG ut |
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@KalleWirsch
In ganz vielen Übertragungen der Klassiker ins heute werden die Charaktere der Figuren total vernachlässigt. Ich vermute, die sind vielen Regisseuren nicht so rasend wichtig. Und dann frage ich mich auch, was das soll. Dann kann ich doch auch selber ein Stück zu dem Thema schreiben. Das wäre eigentlich die naheliegende Konsequenz, wenn mir Shakespeares Macbeth nicht gefällt, schreibe ich halt einen anderen. Zum einen aber wirst du dann an Shakespeare gemessen und zum anderen kommen dir dann nicht mal mehr halb so viele Zuschauer ins Theater. Denn eigentlich wollen die Leute ja doch Shakespeare sehen und nicht Hans Müller-Möhrenschneider. Die Übertragung in ein Bürogebäude als heutige Machtzentrale finde ich legitim, wenn auch nicht sonderlich neu oder originell. Aber ich verstehe die Übertragung. Ich verstehe sie immer noch nicht. Die Story spielt im inzwischen doch recht alten England (für Schiller war das alles noch so rasend weit entfernt) zwischen zwei miteinander verwandten und doch schwer verfeindeten Königinnen. In dieser Umgebung, in dieser Zeit funktioniert die Geschichte, dort waren Familiendramen in den Herrscherhäusern ganz oft auch Teil der politischen Geschichte. Schiller hätte die Geschichte noch so lala in seiner Zeit und in seinem Deutschland spielen lassen können, in seiner Zeit gab es noch regierende Fürsten und Könige. Für meinen Geschmack wird insgesamt viel zu wenig psychologisch an Figuren und Beziehungen in Stücken herangegangen. Die Not, das Leiden oder das was für die Figuren Glück bedeutet, ihre Sehnsüchte, all das scheint nicht mehr viel zu interessieren. das finde ich schade. Ich glaube nur auch, dass all dies in heutigen Zusammenhängen möglich ist (aber auch nicht muss, zugegeben). Natürlich ist eine psychologische Charakterisierung auch in heutigen Zusammenhängen möglich. Aber die Psychologie eines Menschen, die Psychodynamik eines Konfliktes hängt auch ganz wesentlich von den Details der Umstände ab. Wenn ich sage der Machtmensch Macbeth interessiert mich mehr, dann ist eben diese Psychologie hinter Macbeth, die mich reizt. Wenn ich sage, der König interessiert mich weniger, dann meine ich, dass die Funktion König auch anders gespiegelt werden kann. Ja, schon, aber Shakespeare hat eine Geschichte aus dem archaischen Schottland genommen und ich wüßte nicht, warum sie da nicht bleiben könnte. Gut, Kurosawa hat seinerzeit in seinem Film "Das Schloß im Spinnwebwald" die Geschichte nach Japan geholt, aber auch da hat er sie nicht ins moderne oder auch nur relativ moderne Japan geholt, sondern ins alte Japan. Zu Don Quichote: Doch würde ich in heute übertragen. Haben nur 2005 schon Andreas Kriegenburg und Dea Loher getan. Das ist aber ganz was anderes. Sie haben sich die Figuren und die Grundsituation von Cervantes geborgt und dann was eigenes draus geformt. Warum nicht, wenn es gut gemacht ist, Cervantes sind sie jedenfalls nichts schuldig. Brecht hat die Romanfigur Schwejk genommen und sie in den Zweiten Weltkrieg versetzt. Auch hier: Warum nicht? Wenn es gut gemacht ist. Wo ich dir absolut recht gebe, dass zuwenig geprüft wird, ob der Stoff transportabel ist und ob Sinn macht. Die Kernfrage scheint mir zu sein, warum ich den Stoff denn überhaupt transponieren will. Einem Romanleser (und übrigens auch dem Leser von Theaterstücken!) traut man doch auch zu, daß er in einem alten Werk die zeitgebundenen und die zeitlosen Bestandteile auseinandersortieren kann. Bei diesen Theater-Adaptionen kommen mir manchmal die Ausgaben von "Lederstrumpf", "Robinson" oder "Tom Sawyer" für die heranwachsende Jugend in den Sinn. Pädagogisch schön aufbereitet, so als wäre ein Jugendlicher, ein Theaterbesucher ein Depp. Ich habe mal in einem Stück gesessen und ein Schauspieler kam zu mir, nahm meine Tasche und leerte sie auf der Bühne aus. Da bin ich echt stinkig geworden. Ich weiß auch nicht, was das bringen soll, wenn die Leute peinlich berührt wegschauen und alle angst haben, dass sie glaich dran sind. das ist so pseudoprovokativ. Man baut schamlos drauf, daß die allermeisten Menschen es nicht gewöhnt sind, sich vor relativ vielen anderen Menschen zu produzieren. Ciao Wolfram |
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@KalleWirsch
Hast du nicht Ödipus neu adaptiert, übertragen ins heute? Jein. Ich habe meinen eigenen Ratschlag beherzigt und gleich ein neues Stück geschrieben. Es spielt im archaischen Griechenland, wo es hingehört, die Ausgangssituation und der Verlauf der Handlung ist in den wesentlichen Grundzügen wie bei Sophokles, nur wird bei mir die Geschichte (quasi als psychologisches Experiment) mit einem modernen Ödipus durchgespielt, der sich weigert, die Tragik seiner Geschichte zu sehen. Den Stücktext findest du hier als PDF-Datei: www.theodor-rieh.de/heinrich/Oedipus.pdf. Die bisher gelaufene Diskussion darüber (es ist mir eine Fortsetzung versprochen worden) ist hier nachzulesen: www.freitag.de/community/blogs/wolfram-heinrich/oedipus-komoedie. Und wenn ich schon beim Verlinken bin - eine ausführlichere Auseinandersetzung mit dem Regietheater habe ich hier hinterlassen: www.freitag.de/community/blogs/wolfram-heinrich/dem-regisseur-ist-nichts-zu-schwoer Ciao Wolfram |
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@Uwe Theel
Die Inszenierung ist äußerst behutsam und textreu. Der "Folterstuhl" ist eine theaterbildliche (nicht: "theatralische") Methapher der inneren Situation Marias. Wieso sollte man die innere Situation Marias, die im schillerschen Text ja bereits bildkräftig auf die Bühne gestellt wird (1), noch mal durch einen krachledernen Effekt betonen? Ich habe mal den Eingangsmonolog von "Richard III." von Heinz Bennent gesprochen gehört, im Radio, also kein Bühnenbild, kein Kostüm, nur der Text und die Stimme. Hua! Eiskalt läufts dir den Rücken runter (und dies, obwohl die Figur eine Karikatur ist). ...von piepsiger Stimme kann keine Rede sein. - Wo kommt diese Information her? Aus dem Text, den ich in deinem Link gefunden habe. Die piepsige Stimme hat demnach übrigens nicht Maria sondern Elisabeth. Was die Inszenierung macht, ist, dass sie eine Assoziation weckt an Ulrike Meinhof, ohne eine Verwechslung oder gar Identität zu konstruieren. Ob du, als du das niedergeschrieben hast, nicht selber hast lachen müssen, wenigstens ein bisserl? Das einzige, was die Stuart und die Meinhof gemeinsam haben ist der Vorname. Hat eigentlich schon mal jemand die "Jungfrau von Orleans" mit Anspielungen an die Meinhof inszeniert? Oder hat die Narretei doch Grenzen? Brechts Antigone, ein Stück Weltheater, wäre zu verdammen und, und, und. Nein, das gerade nicht. Brecht wird zurecht ein sehr lockeres Verhältnis zum Urheberrecht nachgesagt, seine Bearbeitungen von Stücken anderer aber hat er immer als seine Bearbeitungen kenntlich gemacht. In Brechts Version der "Antigone" siehst du nicht Sophokles, inszeniert von Brecht, sondern du siehst Brecht, angelehnt an einen Text von Sophokles. Das ist etwas völlig anderes. Ciao Wolfram (1) Ich hoffe jedenfalls, daß mich die Erinnerung nicht trügt, ich habe "Maria Stuart" noch in der Schule gelesen. |
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@ uwe theel
ich kann mich nicht erinnern generell verurteilt zu haben. außerdem habe ich nicht gesagt, dass man klassische stücke nicht adaptieren soll, sondern sich gedanken machen soll, ob es sinn macht. wenn du meine meineung als nicht haltbar bezeichnest, dann lies bitte was ich geschrieben habe. und selbst über brecht kann man geteilter meinung sein. man darf sogar shakespeare dämlich finden. zudem ist dichtung meines erachtens niemals wahrheit, sondern nähert sich ihr an, wie wissenschaft. und wer bitte entscheidet wer groß ist und wer nicht. ich habe auch nicht die inszenierun g der maria stuart kritisiert, sondern an dem, was ich gelesen habe hier, ein beispiel entwickelt zu zeigen, was ich im dialog davor meinte. |
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ich glaube immer noch, dass wir gar nicht so weit auseinanderliegen, aber an diesem punkt hier drehen wir uns im kreis.
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Lieber Wolfram,
Du bist ein Kobold, den ich liebe, aber manchmal denke ich, Du würdest etwas behutsamer mit den Gegenständen Deiner Betrachtung umgehen: Wenn ich "behutsam" schreibe, wird bei Dir "krachledern" draus, Wenn ich von einer leichten Assoziation spreche, siehst Du schon "Gemeinsamkeit". Hättest Du das Stück gesehen, würdest Du wohl erkennen, dass die "Gemeinsamkeit" über die Figur der Isolierung gegenüber der Welt läuft und was sie bedeutet. Schleißlich: Brechts "laxer Umgang mit dem geistigen Eigentum anderer" stand seiner Meisterschaft sicher nicht im Wege, war aber wohl nicht die conditio sine qua non seines Schaffens, sieht man von der marxistischen Implikation dabei ab. LG ut P.S.: ich hoffe, wenn ich dann dazu komme Deinen Ödipus näher zu betrachten, dass ich mich näher erklären kann. :-) P,S.P.S.: Bennent hat bestimmt alles gemacht, nur nicht, den Richard ins moderne bearbeitet, falls Du das als glungenes Beispiel anführen wolltest; Bennent liebe ich übrigens auch! |
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@Uwe Theel
Wenn ich "behutsam" schreibe, wird bei Dir "krachledern" draus, Das mag daran liegen, daß ich den Einfall mit dem Folterstuhl nicht für behutsam halte, sondern eben für krachledern. Wenn ich von einer leichten Assoziation spreche, siehst Du schon "Gemeinsamkeit". Assoziation setzt voraus, daß minimale Gemeinsamkeiten zwischen zwei Personen vorhanden sein müssen. Abgesehen davon sollte es Aufgabe eines Regisseurs sein, die ihm vom Text vorgegebenen Personen und Konflikte zu entwickeln und voranzutreiben. Hättest Du das Stück gesehen, würdest Du wohl erkennen, dass die "Gemeinsamkeit" über die Figur der Isolierung gegenüber der Welt läuft und was sie bedeutet. Isolierung von der Welt. Die historische Maria hat Besucher empfangen, sie hat korrespondiert und war die fast 20 Jahre ihrer Gefangenschaft diplomatisch sehr aktiv. Auch bei Schiller ist von Isolierung nicht die Rede. Schließlich: Brechts "laxer Umgang mit dem geistigen Eigentum anderer" stand seiner Meisterschaft sicher nicht im Wege, war aber wohl nicht die conditio sine qua non seines Schaffens, sieht man von der marxistischen Implikation dabei ab. Darum ging es mir gar nicht. Ich habe das angeführt, weil ich zeigen wollte, daß selbst Brecht, der sich gern und ungeniert bei anderen bediente, in den Fällen seiner Bearbeitungen fremder Stücke keinesfalls hinter dem jeweiligen Kollegen versteckt hat. P.S.: ich hoffe, wenn ich dann dazu komme Deinen Ödipus näher zu betrachten, dass ich mich näher erklären kann. :-) Wie schon gesagt: Laß dir Zeit, es eilt nicht. Lieber eine fundierte Diskussion in vier Wochen als ein unverbindliches Geplauder jetzt. P,S.P.S.: Bennent hat bestimmt alles gemacht, nur nicht, den Richard ins moderne bearbeitet, falls Du das als glungenes Beispiel anführen wolltest; Nein, ich wollte das nicht als gelungenes Beispiel für Modernisierung anführen, im Gegenteil. Ich meinte vielmehr, daß Bennent hier (es handelte sich wohl um eine von vornherein für den Funk produzierte Sache) eben nichts anderes gemacht hat, als den Text von Shakespeare ernst zu nehmen und ihn vorzutragen. Keine Assoziation zu Adolf Hitler oder wen, sondern schlicht Richard III., wie ihn Shakespeare gestaltet hat. Das einzig Moderne dran ist, daß über sein Lachen ein elektronischer Effekt gelegt wird. Ciao Wolfram |
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Lieber Wolfram,
wir sollten uns mal das Video zusammen ansehen (können), dann gut Essen gehen und dabei zwei bis drei Stunden über die Aufführung und Schiller reden. Ich bin sicher, wir würden anschließend beide mit Gewinn im Kopf dann für die Zunge und den Kopf und Bauch noch einen Grappa trinken, und uns ziemlich, bis auf Kleinigkeiten einig geworden sein, dass es noch Schiller ist. Eines sage ich Dir aber jetzt schon: Das mit der Isolierung meine ich - auf die kürze so -, dass mir schon auf dem Gymnasium bei der Lektüre aufgefallen war, dass Maria abgeschnitten wird, isoliert wird, von dem, was ihr das "Leben", die eigene Person ausmacht, und es war mir egal, ob sie dabei recht hat, das zu verlangen, was sie verlangt oder nicht und dass sie dann noch nicht klein beigibt. Hat mir damals schon alles sehr imponiert. LG ut |
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@Uwe Theel
wir sollten uns mal das Video zusammen ansehen (können), dann gut Essen gehen und dabei zwei bis drei Stunden über die Aufführung und Schiller reden. Ein verlockender Gedanke. Um mich drauf einzustimmen, habe ich mir den Trailer zur DVD auf theateredition.de angeschaut. www.theateredition.de/preview/viedeomariastuart.html Nein, ich werde mir die 21 EUR für die DVD doch nicht gönnen. Da ist zum einen der Umstand, daß dieser Säckl den letzten Dialog zwischen Maria und Melvil (der ihr quasi die Beichte abnimmt) als Monolog Marias inszeniert hat. Kopf nach links, dann wieder Kopf nach rechts, wie auf der Comedybühne, wo der Alleinunterhalter notgedrungen alles selber machen muß. Ja, mir ist schon klar, diese Verdichtung auf einen Monolog ist symbolisch zu verstehen, sie bedeutet irgendwas, im Zweifelsfall - immer gern genommen - die zwei Seelen in Marias Brust, ach. (Und dabei ist die Susanne Wolff wirklich gut, es ist ein Jammer.) Das zweite, und das ist letztlich das Entscheidende, ist der Bildregisseur. Hmnja, bei Videoaufzeichnungen von Theaterstücken kommt verschärfend zum Regisseur noch der Bildregisseur dazu. Auch dieser hat einen Ehrgeiz, auch dieser will zeigen, daß er was gelernt hat, als er jung war und jetzt also was kann. Eine Inszenierung fürs Theater, die also für den Blick aus einiger Entfernung gestaltet ist, filmt er ab in Naheinstellung, Susanne Wolffs Zahnarzt könnte sie anhand des Blicks auf ihr Zahnbild, als sie mal den Mund aufreißt, identifizieren. Ich glaub, ich werd mir bei nächstpassender Gelegenheit doch lieber mal das alte Reclam-Bändchen hervorholen und mir Schiller im Kopf inszenieren. Ciao Wolfram |
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Der Simplicissimus spielt im Dreißigjährigen Krieg, die Aktualität ist deswegen trotzdem gegeben, der Leser kann sehr wohl bei der Lektüre den Zweiten Weltkrieg drüberlegen, auch ohne daß ein Übersetzer oder Bearbeiter den Roman in diese Zeit verlegt. Der Leser ist nämlich kein Depp. >> Das ist sehr gut gesagt. Man kann aber mit dem Bogen, den der Leser zieht, spielen. Hab mal irgendeine Shakespeare-Inszenierung in Duesseldorf gesehen, da waren die englischen Granden Herren im Nadelstreifenanzug, die in Telephonzellen eilten. Einen englischen Minister kann man sowieso nicht genau darstellen. Am einfachsten waere, wir pappen an Leute in Alltagskleidung entsprechende Schilder. So wie man an Orte auf der Buehne Schilder pappen kann, Berg steht dann da oder Wald. M.a.W., auf die Gefahr hin, dass es hier schon haeufiger gesagt worden ist: Ein Realismus im Sinne einer originalgetreuen Auffuehrung ist gar nicht moeglich. |
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Was nichts gegen Textreue sagt. Aber darf man nicht streichen? In Bochum, wo Peymann auch mal war, gab es immer sehr schoene Buechlein, wo die Streichungen rot eingemalt waren.
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Ausgabe 21/2012
24.05.2012
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