13
]
Fern des Krieges ist dessen Sprache eher selten anzutreffen. Am häufigsten noch in der Sportberichterstattung, wo schon mal Abwehrschlachten geschlagen werden und Bälle versenkt. Und sie wird im Schloss Bellevue gesprochen, dort vorzugsweise auf Mailboxen und auf Neujahrsempfängen.
Ins Feld geführt wird die Kriegssprache von Bundespräsident Christian Wulff, der BILD-Chefredakteur Kai Diekmann eine Nachricht übermitteltet und ein Beisammensein für den kommenden Tag vorgeschlagen haben soll (ohne Übernachtung), und dann, so wird er bei Focus.online zitiert, „können wir entscheiden, wie wir die Dinge sehen, und dann können wir entscheiden, wie wir den Krieg führen.“ Wo, scheint ja schon beschlossen: Hinterm dem Rubikon geht’s weiter …
Damit, dass Wulff sich im Felde wähnt, ist zu erklären, warum er sich am Freitag seinen Mitarbeitern gegenüber siegesgewiss gab mit der Prognose, er sei zuversichtlich, „dass dieses Stahlgewitter bald vorbei ist”, wie Spiegel.online schreibt. Und: „In einem Jahr ist das alles vergessen.”
Unter dem Titel “Stahlgewitter” hat Ernst Jünger seine Erlebnisse an der deutschen Westfront aufgeschrieben. Auch eine deutsche Rechtsrock-Band nennt sich so. Wulff ist Jahrgang 1959, ist Christdemokrat. Wie hat der Krieg in seinen Sprachgebrauch gefunden? Und welche Opfer hat das dort bereits gefordert? Das erste Opfer des Krieges ist bekanntlich die Wahrheit. Oder um es mit Otto von Bismarck zu sagen: „Es wird niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd.” Versteht der Bundespräsident deshalb nicht, warum die Truppe derzeit von der Fahne geht?
Dann vielleicht so: Während auf dem Vorfeld des Feldherrenhügels das Fußvolk seine Schuhe zeigt, fahren die Gegner aus der Opposition schwere Geschütze auf. Dabei verläuft die Frontlinie längst durch die Alliierten der Koalition, Friendly Fire aus den eigenen Reihen inklusive, die das scheibchenweise Vorrücken kritisieren. Kollateralschäden werden bereits bei der SPD vermeldet, deren Generalsekretärin Andrea Nahles für den Fall einer Kapitulation Neuwahlen fordert, während Parteichef Sigmar Gabriel der Bundeskanzlerin sogar Zusammenarbeit anbietet bei der Nachfolgersuche. Die von BILD auf den Weg gebrachten Smart Bombs haben Krater ins Feld der Ehre gerissen, in das der Würde sowieso. Es wird so schnell kein Gras darüber wachsen.
(zuerst unter www.lvz-online.de)
|
|
Ach, liebe Frau Klötzer, ich glaube ja, dieser Präsident kennt da nur den Titel und eventuell ein wenig Hearsay vom Jüngersche Gewitterbuch, das so grausam warmherzig vor allem an die Ehre der ganz furchtbar heldisch toten und zerfetzten Soldaten denkt.
Diese Nachrichten von der Hausrede des Präsidenten machen es immer nur noch schlimmer und ich beginne aufs Wildeste und aus Verzweiflung, die FAZ und FAS zu lesen, weil da ein paar wirklich Konservative, nicht erst bei Wulff, sondern vorher schon bei v. Guttenberg, die Nase gestrichen voll hatten. Das alles gemahnt mittlerweile mehr an den "Biberpelz" Hauptmanns, nur die Sprache ist ein wenig anders, und hat, seit den Mailbox- Tapes, mit Ehren so wenig zu tun, wie letztlich Jüngers falsche Verzückung in Gedanken an die realen Stahlgewitter, mit unserem Präsidenten. Langsam wird es Zeit für die Trümmerfrau Angela, sonst muss sie mit in den Regen. Weiter, weiter Christoph Leusch PS: Die SPD., die kann man nur mit einer Aussage ernst nehmen. Wir koalieren mit jedem und wenn es sein muss auch mit niemandem, der uns irgendwie ran und rein bringt. So kommt das zustande, die Geschäftsführerin schreit Neuwahlen, der Parteichef lotet aus, was mit und ohne Merkel ginge, was mit Grün, ohne Grun und dafür mit Schwarz ginge, usw. Gehört für mich alles ins Fach: Hauptsache irgendwie dabei. |
|
|
Die SPD ist doch eh tot.
|
|
|
lieber christoph leusch,
immer öfter unterläuft es mir in letzter zeit, dass ich was über wulff sagen will und sage: guttenberg. da ist freud einfach schneller. und wenn die trümmerfrau nicht bald was wegräumt, klemmt die lore, weil zu viele mails und faxe mit wortlauten die räder blockieren. ich weiß nicht, wer es in der spd ist, aber diesen anlass zu nehmen, sich derart zu demaskieren ... leute, da wäre die neuwahl kein segen. |
|
|
Das ist schön, da bin ich noch über Wulff-Details gestolpert, die ich noch nicht kannte. Denn über jedes Detail informiere ich mich nicht mehr. Während ich diese Ausdrucksweise indiskutabel finde, hätte ich eine Erklärung. Denn neulich erst sah ich irgendwo in den Tiefen der ARD-Mediathek eine Doku über einen Ex-McKinsey Unternehmensberater, der jetzt von Unternehmen zu Unternehmen (und evtl. auch zu Politiker rennt) und sagt "Da draußen ist Krieg... die Wirtschaft ist im Kriegszustand". Das hat er jetzt auch auf die Medienlandschaft übertragen... :-)
|
|
|
und ich war mir sicher, da sei alles gesagt.
wenn sie diesen krieg erklären würden, könnte ich vielleicht damit umgehen. aber sie nennen es rating und rettung. und natürlich wird nicht nur intern sondern auch an den stammtischen dieses vokabular benutzt. wir sind so selig, seit '45 keinen krieg erlebt zu haben, zu recht, aber mir scheint, es fehlt dem einen oder anderen nun eine ausdrucksform seiner gedanken und gefühle. der mensch - warum sollte er sich in dieser historisch kurzen zeit komplett geändert haben? |
|
|
liebe kk, das hast du genau vernommen und kommentiert, was da aus dem palast heraustönt. bei den anruftexten und jetzt einfach so plaudert der herr bellizistisches daher. das kommt nicht von ungefähr. wer sich als parteisoldat bewährt hat, findet solche worte wie von selbst. sie passen zu ihm.
darum gefallen die parolen der schuhdemonstranten. |
|
|
mensch, h.yuren, "parteisoldat" ist gut.
ich frage mich wirklich, wie so eine wortwahl über die lippen gehen kann, da wir doch alle LTI im hinterkopf haben. in der wut oder erregung sagt man manchmal halbe wörter, nimmt sie mimisch aber im ganzen zurück. der 2 x eklärte krieg (da war ja wohl auch noch der anruf bei döpfner) jedoch und die gewiss vorbereitete rede mit den stahlgewittern - das ist für mich eine arglosigkeit gegenüber der geschichte, die ich sonst nur kindern gegenüber zu tolerieren bereit bin. hätten wir einen voltaire ... ... hätte er weiterhin schreibverbot. |
|
|
"ich frage mich wirklich, wie so eine wortwahl über die lippen gehen kann, da wir doch alle LTI im hinterkopf haben. "
Liebe kay, wer hat das im Hinterkopf. Ein Wulff bestimmt nicht, der kennt das gar nicht. Die kriegerische Sprache durchzieht das gesamte öffentliche Leben. Da ist er nur ein Medium - der Wulff. "Feindliche Übernahme", "Gut aufgestellt" - das kommt alles aus der militärischen Sprache. Das mit dem "Stahlgewitter" fand ich auch besonders bemerkenswert. Wobei - in einem Interview der 90er Jahre wollte sogar der Castorf wieder mal ein "Stahlgewitter" - oder was Vergleichbares - loslassen. Es ist Krieg in den Gemütern. Schlachten überall - auch Schweineschlachten. |
|
|
tja, er frisst eben nicht nur die großmutter. und für die ist es nach 40 wäschen eh rosa. aber die enkel sehen rot!
|
|
|
"wie hat der krieg in seine sprache gefunden" - ist diese frage nur rhetorisch gemeint? Dieser bp ist wie ich z.b. auch ein kind des nach-, des kalten kriegs, in diesem kontext erwachsen; angesichts der noch kahlen weinfelder in und um edenkoben schrieb ich einmal folgenden text:
…. im mittelgrund die stäbe und drähte, komprimiert, ein grauer, lichtgrauer schleier, dicht überm boden, ihn verdeckend, ein schleier, bizarr, metallen, den keine witterung, kein wetterumschlag aufzulösen vermag, kein wind auseinander zu treiben … (stahlgewitter – damit sind wir großgeworden, oder eher mit deren nachhall, diesem klang, obgleich einer anderen generation zugehörig, einer anderen zeit – aber in uns dieselbe diktion, tickend, displaced persons, vom sanften umbruch, den wir erlebt, unsanft aufgestört – es hat sich gelegt, sagen manche und meinen nicht das wetter … – damit sind wir großgeworden, mit dem nachhall, er wirkt fort, auch wenn ihn viele nicht mehr hören mögen, hören können …, von anderen detonationen überlagert, dem rost, der schon von anbeginn die konsolidierten überzeugungen in uns zu zerfressen begonnen, dem nicht beizukommen ist, obwohl wir zu wissen glauben, wie er tickt, als aura den planeten umgebend, aura aus schrott, hinaufgeschossen …). Ein metallischer schleier, der über dem gewellten gelände liegt, den wellen des eiszeitmeeres, in der bewegung erstarrt, eine legende, beiläufig zum fluß der zeit, seinem diktat von ein-, ab- und ausgrenzung … |
|
|
"Kalter Krieg"
"Krieg gegen den Terror" ... Aber auch im politischen und journalistischen Alltag: https://docs.google.com/viewer?a=v&q=cache:T40jGyblCSMJ:noam.uni-muenster.de/sasi/Kudla_SASI.pdf+Kriegsmetaphern&hl=de&gl=de&pid=bl&srcid=ADGEESjaTJzi-eexUODopa64fSfNwj89ouvXu0tzYOfhRYUIVRtK1UFjDe80WY0PgB0a1aLmfbcFNnnF4ruiHC_CzYOzkuMu-cV5BaSTeY51u4l4TUE4qP8ypRBP0g8j3UpzNmnhrZtQ&sig=AHIEtbRg8zcjjarp2ltJjvKK6VDhdsC8Ug&pli=1 |
|
|
Oh, naja, der link ist misslungen...
PDF einer sprachkritischen Arbeit über Kriegsmeatphorik in der SZ und der 'Welt'... |
Ausgabe 21/2012
24.05.2012
keine Versandkosten
kein Aufpreis
Einzelpreis: 3.60 €
>> bestellen