Klischees kann Clemens Meyer gar nicht leiden. Er will nicht der ewige Ossi-Autor sein, ein Proll-Poet, der Pferdewetten-Freund mit großflächigen Tattoos, der für Fußball und Kneipen schwärmt. Trotzdem hat er nach dem Roman „Als wir träumten“ und dem Erzählungsband „Die Nacht, die Lichter“ in diesem Frühjahr die Tattoo-Anthologie „Das Herz auf der Haut“ herausgegeben und siedelt sein Theaterstück „Sirk the East – Der Traum von Hollywood“ im Osten Deutschlands, seiner Heimat Leipzig, an. Zumindest zur Hälfte. Am Freitag gab's die Uraufführung im Leipziger Centraltheater, inszeniert von Sascha Hawemann. Nach reichlich drei Stunden wird nicht richtig gefeiert und nicht richtig gegähnt im nicht richtig ausverkauften Saal.
Elvisthilo steht kopfüber im Toilettenbecken. Sein Körper klebt an der Wand. Wie festgenagelt. Als müsste das so sein. In Unterwäsche. Katharina die Russlanddeutsche streift Nylon für Nylon, Seide für Seide, Unterschicht für Unterschicht über zu einer trostlosen Blöße. Dass diese Verliererfamilie, übers Ohr gehauen von der eigenen Naivität, als Wende-Opfer eines geschäftstüchtigen Wessis an unerfüllten Träumen leidet, ist eine von vielen Möglichkeiten. Die originellste ist es nicht.
Sohn Oleg kehrt aus Afghanistan zurück, sein bester Freund Kai kommt aus dem Knast. Aller Heimathafen ist die Kneipe von Elvisthilo: Toilette, Tresen, Bett. Hier wird Liebe durch Sex ersetzt und Blut durch Alkohol. Frieden ist kalter Kaffee, trotzig warmgehalten in den Thermoskannen der Hoffnung.
Aus denen wird auch in Amerika großzügig ausgeschenkt. Drüben in Texas, wo Öl, das schwarze Gold, die Familie Hadley notdürftig zusammenhält. Die Riesenlettern „ÖIL“ könnten in den Bergen von Hollywood stehen, schließlich sind die Hadleys die Helden aus Douglas Sirks Film „In den Wind geschrieben“ (1956), ein Sittengemälde, in dem es um Überdruss und Ängste geht, um Freundschaft und Treue - auf die Probe gestellt von einem Mädchen.
Hollywood-Regisseur Douglas Sirk ist das Bindeglied beider Teile. Als Hans Detlef Sierck war er bis 1935 Intendant des Alten Theaters in Leipzig. Über Frankreich nach Amerika emigriert feierte er mit Melodramen wie „Zeit zu leben, Zeit zu sterben“ Erfolge. Doch in Sascha Hawemanns Inszenierung knirscht dieses Scharnier, weil die gute Idee des Gegenschnitts nicht ganz aufgeht. Zu oft muss erklärt werden, wer da was gerade tut, wo, warum, mit wem.
Da stehen sich zwei Familien eben nicht gegenüber, sondern irgendwie nebeneinander. Oberflächlich betrachtet werden die reichen Amis von den gleichen Plagen heimgesucht wie die armen Zonis: Suff , Untreue, Perspektivlosigkeit. Dass beide Schicksale mit einer inneren Heimatlosigkeit korrespondieren, macht Vergleiche möglich, nimmt der Handlung aber auch die Spannung. Einer Handlung, die Figuren-Konstellationen oder Dialoge vernachlässigt und auf Entwicklung verzichtet. Die Sirk-Szenen sind dabei stimmiger, stärker auch, weil sie mit mehr Potenzial zeigen und erzählen. Womöglich wäre eine Adaption dieses Stoffes schon ausreichend für einen Theaterabend gewesen.
Aber es gibt die Gegenwarts-Fragmente von Meyer, dem Local Hero, oft und gern Gast im Centraltheater. Dass sich dessen Prosa auf die Bühne bringen lässt, hat in Leipzig 2008 schon Armin Petras mit „Als wir träumten“ bewiesen, bearbeitet von ihm und Carmen Wolfram (Koproduktion mit dem Berliner Maxim-Gorki-Theater). Im März 2010 hatte Hawemanns „Die Nacht, die Lichter“ Premiere, Bühne und Kostüm wie jetzt von Wolf Gutjahr und Hildegard Altmeyer. - Schon da standen Antihelden im Mittelpunkt, raffiniert ausgeleuchtet und ein bisschen überzeichnet als Verlierer, wo Verlorenheit gemeint sein könnte.
Doch bekamen auch leise Momente Raum. Die bleiben diesmal den tiefer schürfenden Monologen vorbehalten, mit denen die Schauspieler brillieren können, aus denen das Interesse des Autors an seinem Stoff spricht. In diesen Porträts entwickeln unverwechselbarer Typen eine eigene Sprache für Gefühle, sehen wir Menschen, die einen Blick in Abgründe gestatten - oder erzwingen. Nur selten und auch nur für kurze Momente verharren sie im Klischee oder balancieren am Kalauer entlang, was sogar recht erfrischend wirken kann und die Aufmerksamkeit schärft für die alles grundierende Melancholie.
Edgar Eckert bewegt und alarmiert als vom Krieg Traumatisierter. Seine Komm-her-geh-weg-Umarmung mit dem besten Freund Kai (Manolo Bertling) ist ein glänzend choreographiertes Ringen. Auch die anderen zeigen in ihren Soli, was dieses Ensemble vermag, das verstärkt wird durch eine aufregend ambivalente Katharina Knap (als Kyle Hadleys Schwester) und den stilsicheren Christian Kuchenbuch (Kyle Hadley). Martin Brauer erntet für seine souverän gespielte Karikatur des Wirts Szenenapplaus.
Schwachstelle bleiben die Texte Meyers und Hawemanns. Das Spiegeln gesellschaftlicher wie privater Zwänge in Individuen, so zeigt sich, gelingt besser, als das (Er-)Finden einer Dialog-Sprache. So kann kaum verhandelt werden, was, um nicht auf der Stelle zu treten, verhandelt werden muss. So wird die Drehbühne zum Sinnbild des Um-sich-selbst-Kreisens. Eine Schwäche, die sonst den Umgang mit klassischen Stoffen ausbremst, lauert hier bereits in der Vorlage: das fehlende Bekenntnis (oder ist es Mut?) zu einer Aussage, die größer ist als tagesaktuelle Verzweiflung.
Hawemann zaubert mit Bühne, Licht und Musik, er beeindruckt mit überwältigenden, oft poetischen Bildern. Er hat ein Gespür für Traurigkeit und die jeweilige Begabung der Schauspieler. Er braucht keinen Exzess, der Gewalt über das hinaustreibt, was sie ausdrücken soll. Dennoch wirkt diese Inszenierung oft wie ihr eigener Soundtrack, bleibt das Illustrierte zu oft Behauptung. Schön anzuschauen ist das. Und so, vielleicht, ein Bild der Zeit.
mit: Manolo Bertling, Martin Brauer, Edgar Eckert, Sarah Franke, Andreas Keller, Katharina Knap, Janine Kreß,Christian Kuchenbuch, Ingolf Müller-Beck, Emma Rönnebeck
Regie: Sascha Hawemann
Bühne: Wolf Gutjahr
Kostüme: Hildegard Altmeyer
Dramaturgie: Johannes Kirsten
„Sirk the East – Der Traum von Hollywood“: 25.5., 8.6., 25.6., 9.7.
„Die Nacht, die Lichter“: 30.6.
Diese Blog ist zuerst erschienen unter www.lvz-online.de
Der Glanz trügt Amerika: Mich (Ingolf Müller-Beck, vorn), Lucy (Sarah Franke) und Kyle Hadley (Christian Kuchenbuch). Foto: Rolf Arnold/Centraltheater
Perspektivlos in Leipzig: Katharina (Janine Kreß) und Kai (Manolo Bertling). Foto: Rolf Arnold/Centraltheater