kay.kloetzer

robinson

09.05.2010 | 18:12

Einsamkeit und Zeit und Freiheit

Sebastian Hartmann inszeniert am Leipziger Centraltheater „Paris, Texas“ nach einem Film von Wim Wenders. Für Heike Makatsch ist es das Bühnen-Debüt, fürs Publikum die Entdeckung der Zeitlupe. Am 8. Mai war Premiere.

Ja, sie hat es geschafft. Heike Makatsch, Bravo-Girl der 90er und zuletzt Starke-Frauen-Darstellerin hat eine erstaunliche Bühnenpräsenz. Allerdings dann doch auf einer Leinwand, die Regisseur Sebastian Hartmann für seine Projektionen spannt. Die Übertragung des Hinter-den-Kulissen-Drehs war schon am Vorabend in Martin Laberenz' Premiere „Die Abschaffung der Arten“ strapaziertes Mittel, eine zweite Ebene aufzuziehen. Während das bei Laberenz in der Skala auch der Dynamik dient, ersetzt es bei Hartmann auf der großen Bühne oft das Spiel, verfremdet den Grundton der Ereignislosigkeit, der dem Publikum ja einiges abverlangt. So fühlt sich, wer sich darauf eingelassen hat, um die Erlösung durch Erkenntnis gebracht, sitzen gelassen mit der Herausforderung. Man lehnt sich zurück und lässt die da vorn dann mal machen.

Sie machen es gut. Stripperin Jane darf eröffnen. Allein vor dem sehr goldenen Vorhang spricht sie gegen die imaginäre Scheibe ihrer Peep-Show-Kabine. Da diese in Wenders Klassiker aus dem Jahr 1984 von Nastassia Kinski gespielte Figur im Film erst spät auftaucht, ist das ein Kniff, Makatsch sofort zu präsentieren und gleichzeitig die ganze Familie vorzustellen, um deren Auflösung es dann zweieinhalb Stunden lang geht.

Vor vier Jahren hat Travis in seiner unbändigen Liebe zur viel jüngeren Jane die Beziehung zerstört mit den Fesseln, in die er sie legte. Jane und Sohn Hunter suchten das Weite. Und Travis lief weiter in die Irre. Er läuft und läuft und läuft, er spricht nicht, isst nicht, schläft nicht, seine einzige Erinnerung an das Leben ist ein Foto von Paris, jenem Landflecken in Texas, wo seine Eltern einst zusammenkamen. Paris, Texas, ist Symbol seiner Sehnsucht, ist Anfang und Ziel. Doch Zeit und Raum haben sich aufgelöst in der Katastrophe. Für Bruder Walt und dessen Frau Anne gilt Travis als verschollen, womöglich tot. Sie ziehen Hunter auf, der sich an seinen Vater nicht erinnern kann. Als Travis in der Wüste zusammenbricht, erhält Walt einen Anruf und macht sich auf, den Bruder nach Los Angeles zu holen. Von hier aus begibt sich Travis auf die Suche nach Jane, gemeinsam mit Hunter, der ins Zentrum rückt als gewonnener und gleichzeitig verlorener Sohn.

Ihm gilt Hartmanns Aufmerksamkeit. Er besetzt den Siebenjährigen doppelt: mit dem furchtlosen Jungen Yusuf El Baz und mit Maximilian Brauer, der durch die Zukunft seines Alter Ego berserkert, was spielerisch beeindruckt, aber auch aufgesetzt wirkt, wenn er den Affen gibt oder über den roten Flokati robotert oder wenn er verzweifelt Goethes „Erlkönig“ in den Raum ruft. Da wird der Kampf mit den Dämonen karikiert, den Hagen Oechel als Travis so kongenial verkörpert. Nackt unterm Jacket. Unendlich Einsam.

Für diese Einsamkeit, die Weite, die Zerdehnung der Zeit sucht Hartmann keine Bilder, sondern Struktur, einen Rhythmus des Schweigens, das nach den Worten kam. Der kettenrauchende Peter-René Lüdicke erweitert Walts Spielraum als besorgter Bruder um die Dimension des Vaters, der er gern wäre,bliebe. Er und Travis sind nicht nur die beiden Väter Hunters, sie sind die zwei Seelen in einer Brust. Zwar hat auch Anne (Birgit Unterweger) Angst, ihren Ziehsohn zu verlieren. Doch handelt sie dann weiblich-praktisch. Zeit heilt nicht, sie schlägt Wunden.

Austragungsort ist eine gottverlassene Tankstelle auf der Drehbühne, eine Ausspanne, billig und kalt. Beste Edward-Hopper-Tristesse im melancholisch die Farbe wechselnden Licht. Vorn blicken wir durch die riesigen Scheiben auf Fernseher, Kühlschrank, Münztelefon und etwas Mobiliar, das Travis später in einem Akt der Befreiung zerlegt.

Von hinten ist das Haus ein Kino mit - witzig - ebenfalls sehr goldenem Vorhang. Das Große im Kleinen sozusagen. Hier läuft wiederholt ein Schwarz-Weiß-Western mit rasenden Kutschen und fallenden Pferden – Schlachten der Vergangenheit. Hier sehen wir Jane wieder in ihrer Peep-Show-Kammer; in Großaufnahme überzeugt Makatschs mädchenhafte Neugier, berührt das allmähliche Begreifen, als sie in Travis' Erzählung von einem einander zerliebenden Paar ihn und auch sich selbst erkennt.

Endlich bekommt die in Kleidchen und Stöckelschuhen bis dahin eher verharmloste Figur Gewicht. Denn unklar bleibt, warum Makatsch nach gut einer Stunde zunächst ein 20-minütiges Konzert gibt, mit Gitarrist Steve Binetti auf der Bühnenkante sitzend. Wobei darüber hinaus Binettis Live-Soundtrack atmosphärisch auf dem Punkt ist, kaum hörbar manchmal und dann wieder sehr präsent beschleunigt. Er und das Brüderpaar prägen diesen Abend. Die Väter von der traurigen Gestalt konturieren den Raum, aus dem ein Mensch verschwindet. Sie durchleben das Entfernen aus Bindungen, dem einstigen Behütetsein. Bald fragt man sich, ob wirklich die Zeit vergeht, oder nicht doch vielleicht der Mensch?

Für den Theorieteil ist Manuel Harder zuständig, der als Prediger auf dem Dach, zur Disposition steht die Zivilisation in der sich ändernden Wahrnehmung. Das geht so natürlich über Wenders Vorlage hinaus, das ist sich Hartmann schuldig. Noch weiter geht Rosalind Baffoes Auftritt als in afrikanischem Heimatdialekt tobende Putzfrau, die in einer Art Reinigungsritual den stark dürstenden Travis wieder zu sich bringt. Ein bisschen Spaß muss eben sein, und sei es im Finale ein ferngesteuertes Hubschräuberchen, dass die sichtlich gealterte Familienbande (also doch?) erfreut.

Hartmanns Adaption inspiriert in den Momenten assoziativen Theaters, sie gelingt, wo er einen Alptraum unter die Zeitlupe legt. Sie lässt jedoch seltsam kalt, wo er dem Text zu misstrauen scheint oder der eigenen Ernsthaftigkeit. Für ihn wie fürs Ensemble gab's schließlich reichlich Beifall und auch Bravo-Rufe. Am meisten übrigens für Steve Benetti, den Mann mit der E-Gitarre.


 

Paris, Texas (UA)

nach dem Film von Wim Wenders
und dem Drehbuch von Sam Shepard/Wim Wenders

mit Rosalind Baffoe, Maximilian Brauer, Yusuf El Baz, Manuel Harder, Heike Makatsch, Hagen Oechel, Peter-René Lüdicke, Birgit Unterweger

Regie: Sebastian Hartmann
Bühne: Susanne Münzner
Kostüme: Adriana Braga Peretzki
Musik: Steve Binetti
Licht: Voxi Bärenklau
Dramaturgie: Michael Billenkamp

www.centraltheater-leipzig.de

 
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Kommentare
goedzak schrieb am 09.05.2010 um 18:51
"Steve Binetti, den Mann mit der E-Gitarre." - Au fein, dass es den noch gibt. Der gehörte zur letzten Generation des DDR-E-Gitarristen-Adels. Hat gespielt u.a. bei 'Hard Pop'. Ich habe ein Album, wo er mit Klaus Selmke (City) am Schlagzeug spartanische guitar/bass/drums-Nummern eingespielt hat.

www.parocktikum.de/wiki/index.php/Steve_Binetti

Hier eine hübsche 'Johnny B. Good'-Variante:

kay.kloetzer schrieb am 09.05.2010 um 18:59
herrlich! passt sogar zu dieser inszenierung, die so gesehen ja dann wirklich mal was für dich wäre.
danke!
und lieben gruß
goedzak schrieb am 09.05.2010 um 19:08
Was heißt 'dann wirklich mal'?! :))
kay.kloetzer schrieb am 09.05.2010 um 19:14
mehr vielleicht als die abschaffung der arten, meine ich, von deren unterhaltungspotenzial du dich so angzogen fühlst ...
goedzak schrieb am 09.05.2010 um 19:19
Erwischt! Habe eben einen 'Hang zum Niederen'...
B.V. schrieb am 10.05.2010 um 11:32
Klingt nach einer sehr spannenden Inszenierung. Heike Makatsch hat sich zu einer sehr guten Schauspielerin entwickelt. Gut das sie jetzt auch auf der Bühne zu sehen ist.
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